Also, weißt du, manchmal frage ich mich, wie das wohl bei anderen Familien läuft, weil bei uns war das schon immer etwas schief. Mein Mann und ich haben uns alles selbst aufgebaut. Wir haben wirklich hart gearbeitet, in München angefangen, dann nach Stuttgart gezogen du weißt ja, beiden Städte sind nicht gerade günstig und alles, was wir jetzt haben, verdanken wir nur unserem eigenen Fleiß.
Bei meinen jüngeren Geschwistern sah das ganz anders aus. Meine Eltern haben denen ordentlich unter die Arme gegriffen und zwar nicht nur mal eben ein bisschen. Ich erwarte ja gar nichts, wirklich nicht. Aber trotzdem fühlt es sich schräg an, wie selbstverständlich das alles für die anderen war. Ich erinnere mich noch, damals, mein Vater hat meinem Bruder einfach einen neuen VW gegeben und für sich irgendeinen alten Opel behalten. Später hab ich erfahren, dass mein Bruder und seine Frau direkt nach der Hochzeit in die Wohnung gezogen sind, die unser Opa in Berlin vererbt hatte alles schön renoviert und komplett eingerichtet.
Mein Bruder ist zehn Jahre jünger als ich, aber vor seiner Hochzeit haben meine Eltern mit ihm und mir ganz unterschiedlich geredet und umgegangen, fast so, als ob wir gar keine Geschwister wären. Als dann die Nachricht kam, dass mein Bruder heiratet, haben sie ihm ohne viele Worte diese schicke Wohnung überlassen. Einfach so.
Ich konnte nicht anders, ich musste meine Mutter mal direkt fragen, warum bei uns so ein Unterschied gemacht wird. Warum mein Mann und ich eigentlich nie wirklich eine Chance oder eine Art Unterstützung bekommen haben, wie mein Bruder. Weißt du, was sie gesagt hat? Habt ihr denn mal nach Hilfe gefragt? Habt ihr überhaupt gesehen, wie es bei euch aussieht? Hast du gemerkt, dass ihr gar kein Auto habt? Das hat mich echt getroffen. Ich hatte sofort diese ganzen Erinnerungen im Kopf, wie wir mit unserem Baby in eine halbleere Wohnung ziehen, alles irgendwie zusammengesammelt, und dank unserer Freunde irgendwie geschafft haben, uns einzurichten aber wirklich warm oder stabil war das nicht. Wir haben uns damals kaum getraut, einen Kinderarzt einzuladen, aus Angst, dass er das Jugendamt informiert, so abgewrackt war alles am Anfang.
Und dann schau ich auf die Familie meines Mannes seine Schwester war schon immer das Lieblingskind. Die Schwiegereltern sind extra von Hamburg aufs Land gezogen, damit sie ihrer Tochter die Wohnung in der Stadt überlassen können, damit sie mal ihre Ruhe hat. Dabei haben sie den Stress mit dem Pendeln immer wieder auf sich genommen. Und trotzdem hängt sie immer noch an ihnen, bittet jeden Sonntag um Hilfe, selbst fürs Kochen oder für Kleinigkeiten.
Irgendwann habe ich dann noch mal mit meiner Mutter gesprochen, ganz offen, gefragt, wie sie das rechtfertigt, dass mein Bruder alles hinterhergeschmissen bekommt und wir beide immer nur kämpfen mussten. Ihre Antwort: Wir hätten eben nie um Hilfe gebeten, obwohl sie ganz genau wusste, wie knapp es bei uns war und welche Sorgen wir hatten. Es fällt mir bis heute schwer, das nicht nachzutragen, ehrlich gesagt ich weiß, das geht meinem Mann genauso.
Dieses Ungleichgewicht hat echt tiefe Spuren bei mir hinterlassen. Es ist echt schwer zu verdauen, wenn man sieht, wie selbstverständlich anderen geholfen wird, während man selbst immer so tut, als wäre alles in Ordnung. Es bleibt dieses nagende Gefühl, dass irgendwas einfach nicht fair war und irgendwie tut das bis heute weh.





