Burg oder Gruft
Der Duft kam, noch bevor das Bewusstsein erwacht war. Warm, buttrig, mit einer feinen, röstigen Note von Gebäck. Katharina lag mit geschlossenen Augen da und sog die Luft ein, in den ersten Sekunden verstand sie gar nicht, woher das kam. Dann begriff sie. Und verdarb sich im selben Moment den Morgen.
Sie stand auf, zog ihren alten Morgenmantel über, der am Haken am Bettkopf hing, und ging in die Küche. Niemand war dort, aber überall waren Spuren von Anwesenheit. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Brötchen, von einer Papierserviette abgedeckt, daneben eine Tasse mit erkaltetem Kaffee, der Löffel lag schräg auf der Untertasse statt wie sonst gerade das mochte Katharina gar nicht. Am Kühlschrank, unter einem Magneten in Form des Kölner Doms, den sie nicht mochte, aber seit fünfzehn Jahren nicht wegwerfen konnte, weil ihn ihre Mutter aus Köln mitgebracht hatte, war ein Zettel befestigt.
Katharina nahm ihn zwischen zwei Finger, als wäre es etwas zweifelhaftes.
Kathi, ich weiß, du bist jetzt sauer. Aber die Brötchen sind lecker, probier wenigstens eins. Ich war in der Nähe, wollte kurz reinschauen, aber du hast geschlafen. Naja, dachte ich, lasse dir was da. Hab einen Zweitschlüssel gemacht, nur für den Fall. Bitte nicht schimpfen. Küsschen, Caro.
Katharina las die Nachricht zweimal durch. Dann faltete sie sie sorgfältig zusammen und legte sie auf den Tisch. Holte sie doch wieder hervor und entfaltete sie. Hab einen Zweitschlüssel gemacht. Genau das. Kein Anruf, keine Frage. Einfach gemacht. Weil Caro immer am besten wusste, was zu tun war.
Katharina stellte den Wasserkocher an. Den Kaffee aus Caros Tasse wollte sie nicht trinken, also stellte sie die Tasse in die Spüle, spülte sie ab, stellte sie zum Trocknen hin. Dann griff sie doch nach einem Brötchen, biss hinein, während sie am Fenster stand. Es war März draußen, grau und nass, mit vereisten Pfützen und kahlen Lindenästen. Das Brötchen schmeckte tatsächlich gut. Es war ärgerlich, das zuzugeben.
Um kurz vor zehn rief sie ihre Schwester an.
Noch im Bett? fragte Caro ohne Begrüßung, verschlafen, zufrieden.
Nein, bin schon wach. Caro, was soll das mit dem Zweitschlüssel?
Naja, ein Ersatz. Zweiter Schlüssel. Ist logisch, falls mal was ist, und ich nicht
Du hast einen Zweitschlüssel von meiner Wohnung gemacht, sagte Katharina sachlich, fast tonlos. Das konnte sie gut.
Kathi
Das ist mein Schlüssel zu meiner Wohnung, Caro.
Pause. Dann ein Seufzer, wie ihn nur Leute machen, die glauben, das Offensichtliche erklären zu müssen.
Ich bin doch nicht irgendwer, ich bin deine Schwester.
Nur deshalb rede ich jetzt mit dir und wechsle nicht das Türschloss.
Das würdest du eh nicht machen.
Nein. Aber das heißt nicht, dass du einfach so Schlüssel nachmachen kannst.
Kathi, du fährst doch diese Woche weg. Falls mit den Rohren was ist oder mit weiß nicht, deinem Haustier?
Ich habe kein Haustier, Caro.
Eben! Du brauchst nicht mal eins, du
Caro. Der Schlüssel.
Wieder eine kurze Pause. Dann sagte Caro kleinlaut:
Na gut. Soll ich ihn zurückbringen?
Nein, ich fahre Freitag, komme Mittwoch nächste Woche wieder. Wenn du ihn schon hast, soll er halt da sein. Aber du musst sowas ankündigen.
Siehst du! Und du sagst immer …
Caro. Einfach Bescheid sagen, okay?
Okay, okay. Hast du das Brötchen probiert?
Katharina schaute auf das angebissene Brötchen in ihrer Hand.
Hab ich.
Und?
Ganz normal.
Ganz normal! Caro lachte hörbar. Die sind von der neuen Bäckerei am Marktplatz, alles super dort. Sag doch mal lecker, Kathi, kannst du das überhaupt?
Katharina legte auf. Nicht ruppig, einfach so. Dann aß sie das Brötchen zu Ende, über der Spüle, damit keine Krümel auf die Arbeitsplatte fielen.
Bis Freitag waren noch drei Tage. Sie hatte längst gepackt, die Liste schon am Sonntag geschrieben: Kleidung, Dokumente, ein Buch für unterwegs, das Ladekabel. Die Reise war geschäftlich, nach München, zu einem Seminar über Archivarbeit. Katharina arbeitete in einem kleinen Verlag für historische Dokumente, und alle paar Monate zog es sie zu solchen Treffen. Es gefiel ihr, dieses geordnete, fast rituelle Arbeiten im Archiv, wo jedes Blatt seinen Platz hat und nichts dem Zufall überlassen wird.
Sie machte sich Tee, setzte sich an den Tisch, öffnete den Laptop. Draußen tropfte es von den Dachrinnen. Sie arbeitete bis Mittag, spazierte dann kurz durch den Viertel, kaufte ein, was sie noch brauchte. Am Abend rief die Mutter an, fragte nach der Reise, nach der Gesundheit, erzählte etwas vom Nachbarn. Katharina hörte zu, warf ein ja oder ach so an passender Stelle ein, schaute aus dem Fenster auf die dunkle Straße. Ein gewöhnlicher Abend.
Am Donnerstagabend, als der Koffer fast gepackt war, kam ein Anruf vom Verlag. Das Seminar wurde verschoben. Nicht abgesagt, nur um zwei Wochen verschoben. Irgendwas mit dem Veranstaltungsraum, die Organisatoren. Katharina hörte nur halb zu, sagte gut, notierte das neue Datum in ihrem Kalender, schloss den Koffer.
Sie stand noch kurz im Flur herum.
Am Freitagmorgen fühlte sie sich seltsam, ein bisschen wie Luft, in der alles wartet, aber nichts passiert ist als ob innen ein Platz geblieben sei, der leer bleibt. Sie kochte Kaffee, blickte auf den Koffer in der Ecke des Schlafzimmers. Dann stellte sie ihn zurück in die Abstellkammer, holte ihn wieder raus, schaute nochmal drauf, stellte ihn endgültig weg.
Mittags wurde der Himmel schwarz und es regnete erst leise, dann kräftig, mit Sturmböen. Katharina blieb zu Hause, las ein wenig, entschied sich dann doch für einen Spaziergang, bereute aber schon an der Ecke: der Schirm klappte um. Sie kaufte in der Apotheke Kopfschmerztabletten, die sie ohnehin schon hatte, einfach um nicht mit leeren Händen zurückzukehren, und eilte nach Hause, die Füße nass.
Die Wohnungstür fiel klappend ins Schloss. Sie ging die Treppe hoch, blieb vor ihrer Tür stehen, kramte in der Tasche. Die Schlüssel waren immer im linken Seitenfach, immer. Sie fand sie sofort, steckte sie ins Schloss und merkte plötzlich, dass irgendetwas nicht stimmte.
In der Wohnung roch es anders. Kein leerer Geruch, wie nach langem Wegsein, sondern nach Leben. Gekochtes, Kartoffeln vielleicht oder Suppe, einfach Wärme, Bewohntes, Anwesenheit.
Katharina hielt drei Sekunden inne, bevor sie den Schlüssel drehte.
Im Flur brannte Licht. Aus der Küche ein metallisches Klirren, als stelle jemand einen Topf ab. Sie trat ein, schloss die Haustür hinter sich. Und da kam ein Mann aus der Küche.
Sie sahen sich fast zeitgleich. Ein großer Mann, Jeans und dunkelblauer Pullover, mit einem nassen Küchentuch in der Hand. Sein Gesicht so neutral, wie es nur Leute haben, die ertappt werden, wo sie nicht hingehören nicht wütend, nicht erschrocken, einfach ganz unbewegt.
Katharina hielt noch den nassen, zusammengefalteten Schirm in der Hand, hob ihn leicht. Der Mann wich ein Stück zurück, hob die Hände.
Moment, Moment!
Wer sind Sie?
Ich… Warten Sie, ich kann das erklären.
Dann erklären Sie schnell!
Ich bin Andreas. Andreas Lehmann. Caro hat mir einen Schlüssel gegeben. Caro, Ihre Schwester. Sie meinte, die Wohnung ist leer, Sie wären verreist!
Katharina ließ nicht locker, der Schirm noch drohend in der Hand. Sie starrte ihn an. Draußen rauschte der Regen.
Rufen Sie sie an, sagte er. Bitte, rufen Sie an.
Katharina griff zum Telefon, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Wählte Caro. Es dauerte lange. Dann:
Kathi! Bist du schon in München?
Ich bin zu Hause, Katharina sagte ruhig. In meiner Küche steht ein fremder Mann.
Pause.
Oh Gott. Reise verschoben?
Um zwei Wochen.
Kathi, ich
Caro. Wer ist das?
Der Mann Andreas verstand offensichtlich um wen es ging, senkte leicht die Hände, blieb aber stehen.
Das ist Andreas. Lehmann. Der Bruder von Mark, weißt du noch, mein Ex, Mark? Er steckt gerade in Schwierigkeiten, Scheidung, hat die Wohnung verloren, weiß nicht wohin…
Du hast ihm meinen Schlüssel gegeben.
Ich dachte, du bist weg! Woher sollte ich …
Du hast einem Fremden meinen Wohnungsschlüssel gegeben. Ohne zu fragen.
Er ist doch kein Fremder, er ist Marks Bruder!
Caro, Katharinas Stimme ganz leise, ruhig, ich rufe dich später zurück.
Sie legte auf. Blickte zu Andreas. Er war wohl in ihrem Alter, vielleicht etwas älter. Er sah erledigt aus, die Schultern ein wenig nach vorn gezogen. In der Küche blubberte es leise aus einem Topf.
Etwas kocht über, sagte Katharina.
Andreas drehte sich um.
Kartoffeln. Ich … Darf ich das schnell ausschalten?
Bitte.
Er verschwand in der Küche. Katharina zog die Schuhe aus, hängte den nassen Mantel an den Haken. Dann ging sie ihm nach. Auf dem Küchentisch lag seine Reisetasche, daneben eine Tüte aus dem Supermarkt. Offenbar hatte er eingekauft. Unerwartet.
Setzen Sie sich, sagte Katharina dann, ohne es eigentlich zu meinen, aber sagen musste man irgendwas.
Er setzte sich vorsichtig. Sie blieb stehen.
Ich weiß, begann er, das war nicht richtig… Ich hätte das besser vorher klären sollen
Ja, hätten Sie.
Caro hat gesagt
Caro sagt viel.
Er schwieg. Rieb seine Hände, ganz groß, etwas rot vom kalten Wasser.
Ich gehe gleich wieder, sagte er. Sagen Sie einfach, wohin mit den Kartoffeln.
Katharina sah auf den Topf. Dann auf ihn. Dann wieder auf den Topf.
Lassen Sie die Kartoffeln. Und Sie selbst?
Ich finde schon was.
Es gießt draußen.
Er zuckte nur mit den Schultern. Kein Gleichmut, eher Müdigkeit wie jemand, der schon öfter vor verschlossenen Türen stand und einfach weitergegangen ist.
Katharina goss sich ein Glas Wasser ein, trank langsam aus. Dann:
Caro hat mir nicht Bescheid gesagt. Ihr Fehler, nicht Ihrer. Aber Sie hätten wenigstens prüfen müssen, ob die Wohnung leer ist.
Da haben Sie völlig recht.
Wie lang sind Sie schon hier?
Seit morgens.
Wo waren Sie noch?
Er blickte etwas überrascht, antwortete aber:
Küche und Bad. Sonst nirgends. Die Tasche lag zuerst im Flur.
Haben Sie geschlafen?
Nein. Gelesen. Hier. Er deutete auf ein Buch, das am Tischrand lag. Katharina hatte es gar nicht gleich bemerkt. Eines ihrer eigenen Bücher, ein historischer Roman aus dem Antiquariat, den sie nie ausgelesen hatte.
Sie haben ein Buch aus meinem Regal genommen, sagte Katharina.
Entschuldigung.
Sie dachte nach. Ein Mensch, der in einer fremden Wohnung einen Tag allein verbringt, wühlt nicht in Schubladen, vergreift sich nicht an Vorräten, sondern nimmt einfach ein Buch aus dem Regal und liest. Irgendwie beruhigend.
Möchten Sie Kartoffeln mitessen? fragte sie.
Er zögerte.
Wenn Sie es anbieten.
Mache ich. Dann überlegen wir, wie es weitergeht.
Sie aßen schweigend. Die Kartoffeln waren gut gekocht, mit Dill. Den hatte er offenbar gekauft; Katharina selbst benutzte selten frische Kräuter. Aber so war es gut.
Warum kein Hotel? fragte sie schließlich.
Er schaute auf.
Zur Zeit zu teuer. Alles ist im Umbruch … Scheidung, Firma nichts ist geklärt, Prozesse laufen. Momentan stehe ich ein wenig im Leeren.
Ich verstehe.
Sie räumte das Geschirr weg, spülte. Andreas sah zu, wie sie alles ordnete.
Sind Sie immer so? fragte er.
Wie meinen Sie?
So ordentlich mit allem.
Lassen Sie Ihr Geschirr sonst einfach stehen?
Normalerweise schon.
Aha, sagte sie, und mehr nicht. Dann: Im Wohnzimmer steht ein Schlafsofa. Morgen früh rufe ich Caro an, wir finden eine Zwischenlösung. Sie können für ein paar Tage bleiben, bis Caro etwas anderes vermittelt.
Er sah sie an, eine Art gemischter Ausdruck nicht Dankbarkeit, sondern etwas vielschichtigeres.
Warum? fragte er leise.
Warum was?
Warum lassen Sie mich bleiben?
Katharina schwieg einen Moment.
Weil draußen Regen ist. Und weil es nicht Ihre Schuld ist.
Sie ging ins Schlafzimmer. Zog sich um. Stand lange am Fenster und sah dem Regen zu. Im Nebenzimmer hörte man nichts, keine Schritte, kein Laut. Er war einfach da.
Sie legte sich hin, schlief lange nicht, hörte irgendwann, wie er ruhig ins Bad ging und zurück. Das Sofa knarrte einmal. Dann Stille.
Katharina sah die Zimmerdecke an.
Am nächsten Morgen stand sie wie immer um halb acht auf. In der Küche roch es nach Kaffee; Andreas stand am Herd, in den gleichen Sachen wie gestern, bereitete Kaffee zu.
Guten Morgen, sagte er, ohne sich umzudrehen. Er hatte sie gehört.
Morgen.
Ich kann guten Kaffee machen. Wenn Sie möchten.
Ja, gern.
Sie setzte sich. Er stellte ihr eine Tasse hin. Der Kaffee roch wunderbar, nicht zu herb. Sie probierte.
Wirklich gut.
Brot ist wo?
Oben links im Schrank.
Er fand es, schnitt auf, stellte einen Teller hin. Katharina beobachtete ihn. Es war seltsam, mit einem Fremden so ruhig am Küchentisch zu sitzen. Sie stellte sich vor, dass es unangenehm sein müsste, doch das war es nicht. Sie fühlte sich, als fahre sie mit einem Unbekannten im Nachtzug das Schweigen war einfacher als mit manchen alten Freunden.
Um neun rief sie Caro an. Die legte sofort los:
Kathi, ich weiß, das war daneben aber Andreas ist wirklich okay, ruhig, ordentlich …
Caro.
Was denn?
Er bleibt noch für ein paar Tage. Bis du was Neues für ihn findest. Entweder ein Zimmer, eine WG, ist mir egal, kümmer dich drum.
Kathi, du bist so …
Und keine Überraschungen mehr. Einverstanden?
Eine längere Pause.
Einverstanden. Du bist wirklich großzügig.
Nein, es regnet einfach nur draußen.
Katharina legte auf. Andreas sah sie von seinem Platz aus an.
Gehört?
In etwa.
Ein paar Tage, dann sieht Caro weiter.
Ich will wirklich nicht zur Last fallen.
Tun Sie schon, sagte sie ehrlich, aber ohne Vorwurf. Aber ich komme klar. Es gibt Regeln.
Ich höre.
Sie zählte auf: Sauberkeit in der Küche. Nichts auf die Fensterbank im Flur legen. Keine Sachen nehmen, vor allem keine Bücher. Nicht ins Arbeitszimmer gehen. Sie macht die Hausarbeit selbst. Ab 23 Uhr bitte Ruhe.
Er hörte aufmerksam zu, ohne Widerrede.
Das wars? fragte er.
Ja.
Darf ich eine Sache hinzufügen?
Sie wunderte sich.
Bitte.
Ich koche abends. Und das steht nicht zur Debatte, ich muss einfach die Hände beschäftigen. Ich kann gut kochen. Sie müssen nicht mitessen, aber gekocht wird.
Sie traute ihm den Ernst zu.
In Ordnung.
Die ersten Tage verliefen unauffällig. Katharina arbeitete, er erledigte seine Angelegenheiten, ging in die Stadt. Abends stand das Essen bereit. Einmal Auflauf, dann eine kräftige Suppe mit Graupen, wie aus ihrer Kindheit. Sie aßen schweigend, er fragte ab und zu, ob es schmeckt, ob genug Salz drin sei. Sie antwortete knapp. Es war angenehm auszuhalten.
Am dritten Tag reparierte er den tropfenden Wasserhahn. Sie hatte nichts gesagt, er fragte früh: Ihr Hahn tropft, soll ich mal schauen? Sie zuckte die Schultern. Abends: der Wasserhahn tropfte nicht mehr. Das Werkzeug lag wieder an Ort und Stelle, er hatte eine neue Dichtung gekauft.
Was kostet das? fragte sie.
Kaum der Rede wert.
Ich ersetze es dir.
Lass es.
Andreas.
Katharina, er sprach ihren Namen beiläufig, wie ein alter Freund, es war nur eine Dichtung.
Sie ließ die Diskussion.
Am Freitag regnete es erneut, diesmal sanfter. Katharina saß abends am Wohnzimmerfenster, ein Buch in der Hand, doch eigentlich sah sie nur nach draußen. Andreas kam mit zwei Tassen Tee.
Für Sie, darf ich?
Sie nickte. Er setzte sich ihr gegenüber. Schaute auch aus dem Fenster.
Sind Sie lange schon allein? fragte er.
Schon lange.
Gefällts Ihnen?
Sie überlegte.
Man gewöhnt sich.
Das ist kein richtiges Ja.
Aber die Wahrheit.
Er lächelte still.
Ich dachte auch, ich hätte mich gewöhnt, sagte er. Als meine Frau noch da war, eigentlich nur noch als Gewohnheit und dann bleibt gar nichts mehr übrig außer dieser Gewohnheit.
Sie schwieg. Der Tee war gut.
Was ist das eigentlich? fragte sie.
Minze, und irgendwas aus der Apotheke.
Da gibt’s Tee?
Dem Kräuterladen in der Löwengasse. Gleich bei Ihnen.
Ich wohne seit zwanzig Jahren hier und wusste das nicht.
Manchmal sollte man die Augen öffnen, sagte er, ohne jede Belehrung.
Sie blickte über ihre Teetasse hinweg zu ihm: ein gutes Gesicht, nicht schön aber echt. Müde, aber ohne Bitterkeit. Wie jemand, der etwas Schweres hinter sich hat und staunt, dass er es geschafft hat.
Wie lange waren Sie verheiratet?
Vierzehn Jahre.
Eine Ewigkeit.
Ja. Er drehte die Tasse in den Händen. Wir haben eine Tochter, Luisa, sie ist zwölf. Das ist das Schwerste. Der Rest ist Kleinkram.
Sie lebt bei der Mutter?
Bisher ja. Wir versuchen, das aufzuteilen.
Waren Sie mal verheiratet? fragte er.
Nein.
Nahe dran?
Katharina sah hinaus.
Einmal, vor langem. Es hat nicht geklappt.
Ihr Entschluss oder seiner?
Seiner.
Sie sagte das ruhig, aber er hakte nicht nach. Er akzeptierte es einfach.
Verstehe, sagte er. Und damit war das Thema beendet.
Sie saßen noch lange schweigend. Regen, Tee, abendliches Licht. Sogar das Schweigen war irgendwie friedlich. Später nahm Andreas die Tassen, wünschte gute Nacht. Katharina räumte auf.
Die Wohnung roch in diesen Tagen anders. Nicht schlecht, einfach fremd ein Hauch nach Holz, Wärme, gemischt mit ihren gewohnten Noten: Bücherstaub, Kaffee, ein bisschen blumig von ihrer festen Handcreme. Sie hatte erwartet, dass sie das stören würde. Aber sie registrierte es nur.
Samstags ging er früh zu seiner Tochter, kam abends still zurück. Katharina war in der Küche, als er an ihr vorbeiging. Sie wartete kurz, klopfte dann an.
Ja? kam es müde zurück.
Gibts heute Abendessen?
Kurze Pause.
Bin nicht wirklich in Stimmung zum Kochen.
Dann mache ich mir selbst was.
Moment. Er rappelte sich auf. Fünf Minuten.
Sie machten zusammen Rührei. Die kleine Küche war eng, einmal berührte er sie fast am Ellenbogen, sie wich zum Kühlschrank aus. Aber das Essen war in Ordnung. Er erzählte von Luisa: dass sie Kino wollte, der Film schlecht war, das Eis aber lecker. Katharina merkte, wie er über die Tochter sprach sachlich, aber mit großer Wärme.
Schönes Name, Luisa.
Die Mutter hat ihn ausgesucht.
Sie schwiegen.
Hat es weh getan, als damals der Mann ging? fragte Andreas plötzlich.
Katharina blickte auf.
Wieso fragen Sie?
Sie lassen mich Fragen stellen, die sonst niemand stellen darf.
Ja, Katharina zuckte mit den Schultern. Aber das war lang her.
Und Sie haben entschieden, dass allein sicherer ist.
Nicht einfacher. Nur sicherer.
Das ist nicht dasselbe.
Ich weiß.
Er ließ sie in Ruhe, und sie war dankbar. Die meisten bohrten dann weiter dass man Mut brauche, loslassen müsse … Er tat das nicht. Er räumte einfach ab und fragte, ob sie noch Tee wolle.
Der Sonntag war leise. Er reparierte noch eine Schranktür, die jahrelang geklemmt hatte Katharina tat noch so, als merkte sie es nicht. Später bedankte sie sich doch. Sie arbeitete, abends saßen sie beide im Wohnzimmer: Sie mit Buch, er mit Laptop, jeder für sich, aber doch zusammen. Das Gefühl war seltsam: weder richtig allein, noch richtig zu zweit etwas Drittes, ein deutsches Wort dafür gab es nicht.
Am Montagabend rief Caro Katharina selbst an.
Ich hab ein Zimmer gefunden, ab Donnerstag frei, alles okay. Sag Andreas Bescheid.
Sags ihm selber.
Kathi, du wohnst doch mit ihm!
Caro, wirklich. Ruf an.
Pause.
Ihr versteht euch, was?
Caro.
Schon gut, ich ruf ihn an.
Katharina legte auf, sah zur Wohnzimmertür, hinter der Andreas las. Ab Donnerstag wäre wieder Ruhe. Gut so. Richtiger so, dachte sie. Sie hatte sich an die Ruhe so gewöhnt.
Am Dienstagabend, am Ende des gemeinsamen Abendessens, meinte Andreas:
Caro hat sich gemeldet. Donnerstag kann ich in das Zimmer.
Ich weiß.
Er sah sie an.
Sie wussten das schon?
Sie hat angerufen.
Okay. Er legte die Gabel weg. Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr gestört.
Ein bisschen.
Ein bisschen, er wiederholte leise, mit einem kleinen Lächeln. Sie sind immer so ehrlich?
Ich bemühe mich.
Das ist selten.
Sie räumten gemeinsam ab, sie spülte, er trocknete. Sie störte es nicht mehr, dass er mit anfasste. Sie bewegten sich in der Küche inzwischen ohne peinliche Berührungen, kannten die Bewegungswege des anderen.
Katharina stellte sich nach dem Tee ans Fenster. Andreas auch. Die Straßenlaterne draußen flackerte kurz, brannte dann ruhig.
Morgen letzter Tag, sagte er.
Ja.
Was machen Sie am Donnerstagmorgen?
Dasselbe wie immer. Kaffee, Arbeit.
Ohne Gesellschaft.
Ohne Gesellschaft.
Er nickte. Dann, bedächtig:
Ich hätte nie gedacht, dass das so laufen würde. Ich dachte, ich schlafe zwei Tage lang aus und starre die Decke an. Aber stattdessen tropfte der Hahn, quietschte eine Tür und ich war sofort wieder im Leben drin.
Weil Sie sich ablenken wollten.
Vielleicht. Aber das war nicht alles.
Sie antwortete nicht. Er drehte sich leicht zu ihr sie spürte es mehr, als sie es sah, in der Bewegung, im Raum.
Katharina, sagte er.
Ja.
Darf ich kurz was sagen, ohne dass Sie sofort abhauen?
Sie lächelte fast.
Ich gehöre gerade nicht weg.
Mir geht es gut hier. Wegen Ihnen. Nicht, weil ich dankbar bin das bin ich, aber das ist was anderes. Es ist einfach ruhig, gut. Habe lange nicht mehr so empfunden.
Sie sah auf die Laterne draußen. Das Licht war klar.
Auch ich erinnere mich nicht an dieses Gefühl, sagte sie schließlich, leise.
Er tat nichts, stand nur da. Dann berührte seine Hand neben ihrer das Fenstersims. Sie zog ihre nicht weg. Sie blieben so stehen. In der Wohnung war es warm, und es roch nach Tee mit Minze, als wäre das die Normalität.
Dann legte er vorsichtig seine Hand auf ihre. Nur eine Geste, ohne Bedeutung aufzudrängen. Sie ließ es zu.
Dann war Stille und es musste nichts mehr gesagt werden.
In diesem Moment drehte sich ein Schlüssel im Schloss.
Sie wichen beide wie automatisch zurück. Die Tür öffnete sich, und Caro stürmte herein mit nassem Mantel, Taschen, breitem Lächeln, laut und voller Energie.
Kathi! Ich bin kurz vorbeigekommen, hab dir Gebäck mitgebracht und Tomaten, du magst doch die kleinen Sie verstummte, blickte Katharina an, dann Andreas. Oh. Störe ich?
Alles gut, sagte Katharina sachlich. Komm doch rein.
Ihr habt schon gegessen?
Gerade eben.
Na wunderbar. Dann mache ich uns Tee?
Es gibt noch Minztee, sagte Andreas.
Perfekt!
Caro ging in die Küche. Katharina zog sich einen Pullover an und ging ins Schlafzimmer, einfach so, weil sie kurz allein sein wollte.
Der Abend verlief ganz normal. Tee zu dritt, Caro erzählte vom Job, Andreas hörte freundlich zu, Katharina auch. Dann ging Caro, Andreas wünschte gute Nacht, Katharina räumte ab.
In der Nacht lag sie lange wach.
Dachte darüber nach, dass morgen der letzte Tag war. Dass dann alles wieder still und ordentlich sein würde, alles auf seinem Platz, kein tropfender Wasserhahn, keine kratzenden Türen, morgens kein fremder Kaffeeduft. Und dass das gut war. Dass es so sein sollte.
Sie dachte das alles sorgfältig durch, wie sie manchmal Sachen im Regal sortiert jedes Teil an seinen Platz. Alles richtig, alles vernünftig, alles sicher.
Und schlief trotzdem lange nicht.
Mittwochmorgen stand sie frühe auf, kochte Kaffee, trank allein, spülte ab.
Als Andreas in die Küche kam, arbeitete sie schon.
Guten Morgen, sagte er.
Morgen.
Ist noch Kaffee da?
Auf dem Herd.
Er goss sich ein, setzte sich. Sie blickte nicht auf, konzentrierte sich demonstrativ auf den Bildschirm, obwohl die Buchstaben verschwammen.
Katharina, sagte er.
Ja.
Auf Sie böse?
Sie drehte sich um.
Nein. Warum sollte ich?
Weiß nicht. Sie wirken anders heute.
Ich arbeite einfach.
Er sah sie ruhig an, ohne Vorwurf.
Schon gut, sagte er. Alles klar.
So verlief auch der Rest des Tages. Sie arbeitete. Er ging aus, kam wieder, packte leise die Tasche. Abends kochte er, wie versprochen. Buchweizen mit Pilzen. Schlicht, aber gut.
Sie aßen größtenteils schweigend.
Danke für alles, sagte er schließlich leise.
Ist doch nichts.
Doch. Für die Tage, für das Dach über dem Kopf. Dafür, dass Sie mich nicht sofort rausgeworfen haben.
Du hast ja auch den Hahn repariert.
Der tropfte.
Bin es gewohnt.
Schon. Aber musste nicht sein.
Sie räumte ab, spülte. Er sah zu.
Morgen früh raus? fragte sie.
Muss bis Mittag die Schlüssel abgeben, also wohl so gegen zehn.
Gut.
Sind Sie da?
Ja.
Dann verabschiede ich mich.
Sicher.
Sie ging ins Schlafzimmer, legte sich hin, augen offen.
Dachte darüber nach, dass es richtig war so. Dass sie ihr eigenes Leben hat, und er auch. Er würde sich zurechtfinden, bald was Neues aufbauen, sich kümmern, vielleicht sogar wieder glücklich werden. Er hatte seine Tochter Luisa, die gern Eis isst. Sie selbst hatte ihre Akten, Seminare, Bücher, ihre Routine. Sie war es gewöhnt. Das war kein Alleinsein, nur eben ihr eigener Weg.
Er würde Auf Wiedersehen sagen, und sie Viel Glück, und die Tür schließen, danach wäre alles wieder ganz wie früher.
An diesen Gedanken hielt sie lange fest. Systematisch. Ordentlich.
Dann schloss sie die Augen.
Donnerstagmorgen erwachte sie um acht. In der Küche war Andreas schon gegangen.
Auf dem Tisch stand eine Kaffeetasse, noch leicht warm. Daneben ein zusammengefalteter Zettel.
Katharina nahm ihn, entfaltete ihn.
Wollte dich nicht wecken. Danke für alles, wirklich. Wenn was ist, erreichst du mich hier. Adresse, Stockwerk, Wohnung, die Nummer, die sie eh schon kannte, er hatte sie ihr am ersten Tag gegeben.
Sie las zweimal. Dann faltete sie den Zettel. Kochte sich neuen Kaffee, obwohl der seine noch warm war. Goss ihn dennoch weg, trank ihren eigenen.
Dann ging sie durch die Wohnung.
Das Sofa war ordentlich gemacht, das Kissen glatt. Im Bad alles sauber. Küche aufgeräumt, Schranktür repariert, Wasserhahn dicht. Die Fenster klar. Der Boden ohne Flecken.
Sie blieb mitten im Wohnzimmer stehen.
Stille.
Vollkommene Stille.
Nur der Kühlschrank summte. Irgendwo hörte man eine Nachbarin.
Sie trat ans Fenster. Schau nach draußen. Die Straßenlaterne brannte ruhig. Autos rollten vorbei. Eine Frau mit Kinderwagen ging den Gehweg entlang. Eine Taube saß auf dem Dach gegenüber.
Die Wohnung war vollkommen.
Vollkommen sauber. Vollkommen ruhig. Vollkommen leer.
Katharina stand am Fenster und dachte daran, wie sie den Raum immer als ihre Burg bezeichnet hatte. Ihr Rückzugsort, mit keiner geteilten und stets geschützten Grenze. Sie meinte, das sei ihr Schutz. Hier war alles unter Kontrolle, nichts Unerwartetes, niemand legte Löffel quer, niemand nahm einfach Bücher aus dem Regal.
Sie starrte in die Laterne.
Und dachte: Eine Burg und eine Gruft unterscheiden sich hauptsächlich dadurch, dass eine Burg einen Ausgang hat.
Katharina ging zurück zur Küche, nahm den Zettel, las die Adresse noch einmal. Holte dann ihre Jacke, ihren Mantel, die Schlüssel. Zog die Schuhe an, sah auf den Schlüsselbund: zwei Stück, einer zum Hauseingang, einer zur Wohnung.
Dann nahm sie ihre Tasche und ging hinaus.
Draußen war es kühl, aber trocken. Das Licht war noch grau, wie es im März oft vor dem Frühling liegt. Katharina ging zur Tram-Haltestelle und dachte, dass das vermutlich verrückt war. Spontan. Nicht durchdacht. Nicht abgewogen, wie sie es sonst immer machte.
Dass sie zu einem Mann fuhr, den sie eigentlich kaum kannte, der durch Caros Spontanität eine Woche in ihrer Wohnung geblieben war und jetzt wusste sie nicht, was sie ihm sagen sollte.
Sie fuhr mit der Tram. Fand die richtige Adresse, den richtigen Aufgang. Drittes Stockwerk, Wohnung. Sie klingelte.
Lange nichts. Sie dachte schon, er käme nie, hätte vielleicht die Sachen noch nicht abgeholt, oder alles nur als Brief für später dagelassen. Wollte schon gehen.
Da öffnete sich die Tür.
Andreas stand da, noch im Mantel, offenbar gerade erst angekommen. Hinter ihm war der Flur praktisch leer, nicht mal Haken an der Wand, kein Möbelstück außer einem Klappbett.
Katharina, sagte er.
Hallo, sagte sie. Das erste Mal duzte sie ihn. Merkte es erst später.
Er merkte es auch, sein Gesicht veränderte sich, ganz leicht.
Komm rein, sagte er. Ebenfalls duzend. Es ist noch ziemlich leer hier.
Sieht man.
Sie trat ein. Die Luft im Flur war die eines noch nicht bewohnten Ortes, mit etwas Staub, etwas Kalk. In der Ecke der Klappstuhl, daneben seine Reisetasche.
Er schaute sie fragend an, nicht beunruhigt, nur offen.
Ich habe einen Schlüssel mitgebracht, sagte sie.
Welchen?
Den von Caro, den sie dir gemacht hat. Sie zog einen einzelnen Schlüssel aus der Tasche. Nimm.
Er blickte auf den Schlüssel.
Wozu?
Weil Sie stockte. Dann weiter: Ich kann das nicht so gut, was zwischen uns da war. Vielleicht hab ich es verlernt, vielleicht nie gekonnt. Ich weiß nicht, was daraus wird. Ich habe Angst, dass wieder alles schiefgeht. Dass es wieder wehtut.
Er schwieg verständig.
Aber ich stand heute früh am Fenster, sagte sie, und die Stille war nicht mehr schön. Heute nicht.
Andreas sah sie lange an, dann den Schlüssel in ihrer Hand.
Ist das nur wegen des Schlüssels?
Nein. Der Schlüssel ist nur ein Symbol. Ich wollte herkommen. Und bin da.
Er nahm den Schlüssel langsam. Hielt ihn fest.
Du weißt, dass ich nichts habe? sagte er. Klappbett, Tasche, eine leere Wohnung.
Ich weiß.
Und eine Tochter, die ein neues Leben braucht. Einen Beruf, der in Trümmern liegt. Alles noch offen.
Andreas.
Ja?
Ich bin nicht wegen der Ordnung hier. Ich bin hier, weil mir auffiel, dass du gefehlt hast.
Er stand in dem kahlen Zimmer, den Schlüssel in der Hand, und sah sie an. Draußen das lichthelle Märzwetter, ruhig und offen wie der Moment.
Hast du Angst? fragte er.
Ziemlich, gab sie zu. Ehrlich gesagt, sehr.
Ich auch.
Na und?
Er steckte den Schlüssel ein.
Na und lass uns erstmal Kaffee trinken gehen. Hier im Viertel gibt’s bestimmt irgendwo eine brauchbare Bäckerei.
Bestimmt, meinte sie.
Sie gingen zusammen durchs Treppenhaus. Er verschloss die Wohnung, und sie beobachtete, wie er mit dem noch neuen Schloss rang. Dann gingen sie gemeinsam hinunter. Sie dachte: Keine Ahnung, was jetzt kommt. Es kann alles passieren. Sie hatte keinen Plan gemacht. Keine Abwägung. Sie hatte einfach Jacke und Schlüssel genommen und war gegangen.
Und das war vielleicht das Mutigste, Lebendigste, das sie seit Jahren getan hatte.
Draußen lief er neben ihr, nicht an der Hand, einfach nah dran.
Hast du ein Lieblingscafè? fragte er.
In meinem Viertel gibt’s eines. Bester Kaffee.
Ist es weit?
Zwanzig Minuten mit der Tram.
Er überlegte.
Dann lass uns da hinfahren du kennst dich aus.
Sie sah ihn an.
Gut, sagte sie.
Sie gingen zur Haltestelle.
Die Tram kam prompt. Sie stiegen ein, setzten sich zusammen. Draußen glitten graue Straßen, alte Häuser, Bäume mit kaum sichtbaren Knospen vorbei März eben: außen noch Winter, innen leise das neue Leben.
Katharina blickte hinaus und dachte, dass sie Angst hatte. Ganz bestimmt. Und dass sie keine Ahnung hatte, ob sie diesmal die Tür offen lassen konnte, trotz all ihrer Gewohnheiten. Dass bei zwei Menschen, die allein klarkommen, längst nicht unbedingt ein Wir herauskäme.
Und dass sie das akzeptierte.
Die Tram schaukelte. Andreas blickte hinaus, dann zu ihr.
Woran denkst du? fragte er.
Dass ich nicht weiß, was kommt, sagte sie offen.
Das weiß niemand.
Das beruhigt nicht gerade.
Nein, lachte er. Aber Kaffee beruhigt meistens.
Sie lächelte.
Meistens.
Und an diesem Morgen war das ausreichend.





