Knöpfchen

Knöpfchen

Ach, du bist auch immer für eine Überraschung gut, Marlies! Was hast du denn diesmal angestellt?

Oma Helga lugte ins Zimmer und sah ihre geliebte Enkelin mitten im Raum stehen. Die Hände hinter dem Rücken, die Augen riesengroß und mit so einem Gesichtsausdruck, dass man sich gleich denken konnte: Heute gibts bestimmt wieder Action. Eigentlich ist es ja immer turbulent, wenn Marlies im Haus ist. Mit jeder Woche wurde es lustiger mit ihr. Also stemmte Helga die Fäuste in die Hüften, zog die Stirn kraus und wartete kampfbereit auf die nächste Eskapade.

Nichts!

Nichts, sagst du? Und was heißt dieses nichts?, fragte Helga mit so durchdringendem Blick, dass Marlies sich instinktiv ebenfalls in Omahaltung stellte: Hände in die Hüften, die Augenbrauen hochgezogen ein Abziehbild! Wo nimmt das Kind das nur her?

Ich hab doch gesagt nichts!

Helga ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen und atmete tief durch. Der alte Kater Fritz lag schnurrend auf dem Rücken auf dem Sofa und tat so, als ginge ihn das alles gar nichts an. Ein Auge spähte grün auf Helga, zuckte dann wieder belustigt zu. Streitet ihr? Fein, dann lässt ihr mich wenigstens in Ruhe!

Da Fritz bei Marlies Streichen bevorzugtes Opfer war, wurde Helga noch misstrauischer. Wenn er nicht gerade eingeschnürt im Puppenwagen lag, in den Marlies schon vor Monaten nicht mehr passte, oder mit einem selbstgebastelten Seidenrock aus Omas Bettüberwurf durch die Wohnung galoppierte, wenn er sich nicht mit wildem Fauchen einer weiteren Haferflockenzwangsernährung entzog dann stand etwas Großes bevor. Zeit, die Nerven zu wappnen!

Marlies, jetzt sag doch deiner Oma, was los ist! Ich verspreche, ich schimpf nicht!

Ha! Das versprichst du immer nur! Und dann: Ach du meine Güte! und los gehts!, Marlies konnte Omas Tonfall so gut nachmachen, dass Helga trotziger Entschlossenheit lächeln musste.

Ehrenwort, ich schimpfe diesmal nicht! Helga ahnte, dass diesmal alles möglich war, und ließ sich sicherheitshalber in den alten Ohrensessel fallen. Man weiß ja nie!

Marlies überlegte kurz, ob sie Oma jetzt überraschen oder lieber erst nach dem Mittagessen aufklären sollte. Aber das Risiko, am Ende auf die frischgebackenen Windbeutel verzichten zu müssen, war zu hoch. Doch die Freude, Oma jetzt gleich ihre Morgentat zu präsentieren, war so groß, dass sie einwilligte: Ach, wenns Ärger gibt, hört das sicher schnell wieder auf und heute Abend gibts vielleicht trotzdem noch Windbeutel, wenn Mama kommt. Die ist viel leichter zu überzeugen ein Blick aus den großen, blauen Augen, wie der See bei Omas Wochenendhaus, dazu ein Flehblick, und schon ist alles vergessen. Komisch nur, dass das ohne Mama nicht so recht klappt. Oma ist dann strenger, stellt Marlies vielleicht sogar in die Ecke eine Schmach, jetzt fast sechs! Oma! Mit mir, als wäre ich noch mini… Naja!

Marlies stapfte trotzig zum Fenster, zog den Vorhang beiseite und was da zum Vorschein kam, ließ Oma erst einmal nach Luft schnappen und das Herz festhalten.

Heilige Maria…, murmelte Helga, während Marlies stolz auf ihr Werk zeigte.

Schön, oder? Ganz alleine gemacht! Opa hat nicht geholfen. Der meinte, du würdest eh wieder meckern und ihm reicht ein Abenteuer pro Tag!

Und wo steckt der Opa jetzt? War doch eben noch bei dir!

Abgehauen! Der hat Angst vor dir! Siehst du, Oma, du erschreckst uns alle! Kein bisschen peinlich?

Mich?, Helga war verblüfft.

Oma? Marlies wickelte sich in ihren Vorhang, duckte sich vorsichtshalber. Ich geh nicht in die Ecke! Ich hab Hunger!

Helga näherte sich dem Fenster, kniete sich etwas mühselig hin und strich über Marlies Kunstwerk: Die Knöpfe waren fest angenäht, wie sie es Marlies beigebracht hatte allerdings mit schwarzem Faden, der den weißen Vorhang wie Spinnwebe wirr zusammenzog. Die alte Blechdose, ein Familienerbstück noch von Helgas Oma, randvoll mit Knöpfen, stand versteckt hinter dem Vorhang. Beim Versuch, sich aus der Umwicklung zu befreien, stieß Marlies prompt den Deckel vom Parkett.

Stop! Nicht zappeln, sonst kullert gleich alles raus!, Helga schob die Dose beiseite und hob den Deckel auf. Das Bild von Frau Holle (vielleicht nur so ein Typisch-deutsches Wintermädchen) tanzte darauf wie eh und je über eine Schneelandschaft, und plötzlich wurden Helgas Augen feucht. Sie schniefte einmal, dann nochmal Marlies wurde bleich und weinte los:

Oma! Nicht weinen! Ich mach das nie wieder! Aber du hast doch immer gesagt, Mädchen müssen alles können! Also übe ich! Kochen ist noch verboten Mama sagt, Messer sind für später. Versuchen würd ich ja, aber dann darf ich angeblich nicht mit ans Meer! Vielleicht schwindelt sie, aber zur Sicherheit lass ichs lieber.

Marlies!, Helga wischte sich die Augen, rang um Fassung, musste fast kichern, besann sich noch rechtzeitig. Wen nennst du da Schwindlerin? Deine Mama? Die Ecke weint schon ganz sehnsüchtig nach dir!

Du weinst eher! Aber warum? Marlies schob sich vorsichtig an Helga heran, umarmte sie kräftig, so sehr, dass Helga kaum noch Luft bekam.

Gleich erwürgst du mich! Marlies, lass locker! Uff!, Helga schloss die Enkelin fest in die Arme und setzte sie liebevoll auf ihren Schoß. Ich weiß doch, dass du mich gern hast. Und ich habe gar nicht wirklich geweint. Ich war nur ein bisschen gerührt.

Ge-was?, Marlies tastete das schwierige Wort ab, ließ es dann auf sich beruhen.

Das passiert, wenn man was Schönes sieht oder sich an etwas erinnert. Es ist einem warm ums Herz, aber auch ein bisschen traurig. Dann kullern mal Tränen.

Und woran hast du gedacht?

Helga streichelte sanft über den Deckel der Knopfdose. Er war kühl und, seltsam genug, samtig. Metall und samtig? Das wusste Helga zwar nicht, aber sie erinnerte sich immer genau an diese Dose als Kind verweilte sie darin, betrachtete das Bild, träumte von dicken Wintermänteln, Handschuhen und langen Zöpfen. Dann kam das Schönste: in die Dutzenden von Knöpfen zu greifen, die sich im Laufe der Generationen angesammelt hatten…

Alle Frauen bei uns haben diese Knopftradition gepflegt. Und du wirst das auch.

Wie das?, Marlies schob sich bequemer zurecht die Gefahr war vorüber, sie musste nicht mehr mit Strafen rechnen. Sie war ja brav, hatte sich Mühe gegeben, alles so zu machen, wie Oma es zeigt. Der Knoten am Ende des Fadens war nicht leicht, Oma schaffte das schwuppdiwupp, aber Marlies brauchte viel Geduld. Irgendwann hatte sie einfach längeren Faden genommen, warum abschneiden nach jedem Knopf? Immer diese Knoten! Ihre Finger waren irgendwie zu dick dafür, aber immerhin: Knöpfe an dünnen Stoff anzunähen, das war einfach wäre Oma nicht so früh gekommen, hätte Marlies die ganze Gardine verziert. Nur den einen Schnitt im Stoff, den musste die große, dicke Knopf verdecken, damit Omas Adleraugen ihn nicht entdecken. Sicherheitshalber

Helga ließ die Knöpfe durch ihre Finger rinnen, hielt sie dann an, ballte die Hand, ließ die Knöpfe einzeln klackern.

Wie wir gesammelt haben? Lange, Marlies, sehr lange. Siehst du, wie viele das sind?

Riesig viele!

Ja. Und schau, sie sind alle verschieden. Jeder davon, eine eigene Geschichte.

Und erzähl mir welche!, Marlies schaute Oma mit großen Augen an.

Von allen schaff ichs nicht. Von manchen weiß ich es nicht mehr, und einiges wurde mir nie erzählt.

Dann die, die du noch weißt!, das war keine Bitte mehr, sondern Anweisung.

Helga ließ Knöpfe klimpern:

Na gut, aber wir setzen uns lieber aufs Sofa, sonst steh ich nie wieder auf. Ich habe Suppe auf dem Herd, die läuft sonst noch über was gibts dann zum Mittag?

Honigkuchen!, Marlies rief begeistert und klatschte Kater Fritz auf die Seite.

Opa ist nicht begeistert. Der braucht Fleisch und was Warmes. Ja, und Fritz natürlich auch. Mit einem Stöhnen erhob sich Helga. Der Rücken, ach ja, nicht mehr der jüngste sie kutschierte ja auch keine Puppen mehr durch die Wohnung. Aber bereuen? Nein. Sie hatte ihre Kinder groß gezogen, Enkelkinder bekommen, den Mann noch an ihrer Seite was braucht eine Frau mehr? Sogar ein später Nachzügler, die Tochter, mit vierzig, total peinlich, dass der große Sohn längst Student war! Sie versteckte den Bauch in XXL-Pullis. Ihr Sohn wollte ihr schöne Sachen kaufen Du bist doch noch jung!, sagte er. Aber bald verriet Opa das Geheimnis. Den Blick, als er es merkte, den glücklichen, vergisst Helga nie mehr. Wie er die kleine Nathalie, Marlies Mutter, vergöttert hat! Später sind Sohn und Schwiegertochter weggezogen, als sie eine gute Stelle angeboten bekamen richtig so, eine solche Chance gibt es selten. Heute wohnen die in einem eigenen Haus, die verdiente Wohnung haben sie verkauft. Leider etwas weit weg, aber wenigstens clever und gutherzig, wie die Eltern sogar Computersachen haben sie Oma beigebracht. Nun kann Helga Videotelefonate machen Gott segne, wer das erfunden hat! So sieht sie ihre Lieben, wie sie wachsen und sich verändern. Klar, sie fährt hin, aber seit Marlies da ist, bleibt die Zeit oft knapp, weil Nathalie als Ärztin arbeitet und Marlies oft krank ist und häufiger bei Oma als im Kindergarten weilt. Helga schlug schon vor, sie ganz rauszunehmen, aber Nathalie lachte nur und klaubte Fritz aus Marlies Umarmung: Mama, lass mir wenigstens das Wochenende! Ihre Energie muss gelenkt werden sonst, oh je!

Helga schaute ihre Tochter an, das Herz übervoll. Ihr spätes, ihr geschenktes Glück. Damals war Nathalie schon so eine Kluge, so eine Hübsche, jetzt auch noch Ärztin, Kinderärztin sogar die Kinder schlossen sie sofort ins Herz. Bei Marlies aber hatte sie es oft schwer. Ist ja auch das erste Kind Helga hatte ihren Sohn auch nicht zu sehr verwöhnt, das Maß musste stimmen. Mutterliebe darf nie die Zügel loslassen, sonst holpert das Leben der Kinder und du hältst es nicht mehr an. Mit ihrem Sohn hat es geklappt er konnte toben, aber auch lernen, nicht weil Oma es wollte, sondern weil er verstanden hat: Die Eltern helfen, aber irgendwann muss man selber können vor allem als Junge. Später erklärte er diesen Grundsatz auch seiner kleinen Schwester. Die Zeiten haben sich ja verändert früher galt Frau als das schwache Geschlecht, und heute? Sie wuppten alles. Helga sagte: Früher war das auch schon so, aber er winkte ab: Ach Mama, heute ists wirklich anders aber auch schade. Warum? Weil eine Frau geliebt werden muss, nicht Tag und Nacht kämpfen soll. Man muss euch hegen und pflegen! Und arbeiten? Natürlich! Wozu hat dich Papa studieren lassen? Dann lachten sie alle, die Schwiegertochter auch. Nathalie wollte lieber Kinder heilen als Gehirne operieren für die war das Glück! Helga musste manchmal Mut machen: Mama, was, wenn ich einen Fehler mache bei so kleinen Patienten? Ich hab Angst! Dann musst du lernen, mein Schatz! Das hört nie auf besonders nicht als Ärztin!

Während Oma noch in Erinnerungen schwelgte, hatte Marlies Fritz geschnappt und ihm den ersten Knopf vor die Schnauze gehalten:

Schau mal! Schön, oder?

Fritz resignierte und legte sich seufzend neben Marlies Füße.

Oma!, Marlies stupste Helga an, hörst du mir zu?

Ja?, Helga war wieder da und nahm Fritz vom Schoß der Enkelin. Der schaute beleidigt, trottete aber nicht weg, sondern legte sich dazu. Du quälst ihn!

Gar nicht! Ihm tut Bewegung gut! Immer schlafen, das ist ungesund!

Wer sagt das?

Mama! Sie hat geschimpft, als ich am Samstag nur rumliegen wollte. Bewegung ist…, Marlies sprang auf dem Sofa herum, Knöpfe flogen durch die Gegend, erschreckten Fritz.

Bewegung ist Leben!, lachte Helga und zog Marlies wieder zu sich. Du bist der lebendige Beweis! Jetzt bleib mal einen Moment still!

Okay!, stimmte Marlies verdächtig brav zu. Helga runzelte die Stirn da kommt was.

Nicht so schauen! Erzähl lieber! Von dem hier!

Ein kleiner weißer Knopf, ganz unscheinbar, lag in Marlies Hand.

Der? Ein schöner. Der stammt vom ersten Arztkittel deiner Mama. Ich hab ihr den Kittel genäht und genau so viele Knöpfe gekauft, wie nötig. Aber sie hat ständig einen verloren. Ich musste jeden Monat neue kaufen und die Nadel immer griffbereit haben.

Warum hat Mama die nicht selbst angenäht? Du hast gesagt, Mädchen müssen das können!

Kann sie ja auch! Nur hatte sie damals so viel zu lernen und zu tun, dass sie nachts kaum noch Zeit fand. Da hab ichs eben schnell gemacht für die, die man liebt, ist keine Mühe zu groß!

Marlies nickte ganz ernsthaft, und Helga küsste sie auf die Stirn.

Welcher noch?

Der da!

Ein goldener, leicht angelaufener Knopf. Marlies drehte ihn prüfend.

Wie näht man den an?

Gar nicht mehr, Kleines, der Fuß fehlt. Der war mal an Opas Uniform. Im Krieg. Opa war Arzt, im Lazarett wurde bombardiert und er hat trotzdem nicht aufgehört zu operieren. Er wurde verletzt, kam ins Krankenhaus in der Faust diese Knopf. Keiner weiß, wieso. Aber er sagte immer: Solange er ihn hat, geht alles gut.

Warum führen Menschen Kriege, Oma?, fragte Marlies, drückte sich den Knopf in die Handfläche.

Wer weiß das schon? Frag jeden keiner will Krieg. Aber am Ende wird jeder Feind, warum auch immer. Wofür eigentlich? Ich weiß es nicht, mein Kind.

Opa wollte doch niemandem was wegnehmen?

Nein, er hat Menschen gerettet.

Helga hörte, wie ihr Mann im Flur schlurfte, griff schnell zur großen, bunt bemalten Knopf aus Filz.

Schau mal!, sie lenkte Marlies ab. Erkennst du den?

Nein!

Der war von meinem Lieblingsmantel! Rot! Meine Mama hat ihn selbst genäht. Das gab einen Aufschrei bei den Freundinnen Rot und große bunte Knöpfe!

Marlies befühlte die aufgemalten Blumen: Ist das auch gemalt?

Ja!, Helga lachte, und zeigte auf den Knopf, den Marlies an den Vorhang angenäht hatte. Da ist noch einer! Sie waren alle handbemalt und jede war anders. Wir wohnten damals in einer kleinen Wohngemeinschaft, weißt du? Drei Familien und ein Einzelner, der Herr Klein, ein Künstler. Keine Frau, keine Kinder, aber liebenswert. Korridore voll Bilder. Er hat uns das Malen beigebracht.

Und das da an der Wand?, zeigte Marlies auf das kleine Porträt.

Das bin ich mit siebzehn. Zum Geburtstag hat meine Mama mir den roten Mantel geschenkt und Herr Klein malte das Bild. Die Knöpfe hat er auch gemacht jede mit einem Blümchen und mit einer Bedeutung. Schade, die meisten sind verloren.

Und was ist das für eine Blume?

Ein Mohn. Bedeutet: Vergessen also das Schlechte loslassen. Herr Klein meinte, man müsste lernen, Böses ruhig ganz schnell zu vergessen dann lebt es sich leichter.

Und noch was! Du hast zwei Bedeutungen gesagt!

Stimmt: Schönheit und ewige Jugend…

Du bist sehr schön, Oma!, nickte Marlies. Dann murmelte sie leise: Da ist ein Loch…

Helga merkte es erst gar nicht, musste dann lachen: Du bist eine kleine Chaotin, Marlies!

Mit mir wirds wenigstens nicht langweilig!, strahlte Marlies, drehte wieder an den Knöpfen Helga drohte mit dem Finger: Nun lass schon, sonst reichts nicht mehr, um das ganze Loch zuzunähen!

Lass uns den ganzen Vorhang dekorieren!, strahlte Marlies, sammelte die Knöpfe auf und stoppte plötzlich.

Und das? Das Blümchen auf meinem Knopf?

Das ist eine Pfingstrose steht für Glück und langes Leben.

Da hat dein Künstler alles richtig gemacht, Oma! Du bist glücklic… und auch schon alt!

Helga lachte laut, Fritz flitzte unters Sofa, Marlies quietschte vor Spaß und warf sich Oma in die Arme.

Komm, lass uns das machen und Mama zeigen!

Nach dem Essen, bitte!, fiel Helga ein. Meine Suppe!! Sammel die Knöpfe ein, ich beeil mich!

Opa saß in der Küche beim Tee, schmunzelte: Schon wieder wickelt sie dich ums Handgelenk?

Immer!, schnitt Helga Brot und kehrte die Krümel auf. Warum hast du nicht geholfen beim Knöpfe annähen?

Damit ich das bis zur nächsten Rente zu hören kriege, dass ich deine schönen Gardinen ruiniert habe? Niemals! Du lobst Marlies für alles, mich nicht! Objektivität Fehlanzeige!

Ich bin eben eine Frau! Wo hast du jemals objektive Frauen gesehen?

Kommt vor!, grinste Opa, Helga funkelte. Und wo?

Je mehr du weißt, desto schneller wirst du alt!

Helga wollte zum Handtuch greifen, als Marlies hereingesprungen kam. Streng schüttelte Helga die Faust Richtung Opa.

Am Abend dann kam die erschöpfte Nathalie, um ihre Tochter abzuholen stockte in der Wohnzimmertür. Die Vorhänge: Ein Designerkunstwerk aus Knöpfen! Ihr fehlten die Worte.

Mama!, rief Marlies, ließ Nadel und Faden fallen, rannte zur Mutter.

Nathalie hob sie auf den Arm, küsste sie: Hast du Unsinn getrieben?

Klar! Marlies zeigte stolz auf die Vorhänge. Hübsch, oder?

Schöner gehts nicht…, murmelte Nathalie, beugte sich vor und entdeckte einen Knopf: Mama! Das ist doch der von meinem Hochzeitskleid?! Wie kommt der hierher? Das Kleid hab ich doch zurückgegeben, woher…?

Helga wurde rot, wehrte ab, raffte sich dann mühsam auf: Woher? Von da eben! Du hast Hunger?

Total!, antwortete Nathalie und befühlte gerührt jeden Knopf, erkannte so viele wieder.

Marlies beobachtete sie eifersüchtig, sammelte dann eilig Knöpfe ein, schüttete sie zurück in die Blechdose und zog die Mutter Richtung Küche: Komm! Ich hab auf dich gewartet! Keinen einzigen Windbeutel gegessen. Fast… Komm!

Nathalie nickte, Marlies schnappte Fritz im Vorbeigehen und trug ihn in die Küche. Der protestierte nicht er wusste, jetzt kam der beste Moment des Tages: Marlies steckte ihm, meist heimlich, einen Teil ihres Essens zu. Hauptsache, Helga bekam es nicht mit, sonst gabs wieder Gezeter. Aber was Leckeres kann doch nicht ungesund sein? Mit diesem Gedanken ließ er die Beine baumeln, und als Marlies ihm gleich ein halbes Frikadellenbrot unter die Nase hielt, war die Welt für ihn in Ordnung.

Drüben im Wohnzimmer half Nathalie der Mutter hoch, sammelte die letzten Knöpfe ein, schloss die Dose und strich sanft über das Bild genauso wie sie es als Kind selbst getan hatte. Damals wählte sie die schönsten Knöpfe aus, fragte ihre Mutter nach der Geschichte und hörte zu, prägte sich alles ein, für ihre eigene Erinnerungsskiste. Sie wusste: Genau wie sie jetzt lauschte, hatte einst ihre Mutter gelauscht, davor die Oma, davor die Uroma… Und irgendwann würde Marlies zuhören, später vielleicht auch deren Tochter. Da musste jede Geschichte bewahrt werden, so wie sie war ergänzt nur mit neuen Knöpfen, neuen Erinnerungen, damit die Lebensdose weiterraschelt, wie ein Stück Zuhause.

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Homy
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