Ein Verehrer schlug vor, bei -20 Grad spazieren zu gehen, weil „im Café sitzen nur Schmarotzerinnen“ – da habe ich nicht lange überlegt…

15. Februar, Berlin

Heute muss ich einfach mein Erlebnis niederschreiben wie ein kurioses Märchen mitten im Berliner Winter. Es geht um Friedrich, einen Mann, dessen Profil auf der Dating-Plattform fast philosophisch wirkte. Auf seinen Fotos: ein ganz gewöhnlicher Typ um die 35, ordentlich gekleidet, nichts Auffälliges. In der Beschreibung betonte er seine Suche nach echter Selbsterkenntnis, persönlichem Wachstum und einer wahren, lebendigen Seele. Eigentlich hätte ich schon da stutzig werden sollen mein Bauchgefühl hat mir schon oft gezeigt: Je lauter einer von der echten Frau spricht, desto mehr sucht er jemanden, der nichts will und sich mit allem zufriedengibt.

Wir schrieben einige Tage. Friedrich war höflich, aber zwischendurch blitzten seltsame Ansichten auf. Besonders gern beklagte er sich über deutsche Frauen und ihren angeblichen Materialismus.

Die wollen doch nur ins Restaurant, nach Mallorca und das neueste Handy, tippte er. Niemand interessiert sich noch für das Herz, für einen Spaziergang und ein ehrliches Gespräch.

Ich habe innerlich genickt und ganz diplomatisch versucht, das Thema zu wechseln. Jeder trägt seine Narben mit sich herum; vielleicht hat ihm seine Ex nicht nur das Zuhause genommen, sondern auch seine Illusionen. Ich urteile nie vorschnell.

Dann schlug er ein Treffen vor. Mitten im Februar. Nicht etwa ein milder, sondern ein wirklich frostiger Berliner Winter minus zwanzig Grad, der Wind fühlt sich wie minus fünfundzwanzig an. Die Nachrichten warnen davor, Menschen sollen nur bei absoluter Not raus.

Lass uns im Park treffen, schrieb Friedrich. Frische Luft, weniger Maskerade. Dort sieht man, wer wirklich ist.

Friedrich, draußen sind minus zwanzig, unser Date dauert zehn Minuten, bevor wir uns in Eisskulpturen verwandeln. Kaffee wäre doch besser im Café, oder?

Die Antwort kam prompt:

Ich gehe nicht in Cafés. Da sitzen nur verwöhnte Frauen, die hoffen, dass man sie einlädt. Ich suche eine Lebensgefährtin, die mit mir durch Feuer, Wasser und Frost geht. Wenn es dir darum geht, dass ich für dich fünfzig Euro ausgebe, passen wir wohl nicht zusammen.

Die Neugier hat gesiegt. Ich musste diesen Kämpfer für ehrliche Beziehungen treffen, für den eine Tasse Kaffee Symbol der finanziellen Abhängigkeit war.

Okay, schrieb ich. Also Park. 19 Uhr am Haupteingang.

Die Vorbereitung war ein Kraftakt. Thermounterwäsche aus dem Schrank, dicker Pullover und dann der Skianzug. Das dicke Schuhwerk mit Wollsocken, die Fellmütze auf dem Kopf.

Im Spiegel sah ich aus wie eine Polarforscherin auf Expedition.

Na, Friedrich, jetzt zeig mal, was du kannst, murmelte ich und verließ meine warme Wohnung in die frostige Dunkelheit.

Um Punkt 19 Uhr stand ich am Parkeingang. Der Frost biss mir sofort ins Gesicht meine einzige freie Stelle. Der Schnee knirschte, die Straßen waren wie leergefegt; vernünftige Menschen, auch die angeblichen verwöhnten, hatten natürlich das warme Zuhause gewählt.

Friedrich stand dort. Im Herbstmantel! Zappelte, sprang von einem Bein aufs andere und blies verzweifelt auf seine Hände. Seine Nase war schon wie eine Pflaume, die Ohren glühend rot.

Ich trat näher.

Hallo, sagte ich gedämpft aus dem Schal.

Er schaute mich an, als hätte er eine zarte Fee im dünnen Strumpfhöschen erwartet, die auf dem Wind zittert, damit er sich als Held fühlen kann. Stattdessen stand eine Frau vor ihm, die wie eine Rettungssanitäterin im Nordpolargebiet aussah.

Hallo, klapperte er vor Kälte. Du bist wirklich sehr vorbereitet.

Du wolltest doch jemanden, der bei jedem Wetter dabei ist. Da fängt man am besten mit Frost an. Gehen wir?

15 Minuten Ruhm

Wir liefen los. Dieser Spaziergang gehört definitiv auf die Liste der verrücktesten Dates meines Lebens.

Wie gefällt dir das Wetter? fragte ich locker.

Belebend, stieß er hervor. Sein Gesicht bewegte sich kaum noch, nur die Lippen wurden blauer. Ich mag den Winter. Der zeigt, wer wirklich zäh ist.

Da stimme ich zu, sagte ich. Übrigens, erklär mir doch mal deine Theorie: Warum ist Kaffee im Café ein Zeichen von Käuflichkeit?

Reden fiel ihm schwer der Frost brannte im Hals, aber Überzeugungen fordern Opfer.

Weil seine Stimme zitterte, Beziehungen sollten aus echtem Interesse entstehen, nicht aus Geld. Wenn eine Frau nicht einfach spazieren kann und direkt ein Futterplatz verlangt, ist sie Konsumentin.

Und was, wenn die Frau einfach keine Lungenentzündung möchte? fragte ich und richtete meinen Kapuzenmantel.

Das sind Ausreden, schniefte er und schnaubte laut. Wer will, findet Wege. Man muss sich eben warm anziehen.

Ich hab mich warm eingepackt, zeigte ich meinen dicken Anzug. Aber du, du bist etwas unterdressed. Bist du sicher, dass es dir gut geht?

Mir gehts prima! keifte er, obwohl er zitterte wie ein Morsesender.

Nach zehn Minuten kamen wir zur zentralen Parkfläche. Da stand ein geschlossener Kiosk mit Kaffee. Friedrich sah ihn an wie ein tragischer Held.

Vielleicht kehren wir um? schlug er plötzlich vor. Der Wind wird stärker.

Ach wirklich? entgegnete ich mit neuem Elan. Wir fangen doch gerade erst an. Du wolltest doch die Seele entdecken! Erzählen wir doch über Literatur. Magst du Jack London? Seine Geschichte Ein Feuer machen da stirbt einer, weil er den Frost unterschätzt.

Sein Blick war alles andere als spirituell.

Hör mal ich muss los, unterbrach er mich. Ich habe plötzlich ganz dringende Arbeit.

Welche Arbeit? Wir haben doch den Abend geplant.

Berufliches. Mir fiel ein, dass ich den Monatsbericht nicht abgeschickt habe.

Um acht Uhr abends, am Freitag?

Ja! rief er fast.

Er drehte sich um und lief fast sprintend Richtung Ausgang. Ich folgte gemächlich, genoss den Moment: Mein Survival Hero hielt exakt fünfzehn Minuten durch.

An der U-Bahn verabschiedete er sich nicht einmal einfach abgetaucht in das rettende warme Untergrund-Berlin. Ich hoffe, er hat dort nicht nur seine Hände aufgetaut, sondern vielleicht auch seine Ansichten. Wenigstens ein bisschen.

Ich hingegen kam nach Hause, kochte mir heißen Tee und löschte die Chats mit Friedrich. Die investierte Zeit? Kein Verlust. Diese fünfzehn Minuten waren ein perfektes Gegenmittel gegen Schuldgefühle und eine Erinnerung daran, dass sich um sich selbst zu kümmern einen nicht zum verwöhnten Mädchen macht.

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Homy
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Scherben der Wahrheit