**Krümelchen des Glücks auf steinernen Händen**
Dreißig Jahre waren Artur und Gisela Sommer verheiratet. Drei Jahrzehnte eines ruhigen, gleichmäßigen Lebens, genäht aus Gewohnheiten, stillem Verständnis und jener besonderen, hart erkämpften Zärtlichkeit, die die Leidenschaft ersetzt. Sie hatten sich längst damit abgefunden, dass ihre Ehe eine Insel für zwei war, abgeschottet von einer Zukunft ohne Kinderlachen. Doch im einunddreißigsten Jahr schenkte ihnen Gott ein Kind.
Gisela war vierundfünfzig. Die Ärzte deuteten an die Stirn, die Freundinnen schüttelten beim Kaffeeklatsch die Köpfe: Du bringst dich selbst ins Unglück, in deinem Alter wirst du das nicht schaffen. Doch Gisela legte nur schweigend die Hand auf ihren wachsenden Bauch, spürte unter ihrer Handfläche das geheimnisvolle Zucken eines neuen Lebens. Sie ging nicht zur Abtreibung. Sie schritt durch die Frühlingsstraßen, wankend wie ein Schiff, beladen mit der kostbarsten Fracht: Hoffnung.
Und sie schaffte es. Ein Mädchen wurde geboren, zart, rosig, mit mandelförmigen Augen, weit geöffnet für eine fremde Welt. Sie nannten sie Lieselotte.
Doch die Freude wich bald kalter, klebriger Angst. Das Kind war zu still, zu schwach. Es trank kaum, sein Atem ging manchmal in ein keuchendes, rasselndes Pfeifen über. Der Dorfarzt sprach das Urteil, ohne ihnen in die Augen zu sehen: Down-Syndrom. Die Welt schrumpfte auf die Größe eines kahlen Behandlungszimmers, erfüllt von Neonlicht, und auf dieses Wort, schwer wie ein Grabstein.
Schweigend fuhren die geschockten Eltern zurück in ihr sterbendes Dorf. Die Ärztin, bemüht freundlich, schlug vor, einen Platz in einer Sondereinrichtung zu organisieren. Dort fördern sie die Kinder, unterrichten sie
Und danach? Wohin? fragte Artur dumpf, als krallte er sich am Sitz fest. In die Irrenanstalt?
In ein Altersheim. Oder eine psychiatrische Klinik, korrigierte sie, und in dieser Korrektur lag der ganze, herzzerreißende Zynismus des Systems.
Der Heimweg schien endlos. Artur sprach zuerst, und seine sonst so feste Stimme zitterte, brach:
Das kann nicht sein Sie ist nicht geboren worden, um in vier Wänden zwischen fremden Alten und geistig Verlorenen zu verkümmern. Unmöglich.
Gisela atmete tief aus, als hätte sie auf diese Worte gewartet. Tränen sprangen ihr in die Augen, doch es waren Tränen der Erleichterung.
Ich denke genauso. Wir ziehen sie selbst groß. Wir lieben sie selbst.
Nie bereuten sie diese Entscheidung. Lieselotte wuchs heran. Ihre Welt war klein, doch unendlich bunt. Sie freute sich so aufrichtig, so überwältigend über die einfachsten Dinge, dass die Erwachsenen unwillkürlich von ihrer Begeisterung angesteckt wurden. Den ersten Sonnenstrahlen, die durchs Fenster krochen. Den Spatzen, die im Staub badeten. Sie hatte ihren winzigen Garten ein paar Beete, wo sie mit ihrer Mutter unkomplizierte Erbsen und Rüben zog. Mit jedem Jahr wurde sie besser darin.
Und sie liebte ihre Hühner. Nicht nur fütterte sie sie, sie beschützte sie wie eine treue Wache, vertrieb die Nachbarskatzen, die es auf ihr gefiedertes Reich abgesehen hatten. Sie sprach mit ihnen in ihrer eigenen Sprache, und sie schienen sie wortlos zu verstehen.
Im Sommer erwachte das Dorf kurz zum Leben. Aus der Stadt kamen Enkel zu Besuch, um Kraft zu tanken bei hausgemachten Speisen und Luft zu atmen, die nach frisch gemähtem Gras und Rauch schmeckte. Unter ihnen war auch Paul Paule Wagner, ein Draufgänger und Anführer der Stadtjugend. Man fürchtete und respektierte ihn zugleich.
Doch unter der Fassade des Rabauken schlug ein gutes Herz. Er zerbrach die Schleudern, mit denen andere Jungs auf Vögel schossen, und half den Schwachen. Einmal sah er, wie Dorfjungen über den Zaun kletterten und Lieselotte hänselten, sie nachäfften und mit Tannenzapfen warfen. Das Mädchen stand an der Scheunenwand, weinte leise und verstand nicht, warum man sie quälte.
Pauls Wut war jäh und furchtbar. Er jagte die Peiniger fort, wischte Lieselottes schmutzige Wangen behutsam ab und sagte: Keine Angst. Niemand tut dir mehr weh. Von dem Tag an war er ihr Schutzengel. Dank ihm trauten sich die Sommers, ihre Tochter allein spielen zu lassen. Paul gab sein Wort, und sein Wort war Eisen.
Doch das Dorf verging. Zuerst schloss die Schule, dann der Kindergarten. Der Bus, der früher stündlich ins nächste Städtchen fuhr, kam nur noch zweimal am Tag, dann gar nicht mehr. Der letzte Nagel im Sarg war der geschlossene Dorfladen. Einmal pro Woche kam ein fahrender Händler mit spärlicher Ware. Leben gab es nur noch in den Gärten und drei Höfen, wo man noch Hühner und Ziegen hielt.
Die Alten starben, ihre Häuser klafften wie Totenschädel mit leeren Fensterhöhlen und fielen langsam in sich zusammen, überwuchert von Brennnesseln. Pauls Großmutter erkrankte schwer und wurde in die Stadt geholt. Das Haus wurde vernagelt. Der Schmied Kadir, ein geschickter Handwerker, der einst aus der Türkei gekommen war, zog dorthin, wo seine Hände noch gebraucht wurden.
Nur wenige blieben. Die Sommers weil sie nirgendwohin konnten. Sie lebten von Arturs Rente und dem kargen Verdienst aus Giselas berühmtem Brot. Einmal pro Woche heizte sie den alten Steinofen an und buk nach einem uralten Rezept duftende, warme Laibe. Aus Nachbardörfern kamen Leute extra für das Sommerbrot es schmeckte unwiderstehlich und blieb wochenlang frisch, wenn man es in Leinentücher wickelte.
Lieselotte durfte nicht zum Ofen. Die Angst war zu groß. Das Feuer war das Einzige, wovor Gisela zitterte.
Dann brach Lärm in ihre erstickende, fast vorgeschichtliche Stille. Baumaschinen. Dröhnende Ungetüme, die Staubwolken aufwirbelten wie urzeitliche Drachen, machten sich daran, alles auf ihrem Weg zu zermalmen. Ein Mann namens Plötzke hatte die leerstehenden





