Ähren
Ungefähr fünfundzwanzig Jahre ist es her, als ich noch jung und unerfahren war und der Bezirksarzt trotz meines Protests mich ins internistische Krankenhaus einwies.
Damals war ich dreiundzwanzig. Mein Mann, Thomas, war sechsundzwanzig und arbeitete als Konstrukteur im Ingenieursbüro, während ich mein Studium an der Universität in München beendete. Wir waren seit zwei Jahren verheiratet, aber Kinder standen bis dahin noch nicht auf unserem Plan Windeln und Strampler schienen für uns noch fern.
Ich hielt mich selbst für eine vorbildliche, fast makellose Ehefrau. Doch in Thomas entdeckte ich, wie im Spiegel, immer mehr Schattenseiten. Es störte mich, dass er nach meiner Meinung zu viel Zeit mit seinem Motorrad verbrachte statt mit mir. Ich war sicher, ihn mit etwas Mühe ändern zu können, doch ich irrte es war letztendlich an mir, mich zu ändern.
Nach einer anstrengenden, nervenaufreibenden Semesterprüfung machten mein Körper und mein Magen schlapp. Ich hatte starke Schmerzen, mir war übel, ich konnte weder essen noch trinken.
Kindchen, sagte der alte Dr. Ingbert Ludwig, seine Brille aus Horn nach oben schiebend, achte auf deine Gesundheit, solange du jung bist, und dein Kleid, solange es neu ist. Widersprich mir nicht, Katrin. Du solltest dich gründlich untersuchen lassen und dich kurieren. Mach kein Drama, bitte.
Er reichte mir eine Überweisung, und schluchzend, während ich mir die Tränen abwischte, ging ich zur Anmeldung der Klinik.
Im Zimmer waren wir zu viert zwei Damen um die Fünfzig, eine uralte Großmutter mit einem weißen, gepunkteten Kopftuch, und ich. Die alte Dame hieß Helene Feinberg, die Namen der anderen Beiden habe ich längst vergessen.
Mir war nicht nach Reden zumute ich war auf die ganze Welt, und besonders auf meinen Mann böse, weil ich glaubte, er wolle mich loswerden und hätte nicht darauf bestanden, dass ich mich ambulant behandeln lasse.
Mit angezogenen Knien und abgewandt zur Wand lag ich auf dem schmalen Drahtgestellbett, schwelgte in meinem Kummer und machte insgeheim alle anderen für mein Unglück verantwortlich.
Nimm doch deine Gläser und Dosen zurück ich werd das nicht essen, sagte ich jedes Mal wütend, wenn Thomas mir neue Essenspakete brachte.
Katrin, bitte, antwortete Thomas vorsichtig, der Arzt meint, gedämpfter Seefisch ist genau das Richtige für dich. Probiers wenigstens! Ich hab auch Kartoffeln gemacht, möchtest du nicht wenigstens ein Löffelchen?
Frag nicht!, entgegnete ich schroff, ich will nicht. Gib den Fisch doch den Straßenkatzen. Wobei, selbst die werden das ablehnen.
Thomas seufzte schwer und verließ mich traurig es schien, als wollte ich ihm absichtlich wehtun, warf ihm noch gemeine Worte hinterher:
Komm nicht mehr zu mir ich will dich hier nicht sehen.
Und doch kam Thomas jeden Tag, vor und nach der Arbeit. Jedes Mal stand frisches, von ihm zubereitetes Essen an meinem Bett. Sorgfältig verpackt in Decken, damit es warm blieb. Doch ich wusste seine Geduld und Liebe nicht zu schätzen.
Wann nur hatte er Zeit, ein so abwechslungsreiches Menü für mich zu kochen? Heute weiß ich, wie schwer er es mit mir hatte, doch damals war mir das gleichgültig.
Die Tabletten, Spritzen und Infusionen halfen nicht. Ich magert ab, meine Wangen fielen ein, dunkle Ringe zeichneten sich unter meinen Augen ab. Die Ärzte untersuchten mich gründlich und stellten die Diagnose: chronische Gastritis. Vielleicht keine lebensbedrohliche Krankheit, aber für mich ein harter Prüfstein.
Nach jeder Behandlung ließ ich mich auf mein knarrendes Bett fallen und blickte ins Leere. Niemand sprach mit mir, mein Pessimismus strahlte sichtbar aus. Ich bemerkte es selbst, konnte aber nicht dagegen ankämpfen.
Eines Abends durften die anderen beiden Frauen nach Hause, und so waren Helene Feinberg und ich allein.
Schläfst du, Katrin?, fragte die Großmutter ruhig.
Nein. Mein Bauch tut weh, murmelte ich und drehte mich weg.
Weißt du, Katrin, sagte sie leise, ich komme dreimal im Jahr vorsorglich hierher. Ich hab, wie du, einfach einen nervösen Magen, den man daheim leicht selbst behandeln kann.
Wollen Sie mir jetzt eine Vorlesung über richtige Ernährung halten? Bitte tun Sies nicht ich weiß alles schon selbst!, fauchte ich.
Nein, nein , entgegnete Helene bescheiden, du hast mich falsch verstanden. Du erinnerst mich einfach sehr an mein jüngeres Ich. Vor vielleicht fünfundfünfzig Jahren.
Ich begann, ihr zuzuhören und drehte mich um.
Die kleine, gebückte Dame mit dem Fingerhut auf dem Rücken saß aufrecht auf ihrem Bett. Ihre lichtblauen Augen leuchteten, als stecke darin eine warme Glut.
Mir fiel auf, wie sie immer wieder Besuch bekam: andere Patienten, Männer, Frauen, auch Personal. Sie hörte geduldig zu, unterbrach niemanden. Nach den Gesprächen verließen viele das Zimmer in Tränen, andere aber mit einem Lächeln.
Als Dank für ihre mitfühlenden Ratschläge schenkten ihr die Leute Kleinigkeiten: ein Päckchen Butterkekse, eine Flasche Buttermilch, eine seltene Schachtel Schaumküsse damals eine Rarität oder Gläser mit Obst- oder Gemüsebrei, Schokolade, Gummibärchen.
Helene bedankte sich herzlich, umarmte die Menschen, wischte sich die Augen, sobald sie gegangen waren.
Wenn du möchtest, Katrin, erzähl ich dir jetzt etwas aus meinem Leben, sagte sie mit einem kleinen Lächeln, die Augen jedoch traurig wie ein See im Herbstwind. Ihre Züge glätteten sich für einen Moment sie wirkte wie ein eingeschüchtertes Mädchen.
Verzeihen Sie meine Grobheit, Helene Ich möchte Ihre Geschichte gern hören, sagte ich.
Doch vorher iss einen Löffel von der Suppe. Die mit den Klößchen, deutete sie lächelnd auf das Festglas, eingewickelt in eine Decke.
Gehorsam griff ich nach dem Glas. Beim ersten Löffel befürchtete ich Unbehagen, aber stattdessen beruhigte sich mein Magen, der Schmerz ließ nach. Ich aß fast die Hälfte, und sie schmeckte sogar!
Na, kleine Feinschmeckerin, satt?, fragte Helene. Lecker?
Sehr lecker!, erwiderte ich überrascht.
Iss langsam, überfordere deinen Magen nicht du hast ihn schon genug gequält. Jetzt langsam, aber regelmäßig essen. Alles wird gut, aber du musst Respekt lernen vor allem vor deinem Mann. Er liebt dich. Stoß ihn nicht weg und sei nicht launisch. Aber genug davon ich erzähle dir jetzt etwas, das ich noch niemandem gesagt habe.
Als sie das sagte, nahm sie einen Schluck Tee aus einer alten Aluminiumtasse und tunkte einen Zwieback hinein.
Ich bin in einer Münchner Arbeiterfamilie aufgewachsen, sieben Kinder waren wir. Mein ältester Bruder Paul starb an Tuberkulose, meine kleine Schwester Frida an Typhus, ich war vielleicht sieben oder acht. Vater arbeitete im MAN-Werk, Mutter kümmerte sich um Haus und Kinder, nähte für unser ganzes Viertel.
Ich mochte Bücher, war eine gute Schülerin, machte mein Abitur, besuchte das Lehrerseminar und wurde Grundschullehrerin. Jung kam ich heim. Burschen aus dem Viertel warben um mich. Ich wies sie alle ab.
Mutti, sagte ich spöttisch, wie soll ich Hein nehmen den Pferdeknecht? Niemals! Er stinkt nach Stall. Oder Franz? Ein Säufer! Und der andere ein Hallodri. Ich heirate lieber gar nicht, als solch einen Kerl!
Eltern schüttelten den Kopf, zwangen mich aber zu nichts.
Dann wurde an unsere Schule ein neuer Direktor, Herr Karl Schwarz, geschickt groß, stattlich, mit blitzend blauen Augen. Alle Kinder verehrten ihn, weil er jeden Schüler nachmittags freiwillig förderte, ohne Lohn.
Wir heirateten bald.
Meine Mutter mahnte mich: Sei freundlich zu deinem Mann! Trage deine Nase nicht so hoch, mein Kind, er hat es verdient!
Aber ich hörte nicht auf sie.
Wir arbeiteten beide an derselben Dorfschule. Drei Jahre nach der Hochzeit bekamen wir unsere erste Tochter Vera. Schwächlich, mit Herzfehler, starb sie mit elf, kurz vor dem Krieg.
Unsere zweite Tochter, Gisela, kam ganz nach ihrem Vater klug und schön. Karl reiste oft nach Nürnberg zu Tagungen, brachte Stoffe mit, aus denen Mutter mir neue Röcke und Blusen nähte. Ich war die Modekönigin im Dorf!
Doch ich war nie zufrieden wollte immer andere Stoffe, anderes Muster, andere Farbe.
1933 kam die große Hungersnot. Zu Monatsanfang teilten wir unsere Vorräte in dreißig Häufchen, damit sie reichten. Ich schmeiße heute noch keine Melonenkerne weg! Pro Tag gab es für alle zwei, drei Kartoffeln, eine Handvoll Grütze, eine Zwiebel, eine Karotte, ein paar Melonen- oder Sonnenblumenkerne, einen Löffel Schweineschmalz und einen Becher graues Roggenmehl. Eingelegt und versteckt in Tüchern nur so überlebten wir, während Nachbarn alles auf einmal aßen und dann Hunger litten.
Draußen war ein großes Weizenfeld. Es wurde Tag und Nacht bewacht. Die Versuchung, ein paar Ähren zu sammeln, war riesig doch auch die Angst, denn darauf stand Gefängnis.
Einmal, als der Hunger unerträglich wurde, beschlossen Karl und ich, in der Nacht aufs Feld zu schleichen. Ich träumte nachts von Kartoffelbrot, in Öl getaucht, wachte oft mit knurrendem Magen auf.
Wir brachten die Kinder ins Bett, schlichen uns hinaus, sammelten hastig Ähren.
Plötzlich Hufschläge! Ein Feldwächter auf dem Pferdewagen! Wir warfen die Ähren fort und versteckten uns im Fliederbusch am Feldrand. Zum Glück fand er uns nicht.
Zuhause musste ich entdecken mein Rock war weg! Abgemagert wie ich war, war er mir vom Leib gerutscht, als ich die Ähren ausschüttelte
Helene nahm den letzten Zwieback mit Rosinen und kaute andächtig.
Ich hörte mit angehaltenem Atem.
Aus Verzweiflung fing ich an zu weinen. Jeder im Dorf kannte meinen Rock würde ihn jemand im Feld finden, stünde ich vor der Polizei! Durch mein Weinen wachten die Kinder auf, und bald weinten wir alle im Chor.
Karl war ruhig: Ruhe jetzt! Hinlegen, sofort! Sonst wachst du noch die Nachbarn auf. Ich finde den Rock morgen früh!
Die ganze Nacht lag ich wach sah mich schon auf der Anklagebank und meine Kinder als Waisen.
Am Morgen brachte Karl tatsächlich meinen Rock nach Hause. Er hatte ihn gefunden. Er rettete mich vor dem Gefängnis.
Helene stellte ihre Tasse ab, hob liebevoll meine Decke auf, die auf den Boden gefallen war, und deckte mich sorgsam zu.
Ab da lernte ich, meinen Mann zu achten und zu ehren, wie er es verdient hatte. Ich hielt den Mund, beklagte mich nicht mehr.
Und wie ging es weiter? fragte ich leise.
Mit Müh und Not überlebten wir. 1941 kam der Krieg. Mein Karl meldete sich freiwillig. Gisela und ich blieben zurück. Bald besetzten die Nazis unser Dorf. Weil ich nicht mit ihnen kollaborieren wollte, brannten sie unser Haus nieder. Mit meiner Tochter
Helenes Stimme zitterte. Sie sie haben ihr Schlimmes angetan. Gisela starb an den Folgen der Qual. Damals war ich erneut schwanger vor Kummer verlor ich unser Kind, einen Sohn.
Ich hörte, wie Helene bitterlich weinte. Ich setzte mich zu ihr auf das Bett, nahm sie vorsichtig in den Arm.
So saßen wir Arm in Arm bis zum Morgengrauen.
Was wir sprachen? Ich weiß es nicht mehr.
Als die Sonne aufging, hauchte Helene: 1943 kam die Todesnachricht von Karl. Vermisst, vermutlich gefallen. Bis heute weiß ich nicht, wo er liegt.
Nachdem die Nazis abgezogen waren, irrte ich durch viele bayerische Dörfer, suchte Arbeit immer an Schulen, wo ich auch wohnte. Im Ruhestand holte mich meine Nichte Tamara nach München, in ihre Einzimmerwohnung. Hier in der Klinik erhole ich mich manchmal, um Tamara nicht zu belasten und ein paar Euro zu sparen. Dafür bringe ich ihr immer eine Tafel Schokolade von der Rente mit sie freut sich wie ein Kind, als wären es Diamanten! Immer bittet sie mich, das nicht zu tun.
Wie konnte in dieser schwachen, alten Frau nur so viel Lebensmut, Güte und Mitgefühl wohnen? Ihr Schicksal hat sie nicht verbittert, im Gegenteil sie gibt Trost an andere. Und ich? Immer unzufrieden, obwohl ich einen lieben Mann und meine Familie habe.
Bald besserte sich mein Zustand, ich begann wieder zu essen, die Schmerzen verschwanden.
Ein Jahr später bekamen wir unseren Sohn Michael, nach vier Jahren unsere ersehnte Tochter. Wir nannten sie natürlich Helene, nach der alten Dame.
Von da an war wie ein Schleier von meinen Augen gefallen. Erst jetzt sah ich, was für einen großartigen Ehemann ich in Thomas hatte voller Hingabe, Tatkraft und Geduld. Ich musste mich ändern und meine endlosen Ansprüche runterschrauben.
Wenn ich mich heute über ihn aufregen will, erinnere ich mich an Helenes Geschichte von den Ähren und wie Thomas damals für mich da war. Und: Je mehr ich anderen half, desto glücklicher wurde ich selbst.
Vielleicht war meine Krankheit nur der Spiegel meines schwierigen Charakters? Was meinst du?





