Leben unter Kontrolle
Michael stürmte in die Polizeiwache und steuerte direkt auf den Beamten im Vorzimmer zu. In jeder seiner Bewegungen, in seinem gehetzten Blick war die Unruhe spürbar. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen es war offensichtlich, dass er seit Nächten kaum geschlafen hatte.
Ich möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben!, platzte Michael heraus, kaum dass er vor dem Schreibtisch stand. Meine Verlobte ist verschwunden! Sie ist einfach weg! Sie war nicht bei der Arbeit, ihre Freunde wissen von nichtsmit ihr muss etwas geschehen sein! Ich habe schon alle Krankenhäuser angerufen, aber niemand weiß etwas!
Der Beamte hob langsam den Kopf vom Papierstapel, sein Blick war erschöpft. Mit einer routinierten Bewegung schob er die Brille wieder hoch, die ihm fast von der Nase gerutscht war, und klopfte gedankenverloren mit dem Stift auf die Schreibtischplatte, die vor lauter Akten und Formularen geradezu überquoll. Das nervtötende Ticken des Stifts ließ die Spannung noch greifbarer werden.
Seit wann ist Ihre Verlobte verschwunden?, fragte der Beamte wenig aufmunternd. In seiner Stimme lag keine Anteilnahme, lediglich Überdruss und der Hauch von Ärger. Er hatte heute schon mehrere Leute vor sich gehabt, die in Panik einen Vermissten meldeten nur um zu erfahren, dass derjenige sein Handy vergessen oder sich ein Wochenende auf dem Land gegönnt hatte.
Vor drei Tagen, antwortete Michael und schnippte dabei mit dem Haargummi an seinem Handgelenk ein kleiner Schmerz, der ihm kurz half, sich zu sammeln. Diesen Trick kannte er von Lena, seiner Verlobten. Tief sog er die Luft ein, um sein wild schlagendes Herz zu beruhigen. Die Handflächen feucht, der Mund trocken, zwang er sich dennoch, weiterzureden.
Ich habe selbst überall gesuchtaber sie ist weg! Lena würde niemals einfach ihre Arbeit im Kindergarten hinschmeißen, sie liebt die Kinder! In einer Woche ist die Abschlussfeier ihrer Gruppe, so etwas würde sie nie verpassen! Michaels Stimme stockte, er musste sich einen Moment sammeln, die Emotionen drohten zu überrollen. Sie würde nie einfach so davonlaufen. Wir haben sogar über die Hochzeit gesprochen, wollten bald das Aufgebot bestellen
Zum ersten Mal richtete sich der Beamte ein Stück auf und sah den jungen Mann genauer an. Etwas an Michaels Geschichte, in seiner Verzweiflung und seinem Ernst, berührte ihn. Viel zu oft kam es vor, dass Menschen unnötig in Panik verfielen, aber hier wirkte alles anders Michaels Sorge schien ehrlich und tief.
Verstanden, sagte er, nun deutlich aufmerksamer. Haben Sie ihre Familie kontaktiert?
Lena hat nur ihre Mutter, sie lebt in einer anderen Region. Ich habe sie zweimal getroffen, entgegnete Michael und fiel erschöpft auf den Stuhl. Mit den Händen verbarg er sein Gesicht, spürte das hämmernde Blut in den Schläfen und eine tiefe Leere in der Brust. Die Angst um Lena hatte ihn vollständig im Griff und ließ ihn nicht klar denken. Frau Renate sagte, Lena habe sich schon lange nicht mehr gemeldet. Ihr Verhältnis ist wohl nicht das beste, Streit gab es auch, aber worüber das wollte Lena mir nie erzählen
Michael verzog das Gesicht, als die Erinnerung an Lenas Sturheit in ihm hochstieg. Immer wieder hatte er versucht, sie auszufragen erst vorsichtig, dann beharrlicher, letztlich sogar etwas beleidigt doch vergebens. Das bleibt zwischen Mama und mir, hatte sie nur gesagt. Damals fühlte Michael sich vor den Kopf gestoßen. Vertraute sie ihm etwa nicht? Hatte er es nicht verdient, alles über ihr Leben zu wissen?
Er wollte alles über sie wissen wo sie war, mit wem, was sie dachte, was sie plante. Die Kontrolle gab ihm Sicherheit, die Gewissheit, alles im Griff zu haben, um sie vor allem Bösen zu bewahren. Zumindest redete er sich das ein es sei Sorge, reine Fürsorge. Doch jetzt, da er an Lenas trotzigen Blick dachte, stach ihn ein Schuldgefühl. Hatte er sie zu sehr gedrängt? Hätte er geduldiger sein müssen? Aber für solche Gedanken war jetzt keine Zeit mehr. Jetzt galt es nur, Lena zu finden. Michael sah den Beamten entschlossen an, bereit, jede Frage zu beantworten, alles zu tun, um seiner Verlobten zu helfen.
Findest du nicht, dass du es mit deiner Fürsorge etwas übertreibst?, scherzte sein Kollege vergangenen Dienstag, als Michael bereits zum fünften Mal an diesem Tag zu Lena griff, um sie anzurufen. Wie hält Lena das aus? Meine hätte mich schon nach dem zweiten Anruf rausgeworfen!
Michael errötete leicht, doch er überspielte es und erwiderte selbstbewusst: Lena weiß, dass ich mir Sorgen mache. Sie ist manchmal noch naiv, sie könnte sich in Schwierigkeiten bringen! Da will ich lieber vorsorgen
Der Kollege schüttelte nur verständnislos den Kopf, ließ es aber dabei. Scheinbar störte es Lena ja nicht.
Bitte gehen Sie in Zimmer fünf, unterbrach der Beamte Michaels Erinnerungen. Dort wird Ihr Antrag aufgenommen, erzählen Sie alles, was Sie wissen.
Michael nickte und begab sich in das angegebene Büro. Dort schilderte er detailliert Lenas Arbeit im Kindergarten, ihre Vorlieben, Lieblingsorte, ihre täglichen Gepflogenheiten und sogar den Umstand, dass sie immer eine große blaue Tasche dabeihatte, wenn sie länger weg war. Er beschrieb ihre Kleidung am Tag des Verschwindens, erinnerte sich an Freunde, Hobbys und Eigenheiten ihres Charakters.
Der aufnehmende Polizist machte sich Notizen und lauschte verwundert selten wussten selbst Eltern so viel über erwachsene Kinder, und hier redete ein junger Mann, der Lena erst ein halbes Jahr kannte. Er benimmt sich eher wie ein Stalker als wie ein Bräutigam, schoss dem Polizisten durch den Kopf.
Trotzdem ließ er das zunächst beiseite. Das Wichtigste war, die junge Frau zu finden, und sei es nur, um einen Verdacht auszuräumen. Vielleicht wusste Michael tatsächlich zu viel Er beschloss, sich an die üblichen Schritte zu halten: Nachbarn befragen, Überwachungskameras auswerten, Kollegen befragen. Die Zeit drängte.
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Direkt nach dem Polizeibesuch machte sich Michael auf den Weg zu Lenas bester Freundin. Während er das Treppenhaus des Altbaus hinaufstieg, klopfte sein Herz immer schneller vor Hoffnung und Furcht, wenigstens hier eine Spur zu bekommen. Er ballte und öffnete unruhig die Fäuste, der Atem flach und nervös.
Annika lebte am Stadtrand, in einem betagten Mietshaus. Während er auf ihre Tür zukam, ärgerte Michael sich, nun mit dieser einfältigen Freundin sprechen zu müssen. Annika war offen, unkompliziert und manchmal etwas schwerfällig genau deshalb hatte er ihre Freundschaft zu Lena nie als Gefahr betrachtet. Zu kluge, eigenständige Leute hingegen drohten ihm das Familienglück durcheinanderzubringen. Solche Ratgeber hielt er lieber auf Distanz, notfalls mit ein paar gezielten Worten bei Lena.
Die Tür öffnete sich und Annika stand überrascht da, die Finger nestelten am Saum ihrer Schürze.
Hat Lena sich gemeldet?, fragte Michael forsch.
Nein, sollte sie denn?, stotterte sie leicht.
Die Naivität machte Michael kurz wütend. Er wollte Antworten, keine verständnislosen Blicke.
Ihr seid beste Freundinnen, presste er heraus. Ist es dir egal, dass Lena sich nicht bei dir meldet? Ich war schon bei der Polizei, hab sie als vermisst gemeldet! Wann habt ihr zuletzt Kontakt gehabt?
Vor gut zwei Monaten, antwortete Annika schüchtern. Sie wirkte, als verstünde sie nicht, worauf Michael hinaus wollte, ihr Blick wich ihm aus. Wir haben uns in letzter Zeit entfremdet. Ich bin inzwischen verlobt, und mein Verlobter ist manchmal eifersüchtig auf Lena sie ist halt so hübschMein Glück will ich nicht aufs Spiel setzen.
Michael unterbrach sie unwirsch, winkte ab und stapfte hinaus, die Tür knallte hinter ihm zu. Im Kopf hämmerte ein Gedanke: Weiß denn wirklich niemand, wo du bist, Lena?
Er sah nicht, wie Annika, kaum alleine, schmunzelnd das Handy zückte, rasch eine Kurznachricht an eine abgespeicherte Nummer schickte, das Display verlöschte. Ein leichtes, triumphierendes Lächeln huschte über ihr Gesicht als hätte sie einen entscheidenden Zug in einem komplizierten Spiel gemacht.
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Wutentbrannt stürmte Michael in seine Dachwohnung, hätte dabei beinahe die ältere Nachbarin von nebenan umgerannt, die gerade vor die Tür trat. Freches Kerlchen!, schimpfte sie ihm hinterher, schlug noch zwei Mal gegen seine Wohnungstür, doch Michael hörte sie gar nicht mehr. Er hetzte durch den Flur, hörte nur bloßes Rauschen in den Ohren. Die Nachbarin schimpfte noch, stapfte zum Hauseingang und wurde von ihren Freundinnen, die schon draußen warteten, sogleich ausgefragt. Michael wurde schnell zum Gesprächsthema des Nachmittags.
Derweil lief er rastlos in seiner Wohnung umher, machte sich Vorwürfe, dass er offenbar wichtige Details über Lenas Leben übersehen hatte. Groll und Verzweiflung stiegen in ihm auf. Hatte Lena ihn belogen? Sie hatte ihm erzählt, sie treffe sich regelmäßig mit ihrer Freundin aber wo war sie dann tatsächlich? Und mit wem? Er hatte sich immer um alles gekümmert ihre Kleidung, die Haarfarbe, sogar den Beruf im angesehenen Kindergarten hatte er ausgesucht. In Wahrheit hasste Lena diese Arbeit: die lauten Kinder der Geschäftsleute, die anspruchsvollen Eltern, der Stress. Aber Michael wusste es, wie er meinte, besser.
Lena, dachte er, war zum bloßen Spielball geworden immer freundlich, immer gefällig, niemals eine freie Entscheidung, alles musste abgesegnet werden. Und jetzt hatte sie Geheimnisse, log, führte ein eigenes Leben diese Vorstellung machte ihn rasend.
Warte nur, Lena, flüsterte Michael voller Grimm, so fest, dass sich seine Fingernägel in die Handflächen gruben, sobald die Polizei dich gefunden hat, wirst du mir alles erklären. Du wirst keinen Schritt mehr ohne meine Zustimmung machen. Rastlos wanderte er durch die Wohnung, überlegte fieberhaft, welche Fragen er noch stellen konnte und wo es weitere Hinweise geben mochte.
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Herr Michael Schuster? Hier spricht die Polizei wegen Ihrer Anzeige.
Michael war vor Erschöpfung gerade erst eingeschlafen, als der Anruf kam. Doch beim Wort Polizei war er hellwach. Sofort setzte er sich auf, das Herz schlug wild, Bilder schossen ihm durch den Kopf er würde Lena finden, sie würde vor ihm stehen, reumütig, vielleicht tränenreich, und er könnte sie zur Vernunft bringen.
Sie haben Lena gefunden, oder? Wo ist sie? Ich komme sofort!, stieß er hervor, die Stimme zitterte vor Aufregung, die Fäuste geballt. Er malte sich schon aus, wie sie alles aufklären würden.
Nur langsam, sagte eine ruhige Stimme am anderen Ende. Ja, wir haben die junge Frau gefunden. Genau genommen hat sie sich selbst bei uns gemeldet, nachdem sie erfuhr, dass nach ihr gesucht wird. Mehr darf ich nicht sagen aber sie ist in Ordnung.
Was? Moment! Warum sagen Sie mir nicht, wo sie ist? Lena ist meine Verlobte!, protestierte Michael laut, die Worte schlugen in der Kehle fest, Schweiß sammelte sich in den Handflächen, Herzrasen pochte in den Ohren. Sie MÜSSEN mir sagen, wo sie ist! Ich muss mit ihr sprechen!
Ganz einfach: Lena Karin Schuster hat uns darum gebeten, Ihnen keinerlei Information zu geben. Sie betrachtet sich auch nicht mehr als Ihre Verlobte. Außerdem hat sie angedeutet, eine Anzeige gegen Sie zu erstatten.
Michael blieb wie angewurzelt sitzen, die Telefonmuschel am Ohr, unfähig zu begreifen, was er soeben gehört hatte. Lena will ihn nicht mehr sehen? Sie hat sich gelöst? Und sogar eine Anzeige in Erwägung gezogen? Bodenlosigkeit breitete sich in ihm aus.
Was habe ich ihr denn getan?, zischte er, rot vor Zorn, die Finger so fest um das Telefon geschlungen, dass die Haut weiß wurde. Der Sturm der Enttäuschung und Hilflosigkeit überrollte ihn.
Sie verfolgen sie, sagte der Polizist sachlich. Mein Rat: lassen Sie die junge Frau in Ruhe. Sie hat einen namhaften Anwalt und einen privaten Fahrer mit Personenschützer. Sie hat offenbar hohe Unterstützung. Lassen Sie von ihr ab, es hat keinen Sinn.
Wie betäubt legte Michael auf, ließ seinen Frust an der Zimmereinrichtung aus ein Stuhl knallte um, eine Vase ging zu Bruch, ein Bild krachte an die Wand. Rastlos ging er herum. Wut, Trauer und Niedergeschlagenheit schwirrten wild durcheinander. Erst allmählich begriff er den Ernst der Lage. Lena hatte es geschafft, sich zu schützen, selbst die Polizei konnte ihm nicht helfen. Was nun? Er war zum ersten Mal vollkommen hilflos.
Da klingelte es an der Tür. Michael zuckte zusammen. Er blickte durch den Spion: Vor der Tür stand Johanna, Lenas Kollegin eine zierliche Frau mit sanften Zügen und hellblonden, zurückgebundenen Haaren. Für Michels Geschmack war sie immer etwas zu offen, zu schlicht, doch jetzt wirkte sie nur verunsichert.
Johanna wich Michael verlegen aus, errötete leicht, die Hand spielte nervös an der Handtasche.
Ich hab gehört, dass Lena verschwunden ist und dass die Polizei das Verfahren eingestellt hat, begann sie leise. Im Kollegium wissen doch alle von eurer Liebe ich dachte, jetzt brauchst du vielleicht jemanden.
Michael zögerte kurz, noch unter Schock vom Gespräch mit der Polizei. Doch Johannas sanfte Fürsorge löste zumindest einen Teil seiner Anspannung.
Komm rein, sagte er matt. Er bemühte sich um ein trauriges, dankbares Lächeln. Danke, es ist momentan schwer, Gesellschaft tut mir gut.
Johanna trat vorsichtig ein, stellte zögerlich die Tasche ab, blickte sich schüchtern um.
Während Michael in der Küche den Wasserkocher anstellte und heimlich einen Blick durchs Fenster auf die zierliche Frau warf, dachte er bei sich: Vielleicht ist sie nicht so stark wie Lena mit Johanna wäre alles viel einfacher. Dieser Gedanke war da und verursachte ihm einen leisen, unangenehmen Stich des schlechten Gewissens. Doch er schob ihn beiseite.
Er stellte Tassen und Löffel bereit, fand eine halbe Zitrone im Kühlschrank und deckte den kleinen Couchtisch. Als er zurückkam, setzte Johanna sich an den Rand des Sofas und blickte Michael unsicher an.
Ich sorge mich auch um Lena, sagte sie leise, den Tee umklammernd. So ein Verhalten passt gar nicht zu ihr. Ich konnte einfach nicht wegsehen, nachdem ich erfahren habe, wie schlecht es dir geht.
Michael trank einen Schluck und spürte das vertraute Gefühl von Kontrolle zurückkehren. Trotz allem. Er blickte Johanna an.
Sie hätte das nie aus freien Stücken getan, sagte er entschlossen. Irgendetwas ist passiert. Ich finde es heraus, koste es, was es wolle.
Johanna sah ihn bewundernd an. Es schien, als wäre sie froh, bei jemandem zu sitzen, der nicht aufgibt. Vielleicht war sie wirklich die Richtige, überlegte Michael flüchtig. Mit ihr würde er das Heft in der Hand behalten können, dachte er. Während Lena sich schützte und einen eigenen Weg ging, zog Michael daraus nur eines: Kontrolle, die auf Zwang und Misstrauen beruht, führt am Ende zu Einsamkeit.
Letztlich bleibt die Erkenntnis zurück: Wer Menschen liebt, muss ihnen vertrauen. Kontrolle ist keine Fürsorge sie zerstört Nähe und treibt selbst geliebte Menschen fort. Manchmal erkennt man das zu spät und bleibt mit sich selbst und einer bitteren Leere zurück.





