Die unterste Schublade ihres alten Kommodenschranks
Anna, hast du schon wieder etwas verlegt?
Elke stand im Türrahmen der Küche, ihren fliederfarbenen Morgenmantel mit kleinen gelben Blumen zugezogen. Ihr Gesicht war müde und sanft, so wie immer am frühen Morgen. Die Stimme leise, beinahe fürsorglich.
Ich habe nichts verloren, antwortete Anna, den Rücken der Schwiegermutter zugewandt. Sie goß sich Kaffee ein und gab Acht, die Tasse nicht zu fest zu halten.
Ich habe eben das hier im Flur gefunden. Elke legte einen fremden Knopf auf den Küchentisch. Er gehörte zu dem alten Mantel, den Anna letztes Jahr ausgemustert hatte. Er ist vielleicht von etwas, das dir gehört?
Nicht von mir.
Na, wer weiß Elke seufzte und ließ sich auf den Küchenhocker nieder. Es verschwindet in letzter Zeit so viel bei dir. Da macht man sich seine Gedanken.
Hans kam in die Küche, das Hemd schief geknöpft, und griff nach dem Brot.
Moin, Mama! Er küsste sie auf die Wange. Worum gehts?
Ach, Anna hat wohl wieder etwas verloren, meinte Elke.
Na, Anna, Hans schaute seine Frau nicht an, pass bitte ein bisschen mehr auf deine Sachen auf. Hinterher bist du wieder ganz aufgelöst.
Ich verliere nichts.
Er schenkte sich Tee ein, nahm sich ein Brötchen und verließ den Raum. Elke blickte aus dem Fenster, als wäre sie unsichtbar.
Anna trank ihren Kaffee aus. Stellte die Tasse in die Spüle. Ging aus der Küche.
Sie zog die Tür hinter sich zu.
So begann ein gewöhnlicher Tag.
***
Vor drei Jahren hatten sie im Mai geheiratet, als die Kastanien in München blühten und das Leben voller Möglichkeiten schien. Hans war klug, verlässlich Bauingenieur im Planungsbüro. Anna war überzeugt, dass sie ihr Glück gefunden hatte: einen ruhigen, bodenständigen Mann, der weder trank, noch schrie oder fremdging. Ihre Freundin Maja meinte, der ist doch sterbenslangweilig, aber Anna hatte einfach gelacht.
Die Wohnung war groß, drei Zimmer, Altbau in Schwabing. Hans Hinweis: Wir wohnen mit Mama, bis wir genug für die Eigentumswohnung gespart haben. Maximal ein, höchstens zwei Jahre. Anna fand das normal. Viele machten das so. Elke, schien ihr, war eine ganz vernünftige Frau: etwas altmodisch, etwas verschlossen, aber anständig.
Sie hatte sich getäuscht.
Nicht, dass Elke von Anfang an Feindseligkeit zeigte. Sie war viel zu klug dafür. Nie schrie sie, nie wurde sie direkt gemein. Sie war einfach präsent, immer freundlich, aber wie Wasser, das mit endlosen Tropfen alles aus dem Stein wäscht langsam, stetig, unaufhaltsam.
Zum ersten Mal wurde Anna mulmig, als sie etwa einen Monat nach der Hochzeit ihren Lieblings-Lippenbalsam nicht mehr fand. Sie kaufte einen neuen. Dann waren die Kopfhörer weg dachte erst, sie hätte sie verlegt. Dann verschwanden die Ohrringe. Das war schlimm: Sie waren ein Andenken, ein Geschenk ihrer Oma, schlichte Bernsteine, voller Bedeutung.
Zwei Tage suchte sie alles ab. Keine Spur.
Als sie Hans davon erzählte, schüttelte er den Kopf.
Du hast sie bestimmt irgendwo hingelegt und vergessen. Du bist doch immer so zerstreut.
Nein, ich weiß genau, sie waren in der Schmuckschatulle oben.
Anna, überleg doch mal vielleicht hast du sie gar nicht abgenommen?
Ganz sicher!
Am Abend saß Elke still mit ihrem Kräutertee vor dem Fernseher. Als Anna hereinkam, hob sie fragend den Kopf.
Etwas passiert?
Meine Ohrringe sind weg!
Ohrringe, soso. Ihr Ton war sanft, verständnisvoll. Weißt du, meine Nachbarin hatte das auch ständig die Ärzte sagten, das ist Stress. Frauen in deinem Alter vergessen leicht mal etwas. Du arbeitest wahrscheinlich zu viel.
Das wars. Ohne Vorwurf, ohne Ironie nur gespielte Anteilnahme.
Anna saß später lange auf dem Bett, den Blick an der Decke festgefroren. Sie verstand nicht, warum sie diese Unterhaltungen so sehr trafen als hätte ihre Schwiegermutter ihr höflich aber eindeutig eine psychische Störung unterstellt.
***
Drei Jahre genug Zeit, um einen Menschen gänzlich zu durchschauen, und doch wieder nicht. Anna hatte in diesen Jahren alles an Elke verstanden. Und je mehr sie wusste, desto unheimlicher wurde es.
Elke war gebildet, hatte Jahrzehnte als Buchhalterin gearbeitet und war nun seit zwei Jahren in Rente. Sie führte den Haushalt, sah Fernsehen und kontrollierte ihren Sohn. Das war ihr einziges echtes Lebenswerk, aber ausgesprochen hätte sie das nie. Sie sagte: Ich sorge mich nur. Oder: Ich bin seine Mutter, ich muss wissen, wie es ihm geht.
Hans war ihr Einziger. Der Vater war gegangen, als Hans neun war; Elke zog ihn allein groß. Sie klagte nie darüber. Höchstens am Abend, beiläufig: Ich weiß noch, wie ich drei Jobs gemacht habe, damit Hans zum Handball konnte. Oder: Ich hab für ihn auf alles verzichtet, aufs Eigene, aufs Private. Ohne Pathos, aber gerade das ließ jede Bemerkung umso schwerer fallen. Danach war Hans immer ganz still und tat seiner Mutter abends Gutes, Anna gegenüber war er dann fahrig und abwesend.
Anna konnte lange nicht fassen, was geschah wie eine Matheaufgabe, bei der alle Zahlen stimmen, aber das Ergebnis falsch bleibt. Elke tat ja nichts Kriminelles. Sie kochte, putzte, war höflich. Machte auch mal ein Kompliment: Anna, du hast so schöne Haare. nur um gleich nachzulegen: Schade, dass du sie nicht besser pflegst. Dein Shampoo stinkt so stark.
Im Netz las Anna irgendwann von emotionalem Missbrauch in der Familie. Sie verschlang die Artikel. Als hätte jemand direkt bei ihr zuhause recherchiert.
Manipulation durch Krankheit. Als Anna Hans bat, mit seiner Mutter Hausregeln zu besprechen, bekam Elke abends plötzliches Herzrasen. Sie klagte nicht. Kam nur aschfahl in die Küche, stützte sich an der Wand: Beachtet mich nicht, ich leg mich nur eben hin. Hans rannte sofort zu ihr; Gespräch vergessen, nur noch: Blutdruck messen, Tabletten bringen, sorgenvoller Anruf bei der Hausärztin. In der Nacht, im Bett, hörte Anna nur: Du hättest warten müssen. Siehst du doch, wie schlecht es ihr geht.
Gaslighting das seltsame Fremdwort passte erschreckend genau. Wenn jemand dich gezielt in den Wahnsinn treibt, indem er deine Erinnerung permanent kleinredet. Du bist einfach zu vergesslich, zu hysterisch. Drei Jahre lang. Anna begann tatsächlich, sich selbst zu misstrauen. Stand im Bad, fragte sich: Vielleicht stimmt es? Vielleicht stimmt wirklich was nicht mit mir?
Aber die Ohrringe die wusste sie. Ganz sicher.
***
Nach den Ohrringen ging es weiter: Ihr teures, weinrotes Kaschmirhalstuch, ihr Geburtstagsgeschenk weg. Dann das Parfüm, teuer, neu. Dann ein kleines Buch, das täglich an ihrem Bett lag, voll kleiner Notizen und Lesezeichen. Dann, schlimmer noch, verschwanden einige Dokumente: ein unterschriebener Vertrag, Anmeldebestätigung für einen Kurs. Kleinigkeiten, aber Anna brachte es aus dem Gleichgewicht.
Anna war freiberufliche Grafikdesignerin, ihre Arbeit war das Einzige, das Elke nicht unmittelbar kontrollieren konnte. Also tat sie es indirekt: schaltete den Router um dahinter sauber zu machen, platzte beim Kundentelefonat mit unwichtigen Fragen herein. Kleine Nadelstiche, nie offen feindselig.
Und sie sprach mit Hans. Über Anna. Dann merkte Anna es daran, dass Hans distanzierter wurde, seltsame Fragen stellte: Gibst du nicht zu viel für Software aus? Oder: Mama sagt, du warst gestern den ganzen Tag angespannt. Was ist los? Dann wusste Anna: das Gespräch hatte stattgefunden, und ihre Rolle darin war die der Problemfrau.
Sie versuchte, mit Hans zu reden.
Einmal, im zweiten Jahr, ließ sie alles raus: Erzähnte von den Ohrringen, den verschwundenen Dingen, den ständigen kleinen Sticheleien Elkes. Hans hörte ruhig zu, unterbrach sie nie. Das war gut. Schlecht war nur, was danach kam:
Anna, ich verstehe, dass es dir schwerfällt. Aber meinst du nicht, dass du vielleicht übertreibst? Mama ist nicht so.
Wie nicht so?
Sie würde niemals absichtlich deine Sachen wegnehmen. Warum sollte sie?
Ich weiß es nicht, aber sie verschwinden.
Sowas passiert. Allen.
Anna schwieg. An Hans Gesicht sah sie: Er hatte längst entschieden. Nicht, weil sie schlecht erklärt hatte, sondern weil es ihm leichter fiel zu glauben, seine Frau sei etwas labil, als zu akzeptieren, dass seine Mutter dazu fähig war.
Anna begriff: In diesem Haus war sie allein. Nicht körperlich aber innerlich.
***
Es gab Phasen, da resignierte sie fast. Sie hörte nicht auf, darunter zu leiden, aber sie kämpfte weniger. Lebte, arbeitete, hielt sich möglichst fern von Elke, vermied Reibung. Mit ihrer Mutter oder Maja telefonierte sie höchstens kurz, nie zu lang sie wollte nicht, dass Maja Hans ganz verachtete, denn trotz allem liebte sie ihren Mann. Ein merkwürdiger Schmerz: Einen Menschen zu lieben, der dich nicht schützt. Aber sie liebte Hans, der in seiner Art herzlich war, fleißig, nie brutal. Nur in einer Sache blind: seiner Mutter gegenüber.
Wenn Elke mal bei einer Freundin war oder einen Arzttermin hatte, waren Anna und Hans manchmal wie ein echtes Paar: kochten, lachten, sahen Filme. Dann schien alles möglich. Anna dachte: So könnte es immer sein. Wenn wir nur alleine wohnen würden.
Deshalb klammerte sie sich an die Eigentumswohnung. Beide sparten Hans von seinem Gehalt, Anna von ihren Aufträgen. Langsam kam etwas zusammen; sie verglichen Viertel, rechneten. Noch ein, vielleicht anderthalb Jahre. Diese Aussicht war Annas Hoffnung, ihr Licht im Tunnel.
Dann kam der große Auftrag.
***
Eine große Möbelkette, mehrere Filialen im Umland von München. Corporate Design: Logo, Farbwelt, Social Media, Banner, Katalogvorlagen. Drei Monate Arbeit, ein Honorar, das Anna in Gedanken nur unsere Rettung nannte. Damit kämen sie endlich weg, könnten die Anzahlung für die Mietwohnung jetzt leisten oder die Eigentumswohnung doch viel schneller kaufen.
Anna arbeitete Tag und Nacht. Korrigierte alles mehrfach, aus Angst, es könnte nicht perfekt sein. Die Firma war begeistert, das Feedback war voller Lob. Anna fühlte sich fast glücklich: Ihr beruflicher Bereich war der einzige Ort, der wirklich ihr gehörte.
Das finale Datenpaket lud sie auf einen USB-Stick. Auf Wunsch des Kunden: keine Cloud, alles analog auf Stick, Sicherheitsvorgaben. Sie prüfte alles dreimal, steckte den Stick in den Seitentasche ihrer Arbeitstasche. Am nächsten Tag sollte die Übergabe sein.
Am Morgen war der Stick verschwunden.
Anna stand reglos da, starrte auf die leere Tasche. Fing an, systematisch zu suchen. Vielleicht herausgefallen? Vielleicht liegengelassen? Sie durchsuchte ihren Schreibtisch, die Tasche, den Boden, Nachttisch, Schrankfächer. Nichts.
Im Kopf lief die Szene von gestern immer wieder ab. Am Abend war der Stick noch da; sie hatte die Daten einmal geprüft, weggepackt, war dann Tee machen gegangen.
Elke saß in dieser Zeit in der Küche.
Solange Anna ihren Tee trank und auf belanglose Art plauderte, lag die Tasche im Zimmer.
Anna schloss die Augen. Rief den Auftraggeber an, bat um einen Tag Aufschub. Er stimmte zu, hörbar widerwillig. Wir haben einen engen Zeitplan bitte. Sie verstand.
Dann rief sie Maja an.
Bist du dir sicher? Maja hörte zu.
Ich weiß zu hundert Prozent, dass der Stick da war.
Kannst du die Daten rekonstruieren?
Teilweise. Aber die endgültigen Versionen, die ganzen letzten Korrekturen nur auf dem Stick. Das dauert zwei Tage, vielleicht mehr. Ich habe nur einen.
Maja schwieg.
Anna, du hast schon oft gesagt, du hast den Verdacht aber jetzt bist du sicher?
Kein Beweis. Ich kann ihr nichts beweisen. Sonst könnte ich ja
Maja sagte dann ganz leise: Und wenn du Beweise schaffen würdest?
***
Die Idee holte sie aus einem Forum. Frauen, die Diebstähle im Büro per Markierungspulver überführten: ein fluoreszierendes Pulver, unter Licht unsichtbar, aber auf Haut und mit Feuchtigkeit leuchtend sichtbar. Keine Farbe, kein Lack, sondern wie ein leuchtender Marker in Staubform. Im Baumarkt, für Werkzeugmarkierung.
Das ist zu ausgefuchst, zögerte Anna.
Überhaupt nicht. Du streust es auf den Stick und den Kommodenschloss. Berührt sie es, sieht mans.
Aber ich habe ja keine Ahnung, wo sie den Stick versteckt hat. Ich habe ihn nicht gesehen.
Doch, erinnerst du dich an das alte Gespräch? Du hast mal erzählt, du sahst die unterste Schublade des Kommodenschranks offen, darin lag etwas von dir.
Anna erinnerte sich. Ein Jahr war das her. Sie lief am Zimmer von Elke vorbei, die Tür stand einen Spalt offen. Elke beugte sich über den alten dunklen Kommodenschrank ihrer Eltern, zog die unterste Schublade. Für einen Moment sah Anna ihr verloren gegangenes Buch darin liegen, das mit den Zettelchen. Dann war die Schublade auch schon wieder zu. Anna war wie erstarrt im Flur stehengeblieben.
Aber sie hatte nichts gesagt. Was hätte sie tun sollen? Szenen machen? Ich wollte es dir nur zurücklegen, habe es vergessen! Und Hans hätte wieder vermittelt, wieder vermittelt, und sich für die Mutter entschieden.
Aber jetzt ging es um den Auftrag. Um ihren Rettungsanker. Anna wusste: Wenn nicht jetzt, dann nie.
Gut, sagte sie zu Maja. Aber ich brauche Zeit, damit es klappt.
***
Das Pulver fand sie im Baumarkt, kleines Tütchen, darauf Eigentumsmarker, pink. Der Verkäufer, ein grauhaariger Bayer, erklärte: Mit Pinsel auftragen, auf Metalloberfläche, sichtbar unter Feuchtigkeit, hält zwanzig Minuten, schadet Stoff nicht. Mei, für’n Akkuschrauber, wenn der Lehrbua was heimnimmt, meinte er.
Anna kaufte es. Ging zu Fuß heim, das Päckchen in der Tasche.
Elke verschwand, wie jeden Tag, um elf zum Bäcker und in den Bioladen, quatschte dort mit einer Bekannten, blieb meist eine gute Stunde weg. Hans war im Büro.
Jetzt war die Gelegenheit.
Am nächsten Tag stand Anna früh auf, trank Kaffee, wartete auf die klappende Haustür. Dann schlich sie ins Zimmer von Elke.
Dort war alles blitzblank. Bett mit hellem Bezug, Gardinen akkurat gefaltet, Zeitschriftenstapel am Fenster. Der Kommodenschrank: tiefbraun, mit Messinggriffen, aus der Nachkriegszeit. Unterste Schublade. Anna hockte sich hin.
Sie zog ihn mit leisem Knarren auf.
Oben lagen Halstücher. Aber darunter, in einer Blechschatulle mit Klickverschluss, fand sie etwas anderes. Sie öffnete die Schatulle nicht. Lehnte sich vor da lag, ganz oben, ihr USB-Stick, der blaue mit einem kleinen Katzenanhänger. Ihr Herz blieb kurz stehen.
Sie nahm ihn nicht. Noch nicht. Jetzt wäre alles umsonst. Es hätte nur Streit gegeben. Ich wusste nicht, dass er da ist. Vielleicht hast du ihn selbst da hingelegt. Anna, du bist vergesslich.
Nein.
Anna nahm das Pulver, strich mit dem Pinsel vorsichtig über den Stick, überall dort, wo man ihn greifen würde. Dann noch etwas auf das Schloss der Schatulle, beidseits. Alles sachte, bloß nichts verwischen.
Schloss die Schublade. Ging hinaus.
Im Flur lehnte sie sich an die Tapete, atmete tief durch.
***
Der Tag zog sich. Anna saß an ihrem Pult, tat so, als arbeitete sie an den Korrekturen. In Wahrheit lauschte sie immer wieder in die Wohnung hinein, ob sich etwas tat.
Elke kehrte gegen Mittag zurück, klapperte mit Töpfen. Dann, wie üblich, lief der Fernseher leise. Alles schien normal.
Hans kam um sieben, aß schweigend, legte sich dann mit dem Handy aufs Sofa. Anna ging in die Küche.
Hans, sagte sie. Ihre Stimme so ruhig wie nur möglich sie hatte am Tag geübt. Wir müssen heute Abend am Tisch reden. Alle zusammen.
Worum gehts?
Mein Stick ist verschwunden. Mit den endgültigen Entwürfen für den Auftraggeber.
Er hob den Kopf. Erschöpft, jung, etwas beunruhigt.
Wann?
Vorgestern. Ich wollte warten, bis ich selbst etwas finde.
Er sagte eine Weile nichts.
Du denkst…
Ich denke nichts, sagte Anna fest. Wir reden heute beim Abendessen, zu dritt.
In seinem Blick war ein leiser Zweifel gewachsen. Zum ersten Mal.
***
Abendessen war um acht. Elke hatte Rindfleischbällchen gemacht, Kartoffeln, dazu Salat. Alles wie immer: drei Teller, Brot, Salz in der Mitte. Elke teilte das Essen höflich aus, tratschte über die Nachbarn, die gestiegenen Preise. Hans schwieg. Anna schwieg.
Frau Bender… Anna nutzte Elkes Mädchennamen, wie immer. Mein USB-Stick ist verschwunden.
Elke hob den Kopf. Völlig gelassen.
Ach, was. Schon wieder?
Ja.
Anna, komm. Du bist doch immer so verträumt, bei der Arbeit. Bestimmt irgendwo zwischen die Papiere gerutscht.
Ich habe überall nachgesehen.
So läuft das eben. Ich habe gestern fast eine Stunde meine Brille gesucht, die hing mir am Kragen. Das sind die Nerven, Anna.
Nein, sagte sie leise, fest. Das sind nicht die Nerven.
Etwas im Ton ließ Elke innehaltend schmal die Augen zusammenziehen. Vorsicht blitzte auf fast ein Flackern.
Wie meinst du das?
Hans hatte die Gabel hingelegt.
Ich habe eine Bitte an Sie, sagte Anna dann. Stand auf, ging an den Schrank, holte Servietten heraus. Im Kommodenschrank ist noch eine neue Packung, ich habe sie heute Morgen selbst hingelegt. Können Sie sie holen?
Elke blickte sie eine Sekunde zu lange an. Dann stand sie auf.
Hans Augen folgten ihr. Anna blieb stumm.
Elke ging dem Flur entlang. Man hörte das leise Knarren von Holz. Einen Moment lang Stille zu lange für nur ein Serviettenpäckchen. Dann wieder Schritte.
Elke kam zurück mit der Packung in der Hand.
Bitte. Sie legte sie auf den Tisch.
Danke. Anna sah sie an. Geben Sie mir bitte das Salz.
Hans blickte von Mutter zu Anna.
Elke streckte die Hand aus.
Da sah Hans ihre Hände.
Elkes Handflächen waren mit leuchtend pinken Flecken übersät. Gleichmäßig, nicht wie Flecken. Als habe sie beide in Farbe getaucht. Die Rechte, mit der sie die Schublade geöffnet, die Linke, mit der sie die Schatulle berührt hatte.
Hans starrte.
Elke betrachtete ihre Hände, wie in Zeitlupe. Und Anna sah, wie das erste Mal seit drei Jahren die Rüstung brach endgültig. Elke wusste nicht, was tun.
Was…? flüsterte Hans.
Markierungspulver, sagte Anna knapp. Ich habe den Stick behandelt. Sichtbar bei Hautkontakt.
Schweigen.
Du hast den Stick genommen, sagte Hans schließlich. Klare Feststellung.
Hansi, begann Elke, ihre Stimme brüchig. Du verstehst, sie hat mich in die Falle gelockt. Ich wollte nur…
Was?, Hans stand auf.
Ich wollte nur wissen, was sie verbirgt. Es ist doch mein Haus. Ich darf wissen, was dort lagert.
Dein Haus. Hans wiederholte, ganz leise.
Mir ist schwindlig, Hans Mein Herz!
Mama.
Es ist ernst. Sie klammerte sich an die Stuhllehne. Mein Herz
Hans blieb stehen. Sah sie an. Anna merkte, wie schwer es ihm fiel, nicht wieder loszurennen wie immer.
Er antwortete nicht. Dann endlich: Öffne die Schatulle.
Welche Schatulle?
Die in deiner Schublade, Mama. Mach sie auf. Jetzt.
Elke blickte flehend. Mir ist schlecht, Hans…
Mama, sagte er nur. Er hatte einen Ton gefunden, der keinen Widerspruch zuließ.
***
Sie gingen zu dritt. Hans, Anna, Elke. Elke stützte sich gegen die Wand, atmete gepresst, demonstrativ. Hans half diesmal nicht.
Unterste Schublade Kommode. Tücher obendrauf. Blechschatulle.
Hans ging in die Hocke, holte die Schatulle heraus. Betrachtete den pinken Abdruck auf dem Schloss. Öffnete sie.
Lange blieb er stumm.
Drin: Annas USB-Stick mit dem Katzenanhänger. Die Bernsteinohrringe. Der Bordeaux-Schal. Das Parfüm. Das Notizbuch mit den bunten Zetteln. Verträge, Kursbescheinigungen. Auch kleinere Dinge, die Anna erst beim zweiten Hinsehen erkannte: eine Haarspange, ein Skizzenbuch aus dem ersten Berufsjahr, noch mehr. Drei Jahre Erinnerungen.
Hans schloss die Schatulle, stellte sie zurück.
Soll ich einen Notarzt rufen?, fragte Anna.
Er nickte bloß.
Elke ließ sich an der Kommode langsam zu Boden gleiten, leise stöhnend, Augen zu.
***
Der Notarzt war nach zwölf Minuten da. Zwei Sanitäter, professionell und wortlos.
Sie überprüften EKG, Blutdruck, Puls alles in Ordnung. Keine akuten Anzeichen, sagte der jüngere, freundlich. 120 zu 80 für das Alter top. Kann zuhause bleiben, bitte bei Verschlechterung wieder melden.
Elke lag still da.
Anna begann, ihre Sachen einzupacken.
*
Hans hob den Blick.
Du gehst?
Ja.
Kurz eine Pause.
Ich komme mit, sagte er, leise, ohne jedes Zögern.
Das war neu. Ohne Aber du verstehst doch Mama, ohne Vielleicht sollten wir abwarten. Einfach nur: ich gehe mit.
Anna nickte nur. Ihr war so, als könnte sie andernfalls in Tränen ausbrechen.
*
Sie packten schweigend. Anna holte den Koffer vom Schrank den selben wie damals, bei ihrem Einzug. Kleidung, Dokumente, Arbeitsmaterialien. Die Schatulle mit den Ohrringen trug Hans wortlos zu ihr ins Zimmer.
Er packte langsam. Stand manchmal einfach im Raum, gedankenverloren. Anna sah, wie er rang, wie sich innerlich ganze Möbel umstellten.
Einmal öffnete er Elkes Tür, stand eine Weile dort. Sagte nichts, sie auch nicht.
Sie schweigt, sagte er, als er zurückkam.
Ich weiß.
Sie liegt einfach nur da.
Ich weiß.
Später, in der Nacht, fuhren sie mit dem Taxi zu Hans Freund Stefan am Ostbahnhof, der am Telefon nur meinte: Kommt einfach, das Gästezimmer ist frei.
Auf dem Gang schaute Anna noch einen Moment zurück auf Elkes Schlafzimmertür. Keine Geräusche dahinter.
Dann zog sie die Wohnungstür zu.
*
Bei Stefan roch es nach Rauch und Kaffee, aber irgendwie war es heimelig. Fragen stellte er keine. Bedient euch, sagte er, und ließ sie allein.
Sie saßen zusammen am Küchentisch. Anna: Ich muss die Datei rekonstruieren. Übergabe übermorgen.
Ich helfe.
Du kennst dich nicht aus mit Design.
Ich weiß. Aber ich kann dir Gesellschaft leisten. Oder Kaffee kochen.
Sie lächelte schief. Gut.
*
Zwei Tage arbeitete Anna durch, sechzehn Stunden lang. Viele der Entwürfe musste sie von Neuem bauen. Hans war wirklich bei ihr, kochte Kaffee, redete, schwieg.
Zum Termin am Freitag war alles fertig. Der Kunde war zufrieden; ein paar Banner schlichter gehalten als ursprünglich, alles rechtzeitig.
Frist eingehalten, lobte der.
Hier, eine kleine Änderung
Technische Umstände. Ich hole das in einer Woche kostenfrei nach.
Ein prüfender Blick. In Ordnung.
Anna trat hinaus auf die Leopoldstraße, schloss die Augen. Dann öffnete sie sie und machte sich auf den Weg zurück.
*
Nach drei Wochen fanden sie eine eigene Mietwohnung eine Einzimmerwohnung in Sendling, fünfter Stock mit Blick in den Hof. Kein Luxus, die Rohre ratterten nachts, aber es war ihr Zuhause.
Am ersten Abend stand Anna einfach still da und atmete.
Hans kam mit einer Kartonschachtel herein, blickte sie an.
Und?
Es ist ruhig.
Ja.
***
Das schwere Gespräch, das Hans in Stefans Wohnzimmer angekündigt hatte, fand eine Woche später statt. Sie saßen auf dem Fensterbrett, denn Möbel gab es kaum. Hans sprach lange über seine Kindheit, die Jahre mit der Mutter, den ewigen Gedanken, ihr alles zu verdanken unausgesprochen und trotzdem messerscharf spürbar.
Ich entschuldige sie nicht, sagte er. Ich erkläre mir bloß, warum ich es nicht sehen wollte. Es war zu anstrengend, um ehrlich zu sein. Was macht man mit einer Mutter?
Ich verstehe, sagte Anna. Aber drei Jahre, Hans. Ich habe dir drei Jahre lang alles gesagt.
Ich weiß.
Und du hast immer behauptet, ich übertreibe.
Ich weiß.
Das tat weh.
Ich weiß. Lange Stille, dann: Es tut mir leid, wirklich leid.
Anna schwieg.
Glaubst du mir? fragte er.
Ja.
Gut, sagte sie. Dann weiter.
***
Sechs Monate später. Hans hatte einen Therapeuten gefunden, einen bodenständigen Mann. Der Tipp ist: Immer, wenn Mama am Telefon Druck macht Pause drücken, bis du antwortest.
Klappts?
Manchmal. Ich versuchs.
Elke rief an. Erst selten, dann immer öfter. Manchmal war sie sehr nett: Hans, wie gehts dir? Manchmal: Mein Blutdruck ist hoch, ich bin so einsam. Manchmal schwieg sie, als hätte sie die Hoffnung, dass er von allein zu beschwichtigen beginne.
Einmal sagte sie: Du hast jetzt keine Familie mehr. Sie hat dich mir genommen.
Hans ließ die Schweigepause.
Mama, meine Familie ist Anna. Und, hoffe ich, irgendwann die Kinder.
Leises Du weißt doch, dass ich…
Ich weiß. Aber ich spreche mit dir nicht mehr wie früher. Ich liebe dich, aber es gibt Grenzen.
Sie legte abrupt auf.
Hans saß dann lange schweigend in der Küche. Anna brachte ihm Tee. Sagte nichts.
Es wird immer weh tun.
Ich weiß.
Aber anders kann ich nicht mehr.
Anders wäre schlimmer.
Er nickte.
***
Elke lebte weiter in der großen Altbauwohnung. Kochte, ging zum Bäcker, Fernseher lief abends lauter als nötig. Manchmal kam ihre Freundin Gertrud zu Besuch, trank einen Kaffee, redete ein bisschen. Aber Gertrud hatte Familie und blieb nie lange.
Ab und zu rief Elke Hans täglich an. Er blieb höflich, aber schloss das Gespräch ab, wenn es zu viel wurde. Ich höre dich, Mama. Aber ich muss jetzt los. Keine Grobheit, kein Streit einfach Schluss machen.
Eines Tages rief Elke Anna direkt an. Anna starrte auf das Display, dann hob sie ab.
Anna ich wollte sprechen.
Worüber?
Pause.
Einfach reden.
Ich höre zu.
Aber Elke schwieg. Sie hatte keine passenden Worte. Und Anna verstand, dass die Sprüche, die feinen Stiche, hier nichts mehr nutzten. Andere kannte Elke nicht.
Na dann auf Wiederhören, Frau Bender.
Auf Wiederhören, kam leise zurück.
Anna legte auf. Stand einen Moment im Flur, dann ging sie kochen.
***
Der Kunde die Möbelkette verlängerte das Projekt. Anna lieferte pünktlich, übertraf Erwartungen und legte noch einen animierten Banner drauf einfach, weil sie Freude hatte. Die Firma schrieb ein Dankesmail und empfahl sie weiter. Im Frühjahr hatte Anna drei feste Kunden, die Arbeit lief besser denn je.
Sie kaufte sich eine neue Schmuckschatulle, fein geschnitzt, aus hellem Holz. Legte ihre Bernsteinohrringe hinein und betrachtete sie lange: Klein, honiggelb, voller Erinnerungen an die Hände der Oma, ihren Duft, das winzige Münchner Küchenfenster. Gelebtes Andenken.
Sie waren heil geblieben.
Das bedeutete für Anna mehr als fast alles andere.
***
Gegen März bekam die Bank den Kreditantrag durch. Sie fanden rasch eine Zweizimmerwohnung in Giesing dritter Stock, große Küche, Fenster zum ruhigen Innenhof. Nicht ganz zentral, aber grün, freundlich, ein Park gleich daneben. Donnerstags unterschrieben sie.
Anna trug die Schlüssel den ganzen Heimweg fest in der Hand. Endlich ihr eigenes.
Das erste Wochenende verbrachten sie wie alle anderen Neu-Eigentümer mit Putzlappen, Kartons, Möbelaufbau. Hans schraubte an einem Schrank, fluchte, verlor Schrauben, fluchte wieder. Anna ordnete die Tassen, hörte ihn fluchen und war einfach zufrieden. Ohne Einschränkung.
Am zweiten Abend saßen sie in der neuen Küche. Tisch, Stühle standen, der Herd funktionierte. Hans kochte Nudeln, Anna öffnete ein Glas Pesto, das die netten Nachbarn ihnen geschenkt hatten. Draußen war Frühlingsluft, ein kühler Wind wehte herein.
Schön hier, meinte Hans.
Ja, sagte Anna.
Sie aßen, räumten ab, Hans machte Tee.
Anna hielt ihre Tasse, blickte zum Fenster hinaus. Dann drehte sie sich um.
Hans, ich muss dir was sagen.
Er stellte die Tasse ab, schaute sie an.
Du weißt, dass ich dachte, meine Verspätung käme vom Stress.
Ja.
Ich habe Mittwoch einen Test gemacht.
Sekundenlang Pause Vergangenheit, Gegenwart, alles lag darin.
Und?
Ich bin schwanger.
Hans atmete langsam, als hätte er ewig die Luft angehalten. Er stand auf, kam zu ihr, zog sie sanft in die Arme. Nicht laut, nicht stürmisch einfach nur fest.
So blieben sie minutenlang.
Dann hielt er Abstand, schaute ihr in die Augen.
Und?
Keine Ahnung. Glücklich. Und ein bisschen Angst.
Ich auch.
Angst ist normal.
Er nickte, setzte sich, schaute eine Zeitlang stumm auf die Tasse.
Anna.
Ja?
Ich denke die ganze Zeit daran, wie wir das machen. Das Kind großziehen anders als wir es erlebt haben.
Erzähl.
Er überlegte.
Ich will, dass unser Kind nie denken muss, es schuldet uns sein Leben. Nicht: ,Wir haben alles für dich getan, jetzt bist du verpflichtet. Einfach: weil wir es lieben.
Anna sah ihn still an.
Und alles, was sie gemacht hat diese Andeutungen, das permanente ,ich habe so viel geopfert das soll nicht sein. Unsere Kinder sollen wissen: Sie dürfen gehen, ihr Leben leben, und wir freuen uns auf sie, wenn sie uns besuchen, mehr nicht.
Leicht gesagt, antwortete Anna leise. Schwer umzusetzen.
Aber wir geben unser Bestes.
Ja. Sie lächelte zaghaft. Wir brauchen einen Namen.
Hab schon überlegt.
Und?
Wenns ein Mädchen wird, entscheidest du. Wirds ein Junge auch.
Sie musste lachen, warm, ehrlich.
Super Plan!
Ich weiß. Bin halt clever.
Draußen prasselte der Regen sanft ans Fenster, die kleine Küche roch nach Tee und frischem Holz. Die Schatulle mit den Bernsteinohrringen stand auf dem Fensterbrett zuerst platziert, bevor jemals die Teller eingeräumt waren.
Wenn es ein Mädchen wird, sagte Anna, dann vielleicht Greta. Oder Frieda. Etwas Einfaches.
Greta ist schön, meinte Hans. Frieda auch.
Und ein Junge… vielleicht Paul.
Paul. Mag ich.
Anna probierte den Namen auf der Zunge. Paulchen.
Paulchen, nickte Hans. Ja.
Mal sehen das wird noch dauern.
Anna stand auf, räumte ihre Tassen in die Spüle. Hans beobachtete sie.
Anna.
Ja?
Ich bin froh, dass wir hier sind.
Sie sah ihn an diesen Mann, der drei Jahre nicht gesehen hatte, was geschah, dann doch. Der jetzt die Last mit ihr trug, nicht vergessen konnte und trotzdem blieb. Mit den Schlüsseln in der Tasche, im eigenen Zuhause, das endlich ihnen gehörte.
Ich auch, sagte sie.
Sie drehte sich zum Fenster, während der Regen weiter rhythmisch auf das Glas fiel und alles war gut.





