– Meine Mutter wird ab jetzt bei uns wohnen, und damit basta –, verkündete mein Mann. Doch schon am Abend packte er seine Sachen.

Meine Mutter wird bei uns wohnen, und damit basta, erklärt Matthias. Doch noch am selben Abend packt er seine Sachen.

Es gibt diese Sorte Männer sie treffen Entscheidungen wie einen Nagel einschlagen: schnell, bestimmt und ohne zu schauen, wohin.

Matthias ist einer von ihnen.

Kein schlechter Mensch. Nein. Fleißig, verlässlich, liebt seine Mutter das kann man ihm nicht nehmen. Er ist es einfach gewohnt, dass, wenn er entschieden hat, es eben so kommt. Seine Frau murrt, murrt und fügt sich am Ende doch. Hat sie immer getan.

Katharina nimmt es tatsächlich meistens hin. Mit diesem geduldigen Lächeln, das Frauen zeigen, wenn sie schon lange alles verstanden haben.

Und dann kommt Matthias eines Abends nach Hause, stellt den Wasserkocher an und sagt:

Meine Mutter wird bei uns einziehen. Schluss der Diskussion.

Matthias sagt das beiläufig, nicht als Frage, nicht mit Entschuldigung einfach so.

Katharina steht am Herd.

Warte mal, sagt sie. Wir haben doch gar nicht darüber gesprochen

Kathi. Matthias unterbricht sie mit diesem Ton, mit dem er sonst Themen endgültig beendet. Sie ist allein. Mittlerweile schon sechzig. Das ist meine Pflicht.

Pflicht. Genau dieses Wort.

Nicht Was hältst du davon?. Nein, eine Pflicht als beträfe sie nur ihn, und Katharina steht nur daneben.

Mathias, beginnt sie vorsichtig, lass uns reden. Deine Mutter ist nett, keine Frage. Aber das hier ist unsere Wohnung. Zwei Zimmer, du und ich.

Zwei Sofas, wirft er ein. Wo ist da das Problem?

Katharina schaltet den Herd aus. Sie dreht sich zu ihm. Schaut ihn an, versucht zu verstehen, ob er überhaupt zuhört oder ob er einen selektiven Gehörschutz hat bei allem, was nicht mit seiner Entscheidung übereinstimmt?

Hast du das jetzt fest beschlossen? fragt sie.

Ja.

Ohne mich.

Es ist meine Mutter.

So läuft das.

Katharina nickt langsam, nachdenklich.

Verstehe, sagt sie.

Und geht ins Schlafzimmer.

Matthias steht noch in der Küche, dann geht er ins Schlafzimmer, dann zurück. Dann setzt er sich. Dann steht er wieder auf. Da ist nun also die Entscheidung und niemand freut sich darüber.

Katharina sitzt am Bettrand und schaut aus dem Fenster.

Er hat einfach alles allein entschieden, denkt sie.

Gesprochen wird an diesem Abend nicht mehr auch am Morgen keinen Schritt weiter.

Am zweiten Tag probiert Katharina es noch mal.

Matthias sitzt abends am Handy, scrollt sich durch Nachrichten; Katharina kommt, setzt sich daneben, faltet die Hände auf dem Schoß.

Matthias. Lass uns mal ernsthaft reden.

Er legt das Handy weg. Schon das ist ein gutes Zeichen meistens tut er das nicht.

Okay, sag.

Ich verstehe, dass du dir Sorgen um deine Mutter machst, ehrlich. Sie ist allein, für sie ist das hart. Aber wir haben zwei Zimmer. Wir sind zu zweit, und manchmal ist das schon eng. Bald sind wir zu dritt

Und? unterbricht er.

Und es wird eng. Mir ist das einfach zu viel.

Du magst sie nicht?

Katharina schließt für einen Moment die Augen.

Da ist es wieder. Sobald eine Frau sagt, dass es ihr zu viel wird, kommt sofort: Aha, du magst sie also nicht. Als ob man jemanden nicht mögen würde, nur weil man nicht dauerhaft mit ihm auf siebzig Quadratmetern wohnen will.

Ich komme mit deiner Mutter gut klar, sagt Katharina ruhig. Wir verstehen uns. Aber Besuch ist nicht dasselbe wie zusammenleben. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, Matthias.

Sie ist doch keine Fremde.

Weiß ich.

Sie fühlt sich einsam.

Mir ist das klar.

Was ist dann das Problem?!

Katharina sieht ihn lange an. Dann fragt sie leise:

Hörst du mir überhaupt zu?

Er schweigt. Nimmt das Handy wieder in die Hand.

Das Gespräch ist vorbei.

Am nächsten Tag ruft Frau König an, Matthias Mutter.

Katharina, hallo. Ihre Stimme ist weich, etwas schüchtern. Entschuldige, dass ich anrufe. Matthias hat mir von der Situation erzählt, ich weiß, das ist alles unangenehm

Alles gut, Frau König, sagt Katharina automatisch.

Nein, eben nicht, widerspricht die Schwiegermutter sanft. Ich höre es doch an deiner Stimme.

Katharina sagt nichts.

Ich weiß auch nicht recht, wie das werden soll, gibt sie zu.

Ich schon, erwidert Frau König leise. Ich hatte selbst vor vierzig Jahren eine Schwiegermutter. Da hieß es auch nur: Sie zieht ein, Basta. Sie lacht leise. Drei Monate, dann sind wir schnell wieder auseinandergezogen. Hat uns alle fast zerlegt.

Katharina muss lachen.

Aber Matthias besteht doch drauf

So ist er eben, unterbricht Frau König sanft. Ein guter Sohn, womöglich zu gut. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, ist er kaum zu bremsen. War schon als Kind so. Stur wie ein Esel.

Katharina sagt nichts. Dazu muss sie wohl nichts sagen.

Rede noch mal mit ihm, sagt Frau König. Aber auf andere Weise. Nicht über die Quadratmeter. Sag ihm direkt: Matthias, mir ist wichtig, dass du mich einbeziehst und mit mir sprichst. Genau das musst du sagen.

Und wenn er wieder nicht zuhört?

Stille.

Dann ist das ein anderes Gespräch, sagt die Schwiegermutter leise. Ich denke aber, er wird zuhören. Männer brauchen manchmal länger, um einen Kurswechsel zu machen. Wie große Dampfer.

Katharina lacht, mehr über sich selbst.

Danke, sagt sie.

Kein Problem, erwidert Frau König, sehr leise: Ich will auf keinen Fall Grund für Streit bei euch sein. Ganz gleich was Matthias sagt, ich will das wirklich nicht.

Am Abend kommt Matthias nach Hause, und er merkt sofort: Etwas ist anders.

Was? fragt er.

Nichts.

Sie essen. Dann sagt Katharina:

Matthias, darf ich dir was sagen? Nur eins, und du unterbrichst mich bitte nicht.

Er nickt.

Mir geht es nicht um deine Mutter oder meine, nicht um zwei Zimmer oder zehn. Es geht um etwas anderes. Du hast eine Entscheidung für uns beide getroffen und mich nicht gefragt. Einfach nicht gefragt, als ob ich hier nicht wohne.

Matthias will was sagen.

Unterbrich mich nicht, erinnert sie ihn.

Er schweigt.

Das ist alles, was ich sagen wollte.

Sie steht auf, spült das Geschirr.

Matthias sitzt lange still und starrt auf die Tischdecke. Dann geht er auf den Balkon, steht draußen, kommt zurück, stellt sich neben sie an die Spüle. Nimmt sie in den Arm.

Na gut, sagt sie. Lass uns Tee trinken.

Matthias hält die Tasse mit beiden Händen und schweigt.

Hast du heute mit deiner Mutter gesprochen? fragt Katharina.

Noch nicht.

Sie hat mich angerufen.

Matthias schaut auf.

Was hat sie gesagt?

Viel, sagt Katharina. Deine Mutter ist klug.

Er nickt kurz, unangenehm berührt wie jemand, der sich freut, aber ein bisschen schämt.

Sehr klug, sagt er.

Draußen ist aus Nieselregen Regen geworden. Sie sitzen da, und zum ersten Mal seit Tagen schleicht sich ein bisschen Leichtigkeit in die Wohnung.

Am dritten Tag ruft Matthias schließlich seine Mutter an. In Gegenwart von Katharina. Er sagt:

Mama, fang schon mal langsam an zu packen. Am Wochenende komme ich und helfe dir.

Katharina steht in der Küchentür und hört zu. Matthias legt auf. Dreht sich um. Sie sieht sein Gesicht.

Nein, sagt Katharina.

Er verzieht das Gesicht.

Kathi, ich kann sie doch nicht einfach allein lassen, verstehst du das denn nicht?

Ich bitte dich doch gar nicht, sie allein zu lassen, unterbricht Katharina ihn. Ich bitte dich nur, mich zu fragen. Einfach nur fragen.

Matthias steht auf. Geht im Zimmer auf und ab, wieder zurück.

Weißt du was, sagt er, wenn dir dein Komfort wichtiger ist als meine Mutter

Matthias. Katharina spricht leise. Lass das bitte.

Nein, ich muss das einfach sagen! Seine Stimme ist lauter als sonst in diesen Tagen. Ich kann doch nicht zwischen Frau und Mutter wählen müssen! Es ist verrückt, dazu werde ich von euch gezwungen!

Niemand zwingt dich zu wählen, sagt sie ruhig. Du hast dich selbst dazu gebracht. Weil du mich vor vollendete Tatsachen stellst und erwartest, dass ich einfach Ja sage.

Und du sagst nicht einfach Ja?

Nein.

Matthias starrt sie lange an, mit einem neuen Ausdruck im Gesicht: Verwirrung, Verletzung, Wut und noch irgendetwas, was schwerer zu fassen ist.

Gut, sagt er.

Und geht ins Schlafzimmer.

Katharina hört ihn am Schrank.

Er kommt raus, mit einer Tasche. Zieht die Jacke an.

Ich schlaf heute bei Benni, sagt er.

Gut, erwidert Katharina.

Er nimmt die Schlüssel, zögert einen Moment.

Du weißt schon, dass das nicht normal ist, so?

Weiß ich, antwortet sie. Aber warum es normal sein soll, dass du mich nicht fragst, versteh ich trotzdem nicht.

Matthias öffnet den Mund, findet keine Antwort. Verschwindet.

Die Tür schließt sich.

Katharina geht zurück in die Küche.

Während das Wasser kocht, ruft Frau König an.

Katharina, entschuldige. Matthias hat mir geschrieben, dass er heute bei einem Freund schläft. Ist das meinetwegen?

Frau König.

Sag bitte nichts, sagt die Schwiegermutter mit sanfter Stimme. Ich weiß schon, es ist wegen mir.

Es ist wegen ihm, verbessert Katharina. Er hat wieder alles entschieden, ohne mich zu fragen.

Stille.

Richtig, sagt Frau König.

Wie bitte?

Richtig so hast dus gemacht! Nun klingt sie fest. Katharina, ich ziehe nicht bei euch ein. Ganz und gar nicht. Das ist meine Entscheidung hab ich allein getroffen, ohne Matthias. Ich bin bald siebzig, hab mein Leben stets gemeistert. Mein Sohn ist toll, aber manchmal muss man ihn bremsen. Das hast du jetzt gemacht. Mich hätte er sowieso nicht gehört.

Am nächsten Morgen wacht Katharina um halb acht auf. Keine Nachrichten.

Das Leben geht weiter.

Matthias kommt am nächsten Vormittag, gegen zehn zurück.

Klingelt, obwohl er einen Schlüssel hat. Das sagt schon alles.

Katharina macht auf. Er steht in der Tür, etwas zerknittert nach der Nacht beim Kumpel. Mit Tasche.

Darf ich reinkommen?

Komm.

Sie gehen in die Küche. Er setzt sich, legt die Hände auf den Tisch, blickt auf seine Finger.

Meine Mutter hat mich angerufen, sagt er.

Weiß ich.

Sie sagt, sie zieht nicht um. Das ist ihr Entschluss, ich soll sie nicht überreden. Er hält inne. Sie hat auch gesagt, ich verhalte mich wie ein Idiot. So ähnlich jedenfalls.

Deine Mutter ist wirklich weise.

Ja, sagt er, ohne Ironie. Kathi, ich kann über sowas nicht gut reden. Weißt du ja.

Ich weiß.

Aber ich habs verstanden. Ich lag falsch. Habs allein entschieden und erwartet, dass du es hinnimmst. Das war nicht in Ordnung.

Katharina nickt.

War es nicht.

Mach ich nicht nochmal, sagt er schlicht.

Katharina schenkt Tee ein, stellt ihm eine Tasse hin.

Was deine Mutter betrifft: Ich habe nichts dagegen, wenn sie an den Wochenenden zu Besuch kommt. Wenn wir uns gegenseitig helfen. Das ist sogar schön.

Das hab ich verstanden, sagt er.

Er schaut sie auf eine neue, ihr fremde Art an die sie schon gestern bemerkt hat.

Du hast das richtig gemacht, sagt er leise.

Ich weiß, antwortet Katharina.

Und lächelt zum ersten Mal seit drei Tagen.

Draußen scheint die ruhige Herbstsonne nicht heiß, nicht grell, sondern warm und so, als hätte endlich alles seinen Platz gefunden.

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Homy
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