Mein Mann und ich haben ein zweijähriges Mädchen aus einem deutschen Kinderheim adoptiert. Viele haben uns davon abgeraten, doch wir haben auf unser Herz gehört.

Ich habe meinen Vater nie kennengelernt, und meine Mutter hat mich noch seltener besucht als ein Handwerker, der pünktlich kommt. Erst viel später haben mir die Betreuer erzählt, wie ich eigentlich ins Kinderheim gekommen bin. Da war ich etwa ein Jahr alt, als ich eine Lungenentzündung bekam. Völlig ausgelaugt hörte ich sogar auf zu weinen immerhin, das sollte die Nachbarn gefreut haben. Ich lag still in meinem kleinen Gitterbettchen und dämmerte langsam vor mich hin, während meine traurige Mutter ein Glas Korn nach dem anderen in der Küche kippte.

Geboren wurde ich in eine Familie, in der meine Mutter sich eher für Alkohol als für mich begeistern konnte. Sie zelebrierte das Trinken wie andere den Karneval und ihr treibender Lärm hat mich nachts oft wachgehalten. Schließlich begannen die Nachbarn, sich über das ständig krächzende Baby zu beschweren. Da beschloss meine Mutter scheinbar, dass der einfachste Weg Ruhe zu bekommen wäre, mich ins Krankenhaus zu bringen. Als die Krankenschwester mich das erste Mal sah, hatte ich aus unerfindlichen Gründen plötzlich brennende Klamotten keine Ahnung, ob das ihre Version eines Überraschungsfeuers war. Es brauchte drei Leute, um die Flammen zu löschen. Danach landete ich mit Brandwunden auf der Intensivstation, und meine Mutter war nicht zu Besuch zu überreden immerhin war der Schnaps näher als das Krankenhaus.

Das Glück, das ich im Kinderheim entdeckt habe, ließ mich auch später nicht im Stich: Als mein erstes Kind geboren wurde, bekam ich eine hervorragende Bildung, einen soliden Job und eine Wohnung in München, die so geräumig war, dass sogar ein Fußballturnier darin hätte stattfinden können. Ich liebte das Leben dort, mit meiner Ersatzfamilie voller kleiner Wunder. Nur eines fehlte zu unserem vollständigen Glück: ein kleiner Nachkömmling…

Also haben mein Mann und ich kurzerhand ein zweijähriges Mädchen aus dem Kinderheim adoptiert. Die Leute um uns herum Sie wissen schon, die gut gemeinten Ratgeber rieten uns dringend davon ab. Aber wir haben lieber auf unser Bauchgefühl gehört. Also packten wir Anna ein und zogen damit ins Herz von München, ungeachtet der Sorge, dass sie vielleicht irgendeine mysteriöse Krankheit hätte. Zum Glück: Anna war und ist putzmunter!

Heute danke ich dem Lieben Gott jeden Tag dafür, dass ich die Fähigkeit habe, selbst zu denken und nicht auf den allgemeinen Volksmeinungs-Chor zu hören. Von all den Warnungen der Ärzte und Experten hat sich nichts bewahrheitet: Mein Kind ist gesund und wächst prächtig. Ich finde, es ist viel zu einfach, alles auf die schlechten Gene zu schieben. Das ist wie zu behaupten, dass die Ursache für Schnupfen nicht Zugluft und kalte Socken sind, sondern seltsame Vererbungsketten. Ein Kind braucht vor allem Liebe und das Gefühl, gebraucht zu werden damit wird aus ihm ein guter Mensch.

Nun steht der fünfte Jahrestag von Annas Adoption vor der Tür und ich bekomme langsam Torschlusspanik. Ich liebe meinen Sohn genauso wie meine Tochter, da gibt es keinen Unterschied beide sind meine Familie! Trotzdem macht mir die Idee etwas Sorgen, dass Anna irgendwann herausfinden könnte, dass sie adoptiert wurde und möglicherweise empört ist. Ich habe keine Ahnung, wie ich so ein Gespräch überhaupt führen soll, wenn sie es erfährt. Wird sie es verstehen? Das ist irgendwie noch gruseliger, als die Vorstellung, dass sie es vielleicht von jemand anderem erfährt und dann alles Kopf steht!

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Homy
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