Wind der Veränderung

Der Wind des Wandels

Sie ist verrückt geworden, Paulchen! Deine Frau ist wirklich verrückt!

Mama!

Was, Mama! Ihr habt doch schon drei Kinder! Warum noch eins? Und noch dazu kein eigenes! Wer weiß, was für Gene das Kind hat?! Und wenn sie krank ist? Dann werdet ihr eure eigenen Kinder vernachlässigen und euch um ein fremdes kümmern? Wozu das alles? Warum musst du dir das antun?

Sie.

Was?

Es ist ein Mädchen. Marianne.

Es ist mir völlig egal, wie sie heißt! Ich verbiete es! Ich werde sie niemals akzeptieren, und ich will sie auch nicht kennenlernen, ist das klar?!

Ich habe dich verstanden.

Paul warf wütend das Handy auf den Tisch und schlug mit der Faust auf das Aktenpaket vor sich. Musste er sich wirklich so den Tag verderben? Wer hatte ihn eigentlich dazu gebracht, gerade jetzt seine Mutter anzurufen? Andererseits, besser jetzt als am Abend, wenn alle zu Hause sind. Dann hätte sich die Welle der Enttäuschung und des Ärgers über die ganze Familie ergossen und sogar die Freude aus den Gesichtern seiner Liebsten gewischt. Anna hätte sich geärgert, und die Kinder spüren das sofort es wäre garantiert ein Drama geworden. Nein, lieber jetzt alles verdauen, runterkommen, und dann kann er Anna irgendwie beibringen, dass seine Mutter mit dem Kind nicht einverstanden ist…

Die Sekretärin steckte den Kopf durch die Tür und klopfte leise an den Türrahmen, da der Chef am Fenster stand, den Rücken zur Tür:

Herr Dr. Schneider, alle sind da. Es wartet nur noch auf Sie.

Paul nickte. Zeit, loszugehen. Das Projekt ist anspruchsvoll, es gibt viele Probleme, aber das lohnt sich. Die Arbeit mochte er, auch wenn viele dachten, sie sei für ihn nur ein Spiel. Eine Art Schach. Ein Zug, und dann überlegen, was der Gegner machen wird, selbst alles durchrechnen und die Taktik aufbauen. Wenn es im Familienleben nur auch so einfach wäre… Zu wissen, wie sich die, die man liebt, verhalten werden! Bei der Arbeit konnte Paul meist ziemlich sicher sagen, wie die nächsten Tage, Monate oder das nächste Jahr verlaufen würden, wenn er alle Risiken und die Wahrscheinlichkeit eines Wind des Wandels einbezog. Im Privaten aber bestimmte eine Kette von Zufällen sein Leben, die alles für immer veränderten, ohne dass er darauf Einfluss nehmen konnte.

Alles begann schon in der Schule. Nach einer Mandelentzündung kam der zehnjährige Paul zurück und sah, dass auf seinem Platz ein langes, dünnes Mädchen mit Brille und dünnen Zöpfen saß.

Hey! Das ist mein Platz! Mit Zurückhaltung hatte Paul es nie so, also forderte er sofort seinen Stammplatz zurück.

Zu seiner Überraschung nickte das Mädchen nur, packte ihre Sachen und setzte sich in die letzte Reihe. Doch nach ein paar Minuten kam sie wieder zurück, diesmal schickte die Lehrerin sie zurück, schüttelte tadelnd den Kopf:

Paul! So geht man nicht mit Mädchen um. Anna wird jetzt neben dir sitzen. Sie sieht schlecht, da kann sie von hinten nicht alles erkennen.

Damals schmollte Paul vor sich hin und maulte etwas von Streberinnen und neuen Schülern, die immer alles durcheinanderbringen. Anna reagierte mit keinem Wort, sortierte stumm ihre Hefte und hörte aufmerksam dem Unterricht zu.

Den ganzen Unterricht versuchte Paul, sie zu ärgern mal zog er mit dem Bleistift eine Linie und stieß Annas Ellbogen weg, wenn sie ihm zu nah kam, oder breitete die Arme auf seiner Seite sehr aus, um ihr den Platz zu nehmen. Doch als der Ellbogen schon weit über die Mittellinie ragte, rutschte Anna einfach weiter an den Rand und schaute ihn tadelnd an.

Was bist du so still? Willst du jetzt immer am Rand sitzen? Paul war sichtlich verärgert.

Der komische Ausdruck in Annas Augen wich auf einmal einem merkwürdigen Schmunzeln, und sie flüsterte leise:

Du bist echt lustig!

Hätte sie das besser nicht gesagt! Paul war schockiert. Wie konnte sie nur! Sie hielt sich wohl für was Besonderes! Aber er würde ihr schon zeigen nur nicht zu eingebildet werden!

In der Folgezeit folgten Frosch im Tornister, den Anna einfach herausnahm und mit Erlaubnis in die Schüler-Tierstation brachte, Reißzwecken auf dem Stuhl, die Anna täglich einfach wegschnipste, und eine ausgelaufene Tinte im Heft. Nur das letzte Mal zuckte Annas Mund kurz sie schluckte ihren Ärger runter, denn die Hausaufgaben waren diesmal schwer, und das Heft mit dem Klecks konnte sie nicht mehr abgeben. Paul zeigte Anna beim Heimgehen triumphierend die Zunge, während sie fleißig alles abschrieb.

Je mehr Paul sie ärgerte, desto mehr lachte Anna über ihn.

Wird das mal besser? Anna lachte, als sie wieder ein vertrocknetes Insekt aus ihrem Ranzen zog. Ich habe keine Angst! Lass doch die Tiere am Leben. Wäre es nicht langsam Zeit, erwachsen zu werden? Oder kannst du es nicht sagen, wenn du mich magst?

Paul war völlig empört. Sie gefallen? Dieses große, dünne Mädchen mit Brille und schlaffen Schleifen? Na so was!

Später hatte Anna oft darüber gelacht:

Es heißt doch: Zopfziehen ist Liebhaben. Du hast mich seit der dritten Klasse verehrt.

Ich konnte dich damals nicht ausstehen!

Ja, ja, erzähl das wem anders! Anna umarmte ihren Mann. Nun, du kannst den Kindern ruhig erzählen, dass du mich erst später bemerkt hast, aber bitte mit Gefühl. Sie sollen an die Liebe glauben.

Erst in der zehnten Klasse entdeckte Paul Anna wirklich. Er hatte sich an sie gewöhnt, sie war seine beste Freundin, man musste keine Angst vor Hausaufgaben oder Überraschungstests haben. Anna konnte alles, und schrieb in der Klausur einfach zwei Versionen, schob ihm den Spickzettel rüber, wenn sie wusste, dass er am Vortag ein Fußballspiel hatte. Im Gegenzug ließ er jeden wissen, dass Anna unter seinem Schutz stand.

Die dünnen Zöpfe wurden im zehnten Jahr durch einen modischen Kurzhaarschnitt ersetzt, und Anna verwandelte sich in einen stolzen Schwan Paul bekam kaum mehr Luft und zog sich sofort auf die äußerste Seite des Tisches zurück.

Spinnst du? Anna sah ihn fragend an, Paul wusste nicht, wie er ihr sagen sollte, wie schön sie geworden war.

Er sammelte bis zum Abiball den Mut, während Anna längst ahnend, was kam sich zurückhielt. Sie redeten weiter, aber jetzt war da etwas, das spannend und beängstigend zugleich war.

Beim Abiball, als alle schon den Sonnenaufgang bejubelten, ergriff Paul Annas Hand. Sie entzog sich nicht im Gegenteil, sie verschränkte ihre Finger mit seinen, und antwortete auf das leise:

Ich liebe dich…

Ich dich auch…

Noch vier Jahre bis zur Hochzeit, die vergingen mit Seminaren, Prüfungen, kurzen Dates und vielen Träumen.

Wenn ich erst Karriere gemacht habe, will ich Kinder.

Viele?

Weiß ich noch nicht. Mindestens zwei. Eigentlich… fünf! Nein, sechs! Drei Jungs, drei Mädchen! Was sagst du?

Anna, du bist verrückt!

Das stimmt. Aber du hältst zu mir, oder? Oder ist das zu viel?

Immer! Von mir aus zehn! Nur…

Was?

Dann muss ich wohl schneller mein eigenes Unternehmen aufbauen. Was soll ich denn die Kinder sonst füttern?

Du schaffst das! Ich glaube an dich.

Natürlich verließ sich Anna nicht allein auf ihren Mann. Sie wählte ihren Beruf sorgfältig und wurde eine ausgezeichnete Buchhalterin.

Zum Glück hat mir meine Mama das Rechnen beigebracht, sagte Anna, während sie mit den alten Holzrechen spielend schnell summierte.

Wozu die Dinger? Es gibt doch Taschenrechner! Paul lachte, als sie wie ein Wirbelwind über die Zahlen flitzte.

Tasten drücken dauert zu lange. So rechne ich schneller.

Er sah fasziniert zu, wie sie die Bilanz aufstellte und auch ohne Taschenrechner lag sie nie daneben. Natürlich beherrschte Anna Computer und alles Digitale, doch die alten Rechen standen immer griffbereit auf ihrem Schreibtisch.

Ich bin halt altmodisch und anspruchsvoll. Gewöhn dich dran!

Mit allem konnte Paul leben, solange Anna an seiner Seite war. Sie glaubte so sehr an ihn, dass er schließlich selbst daran glaubte. Nach vielen Rückschlägen und Fehlern gründete er seine eigene Baufirma. Sie bauten keine Häuser von der Stange, sondern solche, in denen man wirklich leben wollte. Die Geschäfte liefen gut, einige Jahre nach der Hochzeit fühlten sie sich bereit, Annas Traum zu verwirklichen.

Ich kann auch von zu Hause aus arbeiten. Kunden gibt es mehr als genug. Was meinst du, Paulchen, ist es soweit?

Der erste Sohn kam ein Jahr später zur Welt. Dann dauerte es lange, Anna musste viele Behandlungen durchmachen, bevor die mittlere Tochter und schließlich die jüngste, eine kleine mit kornblumenblauen Augen und dunklen Locken, zur Familie stießen. Anna ließ deren Haare das ganze erste Jahr wachsen weder sie noch jemand anderes durfte schneiden, auch nicht die Schwiegermutter, die auf Besuch kam.

Das gehört sich doch so, Anna! Ingrid schnitt die Lippen zusammen und übergab widerwillig das Kind der Mutter. Man hat das immer so gemacht, im ersten Jahr wird geschnitten. Warum bei dir nicht?

Ich bin nicht abergläubisch, Anna scherzte, während sie geduldig die Zöpfe der mittleren Tochter ordnete, die lang nicht so viele Locken hatte wie die Jüngste, aber auch prächtiges Haar.

Das ist aber ein Fehler! Man sollte auf die Weisheit älterer Generationen hören das Althergebrachte kommt nicht von ungefähr.

Mag sein. Aber ich nehme nur die Weisheit mit, nicht die Vorurteile. Gerade wenns um die Kinder geht. Sonst landest du noch bei Amuletten. Hast du den Kindern etwa schon Schutznadeln angesteckt? Anna beobachtete belustigt, wie Ingrid verlegen den Blick senkte. Magst du mit Max und Sophie spielen? Ich bringe die kleine Marie ins Bett und decke zum Abendessen. Bald kommt Paul, bringt meine Eltern mit, dann essen wir zusammen.

Ingrid spielte mit den Kindern und saß später am Tisch, mürrisch dreinblickend, während die Kinder über Opa Werners Witze lachten und Annas Mutter Eva ständig aufsprang, um ihr zu helfen. Alles war ihr zu locker, die Familie atmete zu frei. Ingrid fühlte sich, als würde sie nicht dazugehören. Ihr Leben lang hatte sie gelernt, dass die Jüngeren Respekt zeigen und leise sein sollen, wenn die Älteren anwesend sind. Es störte sie, dass Anna und Paul sie nicht um Rat fragten und Annas Eltern auf ihre Kommentare mit einem Lächeln und höflichem Kopfnicken reagierten. Sie konnte nicht nachvollziehen, wie man ein Kind für verschüttete Sauce nicht schimpft, sondern es einfach an den Tisch holt und sagt:

So geht das nicht, komm, mach’s mit mir zusammen! Prima, jetzt hast dus raus!

Und wenn die Sauce wieder danebenging, lachten einfach alle, sogar Anna, obwohl sie später die Tischdecke waschen musste, wofür immer zu wenig Zeit blieb.

Durch das große, helle Haus ihres Sohnes laufend, schüttelte Ingrid den Kopf. Anna war, ihrer Meinung nach, keine richtige Hausfrau überall lagen Spielsachen, die Küche voller Trubel: Max probierte sich als Bäcker, Sophie machte mit ihrer Mama Maultaschen, bestäubte dabei Tisch, Boden, Kater, Bruder und sogar das Baby in der Wiege mit Mehl. Wo sollte man da Ordnung halten, fragte sich Ingrid. Sie schimpfte die Kinder, die sofort alles wieder aus den sortierten Kisten holten, ärgerte sich über Anna, die nur müde winkte:

Sie räumen schon auf, wenn sie fertig sind.

Ingrid versuchte ihr klarzumachen, dass Kinder erzogen werden müssten, aber verstummte gleich, als Max, der hörte, wie Oma die Mutter schalt, groß demonstrierend seine Kiste hervorholte und murmelte:

Damit Oma nicht mehr schimpft! Sophie, räum jetzt auf! Dann schneiden wir Schneeflocken aus Papier für Weihnachten.

Anna lachte und verschwand, um Marie zu füttern, froh, Ingrids rotes Gesicht nicht sehen zu müssen, denn Schneeflocken bedeutete neuen Dreck aber dafür würden die Fenster wunderbar geschmückt aussehen, chaotisch, aber schön, wie alles, was die Kinder machten. Die Weihnachtsstimmung zog ein, und Paul kam nach einem stressigen Tag nach Hause, lächelte bei diesem Chaos.

Wunderbar! Vielleicht sollten wir schon den Baum aufstellen?

Im November? Anna drückte ihm Marie in den Arm und bereitete Salat fürs Abendessen vor. Besser nicht, der hält doch nie bis Dezember!

Dann kaufen wir eben einen neuen!

Ingrid hielt es exakt eine Woche in diesem Irrenhaus aus, dann reiste sie zurück nach Baden-Baden, wo sie seit einigen Jahren den Lebensabend genoss. Nach einer Woche begann das Heimweh, und sie nervte ihren Sohn mit Anrufen, gab Ratschläge und jammerte, dass sie keiner hören will.

Anna hat schon wieder einfach aufgelegt!

Mama, einfach aufgelegt?

Sie sagte, Milch läuft über und das Baby weint.

Und warum ärgerst du dich?

Ich habe kein Baby schreien gehört gar nichts! Ich glaube, deine Frau ignoriert mich.

Mama! Du bildest dir das ein.

Paul hörte die Vorwürfe seufzend an und freute sich abends, wenn die ganze Familie am Tisch saß, auch Annas Eltern, die, seit der Rente, gern die Enkel betreuen und Anna entlasten. Anfangs war er vorsichtig, doch mehr und mehr empfand er das als das einzig Wahre.

Seine Schwiegermutter brachte ihm ihre berühmte Rinderroulade, kochte Tee nach Familienrezept und fragte:

Wie läufts, Paul? Brauchst du Unterstützung?

Die Audits, die Eva gelegentlich in seiner Firma durchführte, waren so gewissenhaft, dass Paul immer dankbar war, Fehler noch vor offiziellen Kontrollen zu finden.

Nach dem Essen löste Paul sich von Tisch da stand schon Schwiegervater Werner mit dem Schachbrett parat.

Zeit für ein Spiel! Und dann schick deine Frau heim, bevor sie genervt ist.

Als Sophie geboren war, schlug Paul vor, dass Annas Eltern zu ihnen ziehen.

Wir haben genug Platz.

Aber Eva und Werner lehnten strikt ab.

Euer Haus ist euer Haus. Wir sind Gäste und helfen, wenn ihr fragt. Aber wir haben unser eigenes und das ist richtig so. Man muss selbstständig wohnen, Paul. Die Kinder sollen ihre eigene Familie gründen. Eva wischte sich eine Träne ab. Und wenn wir wirklich alt und hilflos sind, kommen wir vielleicht zurück auf dein Angebot. Bis dahin brauchen wir unseren Freiraum und ihr auch.

Paul, der schon als Kind gewohnt war, dass zwischen Eltern und Kind feste Grenzen existieren, änderte langsam seine Sichtweise. In der Nähe von Eva und Werner taute er auf, fühlte sich angenommen, musste keine Maske tragen einfach reden oder auch schweigen, ganz wie er wollte.

Mit Anna wurde das Unvorhersehbare zum Normalfall in seinem Leben. So war er kaum überrascht, als Anna, eineinhalb Jahre nach Maries Geburt, plötzlich mit dem Kind auf dem Arm in sein Büro stürmte und ihm völlig außer Atem eine Zeitschrift auf den Tisch legte.

Schau mal!

Er verstand nichts, war aber erleichtert, dass Anna nicht erschrocken, sondern aufgeregt wirkte. Paul griff zur Zeitschrift und stockte.

Warum ist Marie so kurz geschnitten auf dem Foto?

Das war das Erste, was ihm einfiel. Dann blickte er auf seine Tochter, deren Locken unversehrt waren, und sie reckte die Arme:

Wie? Anna! Was ist hier los?

Guck dir das Bild doch richtig an! Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich es gesehen habe. Das ist doch unmöglich!

Von der Doppelseite eines Kinderhefts blickte ihn ein kleines Mädchen an, das seiner Marie wie aus dem Gesicht geschnitten war. Bei genauerem Hinsehen erkannte er aber Unterschiede. Es lag nicht nur an den kurzen Haaren, die die großen kornblumenblauen Augen noch größer erscheinen ließen. Und nicht daran, dass das Mädchen auf dem Foto laut Untertitel war sie etwa gleichaltrig wie Marie viel schmächtiger aussah. Das Entscheidende war ihr Gesichtsausdruck: So verloren und erschrocken, als ob gleich etwas Einschüchterndes aus dem Objektiv springen könnte. In ihren Augen lag so viel Angst, dass Paul Zeitung und Blick abwandte, um nicht noch einmal hinsehen zu müssen.

Das ist doch wie verhext fuhr er sich über die Schreibtischkante, ein Reflex, wenn er etwas Wichtiges überlegte. Anna, wie gibts das?

Woher soll ich das wissen? Anna setzte sich auf die kleine Couch, ließ Marie in den Raum tapsen und öffnete den Mantel erst jetzt merkte sie, wie heiß ihr war nach dem Sprint vom Café, wo sie zwischen den Stunden die Kleinste gefüttert hatte, zum Büro ihres Mannes. Dort hatte sie zufällig die Zeitschrift liegen sehen. Beim Blättern der Schock.

Wenn sie gleich alt wären, dachte ich, hätten wir Zwillinge und der Plot einer Bollywood-Soap könnte losgehen, wo wir unser entführtes Kind suchen müssen. Aber Marie ist ein halbes Jahr jünger.

Sieht man der Größe nach kaum. Das Heimkind ist winzig.

Ja, alle Heimkinder sind so. Wer füttert sie schon mit Omas Hefekuchen oder Quark?

Und was machen wir jetzt, Anna? Du weißt doch, dass das kein Zufall ist.

Ich weiß Paul ließ sich in den Stuhl fallen und nahm Marie einen Tacker ab, den sie eifrig zerlegt hatte. Ich weiß auch nicht, Anna. Da müssen wir nachdenken.

Ja… Aber lang überlegen dürfen wir nicht. Sie ist alleine dort. Keine Mama zum Trösten, kein Papa zum Beschützen.

Anna nahm Marie auf den Arm und eilte hinaus.

Max wartet schon. Wir müssen zum Schwimmen, dann heim. Bis später!

Sie gab ihrem Mann einen Kuss und verschwand. Paul blieb nachdenklich zurück, wiegte sich im Stuhl und dachte an seine eigene Kindheit, an das Aufwachsen seiner Kinder. Vom Titelblatt aus schaute das kleine Mädchen so wie seine Tochter, dass es ihm fast unheimlich wurde.

Er erinnerte sich daran, wie er als Kind abends unter der Bettdecke überlegte, wie und warum man zu seinen Eltern kommt. Wer ordnet das? Wer entscheidet, in welche Familie ein Kind hineingeboren wird? Damals war er froh, nicht bei den Nachbarn aufgewachsen zu sein, in deren Familie der Vater trank, die Mutter auf drei Jobs schuftete und jeden Abend schrie. Ingrid runzelte darüber immer die Stirn und rief das Jugendamt.

Jetzt begriff Paul, dass er entscheiden konnte. Und diesem kleinen Mädchen eine Chance auf Glück und Liebe geben konnte, genauso wie seine Marie es hatte. Und Anna schien längst für sich entschieden zu haben…

Es war eine schwierige Entscheidung. Sie dachten viel nach, vor allem während der Schulung für Pflegeeltern. Dort hörten sie Dinge, die sie nicht erwartet hätten. Wie leicht schien es, einem Waisen ein Zuhause zu geben, wenn man die Mittel und das Herz dafür hat! Doch die Gespräche dort ließen sie erkennen, dass ein langer, steiniger Weg bevorsteht und dass jedes Detail sorgsam überlegt sein muss. Anna wartete zurückhaltend auf Pauls Rat hier brauchst du nicht nur Herz, sondern vor allem Weitsicht, wenn es um ein Kind geht.

Marianne war glücklicherweise fast gesund, Anna atmete erleichtert auf. Nicht, dass sie Angst vor den gesundheitlichen Problemen ihrer möglichen Tochter gehabt hätte, aber Ingrids Worte machten ihr zu schaffen. Würden die eigenen Kinder vernachlässigt, wenn das neue Kind besonders viel Aufmerksamkeit brauchte? Paul, der das Gespräch mit seiner Mutter schonend an Anna weitergab, versuchte sie zu beruhigen:

Wir gehen hier mit offenen Augen rein, Anna. Das schaffen wir zusammen.

Und wenn deine Mutter Marianne nicht akzeptiert? Ich lasse meine Kinder nicht teilen, das weißt du. Nach Sophies Geburt habe ich schon für Gleichbehandlung gekämpft aber Marianne ist ihr fremd… Anna raufte sich die Haare. Wie erkläre ich ihr, dass Marianne einfach ein Kind ist? Kein Eindringling, keine Konkurrenz einfach ein Mädchen. Genau wie Marie…

Ich weiß noch nicht wie. Aber eins sage ich dir: Wenn meine Mutter Stress macht, sieht sie unser Haus nie wieder von innen. Bei uns gibt es keine eigenen und fremden Kinder mehr. Wenn deine Eltern sie als Enkelkind akzeptieren, dann muss es meine Mutter auch.

Liebe kann man nicht erzwingen, Paul… Anna ging, die schlafenden Mädchen zu kontrollieren.

Das schummrige Licht der Nachttischlampe erhellte das Bett, auf dem zwei Mädchen mit verschränkten Armen und Beinen aneinandergekuschelt schliefen. Anna trennte sie gar nicht mehr; nach den ersten Tagen hatte Marie plötzlich ihre neue Schwester zu sich ins Bett gebeten und einen ordentlichen Aufstand gemacht, als ihre Mutter Marianne wieder ins eigene Bett legen wollte. Seitdem schliefen sie zusammen. Anna deckte sie zu und küsste zwei dunkle Köpfchen sie konnte sie kaum auseinanderhalten. Früher noch am Geruch erkannt, roch Marianne jetzt wie ihre anderen Kinder: Ein bisschen nach Schabernack, ein bisschen nach Bonbons, nach Milch und nach Glück.

Sechs Monate nach Mariannes Aufnahme kam Ingrid zu Besuch. Sie gab widerwillig Marianne die Hand, küsste die anderen Enkel und bemerkte gar nicht, wie Marianne ganz alte Heimgewohnheit sich versteckte, sodass Anna sie vor dem Essen lange suchen musste.

Was ist los, mein Schatz? Warum hast du Angst?

Marianne vergrub ihr Gesicht an Annas Schulter und ließ sich nicht absetzen, bis Eva Annas Mutter eingriff.

Komm mal zu Oma! Wir essen Suppe zusammen! Nimm einen Löffel!

Eva! Aus einem Teller? Ingrid hob erstaunt die Brauen.

Na klar! Der Teller ist groß genug. Los, Marianne, beeil dich, sonst esse ich alles alleine!

Die Kinder lachten bei diesem Wettessen, Ingrid jedoch wurde immer grimmiger.

Beim gemeinsamen Abwasch fragte Ingrid, als Anna mit den Kindern bei Kursen war:

Du stehst also hinter dieser verrückten Entscheidung?

Ein Kind aufzunehmen?

Ja.

Eva stellte einen weiteren Teller ab und nickte:

Ja, ich unterstütze sie. Anfangs war ich auch dagegen.

Und warum hast du nichts gesagt? Ingrid ließ fast eine Tasse fallen.

Weil es ihr Leben ist, Ingrid. Ihre Familie. Paul und Anna sind erwachsen, sie treffen ihre Entscheidungen. Haben wir sie nicht dazu erzogen? Wenn ich im Weg stehe, wo stehe ich dann? Mitten in der Familie? Oder am Rand, draußen? Man kann mich nicht einfach rausschmeißen, ich bin die Mutter, aber von Streit lebt niemand gern! Und wofür überhaupt solch ein Streit? Wegen eines Kindes, das Glück gehabt hat? Glück, dass unsere Kinder Herz und Verstand haben und beschlossen, ihr ein Zuhause zu geben… Das Leben ist so kurz… Ich weiß nicht, wie du denkst, aber ich fürchte die Zeit. Sie rennt, sie verschont niemanden und nichts weder Menschen, Beziehungen, noch unser Umfeld. Warum dann Zeit verschwenden für Streitigkeiten? Um den eigenen Kindern zu beweisen, dass man alles besser weiß? Vielleicht hast du ja sogar recht. Vielleicht kommen noch Probleme. Vielleicht bereuen Paul und Anna noch ihre Entscheidung aber es ist ihre Entscheidung, nicht unsere. Unsere Aufgabe ist es, zu helfen, da zu sein, und Mutter zu bleiben, egal was ist. Auch wenn die Knie längst so groß sind, dass meine Hände sie nicht mehr ganz abdecken können.

Anna kam mit den Kindern zurück, warf einen Blick in die Küche, ihre Mutter nickte ihr zu, als sie sah, dass Ingrid Marianne genauso eine Süßigkeit reichte wie Marie.

Ein halbes Jahr später, am Strand von Sylt, drückte eine elegante, jüngere Frau in weitem Sonnenhut ihre beiden Enkelinnen, die so ähnlich aussahen, dass Nebenstehende sie für Zwillinge hielten.

Seht nur! Da sind sie! Schaut, wie sie springen! Siehst du das, Marianne?

Die Mädchen blickten verzückt auf die Delfine, die nahe ans Ufer kamen, als könne man nach ihnen greifen. Als sie ausgelassen den Schwarm jagten, erschrak Marianne ein wenig, aber Ingrid schlang ihre Arme um sie.

Ist gut, kleines Mädchen! Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin doch bei dir!

Marie juchzte und rannte ins Wasser, und Ingrid musste sie fast zurückhalten, damit die Delfine nicht sofort als Haustiere enden.

Später kaufte sie beiden spontan ein Eis, stolzierte die Promenade entlang, die Enkelinnen an den Händen, und genoss die bewundernden Blicke. Klar, bei solch hübschen Mädchen! Da soll einer keine Freude am Leben haben!

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Homy
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Wind der Veränderung
Entscheidung „Und dabei ist Fiete so richtig verheiratet…“, seufzte Swetlana, während sie auf einer Bank im Stadtpark saß und in ihrer Jackentasche die Überweisung zur Klinik krampfhaft umklammerte. Die Mitbewohnerinnen im Studentenwohnheim beneideten sie immer, wenn sie den gutaussehenden, glatt rasierten, blauäugigen Dunkelhaarigen an ihrer Seite sahen – dachten, sie hätte Glück mit so einem galanten Mann. Doch es gab am Ende wirklich nichts zu beneiden. Swetlana fröstelte, als sie an ihr erstes und einziges Treffen mit Fietes Ehefrau zurückdachte, die vor dem Werkstor auf sie gewartet hatte, um ihr mal ordentlich die Meinung zu sagen. „Na, hallo! Sie sind doch Swetlana, oder?“, begann sie. „Wer sind Sie?“, fuhr Swetlana erschrocken zusammen und zog sich unter dem bohrenden Blick der großen, schlanken Frau mit dem aschblonden Haar zurück. „Ich bin Olga. Die Ehefrau von Fiete Miersen.“ „Was?!“ „Schon richtig gehört.“ „Wieder so ein Mäuschen“, meinte Olga nüchtern, „wie viele von Ihrer Sorte es wohl gibt – Jägerinnen auf fremdes Glück.“ „Wie können Sie so mit mir reden?“ „Na hören Sie, was erlauben Sie sich denn – ich bin die Ehefrau, hab Sie mit meinem Mann gesehen und statt sich zu entschuldigen und vor Scham im Erdboden zu versinken, tun Sie auch noch auf frech! Aber ordentliches Benehmen scheint wohl nicht Ihre Stärke zu sein.“ Mit abschätzendem Blick musterte Olga ihre Rivalin: „Solche wie Sie hatte er schon mehr als ich an Händen und Füßen abzählen kann. Haben Sie sich mit einem Verheirateten eingelassen – schämen Sie sich nicht? Für ihn sind Sie nur ein kurzer Flirt. Halten Sie sich von ihm fern.“ „Übrigens, wir haben zwei Töchter. Ich kann Ihnen gleich ein Familienfoto zeigen.“ Olga zog ein Foto aus ihrer Tasche und hielt es der fassungslosen Swetlana hin. „Sehen Sie – Beweis für unsere große Liebe. Im Urlaub an der Ostsee – vor zwei Monaten…“ „Was wollen Sie von mir? Klären Sie das mit Ihrem Mann allein!“ „Werde ich schon! Erst neulich hat er im Werk angefangen. Guter Verdienst, und dann kommen Sie daher… Lassen Sie’s gut sein. Lassen Sie sich nichts versprechen – Fiete wird sich nie scheiden lassen. Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit. Wie alt sind Sie? Dreißig?“ „Fünfundzwanzig!“, entgegnete Swetlana verletzt. „Na also! Sie haben noch Zeit – finden Sie einen netten Mann und bekommen Sie Kinder. Fiete – lassen Sie besser in Ruhe.“ Swetlana ließ Olga nicht weiter reden. Auf wackeligen Beinen taumelte sie davon, weg aus ihrem eben noch glücklichen kleinen Kosmos, der nun von der plötzlichen Ankunft der Ehefrau ihres Geliebten erschüttert worden und alle rosigen Hoffnungen zerstört hatte. „Verräter…“, murmelte Swetlana mit zugeschnürter Kehle. Aber sie konnte sich nicht erlauben, ihre Gefühle öffentlich zu zeigen. Man redete schon genug in der Firma. Am Abend kam Fiete wie immer zu ihr – mit Blumen. Swetlana, mit verweinten Augen, warf ihn hinaus, trotz seiner Versprechen und Schwüre, dass es doch längst keine Liebe mehr zwischen ihm und seiner Frau gebe und dass er sich scheiden lassen wollte. Zwei Wochen brauchte Swetlana, um wieder zu sich zu kommen. Fiete meldete sich nicht mehr. Bei jeder Begegnung wich er ihr nun aus. Aber ein Unglück kommt selten allein: Die morgendliche Übelkeit und ihr Schwindel wurden immer schlimmer. Zuerst hatte Swetlana gedacht, das sei noch immer Aufregung. Doch die leidenschaftliche, naive Liebe zu Fiete hatte Spuren hinterlassen: „Sechs Wochen“, lautete nun der Befund. Swetlana wollte nicht alleinstehende Mutter werden. Sie hatte große Angst. Ihr schien, als ob alle um sie herum längst alles wüssten und auf sie herabblickten – sie hatte doch einfach vertraut und wurde getäuscht. Fiete hatte ihr verschwiegen, dass er verheiratet war. Was hätte sie tun können – nach dem Pass fragen? Einen Ring trug er nicht, aber das machen ja nicht alle Ehemänner. Und wieso war sie stutzig geworden, als er darum bat, die Beziehung am Arbeitsplatz geheim zu halten? Er hatte sie belogen – aber das half ihr nun auch nicht weiter. Die Kollegen tuschelten schon genug, nachdem Olga bei ihr aufgetaucht war. „Ich bin schwanger“, teilte Swetlana ihrem Ex-Geliebten in der Mittagspause mit, aus purer Verzweiflung. „Ich geb’ dir Geld – dann regel’s halt“, grummelte er. Am nächsten Tag hatte Fiete gekündigt. Für immer verschwunden. Swetlana wusste, dass sie nicht länger zögern durfte. Allen Warnungen der Ärztin zum Trotz holte sie sich den Überweisungsschein für den Termin in der Klinik. Jetzt saß sie auf der Bank, klammerte das Papier, als hätte sie Angst, es zu verlieren. „Haben Sie es eilig?“, riss sie eine freundliche Männerstimme aus den Gedanken – ein junger Mann im Anzug mit einem strahlenden, riesigen Strauß bordeauxroter Chrysanthemen ließ sich neben Swetlana nieder. „Was?“ – Sie sah ihn erschöpft und leer an. „Ihre Uhr geht vor“, sagte er, und nickte auf ihre goldene Armbanduhr. „Die geht immer zehn Minuten voraus… Ich stelle sie ständig zurück, aber es hilft nichts“, erwiderte Swetlana abwesend, und wandte sich von ihm ab. „Das Wetter ist heute herrlich. Richtiges Altweibersommerwetter. Meine Mutter sagt, an so einem goldenen Herbsttag hat sie die richtige Entscheidung fürs Leben getroffen – und niemals bereut.“ „Wissen Sie, meine Mama ist die Beste!“ – Er streckte den Daumen hoch. „Und Ihr Vater?“, platzte Swetlana heraus. „Über meinen Vater spricht sie nicht gern… Ich frag’ auch nicht viel – will sie nicht verletzen.“ „Ich komme gerade vom Vorstellungsgespräch“, sprudelte der junge Mann weiter, „Stellen Sie sich vor: Zehn Bewerber gab’s auf den Job – aber sie haben mich genommen! Obwohl ich kaum Erfahrung habe. Kaum zu glauben… Meine Mama hat mir Mut gegeben. Ich weiß schon, was ich von der ersten Gehaltsabrechnung kaufe: einen Urlaub am Meer für meine Mutter. Sie war noch nie am Meer. Und Sie?“ „Nein“, sagte Swetlana ernst und betrachtete die bordeauxrote Krawatte des Jungen. Er strahlte vor Glück. „Geschenk von Mama“, sagte er stolz, als er bemerkte, wohin ihr Blick fiel. „Ich quatsche Sie sicher zu“, lachte er verlegen, „aber ich wollte Sie einfach aufheitern – Sie schauen so traurig aus. Ich dachte, vielleicht brauchen Sie jemanden zum Reden… Habe ich Sie gestört?“ Swetlana schüttelte stumm den Kopf. Sie mochte ihn. Unvermittelt stoppte er den Strom düsterer Gedanken. Und seine Liebe zu seiner Mutter war bewundernswert. „Was für eine schöne Bindung!“, dachte sie, während sie ihm aufmerksam zuhörte, „Was für ein Glück, so einen Sohn zu haben…“ „So, jetzt geh ich mal. Meine Mama wartet bestimmt schon und macht sich Sorgen… Aber Sie, machen Sie nur langsam!“ „Wie bitte?“ „Das war an Ihre Uhr gerichtet.“ – Er grinste breit. „Ach so“, lächelte auch sie zaghaft. Nach einer Minute war der junge Mann verschwunden. Swetlana zog die Überweisung hervor, die sie eben noch so verkrampft gehalten hatte, und riss sie spontan in winzige Stücke. Sie blieb lange auf der Bank sitzen, sog die herbstliche Luft ein – das Herz leicht und warm, dank eines Fremden, der ihr auf rätselhafte Weise so nah erschien. Sie war nicht allein. Eine Frau hatte ganz allein so einen tollen Sohn großgezogen. Schade, dass Swetlana ihn nicht nach seinem Namen oder dem seiner Mutter gefragt hatte – aber jetzt war es auch egal… Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. *** Dreiundzwanzig Jahre später… „Mama, ich bin spät dran!“, rief Stanislaus, während er vor dem Spiegel stand und seine Mutter ihm mit viel Geduld die gestern gekaufte bordeauxrote Krawatte für das Jobinterview band. „Vielleicht ist das alles Quatsch.“ „Nein, das gibt dir Selbstvertrauen. Glaub’ mir, alles wird gut. Sie nehmen dich bestimmt… Das sieht doch gleich ganz anders aus!“ Swetlana beendete das Zurechtzupfen und trat zurück, um ihren Sohn zu bewundern. „Bin ganz schön aufgeregt. Was, wenn es schiefgeht…“ „Das ist Dein Platz, Stanislaus. Mach dir keine Sorgen. Antworte klar, lächel und vergiss nicht: Du bist großartig.“ „Danke, Mama.“ – Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und lief los. Swetlana sah ihrem kostbarsten Menschen nach, wie er voller Elan zur Bushaltestelle eilte. Auf einmal durchfuhr sie ein Schauer… Das hatte sie doch schon einmal erlebt… Der junge Mann im Park, vor über zwanzig Jahren… Stanislaus im Anzug – er erinnerte sie jetzt plötzlich an damals… Sie hatte diese Begegnung fast vergessen. Nun lebte jener Moment in ihrer Erinnerung wieder auf. Konnte es sein, dass das Schicksal ihr damals bereits einen Blick auf das Kind gewährte, das sie weggeben wollte? Dass sie geführt wurde, um die richtige Entscheidung zu treffen? Warum hatte sie sich damals nicht vorgestellt? Sie waren doch fast gleichaltrig gewesen… Aber jetzt war das alles nicht mehr wichtig… Alles ist so gut geworden… Am Nachmittag kam Stanislaus mit einem riesigen Strauß bordeauxroter Chrysanthemen nach Hause, passend zur Krawatte, und berichtete stolz, dass er den Job bekommen hatte. Und er versprach, seine Mutter endlich mit ans Meer zu nehmen – denn sie war ja nie dort gewesen. Nun war die Zeit gekommen, in der sich der Sohn um seine geliebte Mama sorgt. Für sie würde er Berge versetzen, Flüsse umleiten – so einer war Swetlanas Sohn. Was auch immer das Leben bereitgehalten hatte – sie schafften es gemeinsam. Swetlana hatte nie bereut, ihn bekommen zu haben – sie hatte für sich die richtige Entscheidung getroffen. Und so soll es sein!