Mein Mann kam nicht zur Entlassung aus der Geburtsklinik. Ich fand ihn selbst – im Café gegenüber der Klinik. Am Tisch gegenüber saß eine Frau mit Kinderwagen.

Mein Mann kam nicht zur Entlassung. Ich fand ihn selbst im Café gegenüber der Frauenklinik. Am Tisch saß ihm gegenüber eine Frau mit einem Kinderwagen.

Die Tasche stand bereits am Abend bereit, sorgfältig von mir gepackt: Mulltücher, ein Einschlagdeckchen für die Entlassung, winzige Strampler in Weiß-Gelb, die ich schon im achten Monat gekauft hatte. Die Krankenschwester meinte: Morgen um zehn Uhr. Ich nickte, selbstverständlich. Mein Mann würde schon kommen. Ist er doch immer pünktlich.

Ich steckte das Handy ans Ladekabel und legte mich. Meine Tochter schlief neben mir im durchsichtigen Bett winzig, verschrumpelt, mit dunklem Flaum am Hinterkopf. Ich betrachtete sie und dachte, dass nun alles anders werden würde. Dass Daniel das begreifen würde. Drei Tage auf der Wöchnerinnenstation das sind Tage, an denen Männer reifen.

Um zehn kam er nicht.

Ich rief an er ging nicht ran. Schrieb ihm die Nachricht wurde gelesen, aber blieb unbeantwortet. Dann schrieb er selbst, um halb elf: Bin gleich da. Ich legte das Handy weg. Die Schwester brachte Unterlagen zum Unterschreiben. Die Stationshilfe half mir, unsere Klara anzuziehen so hatten wir sie getauft, noch bevor sie auf der Welt war.

Um elf kam er immer noch nicht.

Ich rief erneut an. Diesmal ging er ran verschlafen, schwer die Stimme, als wäre er eben erst aufgestanden.

Daniel, wo bleibst du?

Bin unterwegs, Stau.

Am Sonntag?

Naja ich fahr jetzt los.

Ich legte auf. Klara nestelte im Einschlagtuch, blubberte kleine Bläschen. Ich sah aus dem Fenster in den grauen, nasskalten Februarmorgen: kahle Bäume, Autos am Bordstein. Genau gegenüber der Klinik, auf der anderen Straßenseite, war ein kleines Café mit gelben Buchstaben im Fenster. Drei Tage lang hatte ich es von der Station aus gesehen, aber nie so richtig beachtet.

Jetzt sah ich es.

An einem Tisch am Fenster saß ein Mann. Blaue Jacke, dunkle Haare. Ich sah ihm den Rücken aber ich kannte ihn, wie man einen Rücken kennt, auf den man jahrelang abends schaut, wenn er sich zum Schlafen umdreht.

Gegenüber saß eine Frau. Jung. Ein teurer, moderner Kinderwagen daneben.

Ich stand sicher drei Minuten am Fenster. Dann nahm ich meine Tasche, bat die Stationshilfe, kurz Klara zu halten, und ging nach unten zur diensthabenden Schwester.

Ich muss kurz raus, fünf Minuten. Sind die Unterlagen fertig?

Ja. Aber warten Sie lieber auf Ihren Mann, warf sie mir über die Brille zu.

Es dauert nicht lang.

Ich benutzte den Hinterausgang, den mir meine Bettnachbarin Anne gestern gezeigt hatte. Der Februarwind fuhr mir unter die Jacke und in die Ohren. Ich überquerte die Straße, schob die sündhaft schwere Glastür des Cafés auf.

Drinnen roch es nach Kaffee und Zimt, leise Jazzmusik spielte. Ich sah sie sofort.

Daniel hielt eine Tasse mit beiden Händen und lachte so entspannt hatte ich ihn seit Monaten nicht mehr gesehen. Seitdem mein Bauch wuchs, war er nie mehr so locker gewesen.

Die Frau plauderte, lächelte. Kurze, braune Haare, feine Gesichtszüge. Aus dem Kinderwagen erklang kein Laut das Baby schlief.

Ich trat an ihren Tisch.

Daniel hob den Kopf das Lächeln verschwand wie ausgeschaltet.

Sophia

Hallo, sagte ich. Du warst doch unterwegs.

Er stellte die Tasse ab. Die Frau sah mich kurz irritiert an.

Sophia, das ist nicht

Nicht, was ich denke? Ich sprach ruhig. Im Café waren noch andere Gäste, aber mir war alles egal. Du gingst um zehn nicht ans Telefon. Bin gleich da, schreibt du um halb elf. Jetzt ist fast zwölf. Ich stand am Stationsfenster und konnte dir direkt ins Gesicht sehen, Daniel.

Sophia, er stand auf, lass uns rausgehen.

Wozu? Da oben wartet Klara auf mich.

Die Frau richtete sich auf.

Entschuldigen Sie, sind Sie seine Frau?

Ja.

Mein Name ist Katharina. Katharina Weber. Ich arbeite mit Daniel.

Ich schaute sie an. Dann auf den Wagen.

Wir haben uns zufällig hier getroffen, sagte sie Ich wohne um die Ecke, kam auf einen Kaffee mit meiner Kleinen vorbei. Daniel war auch hier. Wir haben einfach nur geredet.

Wie lange schon?

Sie zögerte.

Ich war gegen neun hier.

Ich sah Daniel an.

Gegen neun, wiederholte ich. Du warst hier um neun Uhr morgens. Und wusstest, die Entlassung ist um zehn.

Sophia

Wusstest du es?

Ja, er wich meinem Blick nicht aus, aber etwas Zartes, Unsicheres lag in seinen Augen. Ich wollte nur kurz Kaffee holen. Fünf Minuten.

Drei Stunden, Daniel. Drei Stunden sind nicht fünf Minuten!

Im Kinderwagen rührte sich das Baby. Katharina bückte sich, deckte das Kind zu. Das Mädchen war vielleicht drei Monate alt.

Tut mir leid, sagte sie leise. Ich wusste nichts von der Entlassung. Er hat nichts gesagt.

Sie haben keine Schuld, erwiderte ich.

Ich sah Daniel an.

Die Unterlagen sind fertig. Stell das Auto an den Hinterausgang, ich sage dem Portier Bescheid.

Dann ging ich.

Den Weg zurück über die Straße lief ich langsamer. Vielleicht, weil mir durchwärmt war nach dem Café vielleicht, weil das andere Gründe hatte. Ich dachte daran, dass Klara noch keine Ahnung von der Welt hatte, noch nichts von Entlassungen wusste. Ihr Auftrag: schlafen, trinken. Sie hat das ganze Leben vor sich, und ich will, dass es ein gutes wird.

Die Stationshilfe wartete schon mit Klara auf mich.

Ist er jetzt da?

Er kommt gleich, sagte ich. Er kommt.

Ich nahm mein Kind. Sie roch nach Milch und Babypuder, ein Geruch, der erfüllte und alles Nebensächliche wegdrängte.

Die Schwester gab mir die restlichen Papiere. Ich unterschrieb, zog mich an, zog Klara an der Einschlagsack hatte drei Knöpfe, meine Hände zitterten ein wenig, aber es ging.

Daniel stand draußen, wie ich es ihm gesagt hatte. Das Auto geparkt, wohin ich es wünschte. Er kam entgegen und nahm mir die Tasche ab. Wollte Klara nehmen ich ließ sie nicht los.

Sophia

Später. Erst nach Hause.

Er widersprach nicht.

Wir fuhren schweigend.

Klara schlief in der Babyschale, ich saß hinten neben ihr, eine Hand auf ihrer Decke. Daniel fuhr. Am Rückspiegel baumelte noch immer der kleine Tannenbaum-Lufterfrischer vom Dezember ich hatte längst sagen wollen, dass er wegkann.

Schläft sie?

Ja.

Gut.

Draußen huschten die Straßen im Februar vorbei grau, gestreut, kaum Menschen unterwegs, an der Hauswand prangte eine Bankwerbung, irgendein Angebot.

Ich betrachtete Klara, die im Schlaf stets leicht den Mund öffnete, als wolle sie gleich etwas sagen, es aber auf später verschob. Ich hatte diese Eigenart bereits lieben gelernt.

Sophia, begann Daniel.

Später, antwortete ich wieder.

Ich will nur sagen

Daniel. Später.

Er schwieg. Rote Ampel. Die Finger trommelten leise auf das Lenkrad, ganz in seiner alten Art.

Grün. Wir fuhren weiter.

Ich dachte daran, dass die Klinik nun hinter uns lag. Vor uns die Wohnung dieselbe Wohnung, aber ich war nicht mehr dieselbe wie vor drei Tagen. Oder doch? Ich wusste es nicht.

Wir parkten. Daniel nahm die Tasche, ich Klara. Im Aufzug nach oben. Sechster Stock. Er nestelte ewig am Türschloss herum, wie immer, denn das Schloss müsste längst getauscht werden.

Willkommen zu Hause, sagte er leise, unbestimmt an uns beide gerichtet.

Danke, erwiderte ich.

Zu Hause roch es wie vor drei Tagen: etwas Kaffee, etwas Staub, ganz wenig sein Rasierwasser. In der Küchenspüle standen zwei Tassen. Zwei, nicht eine.

Ich legte Klara in ihr Bettchen wir hatten es zwei Monate vorbereitet, weiß, mit einer Mobilwolke. Klara drehte sich und schlief. Ich ging in die Küche.

Wer war hier? fragte ich.

Daniel stand am Fenster, drehte sich nicht um.

Was meinst du?

Zwei Tassen in der Spüle. Ich war seit Donnerstag in der Klinik. Wer hat aus der zweiten getrunken?

Meine Mutter war da.

Deine Mutter?

Ja. Am Freitag, glaube ich.

Ich ließ Wasser laufen, griff zum Schwamm. Schrubbelte beide Tassen und stellte sie zum Trocknen hin.

Daniel, sagte ich ohne mich umzudrehen, wir müssen reden. Nur nicht jetzt. Ich muss Klara füttern und wenigstens eine Stunde schlafen. Danach.

Okay, seine Stimme vorsichtig, wie jemand, der über Eis geht, das nicht trägt.

Und ich möchte, dass du ehrlich bist. Nicht jetzt danach. Aber ehrlich.

Ich bin ehrlich.

Ich drehte mich endlich um.

Du saßest seit neun Uhr morgens im Café gegenüber der Klinik. Am Entlassungstag deiner Tochter. Du hast das Handy stumm geschaltet und kein einziges Mal selbst geantwortet. Das ist nicht ehrlich, Daniel. Das ist sogar feige!

Er sah mich an mit jenem Blick, den ich nach vier Jahren Ehe kannte: Keine Schuld vielmehr ein Erwischtwerden. Nicht reuevoll, sondern erschrocken.

Ich erkläre es dir, sagte er.

Ich höre zu. Aber erst in zwei Stunden.

Ich ging zu Klara.

Sie aß schnell gierig und ernst. Ich betrachtete sie und dachte: Ein Mensch, dem man nichts erklären muss. Dem man nicht sagen muss, sei ehrlich. Die einen ganz und gar braucht jetzt.

Ich legte sie hin. Ich dachte, ich fände keinen Schlaf aber ich schlief, noch ehe ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte.

Nach anderthalb Stunden wachte ich auf. Klara schlief. Die Wohnung war still.

Daniel saß in der Küche vor sich einen Kaffee, das Handy mit dem Display nach unten. Als ich reinkam, schob er es zu rasch in die Tasche.

Ich holte mir Wasser, setzte mich ihm gegenüber.

Rede, sagte ich.

Eine Weile schwieg er. Dann begann er:

Katharina und ich arbeiten seit zwei Jahren zusammen. Du weißt, wir hatten das große Projekt im November. Das mit dem Ausschreibungsverfahren. Sie ging noch währenddessen in den Mutterschutz, es gab viel Hin und Her. Wir hatten oft Kontakt.

Ich weiß noch. Du kamst abends spät heim. Ich war im siebten Monat.

Ja. Er leugnete es nicht. Wir arbeiteten viel.

Und?

Und sonst nichts. Nur Arbeit. Er hob den Kopf. Sophia, zwischen uns war nichts.

War nichts oder ist nichts?

Eine kleine, kaum sichtbare Pause.

Ist nichts, wiederholte er.

War etwas?

Er stellte die Tasse ab.

Sophia

Ja oder nein?

Es ist komplizierter als ja oder nein.

Ich nickte. Sehr langsam.

Verstehe.

Warte. Er streckte die Hand aus, ich wich nicht zurück, er zog sie zurück. Es war lange her, vor deiner Schwangerschaft. Einmal. Ein Fehler. Ich habe es beendet.

Einmal.

Ja.

Und heute warst du zufällig im Café gegenüber der Klinik, als ich dich erwartete.

Ich wollte Kaffee holen. Sah sie, wir redeten. Ich schwöre, ich hatte nichts geplant.

Du hattest nichts geplant, wiederholte ich. Aber du bist nicht zur Entlassung deiner Tochter gekommen. Nicht absichtlich. Sondern einfach so.

Er schwieg.

Ich stand auf, trat ans Fenster, sah auf den Hof, die Autos, die Bäume. Drei Tage zuvor hatte ich aus einem anderen Fenster dasselbe gesehen.

Daniel, sagte ich ohne mich umzudrehen. Ich mache keinen Aufstand. Ich habe keine Kraft, auch keine Lust. Wir haben eine Tochter, drei Tage alt. Ich will, dass du eine Sache verstehst.

Welche?

Einen Fehler hätte ich verziehen. Wahrscheinlich jedenfalls, wenn du es selbst gesagt hättest. Aber bevor ich es zufällig sehe. Das ist der Unterschied.

Er schwieg.

Du hast die Entlassung verpasst, nicht, weil du dich verquatscht hast sondern weil dir das dort wichtiger war. Nicht Katharina du selbst.

Ich drehte mich um.

Ich werde heute keine Entscheidung treffen. Ich will, dass du das weißt. Heute kümmere ich mich um Klara und schlafe. Morgen auch. In einer Woche reden wir noch mal, und dann will ich alles ehrlich hören. Nicht einmal, nicht Fehler ehrlich. Dann denke ich nach.

Sophia

Das ist alles, was ich gerade kann.

Er nickte. Ganz leise.

In Ordnung.

Die nächsten Tage waren sonderbar zäh, wie in Watte. Klara schlief, trank, bestaunte minutenlang die Decke wie jemand, der eine Lösung sucht. Daniel schlich leise durch die Wohnung, kochte, holte zweimal Windeln, einmal meine Medikamente. Ich war weder abweisend noch herzlich.

Am dritten Tag rief seine Mutter an.

Ich ging ran. Gewohnheit.

Sophia, Annemarie, ihre Stimme gestresst, etwas schriller als sonst. Wie geht es dir? Wie gehts Klara?

Es geht.

Hör zu, Daniel läuft so komisch rum. Was ist los?

Sprechen Sie mit ihm.

Sophia, ich

Frau Weber, ich blieb ruhig, ich hab Sie gern, aber ich kann jetzt nicht reden. Ich stille alle paar Stunden und schlafe kaum. Wenn ich bereit bin, reden wir.

Pause.

Gut, sagte sie. Tut mir leid.

Überraschung.

Ich bringe euch morgen Suppe vorbei, meinte sie noch. Darf ich?

Gerne. Danke.

Sie kam am nächsten Tag, pünktlich um zwölf, mit einem Topf Hühnersuppe und einem Beutel Brötchen. Ich ließ sie herein, sie zog die Stiefel aus, hängte den Mantel auf und ging als Erstes zu Klara.

Mein Gott, sagte sie leise. Was für eine Schönheit.

Sie stand lange neben dem Bett, die Hände gefaltet.

Darf ich sie nehmen? fragte sie dann.

Warten Sie noch, sie ist gerade eingeschlafen.

Natürlich, sie ging in die Küche, deckte auf. Hast du Hunger?

Ein bisschen.

Sie stellte mir eine Schüssel hin, setzte sich mit Tee Daniels Tee mit Bergamotte, den ich nie mochte.

Wir schwiegen.

Sophia, begann sie. Ich misch mich nicht ein.

Danke.

Aber ich will eines sagen.

Ich löffelte Suppe, wartete.

Er hat mich angerufen. Daniel. Hat gesagt, er Mist gebaut. Sie hielt beide Hände um die Tasse, starrte hinein. Ich verteidige ihn nicht. Er ist manchmal so ein Dussel in so was. Kopf leer, Herz dumm. Aber er ist kein schlechter Mensch. Das weiß ich.

Frau Weber, sagte ich. Ich habe nie gesagt, dass er schlecht ist.

Nein?

Nein. Das wär ja einfach.

Sie sah mich an. Dann nickte sie langsam, wie, wenn ihr etwas klar wurde.

Du bist klug, meinte sie. Immer schon klüger als er. Das sagte ich ihm oft.

Ich weiß nicht ob das gut ist.

Doch. Einer muss klug sein.

Klara rief aus dem Zimmer. Ich stand auf.

Die Suppe war echt gut, danke.

Sie kam hinterher blieb in der Tür, als ich Klara nahm.

Jetzt? fragte sie.

Ich reichte ihr Klara. Sie nahm sie ruhig, gekonnt, wie Großmütter es machen. Wiegte sie.

Klara, sagte sie. Kleine Klara

Klara musterte sie ernst.

Sie sieht Daniel ähnlich, sagte Annemarie. Stirn und Nase, genau wie er.

Ich sehs.

Die Augen deine. Der Blick noch nicht, aber der kommt noch.

Ich betrachtete die beiden. Dachte, dass dies etwas ist, was bleibt. Egal was kommt diese Frau wird Klaras Oma sein. Dieses Gesicht, diese Hände. Für immer.

Ein Lächeln. Vielleicht kein richtiges die Schwester in der Klinik sagte, richtige Babysmile kämen erst später, das sei nur Reflex. Aber sie lag in meinem Arm und blickte mich an, ganz deutlich bewegten sich ihre Mundwinkel.

Daniel stand daneben. Sah es.

Sophia, flüsterte er. Hast du das gesehen?

Ich habs gesehen.

War das ein Lächeln?

Wohl eher Reflex.

Trotzdem.

Wir standen nebeneinander und schauten zu. Die Wohnung still. Ich dachte: Das Seltsamste im Leben passt in wenige Sekunden. Neben dir steht jemand, dem du nicht mehr vertraust und den du liebst. Oder nicht mehr liebst. Oder noch. Du weißt es nicht mal selbst.

Ich muss dir was sagen, sprach er leise.

Sag.

Es war nicht nur einmal.

Pause.

Wie oft?

Drei Monate. Etwa. Im Herbst. Während du im sechsten oder siebten Monat warst.

Ich stand einfach da. Klara gähnte herzzerreißend und schlief weg.

Ich habe es dann beendet, fuhr Daniel fort. Sie wollte weitermachen, ich hab Nein gesagt. Es war falsch.

Und am Tag der Entlassung?

Sie schreibt morgens, will sprechen. Ich bin hin, dachte fünf Minuten, wollte sagen, dass es vorbei ist, wir ein Kind haben. Dann weinte sie und ich blieb.

Du konntest nicht gehen zu ihr. Aber nicht kommen zu mir.

Er schwieg.

Ich legte Klara behutsam ins Bett, richtete mich auf.

Danke, dass dus gesagt hast.

Sophia

Nein. Jetzt nicht. Ich hob die Hand. Ich treffe jetzt keine Entscheidung. Das braucht Zeit, viel mehr. Und du musst mir die geben.

Wie lange?

Weiß ich nicht. Ich muss herausfinden, ob ich damit leben kann. Nicht vergeben sondern leben. Das ist verschieden.

Ich verstehe.

Ich glaube nicht, sagte ich. Aber gut.

Ich deckte Klara zu. Sie schlief weiter, ruhig, vertrauensvoll diese Art Schlaf, die nur kleine Kinder haben.

Eine Woche später rief ich meine Freundin an Lisa. Seit dem Studium sind wir eng, sie wohnt weit weg, schrieb aber jeden zweiten Tag Nachrichten wie: Wie gehts der kleinen Maus?

Lisa, sagte ich, ich muss reden.

Hör ich schon.

Ich erzählte es ihr, knapp, ohne Details. Sie schwieg lange, dann:

Sophia, jetzt eine ehrliche Frage.

Ja?

Hätte er es dir selbst gesagt vor der Entlassung, bevor dus sahst wie wärs gewesen?

Ich dachte nach.

Anders, vermutlich.

Genau. Auch Lisa pausierte. Das ist das eigentlich Wichtige. Nicht seine Tat die ist schlimm genug, klar. Sondern seine Entscheidung: verheimlichen, nur einmal lügen, erst reden, als ers musste.

Ja.

Du bist klug. Du findest raus, was du willst. Egal, wie du entscheidest es ist richtig. Einfach weils deine Entscheidung ist.

Das sagst du immer.

Ja, weil es stimmt.

Ich lachte. Das erste Mal in dieser Woche aus vollem Herzen.

Lisa, wann besuchst du mich?

Sobald Klara mit dir spazieren geht, bin ich da. Ich muss ihren Babyduft schnuppern!

Das wirst du, das verspreche ich.

Sie riechen alle so gut. Evolutionstrick.

Lisa.

Ja?

Danke.

Immer. Ruf morgen wieder an.

Ich legte auf. Draußen wurde es schnell dunkel. Ich machte mir Tee, setzte mich ans Fenster.

Daniel kam vom Einkaufen, brachte Tüten, stellte sie ab.

Tee? fragte er. Hab dir den mit Minze geholt.

Hab schon.

Ach so. Er blieb in der Tür. Klara schläft?

Eben gestillt.

Gut.

Er blieb in der Küche, räumte ein, klapperte mit Geschirr. Alltagstöne. Und ich dachte, das ist das Schwierigste: Draußen alles wie immer dieselben Geräusche, der Geruch, die altbekannte Jacke im Flur aber drinnen ist was verrutscht, und man weiß nicht, ob es je wieder zurückrutscht. Oder ob das überhaupt sein soll.

Ich akzeptierte ihn nach und nach, wie man große Entscheidungen annimmt: nicht über Nacht, sondern Stück für Stück. Ich sah, wie Daniel nachts um drei Klara nahm, damit ich schlafen konnte. Anfangs unbeholfen, dann immer sicherer. Wie er mit ihr sprach ruhig, wie mit einem Erwachsenen, dem er etwas Wichtiges erklären wollte.

Einmal erwachte ich um vier von vollkommener Stille ungewöhnlich. Ich schlich ans Kinderzimmer.

Daniel saß im Sessel am Bett. Klara lag in seinen Armen, er hielt sie unbeholfen, den Ellenbogen am Sessel gestützt. Beide schliefen. Sie mit offenem Mund, er mit im Schlaf gelöstem Gesicht, kindlich.

Ich stand, betrachtete sie, kehrte ins Bett zurück.

Ich wusste damals noch nicht, wie ich entscheiden würde. Aber ich dachte, auch das ist eine Wahrheit nicht minder als die andere. Dass Menschen komplexer sind als ein Fehler an einem Tag. Dass Klara ihren Vater kennenlernt: den um vier Uhr am Kinderbett, und den, der die Entlassung verpasst hat. Dasselbe Gesicht. Derselbe Mann.

Was ich damit mache, das ist meine Sache.

Ich lag da und dachte nach.

Eines Abends Klara war drei Wochen alt saß ich in der Küche. Klara schlief, es war still. Ich scrollte am Handy, las nichts, nur scrollen. Daniel kam von der Arbeit, zog sich um, stellte Teewasser auf und setzte sich.

Wir schwiegen eine Minute.

Wie war dein Tag? fragte er.

Gut. Das Projekt endlich erledigt?

Ja, Dokumentation abgegeben. Er rieb sich das Gesicht. Hast du geschlafen?

Zwei Stunden, Klara ließ mich.

Schön. Pause. Ich war heute

Ja?

Beim Therapeuten. Ich habe letzte Woche einen Termin gemacht.

Ich legte das Handy beiseite.

Und?

Noch nichts Großes ich habe erzählt, sie gefragt. Mir wurde klar, dass ich auf manche Fragen keine Antwort habe.

Welche?

Zum Beispiel: Was fühlten Sie in dem Moment? Er lächelte schwach. Ich weiß es gar nicht. Ich habe sowieso Probleme damit, meine Gefühle zu greifen.

Ja, das weiß ich.

Sie sagt, das heißt Alexithymie. Wenn man keine Worte für Gefühle findet.

Kenne ich.

Woher?

Buch gelesen. Ich sah ihn an. Das ist kein Makel, nur eine Eigenart.

Sagt sie auch. Daran kann man arbeiten.

Der Teekessel pfiff. Er machte uns Tee, stellte mir meine Tasse hin Minze, ich griff fest zu.

Daniel, sagte ich, ich erwarte nicht, dass du dich binnen drei Wochen änderst.

Ich weiß.

Und ich warte auch nicht auf Erklärungen. Das habe ich aufgegeben.

Er sah mich an.

Ich will etwas anderes, sagte ich weiter. Ehrlichkeit. Nicht, weil ich dich erwische sondern weil du willst. Schaffst du das?

Weiß ich nicht, sagte er. Ich gebe mir Mühe.

Das ist ehrlich.

Wir tranken Tee. Draußen fiel langsamer, matter Schnee.

Sie riecht nach Milch, sagte Daniel plötzlich. Jedes Mal, wenn ich Klara nehme. Milch und noch was. Keine Ahnung.

Babyseife wahrscheinlich.

Nein, es ist anders. Er blickte raus. Ich hätte nie gedacht, dass das so ist. Man nimmt sie und alles andere zählt nicht.

Ja, sagte ich. Genau so.

Ich hob den Kopf.

Warum das alles?

Ich will verstehen, sagte er langsam. Warum ich tue, was ich tue. Warum ich gelogen habe. Warum ich morgens ins Café fuhr und nicht Er stockte. Ich wills verstehen. Nicht für dich für mich.

Ich sah ihn an.

Gut, sagte ich.

Das heißt nicht, dass du jetzt entscheiden musst.

Weiß ich.

Aber ich will, dass du es siehst.

Ich sehe, Daniel.

Er nickte. Ging an die Spüle. Wusch die Tassen. Er hatte die seltsame Angewohnheit, sich beim Spülen zu sammeln früher nie bemerkt, jetzt viel deutlicher.

Ich betrachtete seinen Rücken.

Dasselbe Profil wie im Café gegenüber. Dieselbe blaue Jacke. Und doch etwas anders. Vielleicht, weil ich jetzt anders schaute.

Daniel, sagte ich.

Ja?

Wir sind noch nicht fertig. Wir müssen noch lange reden.

Ich weiß.

Und ich verspreche nicht, wie es ausgeht.

Ich verstehe.

Aber ich bin für jetzt hier.

Er drehte sich um. Schaute mich lange an. Dann nickte er langsam.

Ich auch.

Im Nebenzimmer regte sich Klara. Ich ging zu ihr. Sie lag offenäugig, ernst, betrachtete die Decke.

Hallo, flüsterte ich. Alles gut?

Sie wandte, am Klang meiner Stimme, den Kopf. Beim Mund wieder dieses winzige, rätselhafte Zucken. Reflex? Egal.

Ich nahm sie hoch.

Still war es in der Wohnung. Draußen später Februar, bald März. Schnee schmolz am Fensterbrett, schwer und nass, kein richtiger Winter mehr. Morgen, dachte ich, ist er fort.

Ich stand mit Klara am Fenster und wusste: Das Leben, das endet nicht einfach mit einer falschen Wahl. Es beginnt jeden Morgen neu. Mal wählst du gut, mal nicht.

Wichtig ist nicht, was er damals gewählt hat.

Sondern was ich heute wähle.

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Homy
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