Damals, als alles noch anders war und die Jahre endlos erschienen, lebte ich als Barbara Krüger in einer kleinen Wohnung am Rande von Frankfurt. Dreiundzwanzig Jahre lang kochte ich Eintöpfe, bügelte Hemden, brachte Verständnis für meine Schwiegermutter auf und hörte mir immer wieder ihren Lieblingsspruch an: Ach, unser Martin hat als Kind jeden Morgen brav seinen Grießbrei gegessen. Dreiundzwanzig Jahre lang glaubte ich daran, dass mein Mann wirklich länger im Büro blieb, weil die Arbeit ihn brauchte. Quartalsabschluss, Sitzungen, unerwartete Probleme alles hatte in meinen Augen seine Logik.
Bis sich langsam, ganz leise, ein Gefühl einstellte. Erst war es nur das: Gefühl. Ein nicht angenommenes Telefonat. Klar, beschäftigt. Dann stand das Abendessen bereits zum dritten Mal an einem Abend unangerührt auf dem Tisch. Und dann ein fremder, blumiger Duft an Martin, ein Parfüm, das ich ihm nie geschenkt hatte.
Ich machte keine Szene. Das war noch nie meine Art gewesen. Ich zählte zu denen, die drei Wochen lang nachts ab zwei Uhr die Stuckdecke betrachteten bis der Moment kam, aufzustehen, den Mantel zu nehmen und einfach zu fahren.
So fuhr ich also los.
Meine Freundin Lieselotte, die ich während der Fahrt anrief, sagte was zu erwarten war:
Barbara, warum tust du dir das an? Was erwartest du, wenn du fährst? Am Ende verletzt du dich nur selbst.
Schlimmer kanns nicht werden, entgegnete ich und legte auf.
Martins Büro lag im dritten Stock eines modernen Bürogebäudes, das recht hochtrabend Parnass hieß. Ich kannte es. War früher ein-, zweimal dort zum Betriebsfest und als ich Martins vergessenes Namensschild vorbeibrachte. Damals hatte mich der Pförtner mit ehrfürchtigem Blick durchgewinkt: die Ehefrau des Abteilungsleiters.
Nun war es bereits sieben Uhr am Abend. Der Parkplatz fast leer, die meisten Fenster im Dunkeln.
Bis auf eines.
Ich blieb am Wagen stehen und blickte nach oben. Drittes Stockwerk, ganz rechts Martins Büro. Dort brannte Licht. Und da waren auch Schatten hinter dem Fenster: zwei Personen.
Ich rührte mich nicht. Stand einfach da und sah hinauf.
Dann griff ich zum Handy, wählte seine Nummer.
Das Freizeichen ging: einmal, zweimal, dreimal.
Hinter dem Fenster wandte sich einer der Schatten, der kleinere, dem anderen zu.
Viermal. Fünfmal.
Der gewählte Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar…
Ich steckte das Handy weg und ging zum Eingang.
Der Pförtner hob den Blick vom Smartphone, als hätte ich ihm keinen Ausweis, sondern eine Hausdurchsuchung vorgehalten.
Wohin wollen Sie?
Zu Krüger. Martin Friedrich. Dritter Stock.
Stehen Sie auf der Liste?
Ich musterte ihn. Ganz ruhig. Mit genau dem Blick, den man einer Wand zuwirft, von der man weiß, dass sie eingerissen werden muss.
Ich bin seine Frau.
Der Mann, Anton hieß er, ließ diese Information sacken. Tappte etwas hilflos auf seinem Bedienfeld herum. Wartete.
Er geht nicht ran.
Weiß ich, sagte ich. Aber er ist da.
Schweigen. Man spürte, wie Anton abwog: Vorschrift gegen Ehefrau vom Chef eine schwierige Entscheidung. Am Ende legte er die Hand vom Drehkreuz.
Gehen Sie durch.
Also, dritter Stock. Ein langer Flur, grau ausgelegter Teppichboden, überall identische Türen. Ich ging langsam und dachte: Ich hätte vorher bei Lieselotte bleiben, im Café einen Kaffee trinken, zur Ruhe kommen sollen. Aber für sowas war es längst zu spät.
Das Büro am Ende des Gangs. Die Tür angelehnt, Lichtschimmer an der Kante. Stimmen.
Ich blieb stehen.
Ein weibliches Lachen. Sanft, leicht, als wäre ihr gerade etwas sehr Witziges eingefallen.
Dann Martins Stimme. Ich lauschte. Dreißig Sekunden, eine Minute. Meine Hände eisig, die Wangen brannten. Seltsam.
Dann öffnete ich die Tür.
Martin saß auf der Tischkante, erklärte einer jungen Frau etwas. Die war vielleicht achtunddreißig Jahre alt, attraktiv, mit hochgesteckten Haaren und Papierstapel unterm Arm.
Beide blickten auf.
Die Pause, die nun entstand, sagte alles. Ohne Worte.
Barbara? Martins Stimme vereinte Überraschung, Angst und, das tat am meisten weh, leichten Unmut, wie jemand, den man stört.
Guten Abend, sagte ich.
Die Fremde machte einen Schritt zurück, dann noch einen, dann wandte sie sich dem Fenster zu.
Du kommst ohne Anruf?, fragte Martin, sprang vom Tisch und versuchte, normal zu wirken. Es gelang ihm nur halb.
Ich hab dich angerufen. Du bist nicht rangegangen.
Ich war beschäftigt, wie du siehst.
Das sehe ich. Viel mehr, als er ahnte. Die offene Knopfleiste am Hemd, zwei Teegläser auf dem Tisch, eines mit Lippenstiftspuren. Die Frau mit den Papieren wusste gar nicht mehr, wohin damit erst linker, dann rechter Arm.
Das ist Annette, meine neue Projektleiterin, erklärte Martin mit einer seltsam betonten Sachlichkeit, typisch, wenn jemand etwas verbergen will.
Sehr erfreut, sagte ich kühl.
Annette legte endlich die Unterlagen ab, nickte, lächelte verlegen. Ich konnte ihr kaum Vorwürfe machen. Sie hatte Martin kein Versprechen gegeben.
Ich gehe dann mal, sagte sie.
Ja, bitte, sagte ich.
Annette verschwand. Eine angenehme Frau.
Martin und ich blieben zurück, das Büro still. Draußen glänzte die nasse Parkplatzfläche im Licht der Laternen.
Warum bist du gekommen?, fragte Martin. Es klang nicht fragend, eher wie ein Tadel.
Ich blickte auf das Glas mit Lippenstift, dann auf meinen Mann.
Ich wollte wissen, warum du nicht rangehst.
Ich hatte zu tun, habs dir erklärt.
Hast du, nickte ich.
Vieles war klar: die Knopfleiste, der neue Duft, zwei Gläser, dieses Lächeln. Und die verlegen wirkende Kollegin.
Martin seufzte.
Komm, lass uns heim und zu Hause reden, meinte er plötzlich leiser.
Meinetwegen.
Ich ging voraus. Grauer Teppich, kalter Gang, fast leer im Kopf eine seltsame Klarheit. Wie Glas.
Ich hatte alles gesehen. Nun galt es, mit dieser Wahrheit umgehen zu lernen.
Die Heimfahrt blieb schweigsam. Martin konzentriert am Steuer, ich mit Blick auf Lichter, den regennassen Asphalt, auf fremde Fenster, hinter denen andere Leben liefen. Überall eigenes Glück, eigene Küchen, eigene Männer. Und wer weiß vielleicht eine andere Annette.
Im Fahrstuhl zum fünften Stock dachte ich: Gleich, sobald wir drin sind, wird er anfangen zu reden. Abschweifen, erklären, sich auf Arbeit berufen, mir einreden, ich hätte alles falsch verstanden. Er konnte das gut.
Drinnen zog Martin den Mantel aus, hängte ihn wie immer ordentlich auf; das irritierte mich diesmal mehr denn je.
Barbara, hör zu.
Ich höre.
Ich ging in die Küche. Martin hinterher, lehnte sich an die Wand, Hände in den Taschen.
Da war nichts. Wirklich.
Gut.
Wir haben wirklich gearbeitet.
Natürlich, Martin.
Glaubst du mir nicht?
Nein.
Er war völlig verdutzt. Er hatte wohl Tränen, Streit, vielleicht sogar zerbrochenes Geschirr erwartet. Aber diese Ruhe, dieses Nein, brachte ihn aus dem Konzept.
Warum denn nicht?
Weil ich dein Gesicht gesehen habe, als ich reinkam. Du hast auf mich geschaut wie auf ein Hindernis.
Das stimmt doch nicht!
Martin, sagte ich ruhig und drehte mich zu ihm, ich kenne dich seit dreiundzwanzig Jahren. Ich habe oft gesehen, wie du dich freust, mich zu sehen. Heute war das nicht so.
Er schwieg.
Du bildest dir da was ein, Barbara.
Kann sein, zuckte ich die Schultern. Aber den Duft hast du dir auch eingebildet? Das Parfüm, das du seit drei Monaten trägst?
Das ist meins.
Du hast nie sowas benutzt, stets habe ich dein Parfüm ausgewählt. Dies ist neu.
Martin öffnete den Mund, wirkte unwohl, zum ersten Mal an diesem Abend.
Barbara, ich schwöre, es war nichts Ernstes.
Nichts Ernstes, wiederholte ich langsam, aber irgendwas war.
Das habe ich doch nicht gesagt!
Doch, gerade eben.
Martin rieb sich mit den Händen über das Gesicht ein Zeichen, das ich kannte, wenn er sich schämte oder überfordert war.
Barbara… Ich weiß nicht, wie ichs erklären soll. Es ist einfach leicht mit ihr zu reden. Sie ist jung, schaut anders zu mir auf. Ich weiß, das klingt blöd.
Es klingt ehrlich, erwiderte ich.
Aber es war nichts… nichts wirklich Schlimmes.
Aber es hätte passieren können.
Er schwieg lange. Das Schweigen sagte alles.
Ich nickte nur. Wieder innerlich ein Häkchen gemacht.
Ist gut, sagte ich endlich.
Bitte, Barbara, zieh keine falschen Schlüsse.
Martin, ich ziehe keine schnellen Schlüsse. Ich ziehe das Resümee aus drei Monaten, in denen du nach fremdem Parfüm rochst, nicht ans Telefon gingst und mich ansahst, als wär ich nur irgendein Möbelstück.
Er schwieg, blickte auf den Tisch.
Ich will dir jetzt etwas sagen, fuhr ich fort, und bitte hörs dir an und widersprich erst danach. In Ordnung?
Er nickte.
Ich werde keine Szene machen. Schreien, weinen, Dinge zerschlagen das war nie meins. Ich will nur, dass du verstehst: Ab jetzt tue ich nicht mehr so, als wäre alles gut, wenn es das nicht ist. Dreiundzwanzig Jahre habe ich geschwiegen, keine Fragen gestellt, wenn du nicht da warst. Damit ist Schluss.
Martin blickte auf.
Das ist kein Ultimatum. Du sollst nur endlich wissen, was Sache ist. Du musst dich entscheiden. Jetzt.
Es dauerte lange, bis Martin schließlich fast flüsterte:
Barbara. Ich bin ein Idiot.
Ja, sagte ich, aber das ist keine Antwort.
Noch in derselben Nacht fuhr ich zu Lieselotte.
Ich packte ruhig kein Drama. Martin stand im Schlafzimmertürrahmen und sah zu.
Wie lange?, fragte er.
Keine Ahnung.
Barbara…
Ich schloss das Köfferchen. Du musst nachdenken. Ich auch. Jeder für sich.
Er widersprach nicht. Das ließ alles sagen.
Lieselotte öffnete, warf einen Blick auf mich, auf das Köfferchen und fragte nichts. Sie stellte Wasser für Tee auf, dafür liebte ich sie seit zwanzig Jahren.
Wir saßen bis tief in die Nacht in ihrer Küche. Sie hörte zu, sagte manchmal ein paar Worte keine Ratschläge, nur, damit das Schweigen nicht zu schwer wurde.
Martin rief erst am dritten Tag an. Keine Erklärungen, keine Entschuldigungen. Er sagte nur schlicht:
Barbara, ich will, dass du zurückkommst. Ich habe etwas begriffen.
Was denn?
Dass ich ein Idiot bin. Aber das sag ich ja nicht zum ersten Mal. Ich will es beweisen.
Ich schwieg.
Gut, sagte ich dann.
Am Freitagabend kam ich zurück. Auf dem Küchentisch stand ein Eintopf mit zerkochtem Rote-Bete-Gemüse. Martin hatte sich wohl wieder nicht getraut, auf den Punkt zu kochen. Daneben ein Strauß Blumen, etwas holprig gebunden so, als hätte er ihn eilig gekauft.
Ich stellte meinen Koffer ab. Sah den Eintopf an, dann den Blumenstrauß.
Ich habe die Rote Bete wieder verkocht, sagte Martin hinter mir.
Ich sehe es.
Aber der Eintopf ist ansonsten gelungen.
Wir werden sehen, entgegnete ich.
Dann ging ich, um mir die Hände zu waschen. So ist das Leben. Manchmal ist die Rote Bete matschig, manchmal nicht. Das Wichtigste ist: den Unterschied zu erkennen und nach dreiundzwanzig Jahren nicht mehr darüber zu schweigen.





