Nachtrag zu einer Wohnung
Du hast mich nicht verstanden, Annemarie. Ich bin nicht zum Abendessen gekommen. Ich wollte dir etwas Wichtiges mitteilen.
Annemarie Elisabeth Drechsler stand mit dem Rücken zu ihrem Mann am Herd. Der Holzlöffel hing über dem Topf mit der Suppe. Leise blubberte die Brühe, kleine Blasen stiegen vom Grunde auf jetzt war das das einzige Geräusch in der Wohnung. Dann schien sogar es zu verhallen.
Was Wichtiges? fragte sie, ohne sich umzudrehen. Die Stimme ruhig, fast geschäftsmäßig. Sogar sie selbst erstaunte das.
Thomas trat am ihr vorbei zum Tisch, stellte seine Aktentasche auf den Hocker. Das war seit dreißig Jahren sein immergleicher Handgriff: Aktentasche dort, Jackett über die Stuhllehne. Annemarie kannte jedes Detail wie einen längst abgeschlossenen Reim: Sie hat es auswendig gelernt, aber die Bedeutung ist verloren gegangen.
Ich gehe, sagte er. Keine Pause, keine Einleitung. Einfach: Ich gehe.
Der Löffel wurde abgelegt, neben dem Herd. Annemarie drehte sich langsam um.
Thomas saß am Tisch und hatte das Jackett noch an. Achtundfünfzig, ergraute Schläfen. Die Hände flach auf den Tisch gelegt, ganz ruhig, als hätte er seinen Entschluss schon lange gefasst.
Wohin? Sie wusste es eigentlich schon.
Zu Simone. Du kennst sie nicht. Sie arbeitet bei uns in der Abteilung. Sie ist vierunddreißig.
Das letzte sagte er extra, als gehörte das zum Erklären. Vielleicht war es so.
Annemarie nahm die Leinenserviette vom Tisch, die sie vor dem Abendessen noch selbst zu einem Dreieck gefaltet hatte. Sie spielte damit in den Händen. Die Servietten hatte sie immer am Markt von einer Frau aus Sachsen gekauft. Kräftig, angenehm anzufassen, Thomas knüllte sie immer achtlos neben den Teller. Annemarie glättete sie, wusch sie, dreißig Jahre immer wieder.
Wie lange schon? fragte sie.
Seit einem Jahr und vier Monaten.
Ein Jahr und vier Monate. Annemarie rechnete im Kopf. Letzter Sommer. Damals waren sie gemeinsam im Schwarzwald gewesen, zum ersten Mal seit langer Zeit. Sie hatte es für einen Neuanfang gehalten. Wahrscheinlich war das falsch gewesen.
Du musst verstehen, begann Thomas. Er beugte sich leicht vor, schaute aber an ihr vorbei, in einen Punkt hinter ihrer Schulter. Es heißt nicht, dass du ein schlechter Mensch bist. Nur Anni, du bist matt geworden. Du bist Teil dieser Wohnung geworden. Verstehst du? Ein Anhängsel. Ich kam nach Hause, sah geputzte Fenster, gebügelte Hemden, ordentliches Porzellan. Alles perfekt nur dich, dich als lebendige Frau, habe ich vermisst.
Sie hörte zu. Die Serviette drehte sich zur engen Rolle in ihren Händen.
Mit Simone fühl ich mich lebendig. Sie interessiert sich für das, was ich mache. Mit ihr gibt es Gespräche.
Und mit mir gab es keine Gespräche?
Anni. Er schwieg kurz. Die letzten zehn Jahre hast du nur noch über die Wohnung, die Kinder und die Nachbarn geredet. Es tut mir leid. Aber es stimmt.
Die Kinder. Ihr Sohn Maximilian lebte mit seiner Familie in München. Tochter Julia war vor fünf Jahren nach Hamburg gegangen. Sie riefen sonntags an, fuhren zu Festen manchmal her. Annemarie vermisste sie, und das wurde zu einer Art Kummer, den man nicht aussprach. Man lebte einfach damit, wie mit einer alten Narbe.
Gehst du jetzt gleich? fragte sie.
Nein, heute nicht. Ich brauche noch ein paar Tage, um meine Sachen zu packen. Wenn es dir lieber ist, kann ich bei Uwe unterkommen.
Uwe. Sein bester Freund. Also wusste Uwe wohl schon längst Bescheid.
Bleib, sagte Annemarie. Die Stimme war immer noch ruhig. Ich brauche dich nicht bei Uwe. Pack deine Sachen hier.
Sie wandte sich dem Herd zu, stellte das Gas ab. Die Suppe wurde still.
In der Nacht lag sie auf ihrer Seite vom Bett und starrte an die Zimmerdecke. Thomas schien schnell einzuschlafen. Oder er tat nur so. Die Decke war wie immer: weiß, mit einem kleinen Riss oben rechts. Jedes Jahr wollten sie den endlich verputzen, und immer vergaßen sie es wieder. Annemarie betrachtete den Riss und dachte, dass sie ihn nun wohl nie zu machen braucht. Wozu auch.
Die Tränen kamen erst gegen drei Uhr morgens. Nicht laut, nur warm über das Gesicht, und sie ließ sie einfach laufen. Sie lag da, weinte still, während es draußen langsam dämmerte.
Thomas zog nach vier Tagen aus. Zwei Koffer, das Notebook, seine Wirtschaftsbücher und ein paar Sachen aus dem Bad. Annemarie saß währenddessen in der Küche, trank Tee, der nach nichts schmeckte. Als sich die Tür hinter ihm schloss, wurde es in der Wohnung still. Nicht abendlich oder nächtlich still irgendwie anders. Fast so, als hätte jemand alle Möbel weggeräumt.
In den ersten Tagen tat sie weiter alles, wie gehabt. Geschirr spülen. Regale wischen. Am Sonntag nahm sie Thomass weiße Hemden aus dem Schrank, saß eine Stunde auf der Bettkante damit auf dem Schoß und wusste nicht, was tun. Neun Hemden. Er bestand immer auf separater Wäsche für Weißes, extra Stärke für die Kragen. Dreißig Jahre lang hat Annemarie sie gebügelt. Jetzt lagen die Hemden da, und sie wusste nicht, wohin damit.
Sie legte sie wieder in den Schrank. Machte die Tür zu.
Maximilian rief am Mittwoch an. Seine Stimme war vorsichtig, wie jemand, der weiß, was zu sagen ist, aber nicht wie.
Mama, Papa hat angerufen. Wie geht es dir?
Es geht, sagte sie.
“Es geht” wie?
“Es geht” ist “es geht”, Max. Alles gut.
Sie hörte, dass er mehr sagen wollte. Vielleicht wollte er vorschlagen, zu ihr zu fahren, oder sie zu sich einzuladen, oder einen Ratschlag geben, den sie nicht verlangte. Aber er fragte nur:
Isst du denn wenigstens etwas?
Ich esse schon.
Gut. Ruf an, ja?
Ich rufe an.
Sie hatte fast eine Woche nicht richtig gegessen. Nicht aus Appetitlosigkeit. Einfach, weil im Kühlschrank noch seine Sachen standen: Gouda, den er zum Frühstück wollte, Senf im Glas, Kefir. Sie warf es nicht weg, sondern machte zu, ging in ein anderes Zimmer.
Julia kam am Wochenende ohne anzumelden, rief einfach vom Bahnhof an.
Ich bin schon in Frankfurt, hol mich ab.
Annemarie holte sie an der U-Bahn ab. Julia erinnerte an sie selbst in jungen Jahren: dunkle Haare, gerader Rücken, immer ein bisschen skeptisch. Nur dreißig Jahre jünger und ganz anders innen.
Mama, du hast abgenommen.
Ist normal.
Nicht in zwei Wochen. Julia nahm ihren Arm. Komm, gehen wir heim. Ich hab Essen mitgebracht.
Julia blieb zwei Nächte. Kochte, räumte auf, sah Filme mit Annemarie. Am zweiten Abend saßen sie lange in der Küche, und Annemarie fing einfach an zu reden. Weinte nicht, klagte nicht. Sie erzählte. Wie Thomas früher war. Wie sie sich in der Unibibliothek kennengelernt hatten, Geschichte Hauptfach. Wie sie heirateten, als sie siebenundzwanzig und er neunundzwanzig war. Wie sie als Kunsthistorikerin im Stadtmuseum arbeitete und es liebte. Wie dann erst Maximilian, dann Julia kamen, und das Leben immer noch schön war, aber eben anders.
Du hast doch gearbeitet. Wann hast du aufgehört?
Als ihr vier und sieben wart. Papa meinte, es wäre besser, wenn ich für euch zuhause bleibe.
Und hast du das nie bereut?
Annemarie überlegte.
Damals nicht. Jetzt weiß ich es nicht.
Julia reiste Sonntagabend ab. Annemarie sah ihr vom Fenster nach, bis sie hinter der Ecke verschwand.
Die Wohnung war wieder ruhig. Nur war das jetzt anders. Nicht mehr beklemmend. Nur still.
Die nächsten drei Wochen existierte Annemarie einfach: Aufstehen, waschen, Kaffee kochen. Manchmal einkaufen gehen. Aus dem Fenster schauen. Tischdecken bügeln, die niemand schmutzig machte. Die Blumen auf dem Fensterbrett gießen. Das Leben lief weiter, ohne sie zu fragen.
Eines Abends holte sie eine alte Kiste vom Schrank herunter. Warum? Sie wüsste es kaum selbst. Vielleicht, weil die Hände nicht stillhalten wollten. In der Kiste lagen ihre Examensarbeit, einige Kataloge aus Ausstellungen, die sie als Kuratorin begleitet hatte, und ein Stapel Fotos. Auf einem stand sie als junge Frau in einem Ausstellungsraum, ernst, mit Zeigestab neben einem flämischen Gemälde. Auf der Rückseite: Eröffnung der Ausstellung, März 1992. Damals war sie neunundzwanzig.
Lange sah sie dieses Foto an. Legte es schließlich auf die Kommode, Bildseite nach oben.
Spät abends rief Gabriele an.
Gabriele Hoch war ihre Freundin aus dem Studium Kunstgeschichte. Das Leben verschlug sie in verschiedene Städte, aber regelmäßig nahmen sie den Gesprächsfaden wieder auf, als hätten sie gestern erst gesprochen.
Anni, ich weiß. Julia hat geschrieben.
Julia hat dir geschrieben? Annemarie musste sogar ein bisschen lächeln. Ihr seid ja gut vernetzt.
Keine Verschwörung. Sie macht sich Sorgen. Ich auch. Und wie geht’s jetzt?
Ich lebe.
Das ist kein Antwort.
Doch, eine andere habe ich nicht.
Gabriele schwieg. Dann sagte sie:
Ich will dich was fragen das wollte ich schon lange. Erinnerst du dich an Frau Keppler?
Frau Keppler …? Annemarie suchte im Gedächtnis. Von der Fakultät?
Nein, aus der Galerie Gegenwart, Nähe Oper Frankfurt. Wir waren doch mal 1998 bei so einer Vernissage.
Zumindest vage.
So, sie sucht jemanden für die Galerie. Jemanden, der Beratung mitmacht, Führungen bei Ausstellungseröffnungen Teilzeit. Anni, das ist doch genau deins. Das hast du zwanzig Jahre gemacht.
Annemarie ging ins dunkle Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa.
Gabi, das ist fünfundzwanzig Jahre her.
Die Kunst veraltet nicht und du auch nicht. Sie zeigen da von allem: Alte Meister, Impressionisten, moderne Kunst. Du kennst das alles. Geh doch einfach mal mit Frau Keppler einen Kaffee trinken. Versprich nichts, red einfach mal.
Im Zimmer war eine milde Stille. Draußen rauschte der Verkehr.
Geh hin, sagte Gabriele leiser. Anni, wofür sitzt du sonst hier in der Wohnung?
Annemarie antwortete erst nach einer Weile.
Gib mir ihre Nummer.
Nachts konnte sie nicht schlafen. Sie dachte nicht an Thomas. Sie dachte an sich. An das Foto, das auf der Kommode stand. Die junge Frau mit dem Zeigestab. Sie erinnerte sich daran, wie sie den ganzen Ausstellungsraum im Kopf hatte, jeden Rahmen, jedes Detail, den Duft des Lacks im Atelier, das Gewicht der Kataloge. Und an Professor Weber, der immer sagte: Drechsler, Sie haben ein Auge. Das lernt man nicht, das hat man.
Das Auge war noch da. Es hatte nur lange weiße Hemden und Leinenservietten angesehen.
Frau Keppler war eine kleine, energische Frau über siebzig mit roter Brille. Sie kam Annemarie schon an der Tür entgegen, griff beherzt nach ihrer Hand.
Ach, Sie sind Drechsler! Gabriele hat viel von Ihnen erzählt. Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.
Annemarie folgte durch die Räume und spürte plötzlich etwas. Erst wusste sie nicht was. Dann: Sie atmete. Richtig, tief und frei, wie schon lange nicht mehr.
Die Galerie war überschaubar, aber fein. Drei Räume: Alte Europäer aus dem 18.+19. Jahrhundert, Wechselausstellungen mit zeitgenössischer Kunst, ein kleiner Vortragssaal. Helles Licht, gute Hängung und sie merkte, dass sie gleich schaute, wo es besser ginge: Hier ein Bild höher, dort Licht schräg.
Hier ist das Problem, sagte Frau Keppler vor einem holländischen Stillleben. Die Leute laufen vorbei. Tolles Bild, aber so wirkt es nicht. Was meinen Sie?
Annemarie betrachtete es.
Das gehört zwölf, vielleicht fünfzehn Zentimeter höher, auf die Stirnwand, direktes Licht sonst verschwindet es. Und das Bild daneben ist zu dominant, raubt ihm Wirkung.
Frau Keppler lächelte übers Brillengestell.
Montag fangen Sie an, drei Tage pro Woche. Schauen wir mal.
Nach dem Gespräch stand Annemarie noch auf dem Gehweg. März, es war noch kühl, aber der Frühling war schon zu ahnen. In ihren Händen nur ihre Tasche, keine Gedanken an Wohnung, Thomas, Hemden, Servietten. Sie stand einfach.
Dann rief sie Gabriele an.
Und? kam sofort zurück.
Montag.
Ich habs gewusst! Gabriele jubelte bestimmt irgendwo in Hamburg. Richtig so, Anni.
Wir werden sehen, sagte Annemarie. Aber ihr Ton war anders. Sie merkte es selbst.
Freitag ließ sie sich die Haare schneiden. Ganz spontan beim Friseur an der Ecke gesehen, wie einer Frau gerade ein Kurzhaarschnitt verpasst wird, ging sie hinein: Friseurin Viola.
Was machen wir? Viola musterte sie im Spiegel.
Annemarie betrachtete ihr Spiegelbild: dunkle Haare, viele graue Strähnen, zum Zopf wie seit bestimmt fünfzehn Jahren.
Kurz, bitte. Und die Farbe: ehrlich. Das Grau darf man sehen.
Viola zog die Braue hoch.
Sicher? Die meisten wollen das kaschieren.
Bin sicher.
Drei Stunden später drehte Viola sie zum Spiegel. Anders. Ein Kurzhaarschnitt, klar, glatt, mit offenem Silbersträhnen und das Gesicht kam hervor, war nicht versteckt.
Gut, fand Annemarie.
Sehr gut, sagte Viola. Ihnen steht das. Das Gesicht … das bekommt man erst mit den Jahren.
Annemarie zahlte, sah ihr Spiegelbild kurze Zeit später in der Schaufensterscheibe dieses Mal sah sie sich ehrlich an.
Am Samstag fuhr sie ins Einkaufszentrum, nicht für Lebensmittel. Für Kleidung. Sie kaufte immer nur Praktisches graue Hosen, dunkle Pullis, wetterfest. Diesmal blieb sie vor der Auswahl stehen: ein Jackett in taubenblau, Hose mit hohem Bund, ein Leinenkleid.
Sie kaufte Jackett und Hose. Und sah sich im Spiegel an. Sie erkannte sich nach langer Zeit.
Montag begann sie in der Galerie. Frau Keppler stellte sie dem jungen Verwalter Paul vor, dem Restaurator Elias mit farbigen Händen.
Elias, das ist Frau Drechsler, unsere neue Kunsthistorikerin.
Elias sah kurz auf. Vielleicht fünfunddreißig, Bart, Farbe an den Fingern.
Gut, sagte er schlicht und arbeitete weiter.
Der erste Tag war ruhig: Kataloge durchsehen, Ausstellungskonzepte besprechen, mit Frau Keppler diskutieren, was im dritten Saal nicht funktioniert.
Ehrlich, was ist hier falsch?
Zuviel. Sechzehn Werke auf engem Raum bleibt nichts hängen. Die Leute vergessen alles wieder.
Frau Keppler war zufrieden.
Abends kehrte Annemarie heim. Die Wohnung wie immer, aber sie selbst war anders als vor ein paar Wochen. Es taute sich etwas in ihr auf.
Am Ende der zweiten Woche rief sie Julia an.
Mama, deine Stimme ist anders, stellte Julia fest.
Wie denn?
Ich weiß nicht. Lebendig.
Thomas wohnte inzwischen bei Simone in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung in Offenbach. Er hatte nicht drauf getippt, wie anders das wäre. Simone arbeitete lange, hatte ihre eigenen Termine, erwartete Eigenständigkeit. Thomas war nie geübt darin, für sich allein einzukaufen, zu kochen all das tat Annemarie immer von selbst, beinahe unsichtbar.
Er stellte fest: Abenteuer Küche macht nur zwei Wochen Spaß. Dann fehlt etwas. Simone kochte ihr eigenes Ding nicht schlecht, aber eben für sich, nicht für ihn. Auch das merkte Thomas erst nach einer Weile.
Thomas, könntest du bitte einkaufen gehen? sagte Simone am Sonntag.
Also ging er. Stand ratlos vor dem Käseangebot. Annemarie hätte alles gewusst. Dreißig Jahre lang dachte er nie darüber nach.
Anfang April kam Simone eines Abends lebhaft nach Hause.
Wir haben einen neuen Projektleiter, einunddreißig, aus London. Wirklich interessant! Wir haben über Architektur geredet. Studiert an der LSE …
Aha, sagte Thomas.
Willst du nicht wissen, worüber wir gesprochen haben?
Architektur, hast du doch gesagt.
Simone zog sich in die Küche zurück, klapperte mit Tellern. Thomas blätterte im Buch und las schon lange nicht mehr.
Annemarie arbeitete im April eineinhalb Monate in der Galerie. Sie überarbeitete die Hängung im dritten Saal, Frau Keppler war sichtbar beeindruckt.
Wissen Sie, was eine Pause in der Musik ist? fragte sie einmal.
Ja.
Sie können Pausen im Raum setzen. Das ist selten.
Annemarie bereitete sich auf Vorträge für die Besucher vor, einmal alle zwei Wochen, kleine Führungen durch die Sammlung. Sie sagte ja, spürte aber Anspannung sie hatte seit Jahrzehnten nicht mehr vor Publikum gesprochen.
Haben Sie Angst? fragte Frau Keppler.
Ein bisschen.
Dann nehmen Sie es ernst.
Der erste Vortrag zog zwölf Zuhörer an. Annemarie stand vor einem holländischen Stillleben, erzählte dann: Hier, Brot, Krug, Pflaumen am Rand, Tischtuch. So gemalt, dass alles lebendig wirkt. Als hätte gerade jemand den Raum verlassen, und die Dinge behalten noch ihr warmes Echo.
Nach dem Vortrag kam eine ältere Dame im dunkelblauen Mantel zu ihr.
Wissen Sie, ich war fünfmal hier und bin immer am Bild vorbeigegangen. Aber dieses Mal, als Sie vom Echo sprachen … da habe ich es gesehen.
Annemarie ging zu Fuß nach Hause. Es war schon fast warm für April. Sie dachte lange an diese Frau. Gerade ging jemand raus, und die Dinge spüren noch die Wärme. Sie selbst hatte das gesagt. Über das Stillleben aber auch über sich.
Gabriele kam im Mai. Sie hatte Annemarie lange nicht gesehen, schaute nun erst einmal schweigend auf sie.
Du hast die Haare kurz.
Schon lange.
Wahnsinn. Gabriele trat ein, stellte die Tasche ab. Anni, du siehst gut aus. Einfach gut, nicht für dein Alter.
Hör auf.
Nein, ich meine das. Irgendwas ist anders.
Sie saßen bis Mitternacht, tranken Wein, erzählten: Gabriele vom Leben in Hamburg, Annemarie von der Galerie, Frau Keppler, den Vorträgen.
Ich habe letzte Woche unsere Studienzettel rausgekramt. Weißt du noch, wie wir nach Florenz fuhren im dritten Semester?
Uffizien. Gabriele lachte. Drei Stunden standest du im Botticelli-Raum wie versteinert.
Zweieinhalb!
Drei. Ich weiß es, meine Füße taten weh, ich saß, du standest.
Annemarie musste laut lachen. Zum ersten Mal seit Monaten, wie sie später bemerkte.
Anni, fragte Gabriele leise. Bist du nicht wütend auf ihn?
Annemarie drehte ihr Glas.
Manchmal. Weniger als zu Anfang. Komisch ist: Ich bin nicht auf ihn wütend, sondern auf mich. Weil ich so lange nicht gemerkt habe, dass ich aufhörte zu existieren. Er hat das gesehen, hat es blöd ausgesprochen, aber trotzdem.
Das war nicht du, sagte Gabriele. Das war die Rolle. Frau und Mutter, alles richtig.
Ja. Aber ich habe die Rolle gewählt.
Einen Teil davon schon. Das Verschwinden hast du nicht gewählt.
Annemarie schaute aus dem Fenster, in die fränkische Nacht, auf die Straßenlaternen. Gabriele hatte recht. Unmerklich, Jahr um Jahr, wurde Alltag zu Nebel, so dicht um sie, dass sie alles andere nicht sah.
Ende Mai eröffnete die Galerie eine neue Fotografie-Ausstellung. Ein junger Fotograf aus Köln, Thema: Wochenmärkte im Westen. Annemarie hing mit ihm zusammen die Bilder. Es tat gut: konkrete, greifbare Arbeit.
Zur Vernissage kam viel Publikum. Frau Keppler schätzte diese Abende: Menschen, Musik, Gespräche an Gemälden. Annemarie lehnte an der Wand und beobachtete, wie die Besucher reagierten.
Arbeiten Sie hier?
Ein Mann sprach sie an. Wohl in den Sechzigern, kompakt, auffällig akzentuiertes Deutsch, vielleicht französisch oder belgisch.
Ja, sagte sie.
Sie blicken anders auf die Bilder. Nicht als Gast, als Expertin.
Kunsthistorikerin.
Jean-Pierre Moreau. Er bot die Hand. Fotograf.
Annemarie Drechsler.
Sie betrachteten gemeinsam ein Porträt: eine Marktfrau hinter Tomaten. Schwarzweiß, das Licht schuf Architektur auf dem Gesicht.
Gute Arbeit, sagte Annemarie. Er fürchtet sich nicht vor Gesichtern mit Geschichte.
Moreau lächelte.
Genau das. Junge Fotografen meiden Geschichte. Schönheit nur in Jugend ein Fehler.
Sie redeten noch länger. Moreau stellte in Paris, Amsterdam, Berlin aus, war jetzt zur Recherche einige Wochen in Deutschland.
Ich arbeite an einer Serie über Frauen ab fünfundfünfzig. Gesichter voller Erfahrung, keine traurigen, sondern kraftvolle. Verstehen Sie den Unterschied?
Ja.
Sie haben so ein Gesicht.
Annemarie brauchte einen Moment.
Sie möchten mich fotografieren?
Ich lade Sie ein, Teil des Projekts zu werden. Mehrere Sitzungen, vielleicht eine Ausstellung, vielleicht Veröffentlichung. Ich verspreche nichts. Aber mein Instinkt täuscht mich selten.
Frau Keppler kam mit einem Glas dazu.
Jean-Pierre, Sie kennen unsere neue Annemarie also schon? Schön. Sie ist schon unersetzlich.
Moreau reichte Annemarie seine Karte.
Überlegen Sies. Keine Eile.
Sie überlegte zwei Wochen lang.
Nicht aus falscher Bescheidenheit oder Angst vor der Kamera. Etwas anderes hielt sie zurück sie wollte verstehen, was. Sie rief Gabriele an.
Er will dich fotografieren? Gabriele klang, als sei es ganz selbstverständlich.
Ja.
Und du zögerst?
Ich verstehe nicht, warum ich zögere.
Weil du glaubst, du hättest nicht das Recht dazu, sagte Gabriele.
Doch, setzte sie hinzu. Das hast du.
Am Freitagabend schrieb Annemarie Moreau: Bin dabei. Wann gehts los?
Das erste Shooting war Mitte Juni in einer kleinen Studio in Sachsenhausen. Annemarie kam im taubenblauen Jackett und der Hose. Kein Make-up, nur wie morgens.
Genau richtig, sagte Moreau.
Die Zusammenarbeit war mühelos. Er sagte nie Lächeln Sie! oder In die Kamera schauen!. Sie redeten über die Galerie, ihre Lieblingsmaler, Florenz, Hamburg. Die Kamera vergaß sie schnell.
Nach einer Stunde zeigte er ihr einige Bilder.
Annemarie sah lange hin. Das war sie siebenundfünfzig, mit kurzem silber-dunklem Haar, und einem Gesicht, das Zeit zeigte. Aber nicht geschlagen. Es wirkte unverrückbar, so wie bei der Marktfrau auf dem Foto.
Sehen Sie? fragte Moreau.
Ich sehe, antwortete sie.
Während Annemarie die Wochen mit Moreau shootete, Vorträge hielt, ihr Leben aus vielen verstreuten Stücken neu zusammennähte, merkte Thomas allmählich, wie leer der Alltag sein konnte.
Simone war klug, liebenswürdig aber fordernd. Sie brauchte permanente Aufmerksamkeit. Schweigen war nie neutral, immer ein Problem. Annemarie hatte Schweigen ertragen können beide in einem Zimmer und doch ruhig. Hier war jedes Schweigen eine Störung.
Noch dazu der Haushalt machte sich nicht von selbst. Annemarie hatte daraus unsichtbare Alltagskunst gemacht. Jetzt fiel das auf.
Im Juli telefonierte Thomas erst mit Maximilian, dann mit Julia. Max war distanziert. Julia sagte klar:
Papa, tu nicht so, als müsstest du getröstet werden. Mama gehts gut. Lass sie in Ruhe.
Thomas wollte etwas sagen aber da war nichts zu sagen.
Im September zeigte Frau Keppler Annemarie das Kulturmagazin Ansicht. Eine große Fotoreportage über Moreaus Projekt. Überschrift: Geschichten, ohne Übersetzung. Zehn Frauen, aus verschiedenen Ländern, Lebenswegen. Das Aufmacherbild war Annemarie: Drehung, Blick zur Seite, Jackett, klarer Schulterbogen. Und dazu der Satz: Ein Gesicht, aus dem jede überflüssige Linie verschwand.
Frau Drechsler, sagte Paul, der junge Verwalter, als sie die Galerie betrat. Sie sind heute groß im Magazin!
Er zeigte ihr das Tablet mit der Online-Veröffentlichung. Schon mehr als tausend Aufrufe.
Sie kommen großartig rüber, lobte er.
Danke, Paul.
Moreau schrieb ihr am selben Abend: Pariser Galerie interessiert sich am Projekt. Ausstellung vermutlich im Februar. Sie hätten Lust zu reisen?
Sie saß in ihrer Wohnung am Fenster, das Telefon in der Hand. Draußen pulsierte das abendliche Frankfurt. Die Blumen auf dem Fensterbrett wucherten sie selbst hatte sie gekauft, gepflanzt. Ohne Thomas.
Uwe rief Thomas an, der alte Freund, der als erster Bescheid wusste.
Hast du von Annemarie gehört? Sie ist im ‘Ansicht’. Großes Porträt, europäischer Fotograf, wirklich bedeutend.
Thomas schwieg erst.
Annemarie?
Natürlich. Schau es dir an es lohnt sich.
Thomas fand den Beitrag online. Er sah lange das Foto an. Dann schloss er es. Dann öffnete er es wieder.
Er erkannte sie nicht gleich andere Frisur, anderes Auftreten. Aber dann doch. Nur nicht die Annemarie, die er im Februar am Herd zurückgelassen hatte. Eine andere. Die, an die er nur noch schwach erinnerte oder vielleicht immer übersehen hatte.
Im Oktober endete es zwischen ihm und Simone. Nicht abrupt, einfach ruhig ausgesprochen bei einem Abendessen.
Thomas, wir passen nicht. Du bist nicht so, wie ich dachte.
Wie denn?
Mehr präsent. Du bist oft woanders.
Es stimmte. Er war woanders und wusste nicht, wo.
Er mietete eine Einzimmerwohnung nahe der Arbeit, richtete sie zweckmäßig ein. Aber sie wirkte leer, die Stille war nicht ruhig, sondern hohl.
Annemarie anrufen das wagte er nicht. Das Wort heißt: Angst.
November. Annemarie packte für Paris. Nicht nur wegen der Ausstellung: Moreau wollte sie einigen Galeristen vorstellen. Frau Keppler ließ sie bereitwillig ziehen.
Bringen Sie uns was Schönes mit, sagte sie. Vielleicht Kontakte zu Lucas van den Berg, belgischer Künstler, über Sechzig, irgendwo zwischen Realismus und Abstraktion.
Annemarie schrieb den Namen auf. Sie wusste nicht, ob das je wichtig würde aber sie schrieb ihn auf.
Sie kaufte das Ticket selbst. Buchte ein kleines Hotel im sechsten Arrondissement, unweit des Jardin du Luxembourg. Sie war einmal in Paris gewesen, als Studentin noch, vor über dreißig Jahren. Damals war es eng und wild, zu fünft im Zimmer. Diesmal war es anders.
Julia rief am Vorabend des Flugs an.
Mama, Papa hat sich gemeldet. Er möchte sprechen.
Mit mir?
Ja. Reden sagt er. Ich habe gesagt, ich leite es dir weiter.
Annemarie überlegte.
Gut. Soll er anrufen.
Thomas rief abends an, als der Koffer schon fast gepackt war. Sie kam nicht dazu, etwas zu sagen, er begann sofort:
Anni. Tut mir leid, dass es so spät ist. Du fliegst morgen, oder?
Woher weißt du das?
Julia. Sie hat kein Geheimnis verraten, nur gesagt, dass es Paris ist.
Ja.
Pause. Annemarie saß auf der Bettkante und sah zum Koffer.
Anni, ich wollte reden. Nicht am Telefon, aber du fährst ja. Ich … Ich habe mich wie ein Esel verhalten. Nicht erst gestern gemerkt. Können wir Ist da noch … Können wir versuchen …
Was?
Neu anfangen. Ich weiß nicht, wie das heißt. Ich habe viel verstanden. Ich will reden.
Annemarie schwieg erst. Nicht aus Unwissen. Sie wollte ihn ausreden lassen.
Ich glaube, wir haben uns beide verändert, sagte er. Du auf jeden Fall. Was ich gesagt habe … das mit dem Anhängsel. Das war grausam.
War es, bestätigte sie.
Ich bitte dich nicht, mir gleich zu vergeben. Nur … die Möglichkeit, zu sprechen. Wenn du zurück bist.
Annemarie stand auf, ging ans Fenster. November, Frankfurt, nasse Laternenlichter. Die gleichen, immer.
Thomas, sagte sie. Die Stimme war ruhig, nicht kalt. Ich höre dich. Ich glaube dir, was du fühlst.
Dann …
Halt, ich bin noch nicht fertig. Sie schwieg. Ich bin nicht mehr böse. Das, was du getan hast, tat weh. Aber darum geht’s jetzt nicht. Es geht darum: Ich will nicht zurück.
Anni …
Nicht, um dich zu strafen. Nicht aus Trotz. Im letzten Jahr bin ich jemand geworden. Wieder geworden. Das, was ich jetzt bin, passt nicht mehr zurück in das, was ich war. Du willst mich zurück in eine Wohnung holen, die es nicht mehr gibt. In eine Rolle, die ich nicht mehr spiele.
Lange Stille am anderen Ende.
Ich verstehe, sagte er leise.
Du bist ein guter Mensch, Thomas. Warst es, bist es. Aber das, was wir geben konnten, haben wir einander gegeben. Es reicht.
Die Kinder …
Die sind erwachsen. Sie lieben dich. Das bleibt.
Du fliegst morgen?
Ja.
Gute Reise, Anni.
Danke.
Sie legte das Telefon neben das Foto von damals Eröffnung, März 1992, junge Frau mit Zeigestab. Annemarie hielt das Bild in der Hand, stand kurz damit da. Dann legte sie es zurück in die Schublade. Nicht wegwerfen. Nur weglegen. Es war da, es gehörte zu ihr.
Am Morgen bestellte sie ein Taxi zum Flughafen. Der Koffer: klein. Drin ein paar Jacketts, Hosen, das blaue Jackett, Unterlagen, Bücher. Notizbuch mit Namen der Kunstschaffenden, die sie in Paris sehen wollte.
Spät nachmittags landete sie in Charles de Gaulle. Taxifahrt, Blicke auf die Boulevards. Pariser Herbst: Kastanien, nasser Asphalt, hellere Luft. Oder sie stellte sich das vielleicht nur vor.
Das Hotel war, wie sie es sich vorgestellt hatte: Alt, knarzende Dielenböden, Fenster zum Innenhof. Der Concierge sprach Französisch und Englisch, sie antwortete auf Englisch ihr Französisch hatte sie vor dem Flug mit Podcasts aufgefrischt, für den Einkauf würde es reichen.
Das Zimmer: dritte Etage, klein, warm, mit Blick auf den gepflasterten Hof und das Nachbarhaus. Auf dem Fensterbrett ein Töpfchen mit Geranien. Annemarie stellte ihre Tasche ab, ging ans Fenster.
Der Hof war leer. Auf einem Fensterbrett gegenüber saß eine graue Katze und schaute nach unten.
Sie öffnete das Fenster. Kalte Luft, der Geruch der fremden Stadt, nasser Stein, Kaffee irgendwo. Sie atmete. Einfach so, ohne Pläne für die nächsten fünf Minuten.
Die Ausstellung würde in drei Tagen eröffnet. Morgen Treffen mit Moreau in der Galerie. Am nächsten Tag nochmal Gespräche. Danach Eröffnung. Dann eine Woche, die offen vor ihr lag.
Vielleicht blieb sie sogar länger. Zuhause wartete die Galerie, Paul mit neuen Katalogen, Frau Keppler und vielleicht ein Gespräch über Lucas van den Berg. Maximilian hatte angekündigt, Weihnachten zu kommen. Julia plante im Februar.
Alles lag vor ihr, alles war ihres. Niemand konnte es nehmen.
Sie schloss das Fenster. Packte aus. Hängte das Jackett in den Schrank, wusch sich, zog einen warmen Pullover an.
Dann nahm sie Notizbuch und Mantel und ging hinaus. Der Jardin du Luxembourg war zehn Minuten zu Fuß. Sie war vorbereitet. Ging schnell, trat ein.
Der Park war im November fast leer. Alleen, nasses Laub unter den Schuhen. Einige ältere Menschen auf Bänken, ein Mann mit Hund. Die Figuren aus Stein standen ruhig, wie seit Ewigkeit, egal, was man selbst gerade erlebte.
Annemarie setzte sich auf eine Bank unter einer Platane, deren gesprenkelte Rinde wie ein Stück Architektur wirkte. Lebendig, nur eben alt.
Sie schlug ihr Notizbuch auf. Schrieb ein paar Namen auf Künstler im Musée d’Orsay, Moreaus Tipp, die kleine Galerie im Marais mit sechziger Jahren Fotografie, Adresse.
Sie klappte das Buch dann zu und saß einfach still. Herbstlicher Jardin du Luxembourg, Blätter fielen, von irgendwo Stimmen, eine Frau lachte.
Annemarie hob das Gesicht. Der Himmel war grau, fest wie immer im Herbst. Aber dahinter, so fühlte es sich an, war etwas, das nicht grau war. Vielleicht würde morgen die Sonne scheinen.
Sie holte ihr Handy raus. Schrieb Gabriele: Bin angekommen. Alles gut. Sitze im Jardin du Luxembourg. Die Antwort kam schnell: Beneide dich. Im positiven Sinn. Grüße Paris von mir. Annemarie lächelte leise und steckte das Handy weg.
Die Katze im Hotelfenster schaute bestimmt noch immer hinunter. Neun weiße Hemden lagen im Frankfurter Schrank, Servietten im Küchenschub, der Riss in der Schlafzimmerecke war immer noch da.
Das alles war so. Und blieb dort, wo es hingehörte. Aber sie selbst saß jetzt im Jardin du Luxembourg im November mit einem Notizbuch für Künstler, die sie noch entdecken wollte.





