Die, die Nein sagte
Sabine Renate Weber sitzt am Rand des Hockers in ihrer Küche und schneidet ein Brot, dünn und präzise, so wie er es mag. Acht Scheiben, sauber und gleichmäßig. Dann stellt sie den Teller mit dem Brot auf den Tisch, geht zum Herd und rührt in der Suppe. Die Gäste sollen um sechs kommen, es ist schon zehn vor.
Manfred sitzt im Sessel vor dem Fernseher und zappt durch die Programme. Er fragt nicht, ob sie Hilfe braucht. Er fragt nie. Warum sollte er? Am Ende ist sowieso alles erledigt.
Sabine ist 54 Jahre alt. Sie arbeitet als Buchhalterin in der Berufsschule Nummer sieben in Leipzig. Unauffällige Position, Zahlen, Abrechnungen, Listen. Zweiundzwanzig Jahre am gleichen Platz. Die Kollegen schätzen sie, der Direktor ist zufrieden. Zuhause wird darüber kaum gesprochen.
Die Gäste kommen um halb sieben. Es ist Gudrun Elisabeth Stein, Manfreds Schwiegermutter, mit ihrem Mann Harald, und Manfreds Bruder Rainer mit dessen Frau Angelika. Laut, zufrieden, satt mit dem Leben. Sie setzen sich und reden durcheinander. Sabine deckt auf, bringt nach, räumt ab, bringt wieder Neues.
Am Tisch dreht sich das Gespräch um Preise, Nachbarn, den neuen Markt am Ostplatz. Sabine hört zu und bleibt still. Sie ist es gewohnt, an diesem Tisch zu schweigen.
Dann bringt Gudrun das Gespräch auf die neue Poliklinik, die am Wilhelm-Leuschner-Platz gebaut werden soll.
Vielleicht sind dann die Wartezeiten endlich kürzer, sagt sie und zupft ihren Pullover zurecht. Zum Hausarzt kommt man ja kaum noch durch.
Da wirds nicht besser, wirft Harald ein, Ärzte gibts sowieso zu wenig.
Aber ich habe gelesen, sagt Sabine, dass da viele junge Ärzte kommen sollen. Da gibts ein städtisches Programm. In der Zeitung stand das letztens.
Manfred stellt sein Glas auf den Tisch, ganz leise, aber so, dass es jeder sieht.
Sabine, bring mal bitte die Gewürzgurken, sagt er.
Gleich, einen Moment, ich wollte nur sagen …
Ich hab gesagt, bring die Gewürzgurken. Musst du dich dauernd einmischen? Dich hat keiner gefragt.
Gudrun hustet plötzlich und betrachtet die Tischdecke. Angelika schaut kurz auf und sofort wieder weg. Rainer nimmt sich Brot.
Sabine steht auf, geht zum Kühlschrank, holt ein Glas Gurken heraus. Stellt sie auf den Tisch. Setzt sich.
In ihr ist es still. Kein Zorn, kein Aufruhr. Einfach Stille, wie in einer Wohnung, wenn alle gegangen sind und man nicht weiß, was man eigentlich sucht.
Sie betrachtet ihre Hände, die auf dem Schoß ruhen. Hände, nicht mehr jung, mit kleinen, geschwollenen Gelenken, sauber geschnittenen Nägeln. Hände, die seit dreißig Jahren arbeiten: Kochen, waschen, bügeln, schneiden, tragen. Dreißig Jahre.
Die Gurken auf dem Tisch hat sie im August selbst eingeweckt, bei Hitze, brennend am Herd, Deckel drehend. Niemand fragte, ob das schwer war. Niemand sagte Danke. Die Gurken sind einfach da und werden gegessen.
Das Gespräch geht weiter, als wäre nichts geschehen. Harald erzählt vom Freund, der ein gebrauchtes Auto gekauft hat. Gudrun lacht, Manfred nickt und schenkt nach.
Sabine denkt an ihre Hände.
Sie denkt daran, wie sie vor zwanzig Jahren die Vorhänge für dieses Zimmer genäht hat. Den Stoff selbst gekauft, von ihrem Gehalt, weil er meinte, es sei kein Geld da. Nachts genäht, wenn alles andere erledigt war. Die Vorhänge hängen noch heute. Vermutlich hat Manfred sie nie beachtet.
Nach dem Nachtisch sagt Manfred schnell:
Sabine, räum doch mal ab. Was sitzt du denn so faul rum.
Und da passiert es. Kein Donnerschlag, eher wie ein Klick, ein Lichtschalter im dunklen Flur. Nur diesmal wird es nicht hell sondern die Dunkelheit verschwindet.
Nein, sagt Sabine.
Manfred dreht sich um.
Was?
Nein. Ich bin müde. Ich bleib sitzen.
Am Tisch wird es ganz still. Gudrun blickt auf. Angelika hört auf zu kauen.
Sag mal, hast du sie noch alle? Manfred spricht leise, sein typischer Tonfall, um ihr klarzumachen, ohne Aufsehen zu erregen.
Doch, sagt Sabine. Ich bin einfach müde. Ich will sitzen bleiben.
Sie steht auf, aber nicht Richtung Spüle oder Tisch, sondern zur Tür. Geht in den Flur, in ihr Schlafzimmer, schließt die Tür ab. Der Schlüssel steckt dort schon seit Jahren. Nie benutzt. Heute dreht sie ihn um.
Hinter der Tür hört sie Manfred reden, lacht, erklärt es den Gästen. Dann klappern Tassen Angelika räumt ab. Gute Angelika, die immer alles versteht, ohne dass man es aussprechen muss.
Sabine sitzt am Rand des Bettes und schaut aus dem Fenster. Draußen die Straße, die Laterne, ein Stück Himmel. Oktober, die Bäume kahl und schwarz. Ehrliche Äste, nicht schön, aber ehrlich.
Sie bleibt lange sitzen. Hört, wie die Gäste gehen, wie die Tür zufällt, wie Manfred durch die Wohnung geht, in der Küche hantiert, dann vor ihrer Tür steht.
Mach auf.
Keine Antwort.
Sabine, ich sags dir, mach die Tür auf. Wir müssen reden.
Morgen, sagt sie. Heute schlafe ich.
Er bleibt stehen, sie hört seinen Atem. Dann geht er.
Sabine legt sich angezogen, auf das Bett, über die Decke und starrt an die Decke. Zum ersten Mal hat sie nachts keine Angst. Das ist neu. Sonst war da immer leise Furcht, ein ständiges Dröhnen wie in alten Rohren. Aber heute: nichts.
Vielleicht, weil sie endlich das Richtige getan hat.
Am Morgen geht Manfred gegen acht zur Arbeit. Werkmeister in einer Maschinenbaufabrik, geht immer früh los. Sabine hört ihn im Flur, das Räuspern, den Türknall.
Sie bleibt liegen, bis seine Schritte im Treppenhaus verstummen.
Dann steht sie auf, wäscht sich. Öffnet den Schrank.
Sie besitzt nur einen Koffer alt, braun, mit Metallecken. Sie zieht ihn unter dem Bett hervor und stellt ihn auf die Tagesdecke. Öffnet ihn. Es riecht nach Staub und Vergangenheit.
Sie packt ruhig, aber zügig. Wäsche, ein paar Pullover, Hosen, ein dicker Wollpulli. Die Papiere liegen im Kommodenfach: Ausweis, Arbeitsvertrag, Sparbuch. Die kleine Schatulle Mutters Ohrringe, ein Ring von der Großmutter. Arbeitsschuhe, ein Paar Hausschuhe.
Sie hält einen Moment inne, schaut sich um.
Nichts hier ist wirklich ihres. Den Schrank hat er ausgesucht. Das Sofa auch. Den Teppich haben sie zusammen gekauft, aber eigentlich wollte sie einen anderen. Die Vorhänge hat sie genäht, aber sie sind Teil dieser Wohnung geworden, die ihm gehört.
Sie schließt den Koffer.
In der Küche gießt sie sich Tee ein, trinkt im Stehen, sieht auf den Herd, auf den Topf mit der Suppe. Lässt alles stehen.
Sie zieht sich an, nimmt den Koffer, die Tasche mit den Unterlagen, verlässt die Wohnung. Die Tür zieht sie zu, legt den Schlüssel auf die Fußmatte. Er wird ihn schon finden.
Draußen ist es kalt und feucht, es riecht nach Herbstlaub. Sabine stellt den Koffer kurz auf den Gehweg, atmet durch. Der Himmel ist trüb und weiß. Menschen gehen an ihr vorbei zur Arbeit, keiner beachtet sie.
Sie schnappt sich den Koffer und geht zur Bushaltestelle.
Margarethe Ursula Hennig wohnt in der Gartenstraße, dritte Etage, Zweizimmerwohnung. Sie arbeitet in derselben Berufsschule, unterrichtet Wirtschaftslehre, ist acht Jahre älter als Sabine. Sie sind befreundet soweit man so etwas Freundschaft nennen kann, was sich zwischen ihnen entwickelt hat. Sie trinken zusammen in der Pause Tee, laufen nach der Arbeit manchmal zur Haltestelle, unterhalten sich über allerlei. Margarethe ist Witwe, kinderlos, wohnt allein. Und sie wirkt, als käme sie damit gut zurecht.
Sabine klingelt um halb elf.
Margarethe öffnet im Bademantel, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, noch ganz verschlafen. Sie hat noch Urlaub.
Sabine? Sie schaut auf den Koffer, auf Sabines Gesicht, zögert nur eine Sekunde. Komm rein.
Keine Fragen, keine Kommentare an der Tür. Einfach: Komm rein.
Sabine tritt ein. Die Wohnung ist warm, der Duft nach Kaffee und alten Büchern liegt überall. Bücherregale, sogar im Flur. Die Katze grau und neugierig schnuppert am Koffer und verschwindet dann wieder.
Setz dich, sagt Margarethe. Ich mach frischen Kaffee.
Sie sitzen in der Küche und Sabine erzählt. Nicht alles auf einmal, nicht in der richtigen Reihenfolge. Hier ein Bruchstück, da eines. Vom gestrigen Abend, den Gurken, vom Dich hat keiner gefragt. Von den selbstgenähten Vorhängen, von dreißig Jahren Ehe.
Margarethe hört zu, ohne zu unterbrechen. Sie kann zuhören das ist eine seltene Gabe.
Ich verstehe dich, sagt sie am Ende. Obs richtig ist, weiß ich nicht. Das musst du selbst wissen. Aber du kannst erst mal bleiben, so lange du willst.
Ich will keine Last sein, sagt Sabine. Ich helfe im Haushalt, koche, räume auf.
Sabine, Margarethe sieht sie mild und streng zugleich an, du bist hier kein Dienstmädchen. Das ist einfach mein Zuhause, und ich bin froh, dass du da bist.
Sabine blickt in ihre Tasse. Etwas zieht sich in ihrer Kehle zusammen. Keine Tränen nein, das ist es nicht. Eher das Gefühl, wenn man etwas Schweres zu lange gehalten hat und nun endlich loslässt.
Margarethe richtet ihr das kleine Arbeitszimmer als Zimmer ein Klappbett, Schreibtisch, natürlich wieder ein Regal voller Bücher. Sabine stellt ihren Koffer ab, packt aus, macht das Bett.
Sie legt sich hin und denkt: Das ist jetzt mein Zimmer.
Zum ersten Mal seit Ewigkeiten hat sie einen Platz, der nur ihr gehört.
Natürlich kocht und räumt sie auf. Nicht, weil sie muss, sondern weil sie es gewohnt ist. Und weil sie gern etwas zurückgeben möchte. Erst hat Margarethe protestiert, doch dann nimmt sie es dankbar an. Morgens trinken sie zusammen Kaffee, mal redend, mal schweigend, beide mit ihrem Buch.
Das Schweigen ist neu bei einem anderen Menschen nicht unangenehm, nicht bedrohlich. Man muss sich nicht erklären.
Am Montag geht Sabine wieder arbeiten. Die Buchhaltung ist klein, drei Frauen. Die Kolleginnen sind vorsichtig, bemerken wohl, dass sich etwas geändert hat, fragen aber nicht. Sabine arbeitet wie immer, genau, ohne Fehler.
Der Direktor, Herr Baumann, ruft sie am Freitag ins Büro.
Frau Weber, ist bei Ihnen alles in Ordnung? fragt er. Die Frage klingt ehrlich, nicht bloß nach Pflicht.
Ja, Herr Baumann. Privat hat sich einiges geändert, ich bin umgezogen. Das wirkt sich aber nicht auf die Arbeit aus.
Ich frage nicht wegen der Arbeit, sagt er ruhig. Ich frage, wie es Ihnen geht.
Sabine schaut ihn an. Herr Baumann, älter, freundlich, kennt alle seine Leute.
Danke, sagt sie. Ich komme klar.
Und das ist wahr. Sie kommt klar. Mehr noch sie merkt, wie sie freier atmet. Als hätte jemand das Blei von ihrer Brust genommen.
Die Schüler an der Berufsschule sind wild, ehrlich, laut. Sabine hat keinen Unterricht, sitzt in der Buchhaltung, kennt aber alle Namen von den Listen. Manchmal begegnet sie den Jugendlichen im Flur, hört das Lachen das gefällt ihr. So lebendig. Alles liegt noch vor ihnen.
Sie denkt zum ersten Mal: Vielleicht liegt auch etwas vor mir? Ein ungewohnter Gedanke, noch ein bisschen zu groß. Aber sie gewöhnt sich daran.
Manfred ruft drei Tage nach ihrem Auszug an.
Zuerst am Handy, Sabine geht einmal ran und sagt nur:
Manfred, mir gehts gut. Ich brauche Zeit. Ruf bitte nicht mehr an.
Er versucht es weiter. Sie geht nicht ran.
Dann ruft er in der Buchhaltung an. Die junge Nadine nimmt ab, kommt verlegen zu Sabine:
Frau Weber, Ihr Mann …
Sagen Sie, ich bin nicht da, sagt Sabine ruhig.
Nadine schaut verwundert, schweigt aber und macht es.
Es wird November und draußen kälter. Margarethe holt einen alten Radiator aus dem Abstellraum und stellt ihn in Sabines Zimmer. Abends gucken sie zusammen fern, trinken Kamillentee mit Waffeln oder reden einfach.
Margarethe erzählt von ihrem Mann, der vor zehn Jahren gestorben ist. Von der ersten Zeit allein. Wie sie verstanden hat, dass Einsamkeit und Freiheit manchmal dasselbe sind.
Ich will dich nicht zur Einsamkeit überreden, sagt sie streng und weich zugleich. Nur: Man muss keine Angst davor haben. Schau, gehts dir jetzt schlecht?
Nein, sagt Sabine.
Na also.
Sabine denkt darüber nach. Über Angst. Manfred hat immer gesagt, sie würde ohne ihn untergehen. Dass sie allein nicht zurechtkommt, vom Buchhalterinnengehalt nicht leben könne. Niemand brauche eine Frau in ihrem Alter. Diese Worte hatten sich festgesetzt.
Jetzt lebt sie und nichts davon tritt ein.
Ihr Gehalt ist nicht viel, Miete nimmt Margarethe nicht. Sabine kauft ein, kocht, das reicht. Sie legt ein bisschen Geld zurück. Nicht viel, aber regelmäßig. Wofür, weiß sie selbst nicht. Für die Zukunft?
Im Dezember, kurz vor Weihnachten, steht Manfred vor ihr.
Sabine kommt von der Arbeit; es ist Freitag, dunkel. Sie biegt um die Ecke zum Haus und sieht ihn: Manfred. In der alten braunen Jacke, ohne Mütze, bei minus acht Grad. Er hat abgenommen, sieht älter aus. Auf den ersten Blick fällt es ihr auf.
Sabine, sagt er.
Sie bleibt drei Schritte entfernt stehen.
Wie hast du mich gefunden?
Die Leute sagen es. In so einer kleinen Stadt weiß es jeder.
Sabine nickt. Ja, logisch.
Ich will reden, sagt er.
Dann rede.
Er sieht sich um, friert.
Können wir nicht rein? Mir ist kalt.
Setz dir eine Mütze auf, sagt Sabine. Sag, was du willst.
Er zögert, dann:
Sabine, was soll das alles. Zuhause ist keiner, ich komm überhaupt nicht klar. Essen wird schlecht, überall Dreck. Ich kann das nicht.
Du wirst lernen.
Einfach für dich. Er tritt unruhig von einem Bein aufs andere. Versteh mich doch, mein Ton ist manchmal schroff, aber das ist doch kein Grund, die Familie zu zerstören.
Dreißig Jahre, Manfred, sagt Sabine. Dreißig Jahre habe ich auf dich gehört. Alles gemacht wie du sagtest. Gekocht, geputzt, Gäste empfangen, geschwiegen, wenn du mich vor anderen bloßgestellt hast.
War halt mal so, sagt er. Manchmal hab ichs vielleicht übertrieben …
Vor allen hast du gesagt: Dich hat keiner gefragt. Und es war nicht das erste Mal. Das war immer so, wenn ich etwas sagte für dich zur falschen Zeit. Dass ich eine kostenlose Bedienung bin, das hast du gedacht. Nie, dass ich ein Mensch bin.
Jetzt übertreibst du, sagt er, hörbar genervt, wie früher. Frau muss halt …
Stopp, sagt Sabine.
Er hält inne. Sie wundert sich, wie fest und ruhig ihr Ton klingt.
Ich will nicht mehr hören, was eine Frau muss. Dreißig Jahre habe ich das gehört. Was weißt du eigentlich darüber, was mich ausmacht? Was ich lese? Was mir im Kino gefällt? Über was ich nachdenke, wenn ich spüle?
Er schweigt.
Siehst du, sagt Sabine leise. Du weißt es nicht hast nie gefragt. Es ging dir nie um mich, sondern um eine Frau, die den Haushalt macht. Aber das ist nicht dasselbe.
Du bist jetzt ganz anders hat das Margarethe dir eingeredet?
Nein, sagt Sabine. Das sind meine Gedanken, nicht ihre.
Sie knöpft den Mantel bis oben zu. Es beginnt zu schneien.
Ich komme nicht zurück, Manfred. Das ist kein Streit, der vergeht. Ich gehe weg, weil es mir bei dir schlecht ging. Und erst jetzt sehe ich, wie sehr.
Du wirst enden als einsame alte Frau, sagt er. Schon mal daran gedacht? Wer braucht dich dann?
Ich brauche mich, sagt Sabine. Das reicht.
Sie wendet sich ab, geht zum Hauseingang.
Sabine, warte! ruft er.
Sie dreht sich nicht um. Gibt den Code am Haustürschloss ein, zieht die Tür auf. Schneeflocken fallen auf ihre Schultern.
Oben hat Margarethe offenbar aus dem Fenster geschaut und öffnet schon die Wohnungstür.
Ich habs gesehen, sagt sie.
Ja, sagt Sabine. Jetzt ist es vorbei.
Tee?
Gern.
Sie gehen in die Küche.
Sabine gießt sich Tee ein, hält die Tasse mit beiden Händen. Ihre Hände zittern ein wenig, nicht vor Angst oder Kälte. Es ist einfach diese Art Zittern, wenn ein Lebensabschnitt endet und der Körper es vor dem Kopf spürt.
Wie gehts dir? fragt Margarethe.
Gut, sagt Sabine. Wirklich gut sogar. Es fühlt sich an, als hätte ich etwas zurückgegeben, was ich ihm lange schuldig war.
Schuld?
Nein. Mehr so das Warten. Ich habe immer noch gewartet, dass er sich ändert, etwas Menschliches sagt. Und dann kam er und das Einzige, was ihm einfiel, war, dass nichts zu essen da ist. Sie lächelt schief. Nichts zu essen.
Immerhin ehrlich, meint Margarethe.
Ja, ehrlich.
Der Winter vergeht. Sabine macht offizielle Dinge, geht zu einer älteren Anwältin, die sachlich und verständnisvoll ihren Fall bearbeitet. Viel zu teilen gibt es nicht: Die Wohnung gehört ihm, gekauft vor der Ehe. Sabine besteht nur auf ihrem eigenen Ersparten.
Natürlich gibt es auch schwere Tage. Abende, an denen sie auf dem Bett liegt, fünfzigvier Jahre, allein, und nicht weiß, wie es weitergeht. Dieses echte, ehrliche Unbehagen versucht sie nicht zu vertreiben. Liegt einfach da, denkt und schläft dann ein.
Am Morgen steht sie auf, geht wieder ihrer Arbeit nach und es wird leichter.
Im Januar gibt es einen Moment, da wird ihr klar: Sie kann sich nicht erinnern, wann sie zuletzt Kopfschmerzen hatte. Jahrelang hatte sie abends Kopfweh. Jetzt: Nichts mehr.
Eine kleine, aber wichtige Erkenntnis.
Im Februar wechselt der Fachlehrer an der Berufsschule. Der technologische Unterricht wird ab jetzt von Thomas Sebastian König gehalten, 48 Jahre, aus dem Nachbarort nach Leipzig gezogen. Spezialist für Maschinenbau. Kommt leise, ohne Aufhebens.
Sabine sieht ihn das erste Mal in der Kantine. Er sitzt allein mit einem Buch, isst ruhig, ohne Hektik.
Sie geht vorbei, er nickt. Ein höfliches, schlichtes Nicken.
In der nächsten Woche treffen sie sich am Kopierer vor dem Direktorzimmer. Sabine trägt Leitz-Ordner.
Wissen Sie, wo ich hier drucken kann? Der Lehrerzimmerdrucker geht nicht.
Bei uns in der Buchhaltung ist einer, sagt Sabine. Bringen Sie es einfach vorbei, wenns eilt.
Danke.
Am nächsten Tag steht er mit einem USB-Stick vor ihr. Sabine druckt ihm die paar Seiten aus, winkt ab, es war nichts. Er bedankt sich und fragt:
Sind Sie schon lange hier?
Zweiundzwanzig Jahre.
Das ist lange.
Ja.
Dann kennen Sie hier alles.
Wo was ist, ja. Sonst ist das Leben überall ähnlich.
Er lacht, leise, ganz normal.
Sie reden öfter in der Kantine, erst ein paar Minuten, dann mehr. Er fragt sie nach ihrer Meinung eine neue Erfahrung: Jemand, der wirklich wissen will, was sie denkt.
Einmal sprechen sie über Bücher. Sabine gesteht, dass sie gerne liest, aber es verlernt hatte, es fehlte die Zeit.
Und jetzt?
Jetzt habe ich wieder angefangen. Margarethe hat eine ganze Wand voll Bücher. Ich lese mich langsam durch.
Was zurzeit?
Sabine zögert kurz. Es ist ein alter Roman über das Landleben, nicht modern.
Hans Fallada, sagt sie. Stand einfach da, ich habe angefangen und kann nicht mehr aufhören.
Sehr gute Wahl, sagt er. Fallada beobachtet die Menschen ziemlich genau.
Genau das, sagt Sabine. Genau.
Am nächsten Tag bringt er ihr ein anderes Buch, legt es einfach auf den Tisch. Kein Kommentar, kein großes Aufheben.
Sabine sieht es an, dann schaut sie zur Tür, hinter der er verschwunden ist. Etwas Warmes in ihrer Brust, vorsichtig und neu. Sie kennt das Gefühl, dieses stille, verletzliche Glück, wie ein erster Frühlingstag: Sonne wärmt schon, der Wind ist aber kalt. Sie lässt sich Zeit. Überstürzt nichts mehr.
Die Erfahrung zeigt: Geduld lohnt sich. Wenn man nicht drängt, kommt vieles besser.
Der Frühling kommt im März. Schnee taut über Nacht, die Erde wird dunkel, an den Büschen vor dem Haus schwellen die ersten Knospen. Sabine bleibt auf dem Heimweg stehen, betrachtet sie. Klein, fest, lebendig.
Vor einem Jahr, zu dieser Zeit, steckte sie noch in der Ehe mit Manfred. Auch Frühling. Doch sie sah damals keine Knospen, dachte an Einkäufe, Bügelwäsche, tropfende Wasserhähne. Ohne Pause, immer weiter.
Jetzt bleibt sie stehen und sieht die Knospen.
Thomas trifft sie am Schultor. Zufall sie gehen gemeinsam bis zur Bushaltestelle.
Herrlich heute, sagt er.
Ja, sagt Sabine.
Ich wollte dich fragen … er zögert, das gefällt ihr, dieses bedächtige Reden. Hast du Lust, am Sonntag in das Industriemuseum zu gehen? Neue Ausstellung über Maschinenbaugeschichte. Ich wollte schon lange mal hin allein ist es aber langweilig.
Sabine schaut ihn an.
Ins Industriemuseum?
Ja, da, angeblich ganz interessant. Und ich als Maschinenbauer bin neugierig.
Gut, sagt Sabine. Ich komme mit.
Sie sagt es geradeheraus, ohne Angst, ohne Rechtfertigung. Einfach: Gut, ich komme.
Sonntag ist sonnig. Sie gehen gemeinsam durch das Museum, Thomas erzählt von Maschinen, Sabine hört zu, fragt zwischendurch. Danach trinken sie schwachen Kaffee im Foyer, tun beide so, als schmecke er ihnen.
Bin ich zu langweilig mit meinen Geschichten von der Arbeit? fragt er plötzlich.
Sabine sieht ihn an.
Warum fragst du?
Einige sagen, Technik schnarcht jeden ein.
Wer sagt das?
… meine Ex.
Mir ist nicht langweilig, sagt Sabine. Wenn ich genug hab, sag ichs.
Er nickt.
Das ist gut.
Und sie weiß, was er meint. Nicht Langeweile, sondern dass sie ihre Meinung sagt. Ihr Recht wahrnimmt. Für ihn ist das wichtig. Auch sie lernt noch.
So wächst zwischen ihnen, ganz still und ohne große Worte, ein Band. Eine schlichte Geschichte zweier Leute, die gern zusammensind.
Sabine denkt: Vielleicht ist das das wahre Glück? Nicht wie im Film, sondern still. Morgens aufstehen und Lust auf den Tag haben.
Gefragt werden, was sie denkt und erwartet wird eine ehrliche Antwort.
Niemand sagt: Dich hat keiner gefragt.
Anfang Mai ist Markttag. Sabine geht samstags zum Markt, kauft frische Kräuter, Radieschen. Es ist voll, der Geruch nach Erde und Frühgemüse hängt in der Luft. Sie biegt zwischen den Ständen ab und sieht Manfred.
Er steht bei der Fleischtheke. Abgemagert, blass, die alte Jacke hängt schlaff herunter. Sichtlich überfordert beim Einkaufen.
Sabine hält kurz an. Wartet, ob Gefühle aufbrechen: Mitleid? Wut? Vielleicht alte Trauer?
Aber da ist nichts.
Er ist nur ein Mann an der Fleischtheke. Nicht jung, leicht verwahrlost, verloren im Alltag. Dreißig Jahre haben sie zusammen gelebt. Es war. Ein Teil von ihr. Aber nicht alles.
Sabine läuft am anderen Stand vorbei, holt Petersilie und Dill für Margarethe, die Dill im Borschtsch liebt. Verlässt den Markt.
Es ist Mai, warm, friedlich. Die Einkaufstasche duftet nach Kräutern, alles riecht nach Sommeranfang.
Sie denkt: Genau das ist Neustart mit über 50. Kein einziger entschiedener Moment, sondern viele: Das Morgens-weggehen mit Koffer, der Tee bei Margarethe, die Arbeit, die wieder Sinn macht, das Buch auf dem Nachttisch, das Museum mit schlechtem Kaffee, dieser Mai.
Von Manfred weggehen war nur der Anfang. Weiterleben musste sie selbst. Neues sehen lernen. Die Frage, ob leiden oder weglaufen, hat sie längst beantwortet. Und richtig entschieden auch wenn das alles keine geringfügige Sache war.
Psychologischer Realismus, denkt sie plötzlich. Früher nicht verstanden, heute schon: Das Leben wie es ist ehrlich, ohne Übertreibung oder Schrecken. Es war schwer, dann ging sie, dann wurde es anders. Angst und Einsamkeit gab es, aber auch Erleichterung.
Frauenschicksale sind verschieden. Sabine hält ihr Leben nicht für vorbildhaft oder besonders. Es ist einfach ihres.
Sie biegt in die Gartenstraße ein, geht in den dritten Stock. Margarethe öffnet, trägt Schürze, hält ein Suppenteller.
Ah, du bist da. Ich mach grad kalte Suppe.
Ich hab Dill mitgebracht, sagt Sabine.
Prima. Hände waschen.
Sabine hängt den Mantel auf, geht in die Küche, lässt das Wasser über die Hände laufen.
Am Sonntag wollen sie mit Thomas rausfahren, er will ihr einen alten Staudamm zeigen, gebaut in den Fünfzigern, interessante Technik. Er erklärt, warum, Sabine hört zu und merkt, sie will das hören.
Es ist seltsam und schön.
Sie trocknet die Hände, geht zurück in die Küche.
Kann ich helfen?
Eier würfeln, bitte.
Sabine nimmt das Messer, schneidet die Eier in ordentliche Würfel. Gewohnte Handgriffe, die Hände wissen, was sie tun.
Aber diesmal macht sie es nicht als Pflicht, sondern für sich und für Margarethe. Aus Freundschaft, nicht aus Zwang. Das macht einen Unterschied. Schwer zu erklären, aber zu spüren in jedem Moment.
Draußen scheint die Sonne. Im Hof spielen Kinder, fahren Rad. Es riecht nach Frühling und Dill.
Margarethe, sagt Sabine. Hast du es bereut, damals nach dem Tod von Franz allein geblieben zu sein?
Margarethe überlegt.
Bereut? Natürlich war es schwer. Aber nicht das Alleinsein hab ich bereut. Das hab ich dir gesagt.
Ja, das hast du, sagt Sabine.
Und du? Fühlst du dich jetzt allein?
Sabine lächelt, während sie die Eier schneidet.
Nicht wirklich.
Margarethe schaut sie nur an, sagt aber nichts. Wendet sich wieder ihrem Gericht zu.
Da gibt es keine Moral. Es ist das Leben selbst, das hier spricht. So gelebt von einer Frau namens Sabine Renate Weber, Buchhalterin, vierundfünfzig Jahre alt. Die irgendwann einfach Nein gesagt hat zum Abwasch und selbst überrascht war, wie leicht das ging.
Und wie viel dahintersteckte.




