Bis ans Ende der Welt
Birgit! Birgit, hörst du mich überhaupt?
Die Stimme kam aus der Küche und bohrte sich durch den dichten Morgenschlaf wie ein Nagel durch Pressspan. Birgit Blum öffnete die Augen und starrte an die Decke. Der Riss über der rechten Ecke war wieder ein Stück gewachsen. Seit zwanzig Jahren, mindestens, kannte sie ihn. Irgendwann hatte sie gedacht: Muss dringend verspachtelt werden. Sie hat es nie getan.
Birgit! Soll ich mir den Kaffee selber machen, oder was?
Dreiundfünfzig. Das war wichtig, das musste man sich am Morgen in Erinnerung rufen, sonst begriff man nicht, wie all das schon gelebte und vergeudete Leben passiert war. Dreiundfünfzig Jahre, von denen die letzten dreißig vom Klang dieser Stimme aus der Küche geprägt waren, jeden Morgen, als erstes. Früher, ganz am Anfang, sprang sie leicht auf. Sogar mit einem Lächeln. Es schien ihr das Richtige und Geborgene: Jemand wartete auf ihren Kaffee. Jemand brauchte sie.
Jetzt blieb sie einfach noch eine Sekunde liegen und blickte auf den Riss.
Ich komme, sagte sie zur Zimmerdecke.
Das Linoleum war eiskalt. Oktober, die Heizkörper waren noch nicht richtig warm, und unter den Füßen lag die vertraute morgendliche Kälte: erst rechter Fuß, dann der linke, dann ein paar Schritte bis zu den Pantoffeln. Die Pantoffeln standen immer an genau dieser Stelle, denn sie stellte sie jedes Mal abends dorthin, ganz automatisch.
Martin saß in der Küche, nur im Unterhemd, und scrollte auf seinem Handy. Groß, breit, mit schütterem Haar, das quer über die Glatze gekämmt war. Die Tasse vor ihm war leer und wartete sichtlich auf ihren Einsatz.
Heute Abend kommen die Fischers, sagte er, ohne aufzusehen. Um sechs. Bügle das blaue Hemd, das mit den Ersatzknöpfen. Und koch was Gescheites, nicht wieder so auf die Schnelle. Helga Fischer guckt immer ganz genau, was es zu essen gibt.
Birgit holte die Espressokanne hervor. Kaffeepulver rein. Gasherd an.
Hörst du mich?
Ich höre dich, Martin.
Du schweigst immer so. Man weiß nie, obs angekommen ist.
Der Kaffee begann hochzusteigen. Sie beobachtete den dunklen Schaum und dachte daran, dass sie letzte Nacht vom Meer geträumt hatte. Kein bestimmtes Meer, einfach Meer: weit, grau-grün, weiße Schaumkronen. Und dieser Geruch. Der Geruch, den sie seit ihrer Kindheit kannte, von dieser einen Reise mit Tante Johanna nach Travemünde an die Ostsee. Feuchtigkeit, Jod, Salz und etwas anderes, wofür es keinen Namen gibt, das aber sofort einen anders atmen lässt, tiefer, als würden die Lungen plötzlich erst ganz aufgehen.
Birgit, nicht, dass du den Kaffee wieder anbrennen lässt.
Sie nahm die Kanne vom Herd, goss ein, stellte die Tasse vor ihren Mann.
Das Hemd bügle ich nach dem Frühstück.
Machs gleich, während ich mich rasiere. Dann ist es erledigt.
Er griff sich die Tasse und verschwand im Bad. Eine Minute später summte der Elektrorasierer gleichmäßig, geschäftig und so vertraut. Auch dieses Geräusch kannte sie auswendig: genau sieben Minuten. Sie hatte einmal die Uhr mitlaufen lassen, einfach aus Langeweile.
Birgit blieb am Herd stehen.
Über dem Kühlschrank hing ein Abreißkalender. Achtzehnter Oktober. Sie blickte auf das Datum und stellte fest, dass ihr kein einziger achtzehnter Oktober der letzten Jahre erinnerlich war. Sie waren alle gleich: Kaffee, Hemd, Essen, Gäste, Haushalt. Kaffee, Hemd, Essen, Gäste, Haushalt. Und irgendwo dazwischen, ganz tief unten, wie eine Münze am Grund eines Brunnens, lag etwas von ihr selbst, was sie seit langem nicht mehr hervorgeholt hatte.
Früher hatte sie gemalt. Richtig gut, wurde ihr gesagt. Die Lehrerin an der Berufsschule, strenge Elise Malchow, hatte eines Tages ihr Aquarell zurückgehalten, lange betrachtet, dann gesagt: Sehr schönes Farbgefühl, Frau Blum. Das ist selten. Sie war fast an die Kunsthochschule gegangen. Fast. Aber dann kam Martin, und plötzlich war erst keine Zeit für das Studium, dann kam die Geburt von Lena, dann der Umzug, dann die Renovierung, dann noch eine. Die Farben wanderten in den Abstellraum, die Pinsel vertrockneten und wurden entsorgt, der Abstellraum füllte sich mit irgendwelchen Sachen, die angeblich gebraucht wurden, aber wohl nie zum Einsatz kamen.
Das Summen hinter der Wand ging weiter.
Plötzlich fiel Birgit ein, wie seltsam körperlich die Erschöpfung war, die sie spürte. Nicht die von einem harten Tag, sondern eine andere, die in den Rippen sitzt und auch nach Schlaf, Urlaub oder Freundinnengesprächen nicht verschwindet. Frau Meier aus dem dritten Stock meinte einmal: Birgit, du achtest gar nicht auf dich. Was heißt schon auf sich achten? Damals lachte Birgit und sagte, dazu habe sie keine Zeit.
Keine Zeit. Dreißig Jahre keine Zeit.
Sie ließ das Bügeleisen heiß werden, suchte das blaue Hemd aus dem Schrank, zweite Ablage, wo Martin seine Ausgehklamotten hatte. Sie breitete es auf dem Bügelbrett aus, schaltete das Eisen an, wartete. Draußen: grauer Oktober, unten fegte der Hausmeister mit dem Besen den Gehweg das monotone Schaben mischte sich mit dem Summen des Rasierers und dem leisen Ton in Birgits Innerem, den sie längst gelernt hatte zu überhören.
Tante Johanna war vor drei Jahren gestorben. Ihr hatte sie das kleine Haus in Travemünde vermacht. Holzhäuschen, mit Veranda zum Wasser. Martin sagte damals: Das Ding verrottet. Da steckst du mehr rein, als du jemals rauskriegst. Verkaufen ließ es sich nicht. Und Birgit konnte sich selbst nicht dazu entschließen. Etwas hielt sie. Vielleicht der Geruch aus dem Traum. Oder Johannas Stimme, die immer sagte: Weißt du, Birgitchen, dort ist eine solche Stille, dass sie einem zuerst Angst macht, und dann merkst du, dass dir genau diese Stille das ganze Leben gefehlt hat.
Das Bügeleisen war heiß. Birgit fuhr einmal darüber und blieb abrupt stehen.
Das Summen hinter der Wand hielt an. Sieben Minuten Zeit. Sie hatte sieben Minuten.
Der Gedanke kam nicht als Entscheidung, sondern wie eine Tatsache, die schon längst in ihr fertig war. Er stieg auf wie ein Korken im Wasser. Sie stellte das Bügeleisen ab, horchte auf das, was gerade in ihr auftauchte.
Sie ging ins Schlafzimmer.
Im Abstellraum lag eine Reisetasche die, mit der sie früher ihre Mutter in Heilbronn besucht hatte. Rasch und leise zog sie sie hervor. Wechselwäsche. Warmer Pullover. Die Dokumente aus der obersten Schublade, Pass, das Grundbuch für das Haus, das sie still beiseitegelegt und Martin nie gezeigt hatte. Die Bankkarte, auf der ihr eigenes Geld lag: Ersparnisse aus den nicht ganz abgerechneten Haushaltsgeldern der letzten Jahre. Es war nicht viel. Aber genug.
Die Hände zitterten nicht. Das verwunderte sie selbst.
Sie nahm das Handy, bestellte per App ein Taxi zum Flughafen. Bestätigen. Acht Minuten. Sie zog sich hastig und leise an. Mantel. Stiefel. Den dunkelblauen Schal, selbst gestrickt, mit grauen Streifen. Die Tasche über die Schulter.
In der Küche blieb sie kurz stehen. Sie sah das Hemd auf dem Bügelbrett, das auskühlende Bügeleisen. Auf dem Tisch die leere Kaffeetasse von Martin, dazu ein nicht gespülter Teller vom Abendessen.
Sie schrieb keinen Zettel. Überlegte es kurz dann ließ sie es.
Die Haustür fiel leise zu. Der Aufzug brachte sie nach unten. Draußen stand schon das Taxi: ein heller Opel mit gelbem Karomuster. Der Fahrer, ein stummer Mann um die vierzig, stellte keine Fragen. Er fuhr einfach los.
Die Stadt draußen war morgens noch halb verschlafen. Überall blinkten gelbe Ampeln, Läden öffneten sich, eine Frau im roten Mantel zog mit einem Einkaufsroller vom Markt nach Hause. Birgit schaute aus dem Fenster und dachte: All das hat sie tausendmal gesehen, Straße für Straße, immer gleich und selten hatte ihr alles so fremd und gleichzeitig so vertraut gewirkt.
Am Flughafen kaufte sie ein Ticket nach Lübeck der nächste Flug mit Umstieg in Hamburg. Es war teuer, aber sie zahlte mit Karte, ohne mit der Wimper zu zucken.
Das Flugzeug stieg auf, Birgit am Fenster sah, wie die grauen Dächer in den Nebel sanken. Sie dachte kurz, dass sie aufs WC müsste. Dachte, sie hätte Butterbrote mitnehmen sollen. Dachte, sie hätte das Hemd ruhig bügeln können.
Dann vibrierte das Telefon.
Martin. Schon das zweite Mal in einer Minute.
Sie nahm ab.
Wo bist du? Seine Stimme war wie immer, wenn etwas aus dem Ruder lief: scharf, dieses tiefe, unzufriedene Brummen, als ob ein Motor gleich überhitzt. Das Hemd ist nicht gebügelt. Wo bist du überhaupt?
Ich sitze im Flugzeug, Martin.
Schweigen. Nicht lang, aber bleischwer.
Wie im Flugzeug? Wohin? Weißt du, dass heute die Fischers kommen? Helga kommt schon um fünf. Wo hast du das Mittagessen abgestellt?
Ich habe kein Essen dagelassen. Ich bin weg.
Birgit. Jetzt kam ein anderer Ton, eine leise, aber deutliche Drohung. Die Späße kannst du lassen. Sag sofort, wo du bist und wann du zurückkommst.
Birgit schaute aus dem Fenster. Unter dem Flügel trieben Wolken, weiß und dicht wie geschlagene Sahne. Noch nie war sie über den Wolken geflogen und hätte nicht gedacht, dass sie so weiß sind.
Martin, ich bin weggeflogen. Ich komme nicht mehr zurück. Leb dein Leben, ich will meines leben.
Lange Stille. Dann begann er zu reden, und sie hörte alles: Wut, Ratlosigkeit, und, vielleicht ohne dass er selbst es merkte, auch eine kindliche Angst. Er redete von der Wohnung, vom Geld, dass sie verrückt geworden sei, vom Alter, davon, dass er ein kranker Mensch sei und von Lena, deren Leben sie ruiniert habe.
Birgit hörte ruhig zu. Es war seltsam: kein Ärger, keine Tränen. Nur das Gefühl, dass seine Worte wie Regen am geschlossenen Fenster abprallten.
Martin, sagte sie, als er Luft holen musste. Ich höre dich. Verzeih mir. Aber ich komme nicht zurück.
Sie beendete das Gespräch, nahm die SIM-Karte heraus, hielt sie einen Moment in der Hand, warf sie dann zwischen die Sitze. Das Handy verschwand in der Tasche.
Der Sitznachbar, ein älterer Herr mit Zeitung, schaute kurz, las dann weiter.
Birgit lehnte sich zurück und schloss die Augen. Irgendwo tief im Bauch löste sich etwas. Etwas, das sehr lange zusammengekrampft gewesen war.
***
Travemünde empfing sie mit Regen. Feinem, norddeutschem Niesel, der nirgendwo wirklich runterfiel, sondern in der Luft hing, sich auf Wimpern und Schal legte und nach Meer und Fisch roch. Von Lübeck reiste sie mit einem klapprigen Bus weiter, dessen Scheiben beschlagen waren, dann ging sie bis zur kleinen Straße zu Fuß, die Tasche auf der Schulter, über holpriges Kopfsteinpflaster.
Das Häuschen von Tante Johanna stand am Ende einer ruhigen Gasse. Klein, hölzern, irgendwann mal grün gestrichen, jetzt aber verblichen wie altes Gras unter Schnee. Das Gartentor quietschte. Die Veranda hing zur rechten Seite durch. Der Schlüssel, den Birgit immer am Bund mit dem Garagenschlüssel getragen hatte, drückte nur mit Kraft das Schloss auf.
Drinnen roch es wie in verlassenen Häusern: feucht, holzig, ein wenig modrig, wie eine alte Schatulle voller Briefe. Birgit ging ins Wohnzimmer. Da stand ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett mit Eisenrahmen, auf dem eine gestreifte Matratze lag. Vor dem Fenster hingen von Johanna vergessene Leinenvorhänge. Draußen, durch Regen und Bäume, sah sie das Meer: nah, gleich hinter der Straße und dem Kieferngürtel.
Sie stand lange am Fenster.
Dann öffnete sie das Oberlicht. Feuchte, salzige Luft strömte hinein, als wäre sie ein lang ersehnter Gast. Birgit atmete tief und merkte, wie in der Kehle etwas zu beben begann. Keine Tränen, nicht richtige. Etwas anderes. Etwas, wie es ist, wenn man nach langem Weg endlich ankommt, langsam sitzt und weiß: Jetzt bin ich da.
Sie weinte doch noch, am Fenster, still, ohne Schluchzen. Die Tränen liefen einfach, sie wischte sie nicht weg es war keine Trauer, sondern etwas, wofür es kein passendes Wort gab.
Von draußen, von der Straße, polterten Schritte auf der Veranda. Dann klopfte es.
Birgit wischte ihr Gesicht trocken und öffnete.
Draußen stand ein Mann um die sechzig, kompakt, in Gummistiefeln und Regenjacke, das Wasser tropfte vom Kapuzenrand. In der Hand hielt er etwas in Zeitungspapier.
Guten Tag, sagte er. Sie sind also Johannas Nichte? Ich bin der Nachbar, Peter Albrecht. Johanna und ich Gartenzaun an Gartenzaun. Die Katze von ihr hab ich die letzten Jahre versorgt. Die wurde aufgenommen, keine Sorge. Hab ihnen etwas Fisch mitgebracht, fangfrisch von heute.
Danke, sagte Birgit, ihre Stimme ganz rau. Birgit Blum.
Ja, sieht man, Sie sind Verwandtschaft. Bisschen um die Augen. Sind Sie jetzt endgültig da oder erstmal nur gucken?
Sie überlegte einen Moment.
Endgültig.
Peter Albrecht nickte, als sei das nichts Besonderes. Reichte ihr den Fisch.
Wissen Sie noch, wie man einen Kohleofen macht? Holz liegt im Schuppen, aufgefüllt im August. Wenn sie Hilfe brauchen, sagen Sie Bescheid.
Sie konnte noch heizen. Oder besser: fast. Bei der Oma im Schwarzwald hatte sie es gesehen. Es dauerte, aber nach einer halben Stunde brannte das Feuer. Das Holz war trocken, knisterte gut, und das Zimmer begann sich zu wärmen ein ganz anderes, echtes, leicht unregelmäßiges, nichts wie Zentralheizung. Dieses echte Feuer ließ die Wangen kribbeln und zog einen an.
Nachts lag sie auf der gestreiften Matratze unter einer dünnen Decke, die sie im Schrank fand, und hörte das Meer. Gleich da, hinter Kiefern und Straße, war sein Ton: gleichmäßig, dumpf, wie das Atmen eines schlafenden Riesen. Rauschen, Pause, Rückzug. Rauschen, Pause, Rückzug.
Sie dachte nicht an Martin. Nicht an Lena. Nicht an die Wohnung, nicht an Klatsch von Nachbarn oder das, was Helga Fischer von alldem wohl hielt. Sie hörte einfach dem Meer zu und dachte daran, dass sie morgen die Decke lüften und die Veranda ausbessern würde. Dass Peter Albrecht ein netter Mensch zu sein schien.
***
Die Tage in Travemünde hatten ihren eigenen Rhythmus, weder schnell noch langsam, sondern genau so, wie sie es wollten ohne Wecker, ohne Plan. Birgit stand auf, wenn der Tag begann. Kocht Kaffee auf Herdplatte, den Peter Albrecht ihr brachte, solange der Fachmann sich noch um den Gasanschluss kümmerte. Sie saß am Fenster und sah, wie sich das Licht auf dem Wasser wechselte.
Die erste Woche richtete sie das Haus her. Schrubbte, lüftete, riss alte Tapeten von der Wand in der Schlafstube und entdeckte darunter Holz, dunkel, fest. Sie kaufte auf dem kleinen Wochenmarkt: Kartoffeln, Zwiebeln, Grütze, Dosenfisch und Brot mit Kümmel aus der Dorf-Bäckerei, das so gut roch, dass sie jedes Mal an der Scheibe stehen blieb und nur schnupperte.
Peter Albrecht schaute oft vorbei. Half beim Verandabrett, bei der Gartentür. Redete wenig, aber treffend Birgit war das angenehm. Sie kannte genug Männer, die zu viel redeten und zu wenig sagten.
Eines Tages brachte er Leinwand und Farben.
Johanna hat gesagt, Sie hätten früher gemalt, erklärte er schlicht und legte alles auf den Tisch. Ich hab zu viel davon. Nehmen Sies ruhig.
Birgit betrachtete die Leinwand. Ein grundiertes Rechteck, etwas vergilbt. Farbtuben, ein paar Pinsel verschiedener Größe. Terpentingeruch. So vertraut und so alt, dass sie fast nicht glaubte, ihn noch je zu riechen. Und jetzt auf einmal: Da war er wieder, sie war zurückversetzt in die Berufsschule, in das helle Atelier mit hohen Fenstern und Staffeleien.
Ich male doch nicht mehr, sagte sie.
Dann fangen Sie halt wieder an, entgegnete er. Ist nie zu spät.
Und verschwand.
Zwei Tage machte sie einen Bogen um die Leinwand, stellte Dinge ab, tat, als würde sie sie übersehen. Am dritten Tag legte sie Tuben und Pinsel auf den Tisch. Nahm einen in die Hand. Weicher Haarpinsel, schon etwas abgenutzt, aber gut.
Sie begann mit einer kleinen Skizze. Einfach das Meer durch Kiefern, Streifen Wasser, grauer Himmel mit Licht. Es wurde schlecht: kein wirkliches Licht, kein echtes Wasser, die Formen verrutschten. Aber irgendetwas daran hielt sie fest. So sehr, dass sie bis zum Abend am Tisch blieb, ohne Hunger, ohne dass sie Füße und Rücken spürte.
Dann ging sie ans Ufer mit Skizzenblock. Skizzierte Steine, Möwen auf alten Pfählen, ein gekentertes Fischerboot. Die Hände erinnerten sich wie Füße alte Wege wiederfinden. Erst unsicher, dann immer sicherer.
Peter Albrecht sah ihre Skizzen.
Nicht schlecht, stellte er fest. Sie sehen die Form. Das hat nicht jeder.
Sie kennen sich aus?
Ein bisschen. Hab früher selbst gemalt. Nie beruflich.
Darf ich mal sehen?
Irgendwann, grinste er. Erst will ich was von Ihnen sehen.
Sie redeten erst über Malerei, dann über Bücher, dann über das Leben. Birgit konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so gesprochen hatte: ohne Eile, ohne Zweck, einfach so, erzählen und zuhören. Mit Martin war das nur noch Austausch gewesen: Wer kauft was, was muss repariert werden, wer fährt wohin. Mit Lena telefonierte sie einmal in der Woche, aber selbst das war kein wirkliches Gespräch, sondern ein Bericht.
Eines Morgens, als das Licht milchig und weich war, holte Birgit große Leinwand und begann einfach drauflos. Sie dachte nicht nach, mischte bloß Farben und sah aufs Meer, mischte wieder, trug auf. Irgendwann wurden die Finger geschickter als die Pinsel, so dass sie die Farbe direkt mit den Händen verschmierte, dabei spürte sie: Da ist Leben, da ist etwas Echtes. Die Farbe war kalt und doch kraftvoll rau an den Rändern, glatt in der Mitte, blau, grau, grün, und am Horizont, fast wie aus Versehen, ein Streifen warmer Bernsteinfarbe.
Sie bemerkte die Zeit erst, als der Regen ans Fenster trommelte. Drei Uhr nachmittags, begonnen hatte sie um neun.
Sie sah auf die Leinwand. Es war das Meer. Nicht ein Postkartenmeer, sondern echt, voller Unruhe und Schönheit. Der Himmel darüber war, wie sie ihn fühlte, nicht wie er wirklich war. Und dieses Bernsteinband am Horizont leuchtete.
Birgit trat zurück, einen, zwei Schritte.
Da knatterte die Tür Peter Albrecht kam herein mit zwei Tassen Tee.
Er stellte sie auf das Fensterbrett sah auf die Leinwand. Lange.
Siehst du, sagte er schließlich, ohne sie anzuschauen.
Sie nahm die Tasse. Der Tee war stark und süß, ganz anders, als sie sonst trank. Aber genau so brauchte sie es in diesem Moment.
***
Lena kam in der dritten Woche. Birgit sah sie schon aus dem Fenster: die Tochter kam mit großer Reisetasche, in schicken, aber völlig für das Kopfsteinpflaster ungeeigneten Schuhe. Groß, dunkelhaarig, mit Martins geradem Rücken und diesem entschiedenen Blick, irgendwo zwischen Vorwurf und Forderung.
Birgit trat auf die Veranda.
Hallo, Lena.
Hallo, sagte die Tochter. Die Stimme ruhig, aber es vibrierte etwas darunter. Weißt du überhaupt, was du getan hast?
Komm rein.
Mama, Papa kommt nicht klar. Sein Blutdruck war letzte Woche über zweihundert. Ich kann ihn nicht ständig besuchen, ich hab Arbeit, Robert, die Kinder du verstehst schon?
Ich verstehe. Komm, iss erstmal was.
Ich will nichts essen, ich will wissen, was los ist! Lena kam rein, sah sich um: holzverkleidete Wände, den Kamin, den schlichten Tisch. Willst du hier ernsthaft wohnen? In dem Ding?
Ja.
Mama. Lena stellte die Tasche ab, drehte sich zu ihr, nun nicht nur ärgerlich, sondern auch hilflos, wie ein Kind. Mama, bist du krank? Sag es mir, ich helf dir.
Ich bin nicht krank. Mir geht es gut.
Wie gut? Du hast deinen Mann verlassen, das Haus, bist einfach weg, hast deine SIM-Karte weggeschmissen. Papa ruft mich jeden Tag an, der ist völlig fertig…
Lena.
Er redet von Scheidung, davon, dass du kein Anrecht auf die Wohnung hast, wenn du einfach gegangen bist. Weiß ich nicht, ob das gesetzlich stimmt, aber wenn er verkauft…
Lena, Birgit sagte das leise, aber bestimmend. Soll er verkaufen. Ich brauche keine Wohnung.
Lena schaute sie lange an, schwieg.
Mama, willst du jetzt in deinem Alter spielen? Reiß dich zusammen! Was sollen die Nachbarn denken, die Verwandten?
Birgit antwortete nicht. Sie nahm die Tochter an der Hand, führte sie in das Zimmer mit dem Bild auf der Staffelei.
Sie blieben davor stehen.
Das Licht fiel nun schräg das Bild wirkte anders, blieb aber lebendig. Das Meer wie Anfang November: schwer, grün-gräulich, aufgewühlte Gischt. Das Himmelsband darüber fast weiß, nur am Horizont lag diese warme, goldene Linie.
Lena schwieg lange. Birgit sah weiter aufs Bild, nicht zur Tochter.
Sieh hin, Lena. Ihre Stimme fest. Das bin ich. Nicht eure Köchin, nicht eure Putzfrau. Ich. Und ich hab ein Recht darauf. Behaltet die Wohnung, ich brauche nichts.
Lena sagte erst nichts. Sie trat zurück, betrachtete das Bild.
Hast du das wirklich selbst gemalt? Ihre Stimme jetzt sanft, leise.
Selbst.
Ich erinnere mich nicht, dass du maltest.
Ich habe gemalt. Vor dir. Dann nicht mehr.
Lena trat noch einen Schritt zurück. Schaute auf das Bild, als hätte sie etwas völlig Unerwartetes gefunden.
Es ist schön, flüsterte sie, fast widerwillig.
Ich weiß.
Noch eine Pause. Draußen kreischte eine Möwe, der Wind zerrte am Vorhang.
Ich muss los, sagte Lena. Der Bus geht um fünf.
Ich begleite dich.
Sie gingen schweigend über das Pflaster, bis zur Haltestelle. Lena blieb kurz stehen, sah die Mutter an ihr Blick war veränderter, nicht mehr so hart. Da war jetzt etwas anderes, Birgit kannte es selten im Gesicht ihrer Tochter.
Mama, sagte Lena. Vielleicht kommt das für Papa nicht gleich. Aber… ich versuche, es ihm zu erklären.
Muss man nicht erklären. Er ist erwachsen.
Er kommt ohne dich nicht klar.
Das lernt er, sagte Birgit einfach.
Lena schwieg, dann machte sie eine unentschlossene Bewegung und umarmte die Mutter schnell, fast kindlich. Birgit erwiderte sie, roch in den Haaren einen vertrauten Geruch, wie damals, nur mit anderen Parfüms.
Verzeih uns, sagte Lena leise. Sie sagte nicht, wen sie meinte. Für alles vielleicht.
Birgit strich ihr den Rücken.
Geh, sonst verpasst du den Bus.
Lena ging. Drehte sich nur einmal um. Dann stieg sie in den Bus.
Birgit stand an der Haltestelle und sah die roten Lichter verschwinden. Der Wind vom Meer war kühl und feucht, zerrte am blauen Schal, kroch unter den Mantel. Aber es war ein gutes, echtes Frösteln.
***
Der November in Travemünde war rau und großartig. Keine Touristen mehr da, das Dorf zog sich zusammen, wurde leise, auf sich selbst zurückgeworfen. Die Fischer fuhren früh raus, solange noch Dunst am Strand war, und kamen Mittags zurück. Die Bäckerei roch nach Brot und Zimt. Abends brannte Licht in den Fenstern, warm und heimelig etwas, das Birgit seit Jahren nicht mehr gesehen hatte: erleuchtete Fenster, hinter denen ganz normal gelebt wurde.
Birgit arbeitete jeden Tag. Fünf Bilder hatte sie schon, jedes besser als das vorige. Peter Albrecht schaute manchmal herein, sah still und sagte wenig, aber was, das passte immer. Einmal brachte er ihr ein Buch über Farblehre, zerfleddert, Ränder voller Bleistiftnotizen sie las abends am Ofen darin, machte nun auch ihre Notizen. Es fühlte sich überraschend gut an, mit dreiundfünfzig Jahren zu lernen, nicht aus Zwang, sondern frei aus Interesse.
Sie kaufte Ton auf dem Markt. Einfach probieren. Sie knetete an ihrem Tisch den feuchten, rotbraunen Klumpen, erst ohne Ziel der Ton war widerwillig, kalt, widerspenstig, aber irgendwann wurde er warm und geschmeidig. Unter den Händen entstand etwas: Erst Form, dann erinnerte es an ein Boot, umgedreht, wie das am Ufer.
Sie lachte über ihr Boot schief und krumm, keinesfalls schön. Aber sie stellte es aufs Fensterbrett und betrachtete es immer wieder: eins, gemacht mit eigenen Händen, aus Ton.
Beim nächsten Tee sah Peter Albrecht das Boot, betrachtete lange.
Das ist besser, als Sie denken, stellte er fest.
Ein schiefer Kahn.
Ein ehrlicher Kahn, widersprach er. Gerade die Schiefe ist das Schöne.
Philosophieren Sie jetzt?
Ein bisschen. Haben Sie noch Ton?
Wie sich herausstellte, hatte Peter Albrecht früher im Bauzeichnerkurs getöpfert. Sie saßen nebeneinander, jeder mit seinem Klumpen, arbeiteten schweigend, nur hie und da ein Wort und die Pausen dazwischen waren nicht drückend, sondern angenehm, wie sie nur bei Menschen entstehen, die einander guttut.
Birgit dachte, sie hätte sowas nie erlebt oder vergessen, wie gut das ist: Stille, in der man einfach da sein konnte.
Nach zwei Monaten kam Post vom Notar. Martin reichte die Scheidung ein. Birgit las das Schreiben, legte es ins Schubfach. Sie rief eine Anwältin an, die sie im Internet gefunden hatte. Die meinte, die Wohnung sei gemeinsame Zugewinngemeinschaft.
Ich will keinen Anteil. Er kann alles behalten. Kein Streit.
Sie sind sicher?
Sicher.
Das war eine seltsame Entscheidung. Alle (eigentlich nur Peter Albrecht, sonst erzählte sie es niemandem) rieten zum Nachdenken. Aber für Birgit war alles klar: Die Wohnung gehörte zum vorigen Leben. Bei Rückzug auf Besitz, kehrt man auch innerlich zurück das wollte sie nicht.
Lena rief einen Monat später an. Ihre Stimme war vorsichtiger.
Mama, ich hab nachgedacht das Bild… Könntest du eins für unseren Flur machen? Muss nicht dasselbe sein, irgendwas mit Meer… Ich wills im Korridor aufhängen.
Birgit lächelte.
Ich male dir eins, ja.
Wirklich?
Ja. Hols ab, wenn du im Frühjahr kommst.
Lena schwieg. Dann, kaum hörbar:
Ich bin froh, dass du dort bist. Das hab ich mir lange nicht eingestehen wollen, aber ich bin froh.
Birgit fand nicht sofort eine Antwort. Dann sagte sie leise:
Ich auch.
***
Der Winter kam still nach Travemünde. Eines Morgens lag Schnee auf dem Fensterbrett und den Kiefern hinterm Haus, und das Meer änderte die Farbe: kein Grau, sondern fast Tiefblau, so ein Blau kannte Birgit vorher gar nicht. Ein Farbton, für den es sonst keinen Namen gibt: irgendwo zwischen Indigo und Stahl, mit innerem Licht.
Birgit malte das Wintermeer extra. Es wurde das beste Bild; sie wusste es, ohne etwas zu sagen.
Peter Albrecht sagte nur:
Das müssen Sie ausstellen.
Sie scherzen.
Nein. In Lübeck gibts eine kleine, nette Galerie. Der Besitzer nimmt gerne Werke von Leuten hier aus der Gegend, ich kenn den.
Ich bin kein hiesiger Künstler. Überhaupt kein Künstler.
Birgit, sagte er geduldig, Sie haben in zwei Monaten sechs Bilder gemalt, zwei davon sind gut, eins ist sehr gut. Sie sind Künstlerin, ganz einfach.
Sie akzeptierte es nicht sofort, aber doch.
Im Januar brachte sie drei Leinwände in die Galerie. Der Besitzer, ein älterer, kluger Typ, sah sie sich ernst und lang an. Er nahm alle drei.
Auf der Heimfahrt im Bus dachte Birgit: Das ist nicht die große Wende niemand wird davon berichten, es gibt keine Heldengeschichten dazu. Einfach eine Frau fährt mit drei Bildern in eine Kleinstadt-Galerie. Fertig.
Aber als sie zu Hause die Wärme und das Holz roch, ihre Skizzen auf dem Tisch und das schiefe Tonboot im Fenster sah, war sie so ruhig und zufrieden wie nie. So ruhig, wie es nur ist, wenn man weiß: Genau hier gehöre ich hin.
***
Der Februar brachte Schnee und Sturm. Tagelang tobte das Meer, nachts bebte das Häuschen vom Wellenschlag. Dieses dumpfe, massive Dröhnen war, als würde ein riesiges Herz schlagen. Birgit hatte keine Angst. Sie war jetzt daran gewöhnt.
Sie war an vieles gewöhnt: Morgens rief niemand von der Küche. Kein Plan, kein Drängeln. Sie stand auf, arbeitete oder auch nicht, aß, was sie wollte. Es war still im Haus aber eine gute Stille. Keine Leere wie früher, als sie mit Martin in verschiedenen Zimmern nur aus Müdigkeit schwieg.
Auch an Peter Albrecht war sie gewöhnt. Er kam täglich herein, mal für fünf Minuten, mal für den Abend. Sie redeten über Malerei, Meer, Bücher, Kindheit. Er erzählte von seiner Frau, verstorben seit fünf Jahren. Sie erzählte von Tante Johanna. Manchmal saßen sie einfach auf der Veranda, tranken Tee und schauten auf die Ostsee. Und das war gut. Einfach gut, ohne jedes trotzdem oder aber.
Sie malte ein Porträt von ihm. Nicht erkannt, aus Erinnerung. Die Züge etwas milder als im Leben, aber der Blick war seiner: ruhig, aufmerksam, mit der feinen Ironie, die er im Gesicht hatte, wenn er Wichtiges sagte, als sei es nebensächlich.
Das Bild zeigte sie ihm nicht. Sie verstaute es ordentlich. Nicht aus Scham, sondern weil manche Dinge reifen müssen.
Im März kam die Scheidungsbestätigung. Lena rief an, ihre Stimme leicht schuldbewusst.
Mama, es ist durch. Wohnung ist seins. Willst du sicher gar nichts…?
Alles richtig, Lena. Mir gehts gut.
Bereust dus nicht?
Birgit sah aus dem Fenster. Draußen: Abend, Himmel rosa über den Kiefern, dazu auf dem Wasser das helle, fast bernsteinfarbene Lichtband.
Nein, sagte sie. Kein Stück.
Sie log nicht.
***
März neigte sich dem Ende zu. Der Schnee schmolz, die Ostsee wurde blauer, die Luft roch nach Frühling, nach Grün. Über dem Dorf lärmten die Möwen ihren frohen Rückflug, ihre Rufe waren schrill, unverbesserlich, voller Freude.
Birgit saß auf der Veranda. Vor ihr auf dem Tisch stand eine Tasse heißen Tee, mit Zitrone. Auf dem Schoß lag ihr Skizzenbuch, sie hielt es in der Hand, ohne es zu öffnen. Hinter dem Geländer Kiefern, dahinter die Straße, dann ein Ufer, dann die Ostsee, und am Horizont veränderte sich schon das Licht abendliche Wärme zog ins Grau und Blau.
Neben ihr quietschte ein Stuhl. Peter Albrecht setzte sich, schlug sein Skizzenbuch auf, das sie ihm kürzlich geliehen hatte.
Hier, der Horizont kippt leicht nach links, tippte er auf eine Skizze. Siehst dus?
Seh ich. Hab beim Zeichnen nicht drauf geachtet.
Weil dein Auge auf dem Wasser lag, nicht auf der Linie. Geht dahin, wos spannend ist.
Ist das nun gut oder schlecht?
Das ist deins, sagte er einfach. Manche tun es absichtlich. Bei dir passiert es von allein.
Sie nahm das Buch zurück, schaute. Ja, der Horizont kippte und ihr gefiel es, ohne dass sie wusste warum.
Der Sonnenuntergang wurde intensiver. Erst rosa, dann orange, dann am Horizont jenes Licht: warm, vielschichtig, als hätte Bernstein den Horizont gestreift.
Peter legte seinen Stift ab.
Birgit, sagte er ruhig, bereust du nichts? Die Wohnung, das alte Leben?
Sie schaute auf den Himmel.
Das Meer rauschte leise. Fern kreischte eine Möwe, irgendwo bellte ein Hund.
Schau, sagte sie und deutete hinaus: So ein Lichtstreifen. Nach der Farbe hab ich mein ganzes Leben gesucht.
Peter folgte ihrem Blick.
Ich kenn die Farbe, sagte er sachlich. Helle Ocker mit Weiß und ein winziger Tropfen Kadmium.
Ein Tropfen Kadmium, murmelte sie.
Nur ein wenig sonst verlierts die Wärme.
Sie nickte, kramte den Bleistift hervor und schrieb ins Skizzenbuch: heller Ocker, Weiß, Klecks Kadmium. Sie blickte wieder auf die untergehende Sonne, dann ins Heft, dann lächelte sie ganz leicht.
Das Meer wurde dunkler. Der Streifen am Horizont stand noch, warm und hartnäckig. Birgit umfasste ihre Tasse mit beiden Händen, spürte die Wärme und dachte: Morgen stelle ich die große Leinwand auf. Die, die noch leer ist. Und ich male das jetzt, solange ichs noch so fühle.
Die Farbe werde ich schon finden.




