Die nähende Vogelscheuche
Viktor kommt gegen kurz vor acht nach Hause, und Nina spürt schon an den Schritten im Flur, dass er heute besonders zufrieden mit sich ist. Es ist nicht dieses leise, entspannte Wohlgefühl, sondern eine selbstzufriedene Stimmung, so, wie Menschen wirken, wenn sie sich selbst für besonders gelungen halten.
Sie steht am Herd, rührt in der Suppe. Aus dem Wohnzimmer trägt der Wind den würzigen Duft nach seinem Aftershave herüber, das er immer in großen Mengen auflegt, ohne zu sparen.
Nina, wo ist mein graues Sakko?, ruft er, ohne die Küche zu betreten.
Im Schrank, ganz links an der Stange, antwortet sie.
Sie hört, wie er die Türen öffnet und etwas verschiebt. Dann eine kurze Pause.
Hast du es gebügelt?
Gestern, sagt sie.
Er schweigt, was heißt, er ist zufrieden. Nina atmet tief durch. Die Suppe ist fertig, sie deckt den Topf zu und geht ins Wohnzimmer. Viktor steht vor dem Spiegel, das Hemd an, das Jackett übergestreift, zupft am Kragen. Er sieht gut aus, das fällt ihr auf sechzig ist er nun; doch er trägt sich gerade. Breite Schultern, aufrechter Rücken. Genau dafür hatte sie ihn vor all den Jahren geliebt.
Musst du noch weg?, fragt sie.
Bankett bei Herrn Professor Schneider. Jubiläum vom Fachbereich.
Nina zögert einen Moment. Dann bemüht sie sich um einen lockeren Ton: Vielleicht komme ich mit? Ich war schon ewig nicht mehr aus.
Viktor sieht sie nur im Spiegel an, nicht direkt. So, als sei sie ein zufälliges Objekt.
Im Ernst?
Ja, ich mache mich doch schick. Ich habe doch das blaue Kleid
Nina. Er zupft am Ärmel. Da kommen Leute. Kollegen, ihre Ehefrauen. Frauen von Format.
Etwas zieht sich in ihrer Kehle zusammen. Sie begreift erst gar nicht, worauf er hinauswill.
Und?
Nun dreht er sich um. Sein Blick ist weder böse noch hart schlimmer, er ist herablassend.
Sieh dich doch mal an, sagt er ruhig. Wann warst du das letzte Mal beim Friseur? Im März? Das blaue Kleid das hängt an dir wie ein Kartoffelsack, du siehst darin aus wie eine Vogelscheuche. Ich kann dich da nicht mitnehmen. Versteh das endlich.
Nina steht einfach da und sieht ihn an. In ihrem Kopf ist Leere.
Viktor
Lass es. Ich bin spät dran. Die Suppe lass auf dem Herd, ich komme spät zurück.
Er nimmt den Schlüssel vom Tisch am Spiegel. Das Jackett steht ihm. Die Tür schlägt zu. Dann die Haustür.
Nina bleibt mitten im Zimmer stehen.
Aus der Küche riecht es nach Suppe. Draußen ist März, grau und nass. Auf der Goethe-Straße, wo sie seit zweiundzwanzig Jahren wohnen, leuchten die Straßenlaternen matt durch die feuchten Scheiben.
Sie tritt vors Spiegel genau den, an dem Viktor gerade stand.
Sie betrachtet sich lange.
Das Haar. Zu lang, graue Ansätze. Das Gesicht erschöpft, obwohl sie heute fast nichts gemacht hat. Der Bademantel, schon abgewetzt, mit Knötchen an den Ärmeln. Sie weiß nicht mehr, wann sie ihn gekauft hat. Ist lang her. Sieben, acht Jahre vielleicht.
Vogelscheuche.
Sie weint nicht. Sie steht nur da und irgendwann erkennt sie die Frau im Spiegel nicht wieder. Nicht weil sie hässlich oder alt ist. Sondern weil sie keine Ahnung hat, wer das überhaupt ist. Was sie mag. Was sie will. Warum sie morgens aufsteht.
Nina Baumann, achtundfünfzig, Rentnerin, früher Buchhalterin. Ehefrau. Besitzerin einer Wohnung auf der Goethe-Straße in Kassel.
Mehr findet sie nicht.
Sie geht zurück in die Küche, schaltet die Suppe aus und legt sich schlafen es ist noch nicht einmal halb neun.
***
Am Morgen geht Viktor wie gewohnt zum Institut. Er ist Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Uni, hält seinen Beruf für etwas Bedeutendes und spricht darüber immer mit Gewicht. Frühstückt, bedankt sich mit einem knappen Nicken fürs Rührei und geht. Kein Wort zum gestrigen Abend.
Nina spült das Geschirr, wischt Herd und Tisch. Ihre Hände machen Vertrautes, der Kopf schweift ab.
Kurz darauf geht sie in die Abstellkammer. Vielleicht sucht sie Salz, vielleicht geht sie einfach, weil sie das Gefühl hat, irgendwohin zu müssen.
Die Kammer ist groß, mit Hochregalen. Es riecht nach altem Holz und irgendwas Kindlichem, an das Nina sich nicht erinnern kann. Sie schaltet das Licht an, blickt auf die Regale: Einmachgläser mit Gurken, eine Kiste mit Winterschuhen, alte Zeitschriften.
Und eine Schachtel ganz oben, die sie bestimmt fünfzehn Jahre nicht berührt hat.
Nina schiebt einen Hocker heran. Sie greift hinauf, die Kiste ist schwerer als erwartet und rutscht polternd zu Boden, klappt auf.
Drin liegt eine Nähmaschine. Alt, DDR-Model, Marke Veritas. Schwarz, goldene Buchstaben. Nina kennt jede Kante. Es war Mamas Maschine, später ihre. Sie hat sie aus Erfurt mitgenommen, als sie mit Viktor nach Kassel gezogen ist. Damals meinte Viktor, das Ding sei Ballast, aber sie brachte sie trotzdem mit, stellte sie in die Kammer und vergaß sie.
Nina kniet sich hin und fährt vorsichtig über das kühle Metall. Das Rad an der Seite ist ein wenig angerostet, doch als sie es probiert, lässt es sich drehen. Schwerfällig, aber es geht.
Plötzlich wird es ganz warm und bitter zugleich im Hals wie wenn man an etwas Schönes denkt, das längst vergangen ist.
Mit zwanzig hat sie zum ersten Mal ein Kleid genäht. Kein Muster, einfach nach Gefühl. Ihre Freundin Kathi bat sie kurz vorm Abiball darum sie hatte kein Geld für ein neues. Drei Nächte saß Nina darüber, aus mintgrünem Satin, den irgendwer aus Berlin mitgebracht hatte. Kathi weinte später vor Freude, so schön fand sie das Kleid.
Später nähte sie öfter für sich, für Mama, für die Nachbarinnen. Sie besuchte Schnittmusterkurse im Kulturhaus, träumte von mehr, auch wenn sie damals noch nicht wusste, was dieses mehr sein sollte. Ihre Hände verstanden Stoff einfach besser als andere.
Dann kam Viktor. Hübsch, selbstbewusst, gerader Rücken. Er meinte, Nähen sei ein nettes Hobby, aber nichts Ernsthaftes eine richtige Ausbildung müsse her. Sie machte eine Weiterbildung zur Finanzbuchhalterin. Dann Hochzeit, Umzug, Arbeit, Arbeit, Arbeit. Irgendwann landete die Nähmaschine oben auf dem Regal.
Nina nimmt sie hoch und trägt sie in die Küche.
***
Liselotte kommt gegen halb zwölf herein, wie immer ohne zu klingeln. Sie wohnt im Nachbarhaus nur der Innenhof trennt sie und betrachtet es als selbstverständlich, einfach aufzutauchen. Seitdem ihr Mann Konrad vor fünf Jahren verstorben ist, lebt Lilo allein und nutzt die Nähe zu Nina recht gern aus. Nina stört das nicht. Im Gegenteil, mit ihr kann sie reden.
Lilo kommt in die Küche, sieht die Nähmaschine auf dem Tisch und bleibt stehen.
Was ist das?
Veritas, von Mama geerbt.
Wo hast du die denn her?
Hochregal. Die stand da wohl ewig.
Lilo zieht Mantel und Schal aus, hängt beides an die Garderobe und gießt sich unaufgefordert Tee ein. Sie ist stattlicher als Nina, auffällig, hat mit dreiundsechzig noch immer Ausstrahlung. Kastanienbraunes Haar, Ohrringe auch im Alltag.
Und warum hast du die jetzt hervorgeholt?, fragt sie beim Hinsetzen.
Nina erzählt von Viktors Worten am Abend. Kurz, knapp, denn Lilo kennt Viktor, weiß, wie die Dinge laufen.
Lilo hält die Tasse mit beiden Händen, hört still zu. Als Nina endet, schweigt sie erst. Dann sagt sie:
Eine Vogelscheuche also.
Ja.
Das hat er gesagt?
Ja, Lilo.
Lilo stellt die Tasse hin. Ihr Gesicht zeigt, dass sie am liebsten schimpfen würde, sich aber zurückhält.
Nini, sagt sie leise. Wie viele Jahre lebst du jetzt schon so?
Wie denn so?
Na schweigend. Suppe kochen, Klamotten bügeln, Wohnung hüten.
Ich bin ja in Rente. Was soll ich
Drei Jahre bist du jetzt in Rente. Und davor hast du das dreißig Jahre so gemacht nur eben mit Beruf dazu. Lilo legt die Hand auf Ninas. Funktioniert deine Maschine überhaupt noch?
Weiß ich nicht. Habs nicht ausprobiert.
Probiers aus! Lilo nickt auf die Veritas. Weißt du noch den Rock, den du mir damals genäht hast? Schwarz, mit Schlitz? Ich hab ihn zehn Jahre getragen. Keine Schneiderin schafft so eine Passform.
Nina betrachtet die Maschine. Streicht den Finger übers Schwungrad.
Das ist schon lange her.
Die Hände verlernens nicht. Lilo steht auf, rückt ihre Strickjacke zurecht. Im April werde ich vierundsechzig. Ich will ein Kleid. Nicht so eine Konsumware, wie sie von der Stange hängt. Nähst du mir eins?
Lilo
Bitte. Nicht überreden. Nähst du mir ein Kleid?
Nina schaut sie an, dann die Maschine. Im Hof toben Kinder, Fußball hin und her, obwohl es immer noch kalt ist. Die Nähmaschine auf dem Tisch fühlt sich vertraut an ein unerwartetes Stück Ruhe.
Ich nähe eins für dich, sagt sie.
***
Das Öl besorgt sie noch am selben Tag. Ölt Achse, Rad und Nadelhalter. Spult den Faden auf, den sie in einer alten Bonbondose findet, brüchig, aber zum Ausprobieren reichts. Die Maschine rattert los anfangs ächzend, dann gleichmäßiger. Die Naht ist schief, aber immerhin eine Naht.
Nina betrachtet sie lange.
Am nächsten Tag fährt sie zum Östlichen Markt am anderen Ende Kassels, nahe der Fulda. In den überdachten Hallen gibt es alles: Geschirr, Werkzeug, Sämereien und Stoffe. Nina war bestimmt zwei Jahre nicht mehr da. Sie streicht mit den Händen über die Ballen: Krepp, Baumwolle, Wolle. Stoff wählt sie immer mit den Händen, nie mit den Augen.
In der Innenstadt hat ein neuer Stoffladen mit guter Auswahl eröffnet: Stoffe bei Fuchs, ganz unscheinbar in einem Souterrain in der Wilhelmstraße. Nina sucht ihn, läuft zweimal daran vorbei, ehe sie den Eingang findet und bleibt überrascht am Türrahmen stehen.
Der Geruch. Genau diesen Geruch hatte sie vergessen: Frischer Stoff, ein wenig staubig wie damals im Kulturhaus bei den Kursen, wie in Mamas Nähzimmer.
Die Verkäuferin, ein junges Mädchen mit Zopf, sieht sie abwartend an.
Ich brauche Stoff für ein Kleid für eine Frau von dreiundsechzig. Etwas Festes, Schönes. Nichts Auffallendes.
Schauen Sie hier. Das Mädchen breitet mehrere Stoffe aus.
Nina prüft im Licht, fühlt, überlegt. Hängen bleibt sie bei dunkelblauem Jersey mit feiner Struktur. Fest, leicht elastisch, schmeichelt der Figur. Sie nimmt drei Meter, lieber etwas Reserve.
Sie geht zu Fuß nach Hause, der Stoff unter dem Arm. Es ist schon mild, April, die Linden an der Freiheit bekommen zartes Grün. Auf dem Heimweg denkt Nina an den Schnitt: Lilo mag einen offenen Ausschnitt, aber wegen des Alters will sie ein moderates Dekolleté mit angesetztem Kragen. Rock schlicht, knapp unter dem Knie. Keine Rüschen, kein Schnickschnack nur gute Arbeit.
Erst als ihre Nachbarin Frau Vogt sie überrascht fragt: Was strahlen Sie denn so, Frau Baumann?, merkt Nina, dass sie lächelt.
***
Abends, während Viktor fernsieht, zeichnet sie das Schnittmuster auf Packpapier. Tagsüber hat sie Lilo ausgemessen. Viktor holt sich Wasser, sieht das Papier.
Was machst du da?
Schnittmuster. Ich nähe Lilo ein Kleid.
Er nimmt ein Glas, sieht auf das Papier.
Du vergeudest Zeit.
Sie hat mich gebeten. Hat bald Geburtstag.
Schneiderin Baumann! Er schnaubt kaum hörbar. Soll sie halt eins im Laden kaufen.
Sie will ein selbstgenähtes. Also mache ich das.
Viktor zuckt mit den Schultern und geht. Nina starrt ihm hinterher, dann beugt sie sich wieder übers Papier. Die Schulterlinie, die Brust, Taille Lilo ist kräftig gebaut, immer schon, das muss sie im Schnitt kalkulieren, damit es passt.
Nina arbeitet konzentriert bis fast Mitternacht merkt nicht, wie die Zeit vergeht. Sonst schleppten sich die Abende oft dahin. Heute fühlt sich alles anders an: Die Zeit vergeht und sie ist mittendrin.
***
Eine Woche näht sie an dem Kleid nicht weil es so aufwendig ist, sondern weil sie alles genau machen will. Jeder Naht prüft sie doppelt. Beim ersten Mal ist die Seitennaht zu weit, sie trennt auf, flickt nach. Die Hände erinnern sich; jeden Tag ein bisschen mehr. Am dritten Tag ist der Ablauf wieder selbstverständlich. Am fünften kommt der Rhythmus: Die Maschine rattert leise, und das Geräusch erfüllt die Küche und macht sie heimelig.
Viktor meckert mehrmals: Der Stoff staubt, die Maschine stört sein Korrigieren der Hausarbeiten im Nebenzimmer, es gibt schon wieder nur Nudeln zum Abendessen.
Nina kocht am nächsten Tag Borschtsch. Sie wechselt zwischen Herd und Maschine, doch es kostet sie keine Mühe. Eins geht ins andere über.
Nach zehn Tagen ist das Kleid fertig. Sie hängt es auf einen Bügel, tritt einen Schritt zurück und schaut. Es ist gut. Schlicht und würdevoll die Strenge, die erwachsenen Frauen steht. Kragen liegt sauber, Seitennähte glatt. Sie zupft am Saum, korrigiert minimal.
Sie ruft Lilo an.
***
Liselotte kommt eine halbe Stunde später, ganz außer Atem, Mantel offen.
Zeig her!
Nina nimmt das Kleid vom Bügel, reicht es ihr. Lilo begutachtet es, verschwindet dann zum Umziehen. Nina wartet in der Küche, mit Tee am Fenster. Draußen balanciert ein roter Kater auf der Bordsteinkante.
Nina! Lilos Stimme klingt ungewohnt.
Was?
Komm mal bitte.
Sie tritt ins Zimmer. Lilo steht vor dem großen Wandspiegel den Nina eigentlich nicht mag. Das Kleid sitzt. Nicht einfach nur gut besser. Es macht Lilo schlanker, steht ihr zum Haar.
Mein Gott, Nini.
Was?
Schau, was du geschafft hast!
Nina sieht Lilo an ein trockener Kloß im Hals, sie muss schlucken.
Gefällt es dir?
Und wie! Lilo dreht sich seitlich, dann frontal. Ich seh damit zehn Jahre jünger aus, weißt du das?!
Der Schnitt
Schnitt! Lilo lacht laut. Du bist ein Talent, Nini. Und trotzdem sitzt du hier und kochst Suppe. Weißt du was: Ich sage Frau Siebert Bescheid. Ihre Lieblingsröcke passen seit Jahren nicht mehr. Und Waltraud Müller schimpft immer, dass es in Läden nichts Anständiges gibt. Stört dich das, wenn sie fragen?
Nina will nein sagen, dass das ja bloß einmalig war. Doch irgendwas hält sie zurück.
Sag ihnen Bescheid, sagt sie.
***
Frau Siebert kommt zwei Tage später, den Rock unter dem Arm. Ein schlichter Wollrock, zu weit am Bund. Nina steckt ab, nimmt Maß, sagt freundlich: Kommen Sie übermorgen.
Der Rock passt Frau Siebert dreht sich begeistert vorm Spiegel.
Könnten Sie mir auch ein Kleid nähen?
Natürlich.
Was kostet das denn?
Nina stutzt. Bisher hat sie nicht ans Geld gedacht. Lilo und Frau Siebert waren einfach Freundschaftsdienste. Aber nun fragt jemand.
Ich sage Ihnen den Preis, wenn ich das Kleid entworfen habe.
Frau Siebert nickt zufrieden und geht. Nina setzt sich an den Küchentisch, denkt lange nach. Dann schreibt sie auf, was sie nehmen will: Änderung, große Änderung, einfacher Schnitt, Schnitt mit Futter. Korrigiert, verwirft, formuliert neu.
Sie blickt auf den Zettel und weiß nicht, was sie fühlt. Es ist etwas Neues, Unbekanntes. Boden unter den Füßen vielleicht.
***
Im Mai kommt Waltraud Müller, dann eine Freundin von ihr, deren Namen Nina vergessen hat. Dann Margrit aus dem Erdgeschoss, möchte eine Bluse passend zur Hose. Nina arbeitet nun direkt am Küchenfenster, schiebt die Maschine dahin, wo das Licht am besten ist. Sie kauft neue Garne, Nadeln besucht auch wieder Stoffe bei Fuchs, um Material auf Vorrat zu holen.
Viktor bemerkt das. Er kann es kaum übersehen: In der Wohnung riecht es nach Stoff, auf dem Küchentisch liegen Maßbänder, Nina telefoniert manchmal mit ihr fremden Frauen.
Wer war die Frau gestern?, fragt er beim Abendessen.
Eine Kundin. Blusenauftrag.
Kundin Viktor zieht das Wort in die Länge, mit diesem spöttisch-verächtlichen Tonfall. Machst du ein Geschäft auf?
Noch nicht.
Noch. Er legt die Gabel weg. Nina, verstehst du eigentlich, wie das rüberkommt? Ich lehre an der Universität. Meine Kollegen wohnen auch hier im Haus. Und bei uns geben sich fremde Damen die Klinke in die Hand, die Maschine lärmt…
So laut ist die Nähmaschine gar nicht.
Darum geht’s nicht. Es ist
Was denn, Viktor?
Keine Antwort. Nur Gabelklirren.
Früher senkte Nina in solchen Momenten den Blick, wartete, dass es vorbeiging. Heute sieht sie ihn einfach an.
Ich habe Kunden. Ich arbeite. Das ist gut.
Du bist Rentnerin. Du brauchst das nicht.
Doch, ich brauche das.
Viktor mustert sie. Etwas in ihrer Stimme überrascht ihn offenbar. Er schüttelt den Kopf.
Sorg wenigstens dafür, dass es uns nicht stört.
Sie fragt nicht, was er mit uns meint. Er präzisiert es auch nicht weiter.
***
Im Juni sagt Lilo:
Hör mal, da ist eine Geschichte. Susi Werner du kennst sie, gegenüber von der Post ihre Nichte heiratet. Sie sucht ein Hochzeitskleid. Kein Weiß, sie ist schon zweiundvierzig. Elegant, cremefarben. Würdest du das machen?
Nina überlegt. Ein Hochzeitskleid, das ist Verantwortung: viele Anproben, teurer Stoff. Sie hatte so etwas noch nie geschneidert, höchstens mal ein Abiballkleid.
Sie soll kommen, wir reden drüber, sagt sie.
Susis Nichte sie heißt Katja erscheint und beschreibt genau, was sie will. Nina hört zu, fragt nach, notiert alles.
Am Küchentisch, bei Tee, merkt Nina plötzlich: Es ist spannend. Nicht nur ein Auftrag, sondern eine Aufgabe. Katja weiß genau, wie sie wirken will. Nina nimmt den Auftrag an.
Preisfrage Nina nennt einen, Katja nickt kommentarlos.
Dann erwarte ich Sie nächsten Mittwoch zur ersten Anprobe, sagt Nina.
Nachdem Katja weg ist, merkt sie, wie ihre Hände leicht zittern aber nicht vor Angst.
***
An dem Abend ist Viktor gereizt. Nina weiß nicht, warum sie hat aufgehört, sein Gemüt ständig einzuschätzen. Er kommt später als sonst, wirft den Aktenkoffer achtlos hinunter, verschwindet im Zimmer. Nina näht noch an der Fütterung von Katjas Kleid.
Nina? ruft er.
Ja?
Wo ist das Abendessen?
Auf dem Herd. Die Frikadellen sind mit Deckel, noch warm.
Stille. Dann Schritte. Er steht in der Küchentür.
Du kannst nicht mal den Tisch decken?
Ich arbeite, Viktor.
Du arbeitest. Er sieht auf Maschine und Stoff. Deck gefälligst den Tisch.
Nina beendet die Naht, verstaut den Stoff. Dann hält sie inne.
Und plötzlich begreift sie: Sie muss nicht hingehen. Ganz ruhig, ohne Zorn.
Viktor, sagt sie. Hol dir einen Teller aus dem Schrank, das Brot ist in der Dose. Du findest dich zurecht.
Er sieht sie an.
Wie bitte?
In zwanzig Minuten nähe ich fertig und esse dann mit dir. Aber jetzt muss ich das hier beenden.
Es ist still. Vom Nachbarn hört man den Fernseher. Draußen fährt ein Auto vorbei.
Meinst du das ernst?
Sie sieht ihn an ganz ohne Angst.
Ja.
Viktor bleibt drei Sekunden stehen, dann geht er. Die Tür fällt ins Schloss.
Nina setzt sich wieder an die Maschine.
Sie essen an diesem Abend nicht zusammen. Sie hört, wie er in der Küche hantiert, dann wird es ruhig. Sie isst später allein im Stehen am Fenster. Draußen Mai-Nacht, heller als sonst, der Himmel grau-rosa über den Dächern.
Es fühlt sich gut an. Merkwürdig, leer aber gut leer, als hätte man etwas endlich umgesetzt, was schon lange in einem war.
***
Die Kleideranproben mit Katja verlaufen prima. Das Kleid wird genau, wie es besprochen ist: Cremefarbener Seidensatin, klarer Schnitt, schmal, der Rock leicht ausgestellt, Ärmel Dreiviertellänge. Bei der dritten Anprobe sagt Katja:
So gut habe ich noch nie ausgesehen.
Das Kleid ist für Sie nicht Sie für das Kleid, erwidert Nina.
Katja lächelt.
Ich erzähle das allen weiter.
Sehr gerne.
Nach Katjas Weggang bleibt Nina noch am Tisch sitzen. Werkstatt Lilo hatte mehrfach davon gesprochen, so, als wäre das möglich. Nina hatte immer abgewunken was soll ich mit knapp sechzig und einer Küche als Atelier? Aber plötzlich rechnet sie. Was hat sie in zwei Monaten verdient? Was kostet ein kleiner Raum, nicht mitten in der Stadt? Sie macht neue Notizen.
Es geht. Endlich passiert etwas nicht luxuriös, aber solide.
***
Das Gespräch mit Viktor plant sie nicht. Es passiert Ende Juli, als sie schon einen Raum gemietet hat, eine kleine Werkstatt an der Treppenstraße, zwei Fenster nach Süden. Drei Monate Vorausmiete zahlt sie aus den Einnahmen.
Viktor erfährt es von Frau Vogt aus dem Haus Ihre Frau hat eine Schneiderei aufgemacht, wunderbar für die Nachbarschaft. Er spricht sie sofort an.
Nina sagt die Wahrheit: Sie hat das Atelier, will dort nähen zu Hause sei es zu eng.
Viktor steht erst, dann setzt er sich. Das macht er selten in ernsten Gesprächen.
Du weißt, dass das albern ist? Mit achtundfünfzig eine Werkstatt eröffnen. Nina, das ist doch Kinderkram.
Für mich nicht.
Du musst Miete zahlen, Nebenkosten. Woher das Geld?
Ich verdiene es. Es reicht.
Er sieht sie lange an. Nina senkt den Blick nicht.
Du bist anders geworden, sagt er leise.
Wahrscheinlich.
Nicht zum Besseren.
Deine Meinung.
Er dreht sich zum Fenster, steht da, sagt dann, ohne sich umzudrehen:
Das geht vorbei, Nina, glaub mir. Reine Spielerei.
Vielleicht. Wir werden sehen.
Das war alles an jenem Abend.
***
Die Schneiderei heißt Lichtblick. Nina überlegt lange. Heimat klingt ihr zu weich, Atelier zu kühl. Lichtblick fällt ihr ein, als sie das erste Mal in den Raum tritt und die Sonne durchs Fenster scheint.
Sie malt die Wände weiß, stellt die Maschine ans helle Fenster, kauft ein Regal für Stoffe, einen großen Spiegel, Garderobe für die fertigen Teile. Lilo hilft beim Einrichten, schlägt vor, Blumen zu holen.
Unbedingt Blumen! Frauen sollen sich gleich wohlfühlen. Nimm Geranien!
Geranien sind altmodisch.
Aber robust! Nimm Veilchen.
Nina kauft drei Veilchentöpfe, in violett und weiß. Am Fenster sieht das schön aus.
Die erste Kundin kommt an einem Montag den 2. August. Sie ist fremd, kommt auf Katjas Empfehlung, will einen Mantel ändern lassen die Ärmel sind zu lang. Nina macht das in einer Stunde. Die Kundin sagt: Ich komme wieder.
Sie kommt wieder. Und andere auch. Immer neue.
Im September ist Nina zwei Wochen ausgebucht.
***
Nina verändert sich. Sie bemerkt es beim Blick in den Spiegel und hört es von anderen. Sie lässt sich auf dem Kopf in der Wilhelmstraße schneiden nicht mehr beim Billigfriseur, sondern bei der jungen Lena. Sie rät zu einem Bob, das silberne Haar betont. Eigentlich sieht sie gut aus so.
Sie näht sich selbst etwas eine Bluse in Leinen, hellgrau, mit kleinem Kragen. Zieht sie in der Werkstatt an. Margrit aus dem Erdgeschoss, die ihren Mantel bringen will, fragt sofort: Woher haben Sie die schöne Bluse?
Selbst gemacht.
Nähen Sie sich öfter etwas steht Ihnen wunderbar!
Sie beginnt, den eigenen Kleiderschrank umzustellen. Nicht radikal, aber im Laufe der Zeit. Vieles Altmodische trägt sie nicht mehr, dafür gibt es eigene Stücke. Im Oktober sieht sie anders aus. Nicht jünger. Eher genauer.
Viktor merkt das. Er erwähnt es nicht, sieht sie aber öfter und länger an.
Sie spricht ruhig mit ihm, macht Haushalt, putzt, kocht. Aber es ist nicht mehr alles, was ihr Leben ausmacht.
***
Im Oktober kommen drei Kollegenfrauen von Viktor in die Werkstatt. Erst beim Verabschieden sagt eine: Herr Schneider schwärmt von Ihnen wir sind gespannt! Nina notiert Termine, als sie gehen, lächelt sie.
Beim Abendessen erwähnt sie nichts.
***
Der Winter vergeht mit Arbeit. Nina zählt keine Stunden, unterscheidet nicht zwischen Wochentagen. Im Lichtblick ist es warm die Vermieterin hat einen neuen Radiator angeschafft. Kundinnen kommen und gehen, Lilo trinkt fast täglich Tee mit ihr, hilft oft mit, Nina zahlt ihr einen kleinen Lohn. Neu für beide, aber angenehm.
Im Februar nimmt Nina eine Mitarbeiterin: Anna, neunundzwanzig, früher Schneiderin in einem Betrieb, ruhig, gewissenhaft. Nina unterrichtet sie nach Art ihrer Mutter: Vormachen, mit den Händen zeigen.
Im März, genau ein Jahr nach dem Abend mit Viktor, steht Nina am Fenster ihrer Werkstatt. Tauwetter. Die Straßen glänzen, die Leute gehen offenherzig, leichte Jacken. Es ist ein schöner, ruhiger Morgen.
Anna arbeitet am Zuschneidetisch.
Frau Baumann jemand ist für Sie da.
Nina dreht sich um.
Viktor steht in der Tür.
Sie erkennt ihn nicht gleich nicht weil er stark verändert ist, sondern weil er nicht mehr zu ihrem Alltag gehört. Zu Hause leben sie nebeneinander. Heute ist er zum ersten Mal in ihrer Werkstatt.
Viktor.
Hallo. Sein Ton ist anders. Nicht fordernd, einfach normal.
Anna, mach doch eine kurze Pause.
Anna nickt, geht. Viktor bleibt unschlüssig im Raum. Drei Fenster, Veilchen auf der Fensterbank, Stoffregal, Garderobe, Nähmaschine.
Hübsch hier, sagt er verunsichert, räuspert sich.
Setz dich, sagt Nina, räumt Stoff vom Stuhl.
Er sitzt. Sie bleibt am Fenster.
Ich wollte, beginnt er, bricht ab.
Ja?
Du bist kaum noch zuhause. Also zuhause schon, aber anders
Ich weiß, was du meinst.
Ihr Blick bleibt ruhig. In seinem Gesicht ist etwas Neues: Er sieht älter aus, dünner, das Hemd nicht perfekt gebügelt.
Nina ohne dich zuhause bin ich… na ja nicht versorgt, verstehst du?
Heißt das?
Naja, ich koche schlecht. Es ist alles durcheinander.
Nina schweigt.
Vielleicht also, vielleicht könntest du Der Sinn ist klar.
Sie nimmt die Garnrolle, dreht sie in der Hand.
Weißt du noch, was du vor einem Jahr gesagt hast? Dass ich eine Vogelscheuche bin.
Er sagt nichts.
Damals habe ich mich im Spiegel gesehen und mich nicht erkannt. Nicht, weil ich alt war oder hässlich sondern, weil ich gar nichts gefunden habe, was mich ausmacht. Dreißig Jahre und ich war gar nicht da.
Nina
Lass mich ausreden. Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Sie dreht sich zu ihm. Weißt du, Viktor, jetzt weiß ich überhaupt erst, wer ich bin. Was mich interessiert. Was ich kann. Und das fühlt sich gut an. Es ist spannend mit mir selbst, verstehst du?
Er schaut sie lange an.
Du bist nicht mehr dieselbe.
Ich weiß.
Unwiederzuerkennen.
Auch das weiß ich.
Er steht langsam auf, bleibt an der Tür stehen.
Lass doch ab und zu noch Borschtsch da, ja? Ich kann den nicht so wie du.
Sie sagt nichts. Er geht hinaus.
Nina steht am Fenster und sieht ihm nach. Grauer Mantel, Mütze, Hände in den Taschen der aufrechte Rücken, den sie mal liebte. Er biegt um die Ecke und ist verschwunden.
Anna kommt herein.
Darf ich?
Ja, bitte. Nina setzt sich an die Nähmaschine. Hol mir die Bluse von gestern, zeig mal den Ärmelabschluss.
Draußen in der Werkstatt steht schon eine neue Kundin im Flur. Nina hört, wie sie Anna zögernd etwas erklärt das ist bei Erstkundinnen immer so. Nina kennt das Gefühl.
Frau Baumann, es ist Frau Berger, Ihr Termin.
Lassen Sie sie bitte herein ich komme sofort.
Sie prüft die Nadel, den Fadenlauf. Die Maschine ist startklar. Sonnenlicht bricht durch die Fenster, der März hat schon echten Frühlingston.
Eine Frau, etwa in Ninas Alter, im Mantel, etwas schüchtern, sieht sich um.
Guten Tag, sagt Nina. Kommen Sie rein, erzählen Sie, was Sie brauchen.
Die Frau setzt sich, beginnt unsicher wird dann immer sicherer. Nina hört zu und sieht schon, wie es werden kann: Stoff, Schnitt, Passform. Ihre Hände wissen Bescheid.
Sie nimmt den Bleistift zur Hand und notiert.



