Die Hausschuhe zwischen den Zähnen
– Bring mir die Hausschuhe, sagte Matthias, ohne vom Handy aufzublicken.
Katharina stand am Herd und rührte im Topf. Eine einfache Erbsensuppe, wie Matthias sie schon seit seiner Kindheit mochte. Das Brot war bereits geschnitten, die Teller standen auf dem Tisch, der Sauerrahm stand schon bereit.
– Sie stehen an der Tür, gab sie ruhig zurück. Du bist doch eben daran vorbeigelaufen.
– Ich habe gesagt: Bring sie mir. Endlich hob er den Blick vom Bildschirm, und Katharina sah in seinen Augen etwas Neues. Nicht einmal Ärger. Etwas Kühles und Fremdes. Zwischen den Zähnen, bring sie in den Zähnen.
Sie war einen Moment unsicher, ob sie sich verhört hatte. Oder ob es einer dieser dummen Sprüche war, die Matthias in letzter Zeit öfter von sich gab.
– Was? Sie drehte sich mit dem Holzlöffel in der Hand zu ihm um.
– Hast du mich verstanden. Bring die Hausschuhe mir im Maul. Wie ein Hund es tun würde. Damit ich weiß, dass du mich respektierst.
Katharina stellte den Löffel ganz langsam ab. Sie spürte ein Ziehen in der Brust, doch es war weder Wut noch Angst. Es war etwas anderes, schwerer und dennoch überraschend ruhig.
– Matthias, sagte sie, meinst du das ernst?
– Absolut.
– Du bist seit drei Jahren mit mir verheiratet. Isst mein Essen, schläfst in meinem Bett, wohnst in meiner Wohnung. Und jetzt forderst du, dass ich dir die Hausschuhe zwischen den Zähnen bringe.
– Das ist ein Test. Mama sagt, eine echte Ehefrau
– Stopp. Katharina hob die Hand. Erzähl mir nicht, was deine Mama sagt. Ich weiß, wer auf die Idee gekommen ist.
Matthias verengte die Augen:
– Siehst du? Nicht einmal das kannst du machen. Das Einfachste überhaupt. Mama hat Recht: Du respektierst mich nicht, leitest alles, ich bin für dich niemand.
– Für mich bist du mein Mann. Katharina stellte den Sauerrahm zurück in den Kühlschrank. Die Suppe ist fertig. Iss allein.
Sie verließ die Küche. Matthias sah ihr nach, als hätte sie gerade einen unverzeihlichen Fehler begangen.
Vermutlich war der Fehler schon viel früher begangen worden. Nicht an diesem Abend.
Katharina Weber, geborene Krause, hatte mit fünfundzwanzig Matthias Baumann geheiratet. Drei Jahre kannten sie sich schon. Sie hatten sich auf dem Geburtstag einer gemeinsamen Freundin kennengelernt, lange geschrieben, sich irgendwann getroffen, dann machte Matthias den Antrag. Alles, wie man es sich vorstellt, und Katharina war ehrlich gesagt froh über diese Beständigkeit und Ordnung. Nach unruhigen Studentenbeziehungen, einem bösen Liebeskummer, sehnte sie sich nach jemandem Verlässlichem.
Matthias schien verlässlich zu sein. Ruhig, etwas verschlossen, ein Fußballfan, der gerne grillte, von Beruf Mechatroniker in einer Werkstatt. Viel verdiente er nicht, aber versprach immer mit schiefem Lächeln, dass bald alles besser wird, dass sie einen eigenen Betrieb eröffnen würden, bald, ganz bald. Katharina glaubte ihm. Damals glaubte sie sowieso noch an vieles.
Die Wohnung hatte sie von ihrer Großmutter Irmgard geerbt, ein Jahr vor der Hochzeit verstorben. Zwei Zimmer, fünfter Stock, in Hamburg-Barmbek. Ein Neunparteienhaus aus den Siebzigern, gepflegt, mit großen Fenstern, netten Nachbarn. Großmutter war eine ordentliche Frau, daher war die Wohnung in Schuss, mit neuen Leitungen und frischer Farbe. Katharina renovierte noch nach ihrem Geschmack, strich die Wände neu, kaufte ein neues Sofa, alles vom eigenen Geld. Matthias half beim Möbelrücken und Regale aufhängen damals machte es Spaß, schuf Gemeinsamkeit.
Waltraud Baumann trat zunächst nicht in ihr Leben. Es schien, als wollte sie abwarten. In den ersten Monaten kam sie selten vorbei, brachte Wurstgläser und Apfelkuchen, lächelte Katharina freundlich, aber reserviert an. Katharina beneidete sich insgeheim: Ihre Freundin Steffi hatte eine Schwiegermutter, die schon nach zwei Monaten eingezogen war und nicht wieder auszog.
Mit der Zeit änderte sich das. Wie Licht, das im Oktober schleichend früher verschwindet, kam Waltraud irgendwann beinahe täglich vorbei. Zuerst rief sie einmal pro Tag an, dann vormittags und nachmittags, schließlich mehrfach. Morgens fragte sie Matthias, ob er nicht friere oder gut gefrühstückt habe, mittags was es zu essen gäbe und ob Katharina selbst gekocht oder etwas vom Bäcker geholt habe wegen Matthias Blutdruck. Abends rief sie an, ob der Tag zu anstrengend war, warum Matthias so müde klang.
Erst mischte sich Katharina nicht ein. Es war eben seine Mutter, sie war allein, brauchte Nähe. Doch nach und nach bemerkte sie, dass Matthias sich mit jedem Anruf ein Stück veränderte. Er wurde irritierter, fordernder. Konnte in die Küche kommen und sagen: “Mama meint, Erbsensuppe kocht man ohne geräucherten Speck. Oder: Du gibst zu viel Geld für Kosmetik aus. Oder: Die Wohnung muss jeden Tag nass geputzt werden, nicht jeden zweiten!”
– Matthias, fragte Katharina einmal, hast du eigentlich eine eigene Meinung oder nicht?
Er war gekränkt. Warf ihr vor, seine Mutter nicht zu respektieren. Katharina entschuldigte sich was sich später als Fehler herausstellte. Denn mit Waltraud durfte man keinen Schritt zurückweichen.
Die Schwiegermutter war eine resolute Frau von zweiundsechzig Jahren, mit einer kurzen Dauerwelle und Kommandostimme. Zwanzig Jahre baute sie die Stadtreinigung mit auf, war Bereichsleiterin, und konnte offenbar im Ruhestand nicht umschalten oder wollte es gar nicht. Ihr Mann starb früh, Matthias war damals sieben, von da an lebte Waltraud nur für ihn. Er war ihr Lebensinhalt, ihr Stolz, ihre Sorge und Arbeit.
Dass dieser Sohn heiratete, empfand sie als persönlichen Affront. Zuerst konnte sie es kaschieren, doch mit der Zeit war klar: Hinter der Fassade wartete jemand, der den Krieg verloren hatte und jetzt zu Guerillataktiken überging.
Die unangemeldeten Besuche begannen im zweiten Ehejahr. Katharina konnte am Wochenende im Hausmantel sein, frisch geduscht, im Schlafanzug, nichts ahnend und plötzlich klingelte es, und Waltraud stand in der Tür, mit einer vollen Einkaufstasche und prüfendem Blick.
– Staub auf den Regalen, bemerkte sie. Putz du das auch regelmäßig, Katharina?
– Hallo, Waltraud, antwortete Katharina. Ich habe Sie heute nicht erwartet.
– Muss ich mich etwa anmelden? Ich besuch meinen Sohn, das wird man wohl noch dürfen!
Und Matthias? Er schwieg. Schaute manchmal beschämt, sagte aber nie etwas. Dieses Schweigen war das Schlimmste. Hätte er sie verteidigt, wenigstens gebeten: Mama, klingel bitte vorher an, hätte das schon etwas bedeutet. Doch immer dieses Schweigen. Und darin lag jedes Mal die Antwort auf ihre Fragen, wie es weitergehen solle.
Sie, Katharina, schwieg nicht. Sie redete mit Matthias. Immer wieder, nach Waltrauds Besuchen, ruhig, ohne Tränen, erklärte sie, so könne das nicht weitergehen, man müsse Grenzen setzen, auch sie habe ein Recht auf Respekt im eigenen Zuhause.
– Du magst sie halt nicht, warf Matthias ein.
– Ich muss sie nicht lieben. Ich muss sie respektieren das aber muss beiderseitig geschehen.
– Sie ist eine ältere Frau.
– Sechsundsechzig, gesund und fidel, sagst du selbst.
– Sie ist meine Mutter.
– Und ich deine Frau. Oder etwa nicht?
An dieser Stelle kamen sie nie weiter. Matthias zog sich auf den Balkon zurück, griff zum Handy, murmelte, sie würde “alles viel zu kompliziert machen”, ging ins Bett. Katharina blieb sitzen, mit ihrem kalt gewordenen Tee, und hatte das Gefühl, wie gegen eine Wand zu reden.
Sie erzählte alles Steffi. Die lachte bloß, seufzte und sagte: Kathi, das ist typisch. Das sind Muttersöhnchen, die ändern sich nie. Doch Katharina wollte Matthias nicht nur als so einen Typen sehen. Er war kein schlechter Mensch. Nicht böse, nicht gewalttätig, hilfsbereit sogar, half Nachbarn bei kaputtem Wasserhahn, Katharinas Mutter bei Technikproblemen. Kein Trinker, kein Schürzenjäger. Nur eben… lenkbar. Katharina entdeckte später das Wort: lenkbar. Wie ein Boot ohne Steuer, das dahin schwimmt, wo der Strom es hintreibt.
Und der Strom, das war Waltraud.
Im dritten Ehejahr wurde es am schlimmsten. Im Herbst kam die Schwiegermutter fast täglich. Sie brachte Essen mit nicht aus Hilfsbereitschaft, sondern um zu demonstrieren, dass Katharinas Küche nichts taugte. Sie rückte Dinge um, kritisierte die Vorhänge, monierte den Teppich. Einmal durchwühlte sie beim Besuch den Kleiderschrank um Ordnung zu machen. Katharina fand sie im Schlafzimmer, als sie aus der Dusche kam.
– Waltraud, bitte, lassen Sie unsere Sachen, sagte sie leise, aber bestimmt.
– Ich wollte doch nur helfen, schmollte Waltraud.
– Das ist keine Hilfe.
Katharina hörte sie später in der Küche zu Matthias sprechen: Deine Frau ist frech. Frech ins Gesicht! Siehst du das nicht? Oder bist du jetzt auch schon unter Pantoffel?
Und Matthias schwieg. Schaute Katharina immer kälter an so, als prüfe er, ob die Worte der Mutter stimmten.
So begannen diese merkwürdigen Diskussionen über Respekt, wer das Sagen habe, was eine Ehefrau wissen sollte. Die Wörter waren nicht seine, sondern klangen nach seiner Mutter. Er versuchte, die Rolle auszufüllen, die Waltraud ihm zugedacht hatte sie stand ihm überhaupt nicht, doch er spielte trotzdem mit.
Die Sache mit den Hausschuhen hatte Waltraud wohl von einer Bekannten aufgestöbert: Dort prüfte ein Mann angeblich so die Unterwürfigkeit seiner Frau. Vielleicht war es auch eine eigene Idee Katharina war sich sicher, sie hatte ihren Ursprung bei der Schwiegermutter.
Nach jenem Abend veränderte sich die Stimmung grundlegend. Matthias begann einen stummen Boykott: Keine Antworten, Ignorieren beim Abendessen, das von Katharina Gekochte rührte er nicht an, aß lieber das, was seine Mutter in Töpfen und Dosen brachte. Neben Katharina ging er vorbei, als wäre sie Luft.
In den ersten Tagen fühlte sich Katharina, als wäre sie geschlagen worden. Nicht mit der Faust, schlimmer mit Kälte. Mit Gleichgültigkeit. Man nimmt sie wahr, aber sie ist unsichtbar. Man spricht, wird nicht gehört. Sie versuchte mehrfach, das Gespräch zu suchen, zu fragen, was Matthias wolle. Er schwieg oder entgegnete lapidar: Du weißt es doch. Als sie eines Tages weinte, sah er sie mit so einem festen, zufriedenen Gesichtsausdruck an, dass ihr die Tränen versiegten. Kein Mitleid eher Genugtuung.
Aha, dachte Katharina, und spürte, wie sich etwas in ihr verschloss.
Nicht dass sie zerbrach. Nein, es machte einfach zu. Wie ein Fenster, das von einem Windstoß zuknallt.
Waltraud kam jetzt jeden Morgen. Sie setzte sich in die Küche, trank Tee, beobachtete, wie Katharina sich für die Arbeit fertigmachte. Katharina war Managerin in einem Reisebüro am Hauptbahnhof, fuhr mit der U-Bahn, ging um halb neun aus dem Haus. In der Zeit schaffte es Waltraud, ihr immer einen Seitenhieb zu verpassen. Ganz ruhig, ohne Lautstärke, mit einem Lächeln.
– Schon wieder diese Strickjacke? Sie macht dich dicklich.
– Katharina, du hast löslichen Kaffee gekauft? Matthias darf so was gar nicht, wegen des Herzens!
– Du siehst müde aus. Schläfst du schlecht?
Täglich, systematisch, leise Demontage. Katharina nannte das für sich so, und es war treffend.
Eines Abends, Matthias war im Bad, setzte sich Waltraud näher zu Katharina, sprach leise, beinahe verschwörerisch:
– Katharina, sei vernünftig. Gib nach. Was kostet dich das schon? Bring ihm die Hausschuhe, dann ist wieder Ruhe.
Katharina sah ihr lange in die Augen.
– Waltraud, wissen Sie eigentlich, was Sie Ihrer Schwiegertochter da vorschlagen?
– Ich schlage Frieden in der Familie vor.
– Nein. Sie empfehlen, mich selbst zu erniedrigen, damit Ihr Sohn sich überlegen fühlt. Das ist kein Frieden, das ist Kapitulation.
Waltraud verzog die Lippen, stand auf, sagte spitz:
– Dann leb eben mit deinem Stolz. Mal sehen, wie du damit klarkommst.
Nach ihrem Abgang saß Katharina lange in der Küche. Draußen leuchteten die Fenster der Nachbarhäuser, irgendwo bellte ein Hund, Straßenlärm drang herein. Ein ganz normaler Herbstabend in einem Hamburger Wohnviertel. Katharina erinnerte sich, wie sie vor drei Jahren mit Blumen zum ersten Mal diese Wohnung betrat und sich jetzt wie eine Fremde fühlte. In ihrer Wohnung, die Oma gehört hatte, die sie selbst gestrichen hatte.
Sie dachte lange nach. Schließlich griff sie zum Telefon. Nicht um ihre Mutter oder Steffi anzurufen sondern Ulrike, Matthias Tante väterlicherseits. Ulrike Baumann, die in der Familie immer geachtet und ein wenig gefürchtet wurde.
Ulrike Baumann, älteste Schwester von Matthias verstorbenem Vater, war achtundsechzig, energisch, direkt und herzlich. Sie wohnte gleich um die Ecke, der Kontakt zu Katharina war immer angenehm gewesen. Ulrike hatte von Anfang an zu Katharina gehalten, kein Tamtam gemacht, aber einmal nach ein paar Schnäpsen beim Familienessen gesagt: Gutes Mädchen, Katharina. Aber Waltraud wird dich nicht in Ruhe lassen. Die hat Matthias schon als Kind das Leben schwer gemacht, jetzt bist du dran.
Damals hatte Katharina gelacht. Jetzt erinnerte sie sich daran.
Sie schrieb eine SMS: Ulrike, darf ich Sie morgen anrufen? Ich bräuchte Ihren Rat.
Es dauerte keine fünf Minuten: Du kannst jederzeit anrufen, ich bin zuhause.
Am nächsten Tag telefonierten sie fast eine Stunde. Katharina erzählte alles. Über den Hausschuh-Test, den Boykott, die täglichen Demütigungen. Ulrike hörte zu, ohne zu unterbrechen. Dann sagte sie:
– Hör zu, Katharina, eines muss ich dir sagen. Waltraud hat das immer so gemacht. Matthias bekam schon als Kind den kalten Krieg: Eine Woche wurde er ignoriert, wenn er nicht spurte. Der Junge fiel auf die Knie, bat um Verzeihung. Sie hat ihm beigebracht: Wer nicht gehorcht, wird mit Kälte bestraft, Vergebung muss man verdienen. Das ist alles, was er kennt.
– Das erklärt manches, sagte Katharina langsam. Aber entschuldigt es nicht.
– Nein, natürlich nicht. Deswegen kannst du mit ihm keine Lösung erzwingen, solange die Mutter ihm im Nacken sitzt. Sie hat da Jahrzehnte Übung, bist du gegen machtlos.
– Ulrike, sagte Katharina, können Sie mir einen Gefallen tun? Ich brauche Hilfe.
Sie schilderte ihren Plan, Ulrike lachte laut und herzlich.
– Respekt, Mädchen. Ich bin dabei. Sag mir wann, und ich komme.
Den Plan auszutüfteln, dauerte Tage. Katharina blieb in dieser Zeit still, sachlich, fast unsichtbar. Sie kochte, putzte, ging zur Arbeit, reagierte nicht auf Matthias Boykott. Er wirkte zufrieden, interpretierte ihr ruhiges Verhalten als Nachgeben. Er war wieder gesprächiger, beantwortete Fragen, rutschte näher. Einmal bedankte er sich sogar fürs Abendessen.
– Siehst du, sagte Waltraud zu Matthias bei Tee, als Katharina kurz hinausging, hab ich doch gesagt: Sie lenkt ein, man muss nur Geduld haben.
Katharina stand im Flur, presste die Zähne zusammen, trat wieder ein ganz ruhig.
– Waltraud, sagte sie, setzte sich, ich habe einen Vorschlag.
Die Schwiegermutter rechnete mit allem Tränen, Vorwürfen, Streit. Nicht damit.
– Ich denke, wir sollten das Thema ein für alle Mal klären. Richtig als Familie, offiziell. Ich schlage vor, wir machen ein Familienessen. Alle zusammen, offen über alles sprechen, um fair und erwachsen miteinander umzugehen.
Waltraud tauschte einen Blick mit Matthias. In ihrem Gesicht Triumph: “Sie will aufgeben, bittet um Frieden unsere Bedingungen.”
– Soll Ulrike auch kommen? fragte Katharina. Sie ist schließlich das Familienoberhaupt, ein neutraler Zeuge.
Da zuckte Waltraud merklich zusammen. Mit Ulrike kam sie nie klar die war zu direkt. Aber sie ablehnen hätte Schwäche gezeigt.
– Soll sie doch kommen, sagte sie steif.
Matthias sah Katharina an. Er verstand nicht, hoffte offenbar auf ein Geständnis, dass Katharina sich unterwirft. Er lächelte ihr sogar erleichtert zu. Katharina lächelte ruhig zurück.
Der “Familientag” war für den folgenden Samstag ausgemacht. Katharina bereitete sich vor, nicht aufs Essen das war nur Kulisse sondern auf das Gespräch, proben jede Formulierung, jede Pause, manchmal leise flüsternd vorm Badezimmer-Spiegel.
Sie suchte keine Dramatik, keinen Krach. Sie wollte ehrlich sagen, was Sache war sachlich und klar.
Parallel sammelte sie die wichtigsten Dokumente zusammen. Den Erbnachweis für die Wohnung fand sie wie immer oben im Schrank. Dann rief sie eine Rechtsanwältin an der Arbeit an, riss kurz an, was bei einer Scheidung mit Eigentumswohnung zu beachten war, die ihr allein gehörte. Die Juristin erklärte: Ohne Ehevertrag bleibt die Wohnung bei ihr; alles andere teilt man. Katharina bedankte sich.
Am Abend vor dem Essen rief sie ihre Mutter an. Angela Krause wohnte am anderen Ende der Stadt und erfuhr nur, was Katharina ihr erzählte meist wenig. Jetzt sagte sie fast alles.
Ihre Mutter schwieg lange. Dann:
– Kathi, bist du sicher?
– Ja.
– Du weißt, ich unterstütze dich, ganz egal, was du entscheidest.
– Ich weiß, Mama.
– Dann mach es. Du schaffst das.
Am Samstag stand Katharina früh auf. Trank Kaffee am Fenster, sah draußen auf den herbstlichen Hinterhof, wo ein Rentner Laub zusammenfegte. Es war Ende Oktober, die Blätter golden, der Himmel tieflgrau ein typisch norddeutscher Oktobertag.
Sie zog ein dunkelblaues Kleid an, nicht festlich, nicht trüb, einfach eines, das ihr stand. Die Haare zu einem ordentlichen Knoten, ein wenig Lippenstift. Im Spiegel sah sie ruhig aus und das stimmte auch.
Der Tisch war um zwei gedeckt. Alles ordentlich: Teller, Brot, Wurstaufschnitt, Hauptgang. Ein gewöhnliches Familienessen, nichts Besonderes.
Um viertel nach zwei klingelte Ulrike. Sie umarmte Katharina kräftig, drückte sie und raunte: “Halt dich wacker!” Sie setzte sich selbstverständlich an das Kopfende des Tisches wie abgesprochen. Das war wichtig: Nicht Waltraud, sondern Ulrike führte nun das Regiment.
Um halb drei kamen Matthias und seine Mutter. Er im gebügelten Hemd, sie im grauen Pullover und mit frisch geföhnten Haaren. Waltraud betrat die Wohnung wie eine Zarin, nickte Ulrike kurz zu. Die erwiderte das Nicken nur knapp, was Waltraud aus dem Konzept brachte.
Sie setzten sich. Katharina verteilte die Suppe. Waltraud öffnete den Mund, wollte gerade einen Kommentar zum Geschmack machen doch Katharina kam ihr zuvor.
– Einen Moment bitte, bat sie. Ich möchte zuerst etwas Wichtiges sagen. Genau deshalb sitzen wir hier.
Matthias wurde hellhörig, sah Katharina an wie jemand, der seine Lebensgefährtin plötzlich fremd sprechen hört.
– Katharina, muss das jetzt sein? begann Waltraud. Doch Ulrike legte ihr ruhig die Hand auf den Arm:
– Lass uns hören, was sie sagt.
Katharina stand auf. Das passierte ganz natürlich. Sie umrundete die Anwesenden mit dem Blick. Matthias, Waltraud, Ulrike. Drei Leute. Und sie.
– Vor ein paar Wochen hat mein Mann verlangt, dass ich ihm die Hausschuhe zwischen den Zähnen bringe, sagte sie. Nicht als Witz, sondern um meinen Respekt zu prüfen.
Ulrikes Stirn zog sich zusammen. Waltraud verkrampfte den Löffel.
– Ich habe es abgelehnt. Seitdem redet Matthias nicht mehr mit mir, isst mein Essen nicht. Das geht nun einen Monat so. Sie machte eine Pause. Waltraud kommt seitdem jeden Tag. Kritisiert, wie ich putze, koche, wie ich aussehe. Nannte mich unverschämt, weil ich sie bat, meinen Kleiderschrank nicht umzuräumen.
– Jetzt übertreibst du aber, wollte Matthias einwenden.
– Matthias, schweig! sagte Ulrike leise. Und er schwieg.
– Ich sage jetzt drei Sachen, fuhr Katharina fort. Erstens: Die Wohnung hier habe ich von Oma geerbt. Ich habe hier mein Geld, meine Zeit, mein Herzblut hineingesteckt. Es ist mein Eigentum. Nicht unser gemeinsames Eigentum, sondern mein, laut Papier und Tatsache. Matthias hat in drei Jahren kein einziges Mal die Nebenkosten gänzlich selbst bezahlt. Lebensmittel zahle fast immer ich. Die Haushaltsgeräte der letzten Jahre: von meinem Geld angeschafft.
Matthias lief rot an. Wollte den Mund öffnen:
– Du hast unregelmäßig Arbeit, fiel ihm Katharina ins Wort, ganz sachlich. Ich mache dir keinen Vorwurf, aber so ist es.
– Zweitens: Waltraud, ich sage es offen. Drei Jahre lang haben Sie daran gearbeitet, unsere Ehe zu zerstören. Warum auch immer. Sie haben Ihren Sohn geprägt, dass eine Frau mit eigener Meinung und Würde eine schlechte Ehefrau sei. Sie haben jemanden aufgezogen, der keinen Rückhalt für seine Frau bieten mag und keine Entscheidungen treffen kann.
Es herrschte eine Stille, in die man den vorbeifahrenden Bus draußen hörte.
– Drittens, wandte sich Katharina zu Matthias. Ich werde mich scheiden lassen. Das ist endgültig. Bitte zieh innerhalb von zwei Wochen aus. Bis die Formalitäten beendet sind, kannst du noch hier wohnen sofern du mir das Leben nicht schwer machst.
Ihr Blick suchte die Schwiegermutter.
– Waltraud, ich wünsche nicht, dass Sie noch einmal diese Wohnung betreten. Nie wieder.
Da explodierte Waltraud doch. Sie sprang auf, Stuhl quietschte:
– Das ist ja unerhört! Du zerstörst die Familie!
– Waltraud, sagte Ulrike ruhig. Sie erhob sich, stützte sich auf den Tisch. Du hast gehört, was Katharina sagt. Ich auch. Und ich sage: Sie hat in allem Recht.
– Ulrike, du
– Schweig und hör zu, sagte Ulrike mit einer ruhigen Autorität. Ich kenne dich lang genug, Waltraud. Du hast aus deinem Sohn einen Invaliden gemacht. Kein körperlicher Schaden nein, hier drin. Sie klopfte sich auf die Brust. Er fürchtet dich mehr, als dass er dich liebt. Und dadurch kann er auch keine Frau lieben, weil er gewöhnt ist, dass es nur eine Frau in seinem Leben geben darf dich. Das ist keine Liebe, das ist Kontrolle.
Matthias war kalkweiß. Schaute auf den Tisch.
– Katharina, Ulrike wandte sich ihr zu, du bist klasse. Fang neu an. Mach dein Ding.
Sie nahm ihre Tasche, verabschiedete sich knapp und verschwand.
Waltraud stand einen Moment unschlüssig im Zimmer, dann raffte sie ihre Sachen, brummte etwas und ging. Die Tür fiel ins Schloss.
Matthias hob den Blick zu Katharina. In seinen Augen lag alles Mögliche, das sich nicht benennen ließ. Verunsicherung, Enttäuschung, vielleicht sogar Erleichterung.
– Katharina, vielleicht können wir doch noch… willst du reden…
– Ich habe drei Jahre gesprochen, antwortete sie. Das wars.
Sie begann, den Tisch abzuräumen. Die Suppe blieb unangerührt.
Die Scheidung dauerte zwei Monate. Alles lief ruhig ab, ohne Streit: Es gab nicht viel zu teilen, kein Auto, keine Kinder. Matthias holte seine Sachen zweimal ab beim ersten Mal Kleidung und Werkzeug, beim zweiten Möbel, die aus Waltrauds Haushalt stammten. Katharina half still beim Tragen, ohne Tränen, ohne böse Worte. Beim letzten Blick aus der Tür nickte sie ihm zu er nickte zurück.
Die ersten Tage nach seinem Auszug ging Katharina durch die Wohnung und lauschte der Stille. Es war eine andere Stille als das erdrückende Schweigen des Boykotts. Jetzt war sie leer und offen für Neues.
Sie verrückte die Möbel. Nicht, weil die alte Aufstellung schlecht war sie hatte einfach Lust darauf. Schob das Sofa ans Fenster, hängte neue Vorhänge auf, die sie schon lang hatte kaufen wollen, aber immer die Schwiegermutter im Hinterkopf hatte: Geschmacklos. Nun waren sie da: warmgelb, herbstlich.
Sie rief Steffi an:
– Steffi, ich bin jetzt geschieden.
– Weiß ich doch, hast du mir doch letztens erzählt.
– Nein, ich bin geschieden. Offiziell. Hab gestern den Schein bekommen.
– Und?
– Es geht gut, sagte Katharina lachend. Komisch, aber gut.
Sie trafen sich abends im Café Gemütlich an der Alster, tranken Tee und sprachen stundenlang. Steffi erzählte, was bei ihr los war; Katharina hörte zu und bemerkte: So entspannt hatte sie sich lange nicht mehr gefühlt: Nicht getrieben, nicht immer mit dem Gedanken, gleich nach Hause zu müssen weil vielleicht Matthias wartet oder Waltraud schon wieder da sitzt.
– Du wirkst leichter, stellte Steffi fest. Nicht dünner, aber… unbelastet.
– Ich weiß, was du meinst.
Es fiel ihr am Anfang schwer. Nicht, weil sie Matthias vermisste. Sondern drei Jahre sind drei Jahre eingespielte Gewohnheiten, Alltagsrhythmus. Morgens lag sie noch manchmal da, gewahr werdend, dass das Bett ihr allein gehörte. Manchmal überkam sie Wehmut weniger nach Matthias als nach der Vorstellung, wie es hätte sein können: Gemeinsam abends essen, Pläne schmieden, Fernsehen auf dem Sofa. Das hatte es so nie gegeben, und trotzdem war es schade.
Das verging. Mornings kochte sie Kaffee, die Wehmut löste sich auf wie Zucker darin.
Sie meldete sich zum Strickkurs an. Schon im Studium hatte sie es vorgehabt, immer war was dazwischengekommen. Frau Berenz leitete den kleinen Kurs: schnell mit den Nadeln, freundlich im Ton, ringsum Frauen jeden Alters eine, siebzig, wollte Socken für die Enkel stricken, weil die aus dem Laden immer kratzen. Katharina fühlte sich sofort wohl. Es roch nach Wolle und Tee, draußen tanzte der Schnee, und Frau Berenz erklärte die ersten Maschen so klar, dass Katharina am liebsten für immer dageblieben wäre.
Bei der Arbeit fiel sie auf oder besser: sie traute sich mehr, brachte Ideen ein, schaute in Besprechungen nicht mehr zu Boden. Ihre Chefin, Frau König, meinte einmal: “Sie sind irgendwie anders. Positiv.” Katharina überlegte kurz und sagte: “Das glaube ich auch.”
Sie begann, Geld für einen kleinen Wagen zu sparen. Die Anmeldung zur Fahrschule folgte. Abends fuhr sie zur Fahrstunde, erst voller Angst, dann immer sicherer. Ihr Fahrlehrer Herr Jung war geduldig, brummte zwar ab und an, kannte sich aber aus bald konnte Katharina den Wagen schon souverän wenden.
Matthias war mittlerweile zu seiner Mutter zurückgezogen.
Das hörte sie von Ulrike, die hin und wieder nach dem Rechten fragte. Waltraud habe Matthias mit offenen Armen empfangen, ihn gleich wieder ins alte Kinderzimmer einquartiert und begann erneut zu kontrollieren:
– Sie durchwühlt nun sogar seine Taschen, berichtete Ulrike mit jener Punktgenauigkeit, die nicht gehässig klingt. Sucht in seinen Sachen, kontrolliert, mit wem er Kontakt hat. Matthias jammerte sogar seinem Cousin, es sei schlimmer als damals im Zivildienst.
– Er tut mir leid, sagte Katharina. Sie meinte es ehrlich.
– Er muss sich schon selbst leid tun, erwiderte Ulrike nüchtern. Aber lass du sein Leben sein. Du hast deines.
Oft dachte Katharina über dieses Mitgefühl nach. Sie empfand es tatsächlich. Nicht wie für einen Exmann, sondern für einen Menschen, dem vom Leben etwas falsch mitgegeben wurde. Mehr war es nicht, ein Verstehen und Gehenlassen.
Im Dezember meldete sich Matthias ob er die restlichen Sachen abholen könne. Katharina schrieb zurück: “Komm ruhig.”
Er erschien sonntagmorgens. Sah schlecht aus, eingefallen, müde, Jacke zerknittert. Katharina machte die Tür auf, trat zur Seite.
– Hallo, sagte er.
– Hallo.
Er packte seine Kisten, schwieg erst, dann:
– Katharina, ich will dich nicht lange aufhalten
– Ist auch besser so.
– Ich wollte nur sagen: Ich lag falsch. Mit allem.
– Das weiß ich.
– Gib mir noch eine Chance. Habe ein Zimmer gemietet, ich
– Nein, sagte Katharina ruhig, aber bestimmt. Es ist vorbei.
Er schaute sie lange an, dann nickte er, akzeptierte es.
– Hilfst du tragen? Er deutete auf die Kisten.
– Klar.
Sie schleppten sie zusammen runter, still. Unten wartete sein Cousin im alten Ford. Matthias stieg ein, alles passte.
Just in dem Moment hörte sie vom Ende der Straße ihre Schwiegermutter.
– Matthias, halt! Waltraud kam, schwer atmend, auf sie zu. Halt, Matthias! Ich will auch mit!
Sie stellte sich Katharina gegenüber:
– Du zerstörst sein Leben, hörst du? Ich geh zum Jugendamt, zur Zeitung, überall hin, ich
– Waltraud, Katharina sagte es leise, Sie reden von Kindern, Sorgerecht. Wir haben keine Kinder.
– Na und? Ich finde schon was!
– Sie sollten sich vielleicht erinnern, letzten Dezember. Da kamen Sie mit Vorwürfen wegen Geld, bei mir und der Nachbarin Frau Voigt. Es gab Zeugen.
Das war teils Wahrheit, teils Bluff. Etwas Ähnliches hatte tatsächlich stattgefunden, manches war frei erfunden. Waltraud wusste nicht, was genau existierte das reichte.
– Außerdem, setzte Katharina hinzu, hat Ulrike mir einiges über Ihre Zeit bei der Stadt erzählt. Über Bauverträge
Das war ein Schuss ins Blaue aber er traf: Waltraud erbleichte sichtlich.
– Die Ulrike sie
– Sie sprach wenig. Aber wenn Sie mit Krieg anfangen, frage ich nach. Wir sind quitt, finden Sie nicht?
Einige Sekunden sahen sie sich nur an.
– Noch eins, sagte Katharina. Ihre Nachbarin Frau Krüger hat mich letzte Woche gefragt, wie es Ihnen geht. Sie meinte, Sie seien in den letzten Jahren sehr schwierig geworden, überall Streit. Sie werden kaum noch eingeladen.
Das stimmte. Die Nachbarin hatte all das wirklich in der Drogerie erzählt.
Waltraud sagte nichts weiter. Blass stand sie da.
Matthias hatte das alles beobachtet und die Mutter offensichtlich zum ersten Mal mit anderen Augen gesehen: wie sie am fremden Hausflur stand, nervös, in halb offenem Mantel. Dann wandte er sich an Katharina, ruhig:
– Entschuldige mich. Für alles für die Hausschuhe, den Rest.
– Ich habe lange vergeben, sagte sie. Schon vor Monaten.
Er nickte, trat zu seiner Mutter:
– Mama, ich ziehe morgen ins eigene Zimmer. Keine Wohnung von dir, keine von Katharina. Meine.
– Wieso? Wo willst du denn hin?
– Ich bin zweiunddreißig. Es reicht.
Er half ihr zum Wagen. Sie redete noch, diesmal ohne Überzeugung. Der Ford fuhr ab.
Katharina blickte ihnen nach, ging wieder rein.
Fünf Stockwerke Treppen, aufgeschlossen, Schuhe ausgezogen, in die Küche. Kessel aufgesetzt. Gegen Mittag, Sonntag, draußen Schnee. Sie saß da und hörte das Wasser kochen.
Es war traurig, aber auf eine echte, aufrichtige Weise. Drei Jahre Leben. Nicht nur Schlechtes auch Gemeinsames, Heiteres, Wärmendes. Es war. Es war vorbei.
Sie machte Tee, nahm die Stricknadeln. Arbeitete an dem zweiten Socken, dachte daran, wie sie für den Wochenendtrip nach München unbedingt dicke Handschuhe kaufen muss Steffi hatte vorgeschlagen: Komm, lass uns bayerisch schlemmen und Stadt gucken! Warum nicht.
Ein Signal am Telefon. Unbekannte Nummer, dann Falk, der Nachbar vom Schrebergarten. Sie hatten sich im Sommer kennengelernt, als Katharina bei Oma Irmgards Parzelle die Beerensträucher goss. Er sah sie mit einem undichten Wasserhahn kämpfen, half prompt, stellte sich als angenehmer Mensch heraus, schweigsam, warmherzig, mit einem Lächeln, das langsam, ehrlich heranreifte.
Falk schrieb: Hallo. Ich fahre manchmal im Winter zur Parzelle, Holz hacken. Darf ich auch auf dein Beet schauen? Die Folie am Gewächshaus sieht nicht stabil aus.
Katharina lächelte.
Würde mich freuen. Vielen Dank.
Pause. Dann:
– Kommen Sie selbst auch? Ist schönes Wetter, noch nicht zu frostig.
– Weiß noch nicht. Vielleicht nächste Woche.
– Gut. Ich bin am Samstag da.
Katharina legte das Handy weg und griff wieder zu Nadeln. Der Socken wuchs Masche für Masche, draußen fiel weiter Schnee. Sie dachte an Falk, an seine ruhigen Hände, wie er erklärt hatte, was am Wasserhahn nicht stimmte, direkt in die Augen sah und zuhörte.
Viel wusste sie nicht. Nichts Großes, nichts Definitives. Nur: Ein Mensch weiter drüben, der sich ums Gewächshaus sorgte. Genug fürs Erste. Mehr als genug.
Am Samstag fuhr sie wirklich raus. Mit dicker Jacke, Mütze, Thermoskanne Tee. Die S-Bahn war fast leer, roch nach Kälte und Brötchen. Vorbei rasten verschneite Felder, einzelne Bauernhäuser, kleine Gartenkolonien mit rauchenden Kaminen.
Katharina blickte aus dem Fenster und dachte: Vor drei Jahren fuhr sie diese Strecke, damals schon verheiratet, innerlich unruhig, aber noch ohne Namen dafür. Damals sagte sie sich: Es wird besser, du musst dich nur genug bemühen. Heute musste sie sich nicht mehr zureden.
An der Haltestelle hüpfte sie durch den Schnee bis zum dritten Garten links, hinter den Kiefern. Das Gewächshaus war heil, die Folie hielt stand. Am Zaun hackte Falk Holz.
– Guten Tag, grüßte er und legte die Axt weg.
– Guten Tag, erwiderte sie.
Ohne Mütze, aber in dicker Jacke, die Wangen gerötet. Sein Lächeln erschien wieder, langsam.
– Doch gekommen.
– Ja.
– Tee dabei?
– Natürlich.
Sie setzten sich aufs überdachte Bänkchen vor seinem Gartenhaus, eine Decke lag bereit. Katharina schenkte dampfenden Tee ein, blickte auf Omas Beet: verschneite Reihen, die kahlen Johannisbeerbüsche, auf dem Dach der kleine Wetterhahn, der sich im Wind drehte.
– Sind Sie oft hier? fragte Falk.
– Seit dem Sommer schon, davor lange nicht mehr. Jetzt komme ich gern.
– Winter hier ist schön, sagte er.
– Stimmt. Es ist ruhig.
Sie schwiegen ein angenehmes Schweigen.
– Geht es Ihnen gut? fragte er dann einfach.
Katharina dachte einen Moment nach.
– Ja, sagte sie dann. Es geht mir gut.
– Das ist schön, sagte er.
Sie blickte zum Wetterhahn. Oma Irmgard hatte ihn vor zwanzig Jahren selbst angemalt: Gelb, inzwischen abgeblättert, aber er drehte sich noch immer leise im Wind. Ein gutes Stück.
Irgendwo in Hamburg tappte Waltraud durch eine stille Wohnung. Irgendwo suchte Matthias ein Zimmer und dachte, wie merkwürdig das ist, mit zweiunddreißig ganz von vorn zu beginnen aber vielleicht gibt es keinen andern Weg.
Katharina saß auf der Bank, trank Tee, hörte wie im Haus nebenan Schnee unter Schuhen knirschte und aus der Ferne eine S-Bahn pfiff und neben ihr schwieg ein Mann mit warmen Händen.




