Vor vielen Jahren ich erinnere mich noch gut daran war Elisabeth bereits sechzig Jahre alt. Eigentlich wäre es Zeit für den Ruhestand gewesen, doch sie ließ sich nicht hetzen und arbeitete weiterhin im Krankenhaus in München. An jenem regnerischen Tag beendete sie ihre Schicht, zog ihre Jacke an und machte sich auf den Heimweg. Draußen prasselte der Regen nur so vom Himmel, und sie hatte keinen Schirm dabei. Deshalb zog sie die Kapuze weit über den Kopf und eilte zur Bushaltestelle. Plötzlich hörte sie das leise Weinen eines Babys auf der Bank lag ein Neugeborenes, kaum älter als ein paar Tage.
Ohne zu zögern nahm Elisabeth das Bündel in den Arm und versuchte, das Kind zu beruhigen. Weil das Baby ganz nass und durchgefroren war, kehrte sie schnell ins Krankenhaus zurück und rief eine Kinderärztin herbei. Das ist ein Junge, etwa zwei Wochen alt. Vollkommen gesund. Es ist für mich unverständlich, wie jemand so ein Baby verlassen kann. So ein Kind verdient Liebe und Geborgenheit, sagte die Ärztin kopfschüttelnd.
Elisabeth entschied, in dieser Nacht auf der Station zu bleiben schlafen konnte sie ohnehin nicht. Kurz darauf kam die Polizei, um ihre Aussage aufzunehmen. Die ganze Zeit wich Elisabeth dem Kleinen nicht von der Seite, hielt ihn eng an sich.
Etwa zwei Stunden später brachte die Polizei ein junges Paar zurück ins Krankenhaus. Das Mädchen weinte, der Junge wirkte kreidebleich.
Dürfen wir ihn sehen? Vielleicht ist es unser Kind, sagte die junge Frau zögernd.
Nachdem sie ihre Kittel angezogen hatten, wurden sie ins Säuglingszimmer geführt. Als das Mädchen ihren Sohn sah, schossen ihr die Tränen in die Augen. Sie drückte das Baby fest an sich, als wollte sie es nie wieder hergeben. Elisabeth verstand nicht ganz, was vor sich ging, bis der Polizist ihr in aller Ruhe den Hintergrund erklärte:
Anna und Martin waren heimlich ein Paar, weil ihre Familien sich gegen ihre Beziehung stellten. Annas Eltern nahmen es noch halbwegs hin, aber Martins Mutter tat alles, um einen Keil zwischen die beiden zu treiben. Als das Baby geboren war, hofften sie, Martins Mutter würde ihr Herz öffnen und sich freuen. Doch das Gegenteil war der Fall. Sie war überzeugt, Anna habe einen anderen Mann, und das Kind könne nicht von Martin sein. Es stimmte natürlich nicht. An jenem Tag schickte Martins Mutter die jungen Eltern ins Kino und nutzte selbst die Gelegenheit, das Baby am Krankenhaus auszusetzen.
So kam es, dass die Geschichte in München ihren Lauf nahm. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Junge je wieder seine Großmutter sehen wird. Die Zeit hat viele Wunden geheilt, doch diese dunkle Erinnerung bleibt unvergessen.




