Mama, wer ist eigentlich die Frida? Ist sie unsere Herrin? Warum füttert sie uns dann so schlecht? Kleine, neugierige Augen blickten zu Lina auf und warteten auf eine Antwort. Nein, mein Kleiner, sie ist nicht unsere Herrin. Sie ist nur eine alte, kranke Frau. Sie weiß nicht, was sie tut… Mama, werden die großen Katzen mich auch fressen, wie meine Schwester? flüsterte Finnchen und zitterte vor Angst. Lina seufzte tief. Nein, mein Junge, dich lassen sie in Ruhe! Das verspreche ich dir! Sie begann, ihr einziges verbliebenes Kind abzulecken, und langsam beruhigte sich Finnchen und schlief friedlich ein.
Lina war im Keller eines Hochhauses geboren worden. Es waren vier Kätzchen gewesen. Ihre Mutter war noch jung, es war ihr erster Wurf. Als ein neuer Verehrer auftauchte, vergaß sie ihre Jungen völlig und verschwand. Doch Lina dachte dennoch dankbar an sie. Trotz ihrer Flatterhaftigkeit hatte die Mutter ihren Kindern viel Zärtlichkeit geschenkt, sie gesäugt und ihnen beigebracht, selbstständig zu fressen. Nach ihrem Verschwinden mussten die Kätzchen den Keller verlassen. Zunächst blieben sie zusammen im Hof des Hauses, wo sie manchmal von netten Menschen gefüttert wurden. Doch die Zeit verging… Der graue Bruder wurde von einem Auto überfahren, Tigerchen von Hunden zerrissen. Lina verabschiedete sie mit Tränen in den Augen, bis der Hausmeister sie verscheuchte. Sie sah, wie er die kleinen, steifen Körper mit einer Schaufel aufnahm und in die Mülltonne warf. Das Schicksal ihrer Schwester blieb ihr unbekannt.
Mit der Zeit lernte Lina die Gesetze des Straßenlebens. Sie lebte still für sich, unscheinbar. Doch dann geriet sie in die Hölle… Frida… Sie traf sie an den Mülltonnen, wo die Alte eifrig wühlte und Dinge in ihre riesige Tasche stopfte. Frida starrte sie mit irrem Blick an und krächzte: Miezi, komm her, komm zu mir! Niemand hatte Lina beigebracht, zahnlose alte Frauen zu fürchten, also näherte sie sich, in der Hoffnung auf Futter. Plötzlich packte Frida sie unter den Arm, schnappte sich ihre Tasche und hastete zum Haus.
In der Wohnung warf Frida die Katze zu Boden. Du bist jetzt Lina. Dann vergaß sie sie für immer. Doch Dutzende hungriger Augen starrten Lina an… Miezi! Miezi! rief Frida aus der Küche, wo sie ihre Schätze sortierte, und die Katzen verloren das Interesse an Lina und stürmten zum Ruf. Lina sah sich um und erstarrte vor Entsetzen. Sie hätte nie gedacht, dass Zweibeiner so leben könnten. Berge von schmutzigen, stinkenden Sachen, schmutziges Geschirr, überall Urin und Kot, Schwärme von Fliegen und Kakerlaken. Und Katzen, so viele Katzen. Meistens verängstigt, abgemagert, krank. Doch einige waren stark, aggressiv, selbstsicher Fridas Lieblinge. Warum sie die anderen brauchte, wusste Frida selbst nicht.
So begann Linas Höllenleben… Hunger, ständige Angst, der Tod alltäglicher Begleiter, erwachsene Katzen, die Neugeborene fraßen, wenn Frida sie nicht rechtzeitig im Eimer ertränkt hatte. Langsam passte sich Lina an, fand ein verstecktes Eckchen. Doch dann begriff sie mit Schrecken, dass sie bald Mutter werden würde. Draußen hatte sie einen Freund gehabt, der ihr schöne Tage bereitet hatte doch jetzt mussten ihre Kinder in dieser Hölle geboren werden…
Sie gebar leise. Zwei wundervolle Kätzchen: ein schwarzes Mädchen, das dem Vater glich, und ein roter Junge, genau wie Lina. Lotte und Finnchen…
Wie sehr sie ihre Kleinen beschützte… Doch die Gefahr wuchs. Die Katzen hungerten und kamen den Kätzchen immer näher, die bereits die Augen geöffnet hatten und weglaufen wollten.
Lina würde diesen schrecklichen Tag nie vergessen. Sie, die ihre Kinder Tag und Nacht bewacht hatte, schlief nur eine Minute ein doch dann hörte sie Lottes dünnes Piepsen, gefolgt von einem Knacken… Die kleine Lotte war aus dem Versteck gekommen… Lina fauchte wütend, ihr Fell sträubte sich, sie wollte sich auf den Mörder stürzen doch dann hörte sie Finnchens Stimme: Mama… haben sie Lotte gefressen? Lina drehte sich um und sah seine großen, erschrockenen Augen… Was würde mit ihm geschehen, wenn sie jetzt starb? Sie blieb stehen, schützte Finnchen mit ihrem Körper und flüsterte verzweifelt: Wir fliehen hier! Ich rette dich!
Polizei, öffnen! Ein lautes Klopfen an der Tür. Frida zuckte zusammen, lief hektisch umher. Öffnen Sie, die Nachbarn haben sich beschwert! Als Frida endlich die Tür aufmachte, schoss eine rote Katze mit einem Kätzchen im Maul hinaus und floh die Treppe hinunter.
Tom blickte in ihre schmerzerfüllten Augen, Tränen rollten seine Wangen hinab. Er verstand sie. Keine Sorge, ich kümmere mich um ihn. Es wird ihm gut gehen! Neben ihm saß Finnchen ungewöhnlich still, er schnurrte und leckte Linas Gesicht. Lina starb… Ihr kleines Herz hatte den Verlust nicht verkraftet. Sie träumte von Lotte, die sie über den Regenbogen rief… Und sie gab nach…
An dem Tag, als sie starb, regnete es. Tom begrub sie in einem Birkenhain, dann stand er lange mit Finnchen an ihrem Grab. Er erinnerte sich, wie sie in sein Leben gekommen waren in einer schweren Zeit, nach dem Tod seiner Eltern bei einem Autounfall. Doch der Dienst ging weiter… Er dachte an die verrückte Alte, die übelriechende Wohnung… Und die rote Katze mit dem Kätzchen im Maul, die hilflos an der Tür stand. Ja, er war der Polizist gewesen, der zufällig Zeuge ihrer Flucht wurde. Er hatte sich zu ihnen gehockt: Weggelaufen? Verständlich… Ich würde auch fliehen. Kommt mit zu mir. Ich verspreche, euch nicht wehzutun. Er öffnete die Autotür… So fand sein Leben wieder einen Sinn.
Tom nannte sie meine Schöne. Finnchen blieb Finnchen. Sein verwundetes Herz nahm die beiden auf. Er kaufte ihnen einen riesigen Kratzbaum, das beste Futter. Er wollte, dass sie die Hölle vergaßen. Als seine Schöne krank wurde, holte er die besten Tierärzte, trug sie auf Händen, bettelte sie an zu bleiben… Doch sie… Sie sah ihn nur noch mit einem leeren, fernen Blick an, als ob sie sagen wollte: Lass mich gehen…
Lina lief über den Regenbogen… Neben ihr trippelte Lotte auf kleinen schwarzen Pfoten. Es tat nicht mehr weh. Mama, was ist mit Finnchen? Er ist doch jetzt ganz allein? Lotte fragte besorgt. Lina lächelte. Er ist nicht allein. Sieh nur!
Der Regen hörte auf, ein Regenbogen spannte sich über den Birken. Tom seufzte tief, nahm Finnchen auf die Arme, blickte in seine honigfarbenen, tränenfeuchten Augen und küsste seine nasse Nase. Alles wird gut, Kleiner. Und sie gingen zum Auto. Zwei verwundete, aber nicht einsame Herzen… Ein großer, starker Mann und ein kleines Kätzchen… Finnchen.





