Und wer ist denn bei dir im Schlafzimmer? – Meine Frau, antwortete der Bräutigam gelassen.

Und wer ist bei dir im Schlafzimmer? Meine Frau, antwortet der Bräutigam ruhig.

Annika hat sich mit fast dreißig bereits damit abgefunden, allein zu sein. Sie hat denjenigen, mit dem sie ihr Leben verbringen will, Hand in Hand durch alle Höhen und Tiefen, noch nicht getroffen. Natürlich gab es Verehrer, ein paar Mal ließ sie eine Beziehung zu, aber sie spürte: ihr Herz hatte seinen Helden nicht gefunden.

Abends, allein in ihrer Einzimmerwohnung mit Blick auf das Rheinufer in Köln, setzte sie sich mit einer Tasse heißer Schokolade auf die breite Fensterbank und beobachtete die Paare, die am Fluss spazieren gingen. An einem eisigen Winterabend, als draußen kaum jemand war, fiel ihr ein Mann auf, der gemächlich durch die Kälte schritt, als hätte er alle Zeit der Welt. Sein Gesicht konnte Annika vom Fenster aus nicht erkennen, aber irgendetwas an ihm wirkte tieftraurig und einsam.

Ein paar Tage später sah sie ihn wieder an der Rheinpromenade, dann schließlich jeden Abend. Immer ging er langsam, den Blick auf den Boden gerichtet. Eines Tages, als sie die Zeit seines üblichen Erscheinens kannte, schnappte sie sich einen warmen Mantel und lief ihm auf dem Gehweg entgegen. Aus der Ferne studierte sie seine Silhouette: schlank, kein Ansatz von Bierbauch, musterte sie schmunzelnd. Etwa vierzig war er wohl, aufrechte Haltung, auch in dicker Kleidung. Als sie sich näherten, konnte Annika seine Züge erkennen attraktiv, aber mit einem Schleier des Kummers, wie es ihr schon zuvor aufgefallen war. Der Mann bemerkte ihren neugierigen Blick gar nicht und ging einfach weiter. Annika hatte plötzlich das irrationale Gefühl, so einen Mann an ihrer Seite zu wollen eine Mischung aus starker Männlichkeit und Verletzlichkeit.

Nun traf Annika ihn jeden Tag auf ihren eigenen Spaziergängen. Heimlich hoffte sie, dass er sie endlich wahrnehmen würde. Doch nichts in seiner Haltung deutete darauf hin. Was war wohl geschehen, dass er so in seiner eigenen Welt gefangen war? Annika hätte ihn am liebsten getröstet, wusste aber nicht, wie sie ins Gespräch käme. Doch manchmal erhört das Schicksal die stummen Bitten eines Herzens.

Eines Abends, Annika hatte Überstunden gemacht und sich nichts mehr gewünscht als ein Lavendelbad, konnte sie ihre Begegnung am Rhein nicht auslassen. Im Taxi zur Promenade, abseits ihres Stammplatzes, eilte sie um die Ecke und rempelte direkt den Fremden an.

Sie verlor das Gleichgewicht auf dem glatten Pflaster, doch der Mann packte sie am Ellbogen. Sein ernster Blick ließ ihr Herz schneller schlagen, noch mehr als sonst. Als er sprach, wusste Annika, dass sie verloren war: Seine Stimme, leicht rau genau so mochte sie es.

Alles in Ordnung? fragte er.

Ja, ich denke schon, murmelte Annika. Sie hätte das klassische Spiel spielen können: Nein, ich habe mich verletzt. Doch sie wollte ehrlich bleiben.

Warum haben Sie es so eilig? fragte er, als er sie losließ.

Um das verlegene Schweigen zu überbrücken, antwortete sie spontan:

Ich will zu Ihnen!

Ein Scherz, also alles okay, sagte er und lächelte zum ersten Mal leicht.

Keine:r wagte den nächsten Schritt. Und dann schlug Annika, über sich selbst erstaunt, vor, noch auf einen Tee mitzukommen.

Es ist bitterkalt wenn Sie nichts Besseres vorhaben, habe ich gleich um die Ecke eine Wohnung. Ein Tee und es geht sich leichter bei dem Wetter.

Stimmt, sagte er gedankenverloren. Ich friere auch. Und ehrlich gesagt nach Tee steht mir der Sinn.

Großartig! Annika lächelte. Sonst fängt man sich noch eine Erkältung.

Er nickte und folgte ihr, stützte sie beinahe galant.

Vorsichtig auf den Absätzen! Ich habe nie verstanden, wie Frauen so laufen können.

Gewöhnungssache! lachte Annika und sie schwiegen.

Sie bereitete ihren Lieblingstee, holte das Mandelgebäck aus der Vorratsdose.

Wie heißen Sie? fragte Annika vorsichtig.

Annika, und Sie?

Max. Er schien aus tiefen Gedanken zu kommen.

Es freut mich sehr, Max, und ihr Grübchen-Lächeln ließ Max kurz verweilen.

Sie sind sehr hübsch, Annika, sagte er verlegen. Ich äh, ich sollte gehen. Danke für alles. Ich möchte nicht stören.

Schon gut! Annika nickte schüchtern und fügte hinzu: War ein langer Tag im Büro.

Sie verabschiedete ihn, stellte sich ans Fenster, hüllte sich in den alten Schal, den ihre Mutter ihr einst gestrickt hatte, und beobachtete, wie Max über die Straße ging, sogar an der leeren Kreuzung brav auf Grün wartete. So einfach?, dachte sie. Ich lade einen Unbekannten ein kein Funke, gar nichts. Nicht einmal nach meiner Nummer gefragt! Annika spülte Geschirr und fühlte sich so fehl am Platz, dass sie beschloss, abends nie mehr am Fenster zu sitzen, nie mehr auf Max zu warten.

Doch am nächsten Abend saß sie wieder am Fensterbrett der festen Überzeugung, dass er nicht wissen könne, dass sie heimlich schaute. Doch er tauchte nicht auf. Auch nicht am folgenden Tag.

Drei Tage quälte sie ihr schlechtes Gewissen, bis es an einem Samstagabend klingelte: Max stand vor der Tür, mit einer Schwarzwälder Kirschtorte und einem Korb Blumen.

Entschuldigen Sie meinen Mut, Annika, aber ich wollte kurz vorbeikommen. Störe ich?

Nein, gar nicht, lächelte Annika.

Kommen Sie herein, ich mach gleich Tee.

Ihr Herz sang, sie musste sich beherrschen, nicht gleich ihr Glück hinauszurufen. Sie zwang sich, langsam zu atmen und sich zurückzuhalten.

An dem Abend blieben sie lange zusammen. Max erzählte, wie er nach ihrer Begegnung immer an ihr Lächeln denken musste. Und dass er beschlossen hatte, heute ganz spontan zu kommen, um einfach zu reden.

Ich habe gesehen, dass auch Sie eine gewisse Traurigkeit im Blick tragen, Annika. Leben Sie auch allein?

Sie sind sehr aufmerksam, Max.

Dann könnten wir uns doch gegenseitig die Einsamkeit vertreiben, was meinen Sie?

Sehr, sehr gerne, gestand Annika und war selbst überrascht über ihr Schulmädchengefühl.

Danke, sagte Max und lächelte fast unsichtbar.

Wollen wir uns duzen? schlug Annika vor, Max nickte.

Das macht es leichter.

Er legte seine Hand auf ihre. Ihr Herz pochte wild. Sie stellte sich ans Fenster, bewunderte die fallenden Schneeflocken, da trat Max hinter sie, umfasste sie sanft von hinten. Annika drehte sich um, er schloss sie fest in die Arme. Max blieb die Nacht. Am nächsten Morgen fühlte Annika, als kenne sie ihn schon immer.

Musst du weg? fragte sie leise.

Nein, ich habe Zeit, sagte Max und sie spürte: er ist frei. Vielleicht meinte es das Schicksal doch gut mit ihr.

Dann koche ich etwas zum Mittagessen.

Es fühlte sich alles so traumhaft an, fast schon beängstigend.

Ich habe ewig kein echtes, warmes Mittagessen mehr gegessen! Vielen Dank, Annika. Du bist eine wunderbare Gastgeberin. Kaum eine Frau kocht heute noch gern. Es erinnert mich an meine Kindheit, wenn Mutter uns mit frisch Gekochtem verwöhnt hat.

Ich war das einzige Kind meiner Mutter, sagte Annika leise. Auch sie hat köstlich gekocht. Meine Freundinnen beneideteten mich immer. Bei ihr habe ich alles gelernt. Wir standen oft zusammen am Herd, haben experimentiert und eigene Rezepte erfunden. Ich liebe das Kochen aber hatte bisher niemanden zum Bewirten.

Sie bereute sofort, es gesagt zu haben.

Dann werde ich ab jetzt oft mitessen, wenn ich darf. Und ich kann gern mithelfen. Sag einfach, was im Haushalt zu tun ist – ich helfe gern.

Oh, da findet sich einiges! Annika lachte. Der Wasserhahn tropft, der Schrank hängt lose, und das Türschloss hakt.

Hast du Werkzeug im Haus? fragte Max gut gelaunt.

Leider nein.

Kein Problem. Ich bringe mein eigenes morgen mit, okay?

Natürlich!

Am Abend ging Max. Annika verstand, dass er frische Kleidung und Schlaf nachholen musste trotzdem fiel ihr der Abschied schwer.

Doch Max hielt Wort und erschien am nächsten Tag mit einer Werkzeugkiste. Für Annika war es herzerwärmend, wie er die Wohnung auf Vordermann brachte. Handwerker rief sie schon gar nicht mehr der Klempner hatte selten was gebracht, der Wasserhahn tropfte immer noch. Jetzt war alles tipptopp.

Beim nächsten Mal repariere ich die Steckdosen und befestige die Lampe, versprach Max. Kaum zu glauben, dass die noch hält.

Danke! Annika lobte jedes Mal sein handwerkliches Geschick, während Max sie für ihr Abendessen lobte.

So verging ein Monat. Max blieb immer öfter über Nacht, manchmal lud er Annika zu sich ein in seine große Wohnung in einem modernen Hochhaus am Stadtrand von Köln. Doch das Gefühl der Geborgenheit hatte sie bei sich zuhause. Über eine Hochzeit sprachen sie noch nicht, aber Max sagte oft: Du bist das Beste, was mir passieren konnte. Mit dir bin ich glücklich. Für Annika war es nur eine Frage der Zeit.

Freunde und Kollegen bemerkten die Veränderung: Annika blühte richtig auf, sah lebendiger, zufriedener, einfach rundum glücklich aus. Doch dieses Glück war nicht von Dauer.

Eines Abends kam Max nicht mehr. Kein Anruf, kein Lebenszeichen. Annika hatte das Essen vorbereitet, wollte über die Zukunft reden. Ihre Anrufe gingen ins Leere, dann kam nur eine Nachricht: Ich melde mich, sobald ich kann.

Rätsel und Sorgen ließen Annika nicht los. War Max nur beschäftigt? Hatte er Probleme? Er hatte sich nicht verabschiedet, nur Bis bald versprochen das machte ihr Hoffnung.

Doch je länger das Schweigen dauerte, desto größer wurde die Unruhe. Sie wagte kaum, es erneut zu versuchen, bremste sich immer wieder. Eines Nachts träumte sie von Max, der zwischen zwei brennenden Häusern hin- und herlief. Am Morgen entschied sie: Sie musste der Sache auf den Grund gehen.

Nach Feierabend nahm sie all ihren Mut zusammen und fuhr zu seiner Wohnung. Lieber ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht als ewiges Rätselraten.

Sie läutete, das Herz klopfte bis zum Hals. Max öffnete gleich als hätte er gewartet; sein Blick war wie zu Beginn.

Ihr fiel sofort auf, dass diesmal eine Zimmertür verschlossen war. Früher war alles offen. Aus dem schmalen Türspalt drang das Licht einer Nachttischlampe, leise Musik.

Möchtest du Tee? fragte Max, als sie im Wohnzimmer saßen.

Nein, Max. Lass uns reden. Was passiert hier zwischen uns?

Max setzte sich neben sie auf das Sofa und seufzte schwer.

Ich wollte auch mit dir sprechen, hatte aber nicht den Mut. Annika, du bist die wundervollste Frau, die ich je getroffen habe. Ich hatte wirklich gedacht, wir könnten zusammen alt werden. Aber…

Er hielt inne, blickte auf die verschlossene Zimmertür.

Wer ist bei dir im Schlafzimmer? fragte Annika direkt.

Meine Frau. Sie schläft ich musste ihr ein Schlafmittel geben, damit sie zur Ruhe kommt.

Deine… Frau?, Annika erschrak. Max nahm ihre Hand und ließ sie nicht los.

Es tut mir leid. Ich hätte es dir früher sagen müssen, aber ich konnte nicht. Ich… Ich bin schuld an allem. Meiner Frau habe ich von dir erzählt. Sie hat mich verstanden, mich vergeben. Aber wirst du das auch?

Annika wusste nicht, wie man in so einer Situation reagieren sollte. Zwei Frauen zu täuschen wie konnte er das tun?

Max sprach einfach weiter:

Wir sind seit zwanzig Jahren verheiratet. Unser Sohn Paul kam ein Jahr nach der Hochzeit. Wir waren glücklich. Doch vor einem Jahr ist Paul gestorben in der U-Bahn, er wollte einen alten Mann schützen und wurde von Jugendlichen mit dem Messer angegriffen… Seitdem hat meine Frau Maria den Boden unter den Füßen verloren. Sie wurde krank, konnte plötzlich nicht mehr aufstehen. Die Ärzte sagen, manchmal schlummert eine Krankheit im Menschen, Stress kann sie auslösen. So war es bei ihr. Sie wollte nicht kämpfen, war am Ende.

Max schluckte schwer, nahm ein Glas Wasser.

Ich habe alles versucht. Wollte sie pflegen, habe unbezahlten Urlaub genommen, durfte dann im Homeoffice arbeiten. Ich habe alles für sie gemacht. Nach einem halben Jahr riet der Arzt, sie in eine Klinik zu bringen. Da kann sie Psychotherapie bekommen, zu Hause würde sie weiter abbauen. Ich habe ihr gesagt, dass auch ich noch lebe, aber sie verweigerte jedes Gespräch. In der Klinik besuchte ich sie, aber sie blieb stumm. Und dann, gerade als ich selbst kaputtzugehen drohte, bist du mir begegnet. Du warst wie Licht nach langer Dunkelheit. Ich dachte wirklich, Gott hätte dich für meinen Neuanfang geschickt.

Annika wischte sich Tränen ab; Max fuhr fort:

Mit dir war ich wieder glücklich. Ich dachte wenn Maria mich nicht mehr will, sollte ich zu dir stehen, alles klären. Ich war blind vor Sehnsucht. Ich gestand Maria alles. Sie… weinte. Zum ersten Mal seit Monaten. Sie bat um Verzeihung, wollte an sich arbeiten. Ich wollte ihr eine Chance geben. Sie versprach, um das Leben zu kämpfen. Ich holte sie nach Hause. Auch wenn ihre Krankheit fortschreitet wenn sie aktiver wird, besteht Hoffnung. Jetzt tue ich, was ich kann, stehe ihr zur Seite.

Max zog Annika die Hand und schaute ihr tief in die Augen.

Vergib mir. Du bist wirklich mein Sonnenstrahl im Dunkeln. Ich habe dich auf meine Art geliebt aber wir sind nicht füreinander bestimmt. Ich wünsche dir alles Glück, aber nicht mit mir. Es tut mir leid.

Er küsste ihre Hände, sie strich ihm übers Gesicht.

Du hast recht gehandelt. Wäre mein Mann so gewesen wie du… Ich gönne deiner Frau das von Herzen. Ich bin stark, ich schaffe das.

Annika sprang auf, verließ fluchtartig die Wohnung und sagte beim Gehen:

Ich wünsche euch das größte Glück!

Draußen japste sie nach Luft, versuchte, das brennende Gefühl in ihrer Brust zu kühlen. Der Weg nach Hause war schwer. Das wars dann, dachte sie, Ich bleibe wohl für immer allein…

Ein halbes Jahr verging.

Urlaubszeit. Annika wusste nicht, wohin mit sich. Am letzten Arbeitstag stieg sie aus dem Haus, ging Richtung Straßenbahn, als ein Auto neben ihr anhielt.

Darf ich Sie ein Stück fahren? fragte ein freundlicher, grauhaariger Mann am Steuer.

Nein, danke, winkte Annika ab und lief schneller.

Bitte, wir fahren sowieso denselben Weg.

Woher wollen Sie das wissen? Sie blieb stehen. Sie kannte den Mann nicht.

Ich beobachte Sie schon lange. Und heute wollte ich endlich mein Herz fassen. Es ist mein Geburtstag, aber niemand feiert mit mir.

Ehefrau außer Haus? lachte Annika bitter.

Ich habe keine Frau.

Ach?

Es hat sich nicht ergeben. Wirklich, Annika, steigen Sie ein.

Annika blieb stehen. Er kannte ihren Namen?

Woher kennen Sie mich? fragte sie vorsichtig.

Oh, jetzt habe ich Sie erschreckt! Entschuldigung. Kommen Sie, ich erkläre alles im Auto.

Niemals! sagte Annika deutlich und ging zügig weiter.

Okay, dann muss ich es verraten: Ich leite die Sicherheitsabteilung in Ihrem Büro.

Annika lachte ironisch.

Warum habe ich Sie dann noch nie gesehen?

Wenn Sie einmal darauf achten Sie laufen täglich an unserem getönten Fenster vorbei. Wir sind selten unterwegs, überwachen alles vor allem über Kameras. Darüber habe ich Sie gesehen.

Annika blieb ruckartig stehen. Der Mann hielt an.

Ich glaube Ihnen nicht.

Doch, der Mann zeigte seinen Dienstausweis und dann auch noch den Pass. Annika sah: Er hieß Alexander, war acht Jahre älter. Kommen wir zum Büro? Sonst kommen beide zu spät…

Sie liefen zusammen ins Büro. Alexander hielt Annika die Tür auf.

Ich warte heute nach Feierabend am Eingang.

Den ganzen Tag gingen Annika die Begegnung und Alexanders Worte nicht aus dem Kopf. In der Mittagspause suchte sie Frau Krause aus der Personalabteilung auf, mit der sie gut auskam.

Frau Krause, wer ist der Leiter der Sicherheit bei uns?

Malke, Alexander Malke. Warum?

Nur so… Und, ist er verheiratet?

Annika, hab ich da was verpasst? grinste Frau Krause.

Nein, im Gegenteil. Annika errötete.

Ach Gottchen, Annika. Das ist ein Goldstück, ehrlich. War Soldat, ist sehr zuverlässig. Vor drei Jahren hat sich seine Frau getrennt sie wollte keinen Hausmann. Wollte zurück, aber er hat gesagt: Wer geht, geht. Ich hoffe, ihr kriegt euch.

Mal sehen! lächelte Annika.

Der Abend mit Alexander verging wie im Flug. Doch es ließ Annika keine Ruhe, dass sie an seinem Geburtstag ohne Geschenk gekommen war.

Ist etwas? fragte Alexander.

Es ist seltsam, deinem Geburtstag ohne Geschenk beizuwohnen…

Du kannst mir jetzt sofort ein Geschenk machen! Weißt du welches?

Welches?

Gib mir dein Okay, mit mir in den Urlaub zu fahren! In drei Tagen gehts los. Zwei Tickets habe ich schon! Ist das ein Geschenk?

Alexander lächelte, und Annika konnte nicht anders, als zuzusagen. Diese ungewohnte Direktheit gefiel ihr.

Zurück aus dem Urlaub, der voller positiver Erlebnisse war, gaben sie die Ehe­anmeldung ab und wurden drei Monate später ein Ehepaar. Annika war zutiefst dankbar, dass ihr das Schicksal doch eine neue Chance gab. Ein halbes Jahr später erfuhr sie, dass sie schwanger war. Ihr Ehemann trug sie auf Händen. Sie wohnten in Alexanders Haus, gingen aber noch oft zum alten Rheinufer spazieren.

Und bei einem dieser Spaziergänge begegneten sie Max. Er war mit einer freundlichen Frau unterwegs und schob einen Doppelkinderwagen. Als sich die Wege kreuzten, schaute Max auf Annikas jetzt deutlich sichtbaren Babybauch und lächelte:

Herzlichen Glückwunsch! Das ist meine Frau Maria. Wir sind auch noch einmal Eltern geworden hätten wir nicht mehr geglaubt.

Das ist mein Mann, Alexander! Annika schmiegte sich an ihn, Alexander nahm sie in den Arm. Max schüttelte ihm die Hand.

Es freut mich sehr für euch! Dann sah er Alexander an und sagte ernst: Pass auf sie auf!

Und sie gingen weiter, jeder auf seinem WegAlexander nickte. Für einen Moment standen alle still, der Rhein glitzerte im Licht, Wind spielte mit Annikas Haar. Max Zwillinge kicherten im Wagen und Maria winkte freundlich. Annika lächelte zurück, mit einem seltsamen Gefühl von Frieden. Vergangene und neue Leben kreuzten sich einen Augenblick leise und sanft, wie Boote auf dem Fluss.

Als sie weitergingen, legte Alexander seinen Arm ums sie. Annika blickte zum Himmel, wo Möwen kreisten, und wusste plötzlich: Jeder Abschied öffnet Türen zu etwas Unerwartetem. Hätte sie Max nicht gehen lassen hätte sie dieses Kapitel nie aufschlagen können.

Sie spürte das kleine Pochen in ihrem Bauch, Alexanders liebevolle Nähe und das Lachen der Kinder hinter sich, und sie dachte, dass das Glück immer anders kam als erträumt, aber umso schöner. Vielleicht bekam jeder Mensch irgendwann sein eigenes, ganz individuelles Wunder aber nur, wenn er den Mut hatte, die Einsamkeit auszuhalten, bis der richtige Tag kam.

Annika atmete tief ein und lächelte. Ihr Weg war nicht der leichteste gewesen, doch jetzt war es, als hätte das Leben selbst sie in den Arm genommen. Und während der Frühling am Rhein erwachte, begann Annika zu verstehen: Ihr Herz hatte seinen Helden längst gefunden in sich selbst und in der Liebe, die neu gewachsen, stärker, sanfter, reifer war als alle Sehnsucht.

Sie ging weiter, an Alexanders Seite, mit dem Gefühl: Jetzt war sie angekommen. Und nie zuvor hatte sich das Leben so vollkommen, so verheißungsvoll und so wunderbar leicht angefühlt.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: