Dinge im Schnee

Pack deine Sachen und verschwinde. Heute noch.

Die Stimme ihres Mannes klang so fremd damals, dass sie Annegret für einen Moment nicht verstand, ob er wirklich zu ihr sprach. Im Flur stand sie, in Filzpantoffeln, das Küchentuch in der Hand, das sie eben benutzt hatte, um nach dem Abwasch ihre Hände abzutrocknen. Draußen wirbelte dicker Schnee durch die Straßen von München, so wie er oft Anfang Februar fällt schwer und nass. So still war es gewesen und plötzlich diese Worte.

Was? fragte sie, und sie spürte, wie ihr Mund vor Aufregung kaum zu steuern war.

Du hast mich schon verstanden. Johannes sah sie nicht einmal an. Er stand am Fenster, den Rücken zu ihr gewandt, und sprach mit jener gleichgültigen Ruhe, mit der man von längst getroffenen, langweiligen Entscheidungen spricht. Sammle Marie ein, nimm deine Sachen, und geh. Du hast eine Stunde.

Annegret Behrendt, achtundzwanzig Jahre alt, aus Deggendorf in Niederbayern, seit drei Jahren verheiratet, Mutter einer kleinen Tochter, stand damals im Flur der Wohnung von Johannes Eltern ein Zuhause, das sie langsam hatte lieben gelernt und konnte sich nicht rühren. Nur ein Wort kreiste in ihrem Kopf: Stunde. Er hatte also längst gezählt. Seine Entscheidung war gefallen, während sie das Geschirr abspülte.

Aus dem Wohnzimmer erschien Schwiegermutter. Edelgard Behrendt, eine große Frau mit teurem Morgenmantel, deren Gesicht scheinbar nur zwei Gefühle kannte: Überlegenheit und Unwillen. Jetzt lag darin ein drittes, feierliches Strahlen eine Mischung beider plus Triumph, das sie nicht verbergen wollte.

Na, hast du es zu weit getrieben, du Provinzmädel? sagte sie mit gekreuzten Armen. Dachtest wohl, du sitzt hier weiter am gedeckten Tisch? Drei Jahre hast du uns ausgehalten, drei Jahre haben wir dich ertragen.

Edelgard, warten Sie bitte Ihr eigener Ton überraschte Annegret, leise, fast flehend. Sie hasste es, so zu klingen. Johannes, lass uns reden. Was ist passiert? Wenn ich etwas falsch gemacht habe

Du hast gar nichts falsch gemacht. Johannes drehte sich endlich um. Sein Gesicht war unerkannt kein Zorn, sondern Langeweile. Es ist vorbei. Ich habe eine andere kennengelernt. Eine Frau, die zu mir passt. Du passt nicht. Hast nie gepasst. Ich habe dich wegen Marie ertragen, aber jetzt

Annegret starrte ihn an, suchte zu begreifen, wo sie war und was geschah. Dieser Mann hatte ihr einst von Liebe gesprochen. Er hatte ihre Hand gehalten im Kreißsaal. Dieser Mann.

Wer ist sie? fragte Annegret, obwohl sie eigentlich etwas ganz anderes fragen wollte.

Das geht dich nichts an, sagte Edelgard statt ihres Sohnes. Eine seriöse Frau, mit Beziehungen und eigenem Geschäft. Nicht so ein Findelkind ohne Herkunft.

Ich bin kein Findelkind, sagte Annegret leise.

Wer bist du dann?, trat Edelgard einen Schritt näher, und ihre Stimme bekam einen scharfen Unterton. Ein Waisenkind aus Deggendorf, ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne einen einzigen Cent? Glaubst du, ich wusste nicht, worauf du abgezielt hast, als du dich an meinen Sohn geklammert hast?

Mutter, lass gut sein, seufzte Johannes.

Nein! Sie soll wissen, dass Marie bei uns bleibt. Kein Gericht gibt dir das Kind, du hast keine Wohnung, keinen Beruf, gar nichts. Wo willst du sie mitnehmen? Nach Deggendorf? Wir werden dem Kind alles bieten.

Diese Worte trafen Annegret wie ein Schlag. Marie ihr Mädchen, das gerade nichts ahnend wahrscheinlich in der Kita mit Knete spielt oder ein Märchen hört vor dem Mittagsschlaf. Vier Jahre alt vier.

Sie dürfen das nicht, erwiderte Annegret und erschrak über ihre eigene Stimme, so fest war sie, so klar, kalt. Ich bin die Mutter. Kein Gericht nimmt mir Marie einfach so weg.

Sehen wir ja noch, sagte Edelgard mit einem Lächeln, das Annegret körperlich schlecht werden ließ.

Johannes ging ins Schlafzimmer. Kurz darauf flogen ihre Sachen heraus nicht getragen, sondern richtig hinausgeworfen durchs geöffnete Fenster: ihr Koffer, ihre Winterjacke, ein alter Karton mit Erinnerungen, alles landete im Schnee auf dem Hof. Annegret stand in der Flurtür und sah, wie ihr Mann das federleicht tat, ohne Wut, fast routiniert, als räume er nur einen Abstellraum auf.

Johannes! rief sie.

Keine Antwort.

Johannes!

Geh jetzt, sagte er, ohne sich umzudrehen. Es ist alles gesagt.

Annegret lehnte sich an die Wand. Ihre Beine wollten nicht mehr tragen. In ihrem Kopf war nur Leere und immer lauter, wie von ferne, die Frage: Was jetzt? Wohin? Richtig gute Freundinnen hatte sie in München nie gefunden. Die Kolleginnen aus dem Café, wo sie vor der Geburt gearbeitet hatte, waren längst in anderen Kreisen unterwegs. Eltern hatte sie keine mehr beide gestorben, als sie noch ein Teenager war.

Da war nur noch ihr Großvater.

Fünf Jahre hatten sie kein Wort gewechselt, seit dem Streit um Johannes und um die Hochzeit. Sie war Hals über Kopf nach München gezogen, er war in Hamburg geblieben, die Anrufe wurden seltener, dann brachen sie ab. Zuletzt hatte sie ihn Silvester angerufen vor drei Jahren, kurz und steif.

Mit zitternden Händen suchte sie im Telefonbuch: Opa Karl. Dieselbe Nummer, stand da. Ob sie noch stimmte? Ob er überhaupt abheben würde?

Sie drückte auf Anrufen.

Das Freizeichen zog sich endlos. Eins, zwei, drei, vier

Ja? fragte eine Stimme.

Und sofort brach sie in Tränen aus grundlos, einfach so, weil es wirklich seine war. Tief, ruhig, mit dem rauen Klang, den Karl seit den 90er Jahren hatte, seitdem nie mehr verging.

Anni? Bist du das?

Opa, das Wort rollte ihr über die Lippen, ein Kinderwort, lange vergessen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Sie werfen mich raus. Ohne alles, in den Schnee. Und sie sagen, sie wollen mir Marie wegnehmen.

Kurzes Schweigen, nur einige Sekunden.

Sag mir die Adresse, sagte er dann.

Opa, aber wir haben doch

Die Adresse, Anni.

Sie nannte sie. Er sagte nur: Warte. Geh nicht weg. Ich komme.

Als Johannes aus dem Schlafzimmer kam, musterte er sie gereizt.

Du stehst immer noch hier?

Ich warte.

Worauf?

Ohne Antwort suchte sie ihren Mantel, nahm ihr Handy und ging nach draußen in den Hof. Dort lagen ihre Sachen im Schnee. Ihr Koffer war aufgeplatzt bei der Landung, ein Ärmel des Pullovers und die Ecke eines Buchs schauten heraus. Annegret sammelte alles notdürftig zusammen, klopfte Schnee ab so gut es ging und setzte sich auf die Bank beim Eingang. Die Finger wurden schnell eiskalt; die Handschuhe waren noch oben.

Draußen war es inzwischen dämmrig, die Straßenlaternen tauchten den Hof in gelbliches Licht, das im Schneetreiben verschwamm. Eine alte Dame mit Dackel musterte Annegret, zögerte, ging dann weiter.

Sie dachte an Marie, an Abendbrot in der Kita Grießbrei mit Rosinen mochte sie, Suppe hingegen nie. Drei Monate zuvor hatte das Mädchen ein Bild gemalt: Mama, Papa, sie selbst, Hand in Hand. Es hatte am Kühlschrank gehangen ob Johannes es auch aus dem Fenster geworfen hatte?

Fast eine Dreiviertelstunde verging. Annegret spürte die Zehen kaum mehr, sollte sich bewegen, blieb aber einfach sitzen und starrte zum Tor.

Schließlich das Aufleuchten von Scheinwerfern. Zwei schwarze Wagen rollten langsam durch den Schnee, die Reifen knirschten über den Hof. Erst stiegen zwei Männer im langen Mantel aus, blieben wortlos neben dem Auto stehen. Dann öffnete sich die hintere Tür ihr Großvater trat heraus.

Sie konnte nicht aufstehen. Karl von Bülow war groß und stattlich geblieben, über siebzig, die Haare ganz weiß, aber er ging aufrecht, ein Mann, an dessen Seite man selbst gerade stehen wollte. Im dunklen Mantel trat er durch den Hof, kam zu ihr, mit festen Schritten.

Steh auf, sonst wirst du noch krank, sagte er zur Begrüßung und zog sie sacht auf die Füße.

Annegret blickte zu ihm auf. In seinen Augen lag ein Ausdruck, der sie fast wieder zum Weinen brachte.

Opa

Später, unterbrach er bestimmt. Erst einmal: Wo ist die Wohnung?

In diesem Moment ging die Haustür auf, Johannes kam nach vorne offenbar neugierig geworden. Im Hausanzug und Sweater sah er hinunter auf den kleinen Konvoi, betrachtete die unbekannten Männer, den alten Mann neben seiner Frau sein Gesicht wandelte sich von Überraschung zu Unruhe und dann zu Unsicherheit.

Wer sind Sie?, fragte er.

Der Großvater nahm ihm die Antwort ab.

Karl von Bülow. Der Großvater deiner Frau. Ich nehme an, davon wusstest du nichts.

Johannes zuckte nur mit den Schultern, versuchte Selbstsicherheit zu zeigen.

Von Bülow? Noch nie gehört. Worauf soll das hinaus?

Nichts weiter, meinte Karl nüchtern. Ich nehme jetzt meine Enkelin und ihr Kind mit. Oder kommt dir das ungelegen?

Sie geht ja, ich halte sie nicht auf. Aber Marie bleibt hier.

Nein, sagte der Großvater. Ruhig, ein einziges Wort, sachlich wie eine mathematische Tatsache. Marie fährt mit ihrer Mutter. Punkt.

Edelgard trat heraus, schätzte die Situation blitzschnell ein; ihr Gesicht wurde härter.

Sie haben hier nichts zu sagen! Das ist unsere Wohnung! Wenn Sie nicht gehen, holen wir die Polizei.

Rufen Sie sie, meinte der Großvater freundlich. Während wir warten, könnte ich Ihnen einiges erzählen. Zum Beispiel über die dubiosen Buchungen Ihrer Firma in der Landwehrstraße. Oder die Eigentumswohnung in Garching, die auf die Nichte läuft, tatsächlich aber oder den Auftrag, den Johannes vor drei Jahren bekam und der keiner hätte werden dürfen und wer noch alles davon weiß.

Stille lag über dem Hof, ganz anders als zuvor. Johannes Gesicht verlor Farbe.

Was meinen Sie?

Ich habe drei Jahre lang Ihren Betrieb beobachtet, fuhr Karl in gewohntem Ton fort. Nicht aus Sympathie, sondern weil meine Enkelin hier war, damit sie wenigstens ein Dach überm Kopf hat und ihr nicht ganz das Geld ausgeht, wenns schief geht. Alles geregelt, mit einigen Anrufen das gilt ab jetzt nicht mehr. Seit etwa eineinhalb Stunden.

Johannes sagte nichts mehr. Annegret versuchte zu begreifen, was sie da hörte.

Opa, begann sie.

Geh zur Limousine, sagte er sanft, aber unwiderstehlich. Er wandte sich an einen der Männer: Helfen Sie, die Sachen von Frau Annegret zu holen.

Sie gehen nirgendwohin, stieß Edelgard hervor, doch ihre Stimme zitterte jetzt. Das ist illegal!

Schon richtig, Vieles ist illegal, erwiderte Karl ruhig. Jemanden im Winter auf die Straße zu setzen das wäre es auch. Einer Mutter das Kind zu entziehen ebenfalls.

Edelgard öffnete wieder den Mund, schloss ihn dann aber. Da war Schweigen.

Johannes trat näher, suchte Haltung.

Ich weiß nicht, was Sie denken, aber

Sie haben bereits entschieden. Jetzt entscheide ich. Der Großvater sprach ganz ruhig. Ich nehme jetzt meine Enkelin mit, nehme das Kind mit und Sie tun, was Sie für richtig halten. Rufen Sie Anwälte, wen Sie wollen. Aber merken Sie sich: das Haus ist seit heute in der Zwangsverwaltung, die nächsten Wochen werden interessant.

Johannes wurde ganz blass. Selbst draußen im Halbdunkel war es zu sehen.

Was haben Sie gemacht?

Nichts, was Sie nicht selbst getan hätten, meinte Karl. Ich habe nur die letzten Formalitäten angemeldet. Sonst nichts.

Annegret spürte langsam, wie das innere Eis taute wie wenn man zu lange frierend stehen bleibt und dann langsam in einen warmen Raum tritt. Es tut weh, die Beine gehorchen kaum, aber irgendwann merkt man: Jetzt ist es vorbei. Sie sah Johannes und Edelgard an und bemerkte ein neues Gefühl: Keine Angst mehr. Zum ersten Mal seit Jahren.

Die Sachen wurden rasch eingeladen; niemand hielt die Männer auf. Dann führte der Großvater Annegret zu seinem Wagen.

Opa Ich hätte mich früher melden sollen.

Hättest du, ja. Aber du hast es jetzt getan. Das zählt.

Sie stiegen ein, der Wagen fuhr an. Annegret blickte zu den erleuchteten Fenstern im dritten Stock sah, wie dort oben jemand durchs Zimmer lief dann war die Kurve vorbei und alles verschwand.

Nun holen wir Marie ab, wies Karl den Fahrer an.

Die Kita lag zwei Straßenzüge entfernt, ein hübscher Neubau mit bunten Fenstern, nicht billig, Annegret hatte nur versucht, nicht an die Gebühren zu denken, solange Johannes alles bezahlte. Jetzt war ihr Herz unruhig, sie wollte bloß noch zu ihrer Tochter.

In der Kita gab es kurz Ärger. Die junge Erzieherin trat ihnen im Vorraum entgegen, nervös.

Wir dürfen Kinder nur an Berechtigte übergeben. Die Mutter ja, aber der Vater wollte

Ich bin da. Ich nehme Marie mit, sagte Annegret.

Es gibt Regeln

Junge Dame, klang Karls Stimme streng hinter ihr. Das hier ist die Mutter. Sie holt ihr Kind. Sie können gerne die Leitung anrufen. Wir warten.

Die Erzieherin blickte von Karl zu den Männern, dann wieder zu Karl.

Einen Augenblick

Nach wenigen Minuten kam Marie im rosa Anorak, das selbstgemalte Weihnachtsbäumchen in der Hand. Als sie ihre Mutter sah, rief sie: Mama!

Annegret kniete sich hin, umarmte sie fest. Marie lachte: Mama, du drückst so doll!

Ach mein Schatz, entschuldige! Annegret lachte und kämpfte trotzdem mit dem Kloß im Hals, der nicht weichen wollte. Jetzt ist alles gut, Marie.

Die Kleine beäugte neugierig den alten Herrn.

Wer ist das? flüsterte sie.

Das ist der Uropa Karl, sagte Annegret schlicht.

Marie musterte ihn.

Warum ist er so groß?

Der Großvater lächelte ein Lächeln, das Annegret seit fünf Jahren nicht gesehen hatte. Das liegt an der Familie, erklärte er Marie.

Marie merkte sich das Fremdwort: Fa-mi-lie, wiederholte sie und stapfte mit zur Limousine. Im Wagen ließ sie sich auf Annegret Schoß fallen, die das Bäumchen festhielt, und schlief bald ein.

Wohin fahren wir, Opa? fragte Annegret leise, damit Marie nicht aufwacht.

Vorläufig ins Hotel, morgen früh geht es nach Hamburg, sagte Karl.

Du hättest mir sagen können, dass du Johannes Firma beobachtest.

Hätte ich. Er nickte. Doch du hättest abgelehnt. Damals hast du Johannes geliebt. Du wolltest nichts Schlechtes hören.

Sie schwiegen. Es stimmte.

Drei Jahre hast du gewusst und nichts gesagt.

Ich wartete, bis du dich selbst meldest. Es ist dein Leben. Ich konnte nur versuchen, dich abzufedern, damit du notfalls nicht ganz mittellos bist.

Der Notfall ist nun eingetroffen.

Aber du hast mich gerufen. Und ich bin gekommen.

Das Handy vibrierte erneut. Johannes. Sie sah nur auf die Anzeige, legte es weg. Noch ein Anruf. Noch einer. Schließlich kam eine Nachricht. Sie öffnete sie nicht.

Richtig so, murmelte der Großvater.

Das Hotel war elegant, eine Adresse, wo sich Annegret selbst nie hätte einquartieren können. Marie schlief kräftig weiter, das Bild neben sich. Annegret setzte sich ans Fenster, blickte auf das verschneite München. Ihr Großvater war im Nachbarzimmer, hatte leise gesagt, sie solle schlafen früh am nächsten Morgen gehe der Flug.

Sie lag da, blickte an die Decke und ließ den Tag vorbeiziehen wie eine Perlenkette. Morgens hatte alles noch ganz anders ausgesehen. Früh am Tag, als sie noch Brei gekocht hatte; als Marie davon auf dem Teller herumrührte und Geschichten erzählte von Hase Leon. Es war ein gewöhnlicher Morgen gewesen. Der letzte dieser Art.

Ein Teil von ihr fühlte bittere Traurigkeit. Drei Jahre hatte sie sich bemüht, gekocht, geputzt, nachgegeben, geschwiegen, gelächelt immer geglaubt, Johannes Ablehnung läge nur an Überforderung, dass es schon werden würde. Wurde es nicht. War es nie.

Das Handy vibrierte erneut andere Nummer. Sie nahm ab.

Annegret, mein Name ist Michael, ich arbeite mit Herrn von Bülow. Der Flug ist um zehn. Abfahrt um acht. Schönen Abend.

Danke.

Flug zehn Uhr Hamburg.

Sie erinnerte sich nur vage an Hamburg. Einmal war sie als Schülerin dort gewesen, hatte die Elbe gesehen im Juni, war von den hellen Nächten beeindruckt, von der großen Wohnung von Opa Karl an der Alster, wo es nach alten Büchern und Tee roch, wo immer Karten an den Wänden hingen. Sie war seit acht Jahren nicht dort gewesen. Oder länger.

Marie bewegte sich, tastete im Schlaf nach ihrer Hand. Annegret hielt die kleine warme Faust ganz fest. Weinen, dachte sie, wäre eigentlich jetzt dran oder eben auch nicht. Vielleicht später.

Am Morgen hatte Johannes fünfzehn Nachrichten geschickt zuerst drohend, dann flehend, dann reuig. Ich habe einen Fehler gemacht. Es tut mir leid.. Sie ließ das Handy zu.

Unten wartete der Großvater, im Mantel, mit Kaffee. Geschlafen?

Ein wenig, gab sie zu.

Marie?

Fragt, ob wir zum Meer fahren. Ich habe ja gesagt.

Der Großvater nickte.

In Hamburg ist es Winter. Viel Meer ist da nicht.

Im Frühling będzie wieder sichtbar, sagte Annegret.

Er nickte noch einmal: Im Frühling.

Sie fuhren durch das verschneite München. Annegret beobachtete die Stadt draußen und fühlte kein Heimweh noch nicht. Vielleicht würde es später kommen. Jetzt spürte sie bloß Erleichterung.

Marie zählte unterwegs Busse, Krähen, die Rauchfahne am Heizhaus.

Im Flughafen saßen sie in einem separaten Wartebereich leise, warm, fast leer. Marie verschwand gleich im Kinderbereich. Annegret wärmte sich beide Hände am Teebecher. Das Handy vibrierte wieder diesmal nahm sie ab.

Annegret? Wo bist du? Johannes Stimme war seltsam verändert, nicht wie am Abend zuvor, sondern rau und klein.

Ist nicht wichtig.

Bitte. Lass uns vernünftig reden. Ich ich war gestern überfordert. Es war meine Mutter, die

Johannes, unterbrach sie ihn. Du hast meine Sachen aus dem Fenster geworfen. In den Schnee.

Stille.

Ich

Du hast meine Sachen geworfen. Dann gesagt, du hättest eine andere. Deine Mutter drohte mir mit Marie. Erinnerst du dich?

Stille.

Ich erinnere mich sehr genau. Mehr gibt es nicht zu besprechen. Sie legte auf.

Der Großvater setzte sich zu ihr. Hat er nochmal angerufen?

Ja.

Und?

Nichts einfach nichts.

Eine Weile schwieg er.

Ich hätte früher durchgreifen sollen. Damals, vor fünf Jahren, als du nach München bist.

Du hast es versucht, Opa. Ich habe nicht hören wollen.

Das ist trotzdem meine Schuld. Er legte für eine Sekunde seine große, alte Hand auf ihre.

Das Boarding wurde pünktlich aufgerufen. Marie schlüpfte an Annegrets Hand, fragte, ob es ein großes Flugzeug gebe. Ein ganz normales. Sitzt man am Fenster? Natürlich.

Der Flieger war ein Charter, weich gepolstert, kaum Leute. Marie bekam den Fensterplatz, drückte die Nase ans Glas.

Mama, fliegen wir jetzt?

Gleich.

Ist in Hamburg Schnee?

Auch.

Und das Meer?

Die Elbe ist da.

Elbe klingt schön.

Das Flugzeug hob ab, München blieb als Schneemuster zurück. Annegret dachte, wie lange sie nicht mehr geflogen war. Damals, als Studentin, nach Italien. Damals war sie aufgeregt jetzt spürte sie nur Müdigkeit und das erste leise Ziehen nach vorne, noch keine Freude, aber nicht mehr nur Schmerz.

Die neue Nachricht von Johannes: Kommt das Haus wirklich unter den Hammer? Schreib mir. Sie las es nicht.

Marie drehte sich zu ihr: Mama, fahren wir zurück?

Wohin meinst du denn?

Nach Hause.

Annegret betrachtete ihr Kind mit den hellblauen, ernsten Augen, das Grübchen am Kinn, das beim Denken immer auftauchte.

Wir fahren in ein neues Zuhause. Zu Opa Karl. Das wird schön.

Marie überlegte.

Gibt es da eine Katze?

Weiß ich nicht. Müssen wir Opa fragen.

Karl saß mit Lesebrille am Tablet.

Opa, hast du eine Katze?

Er nahm die Brille ab. Bisher nicht. Aber das können wir ändern.

Marie strahlte und wandte sich wieder dem Fenster zu, als hätte das Leben für sie nun wieder die richtige Richtung gefunden.

Das Flugzeug gewann an Höhe. Die Wolken lagen wie ein weißer Teppich unter ihnen, dann nur noch helles Himmelblau.

Annegret lehnte sich zurück. Sie merkte Maries kleine warme Schulter an ihrer Seite.

Ganz unten lag München winzig, weit weg. Johannes würde weiter anrufen. Edelgard wahrscheinlich schon mit Anwälten sprechen. Die Wohnung im dritten Stock stand leer, der Hof lag verschneit da, als wäre nichts gewesen.

Alles das war nun dort. Aber sie war auf dem Weg in eine andere Richtung.

Das Leben tat noch weh und Annegret machte sich nichts vor. Drei Jahre, das lässt sich nicht in Luft auflösen. Maries Bild, das erste Wort, die Morgensonne in jener Wohnung. All das war, und ist nun gegangen.

Doch das Flugzeug flog. Marie schnaufte im Schlaf. Opa sah manchmal über die Ränder seiner Brille hinweg zu ihnen.

Draußen leuchtete der Himmel unglaublich blau. Annegret sah hinaus.

Mama, sagte Marie ganz leise, schon sehr schläfrig.

Ja, mein Schatz?

Wird alles gut?

Annegret schwieg einen Moment, strich Marie über den Kopf.

Ja, sagte sie schließlich. Alles wird gut.

Das Flugzeug flog weiter. Die Wolken blieben darunter, fest und weiß, als hätte dort nie etwas Finsteres existiert.

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Homy
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