Das Geheimnis des Chefs
Unser lieber Chef hat garantiert eine Affäre, flüsterte Annemarie leise ihrer Kollegin zu. Und ich wette, er hat sich gerade mit ihr gestritten! Anders kann ich mir seine dauernde schlechte Laune nicht erklären. Ständig lässt er seinen Ärger an uns aus, stellt uns unerfüllbare Aufgaben…
Ihre Kollegin, Sonja, verdrehte nur die Augen, sichtlich keine Lust, sich an diesen Tratschereien zu beteiligen. Mit einer kühlen Geste wandte sie sich ab und deutete damit klar an, dass sie für diese Art Gespräche nicht zur Verfügung stand. Aber Annemarie ließ sich nicht so leicht abwimmeln.
Im Ernst, interessiert dich das gar nicht?, fuhr sie fort, die Stimme etwas lauter. Vielleicht hat er daheim Ärger und deswegen fährt er bei uns so aus der Haut? Wer weiß, was passiert ist wir merken es ja nur nicht…
In diesem Moment wurde das Tuscheln bemerkt. Dr. Viktor Berger, der die Sitzung leitete, brach abrupt seine Ausführungen ab und sah Annemarie so kalt und eindringlich an, dass ihr das Herz fast stillstand.
Frau Klein, ist Ihnen langweilig? Bei jeder Silbe legte er eine schneidende Betonung. Oder finden Sie mein Vortrag nicht von ausreichender Wichtigkeit? Vielleicht möchten Sie uns Ihre Ansichten mitteilen?
Annemaries Kehle schnürte sich zu sie schlug nervös mit den Wimpern, versuchte ihre Gedanken zu sortieren. In ihrem Kopf pochte es: Wie schafft er es nur immer, alles sofort zu durchschauen?
Verzeihung, Herr Dr. Berger, ich… Ich habe bloß ein paar Ideen geteilt, murmelte sie, bemüht, gefasst zu klingen. Nichts Ernstes, nur so ein Gedanke.
Die hochgezogene Augenbraue des Chefs sprach Bände; ironisch spielte er mit seinem Blick, spürbar amüsiert darüber, dass es sich dabei sicherlich nicht um berufliche Themen gehandelt hatte. Doch er ließ nicht locker.
Na dann teilen Sie Ihre Problematik doch mit uns, sagte er leicht sarkastisch. Wir sind gespannt.
Ein eisiger Schauer lief Annemarie den Rücken hinab. Verlegen lächelte sie, nach einer halbwegs akzeptablen Antwort suchend.
Ähm, vielleicht ist das noch nicht ausgereift…, stotterte sie. Ich müsste meine Ideen erst überarbeiten konkretisieren, meine ich. Es macht wenig Sinn, jetzt die Zeit aller zu verplempern.
Dr. Berger schmunzelte kaum merklich.
Dann erwarte ich bis Ende der Woche Ihre ausgearbeiteten Vorschläge, sagte er, das Wort ausgearbeitet mit Nachdruck betonend. Ich hoffe, sie sind hilfreich für unser Unternehmen. Und jetzt machen wir weiter.
Danach schwieg Annemarie. Sie saß da, als habe sie Wasser verschluckt, die Wangen noch immer von einem leichten Rot überzogen. Ihr Blick wanderte immer wieder zu Dr. Berger, er kochte innerlich das ertappte Tratschen, und nun auch noch zusätzliche Arbeit!
Saskia, die am anderen Ende des Tisches saß, unterdrückte ein Grinsen. Das Ganze hatte beinahe etwas Komisches, fand sie: Annemaries beleidigte Blicke auf den Chef brachten sie fast zum Kichern. Sie wendete sich wieder ihren Notizen zu, riskierte aber hin und wieder einen Seitenblick, um zu sehen, wie Annemarie tapfer versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Als die Besprechung vorbei war, konnte Annemarie die Enttäuschung kaum unterdrücken. Kaum dass Dr. Berger die Sitzung offiziell beendet hatte, sprang sie auf und verließ das Büro mit wehenden Schritten. Saskia folgte ihr, ein Lächeln auf den Lippen. Ihre Freundin sah jetzt aus wie eine Mischung aus beleidigtem Kind und unsicherer Schülerin.
Im Großraumbüro angekommen, knallte Annemarie ihre Laptoptasche mit Schwung auf den Tisch.
Ein bisschen Unterstützung hättest du ruhig geben können!, murrte sie beleidigt, verschränkte die Arme. Jetzt darf ich bis Freitag irgendwelche brillanten Ideen präsentieren. Und das sind nur noch drei Tage!
Ich hab dir hundert Mal gesagt, du sollst bei Meetings zuhören, lachte Saskia und schenkte ihr Tee in die Tasse. Nach einem Moment zog sie eine Tafel Ritter Sport aus der Schublade und legte sie neben Annemaries Tastatur. Erhol dich erst mal und dann ran an die Arbeit.
Annemarie blickte auf den Tee und die Schokolade. Ihr Gesicht entspannte sich etwas, doch sie schob sofort wieder ein trotziges Brummen nach.
Ach, das kann warten. Außerdem: Wir haben hier ein viel spannenderes Thema unseren neuen Chef!
Saskia schüttelte den Kopf und schaute wieder in den Bildschirm. Die ewigen Chefdiskussionen ihrer Freundin waren ihr inzwischen Routine.
Er ist jetzt schon zwei Monate da, Annemarie. So neu ist er ja nun auch nicht mehr, entgegnete sie ruhig weiter.
Na gut, aber er hat alles umgekrempelt! Die Hälfte der Trödler entlassen…, ließ Annemarie nicht locker.
Und uns hat er das Gehalt erhöht, ergänzte Saskia gelassen. Und die Meetings sind jetzt halb so lang wie früher. Früher haben wir uns ewig im Kreis gedreht.
Annemarie zog einen Schmollmund, war aber noch nicht fertig.
Aber dafür gibts jetzt jede Woche neue Berichte und Wahnsinns-Deadlines!
Saskia grinste.
Und es wird mehr geschafft als früher. Die Projekte werden schneller abgeschlossen das hast du selbst gesehen.
Annemarie schnappte sich widerwillig ein Stück Schokolade, ihre Argumente schienen zu schwinden, aber sie weigerte sich, klein beizugeben.
Naja… vielleicht hast du Recht, murmelte sie dann. Weißt du, ich dachte immer, er wäre Single. Aber jetzt bin ich sicher der hat bestimmt wen! Vielleicht sollte ich bei der Personalabteilung nachfragen?
Saskia seufzte genervt und legte ihren Stift beiseite.
Was bringt dir das, Annemarie? Wie seine Privatangelegenheiten deine Arbeit betreffen, musst du mir mal erklären!
Doch Annemarie war längst in Gedanken unterwegs zur Personalabteilung, um dort diskret nachzuforschen.
Er ist immer grantig, sucht nach Fehlern… Vielleicht hat er zu Hause Stress und muss sich hier abreagieren? Es wär doch gut zu wissen, was da los ist.
Saskia schüttelte erneut den Kopf ihrer Meinung nach ein sinnloses Unterfangen, ins Privatleben des Chefs zu wühlen, Annemarie aber war wild entschlossen.
Annemarie, bitte arbeite lieber. Sonst schickt er dich noch nach Hause wegen Trödelei, warnte sie trocken.
Aber Annemarie winkte ab nichts konnte ihren Forscherdrang zügeln.
Ich will es wissen!, beschloss sie. Ich frag die anderen Mädels, vielleicht weiß ja jemand was…
Saskia warf ihr einen skeptischen Blick zu. Sie konnte sich ausmalen, wie das Ganze enden würde: Früher oder später würde der Chef von ihren Nachforschungen erfahren und dann würde Annemarie alt aussehen. Doch sie wusste, dass diese sich davon nicht abbringen lassen würde.
Es kam, wie es kommen musste: Annemarie stellte im halben Büro heimliche Fragen. Mal fragte sie, ob jemand den Chef nach Feierabend mit wem gesehen hätte, mal, ob Gerüchte über seine Beziehungstatus im Umlauf waren. Sie ging von Büro zu Büro, doch das Echo war ernüchternd. Niemand wusste etwas, oder wollte sich zumindest nicht äußern. Manche lachten, andere taten, als hätten sie sie nicht verstanden, wieder andere wehrten sie schlicht mit dem Argument Arbeit ab.
Am kältesten war die Reaktion in der Personalabteilung. Erst wurde Annemarie freundlich angehört, dann warf ihr eine Mitarbeiterin einen strengen Blick zu.
Frau Klein, konzentrieren Sie sich lieber auf Ihre Arbeit anstatt herumzuklatschen, meinte sie trocken.
Als Annemarie noch insistierte, folgte die deutliche Ansage: Sie solle sofort an ihren Arbeitsplatz zurückkehren oder es würde ein Bericht an Dr. Berger geben.
Zurück am Schreibtisch wirkte Annemarie deutlich niedergeschlagen. Sie starrte lange schweigend auf den Bildschirm, ihre Gedanken weit weg. Saskia schwieg, in der Hoffnung, die Erfahrung würde Annemarie endlich ihre Lektion lehren.
Doch Annemarie ließ nicht locker trotz aller Widerstände brannte die Neugier in ihr weiter. Kollegen grinsten, wenn sie kam; einer fragte sie direkt, ob sie etwa verliebt sei. Annemarie konnte darauf keine echte Antwort geben. Irgendwie fühlte sie sich von dieser kleinen Flamme der Neugier regelrecht gesteuert.
Schließlich wandte sie sich an Sabine aus der Buchhaltung die Informantin des Hauses. Sabine wusste über jeden etwas. In Annemaries Stimme schwang ein Augenzwinkern, als sie sich näherte.
Du bist doch immer auf dem neuesten Stand, Sabine. Sag mal, weißt du was über Dr. Berger? Frau, Freundin…?
Sabine blickte ruhig auf, ein kleines Lächeln auf den Lippen, aber auch eine gewisse Vorsicht im Blick.
Du weißt doch, ich bin keine Klatschtante, sagte sie freundlich. Und wieso willst du das überhaupt wissen?
Verlegen wich Annemarie einer ehrlichen Antwort aus. Einfach so, reine Neugier! Wer weiß, vielleicht ist er zu haben…
Sabine schüttelte sanft den Kopf. Und selbst wenn sein Privatleben geht uns nichts an. Sieh lieber zu, dass du mit deinem Soll hinterherkommst.
Die Tage vergingen, und Annemarie versank immer tiefer in ihren Grübeleien. Sie analysierte jedes Wort, jede Geste von Dr. Berger, feilte in Gedanken an Interpretationen und Konstellationen. Schließlich glaubte sie, eine Erkenntnis wie eine Trophäe in den Händen zu halten und platzte damit herein, mitten ins Büro.
Ich steh auf ihn!, platzte es aus ihr heraus, die Tür noch halb offen.
Saskia, der gerade ein Schluck Kaffee in den Hals schoss, verschluckte sich beinahe. Mit hochgezogenen Brauen starrte sie Annemarie an diese Offenheit war jetzt wirklich unerwartet.
Auf wen?, fragte Saskia und stellte den Becher wieder ab, um kein Malheur zu riskieren.
Na, unseren Chef! Herrgott, hast du es denn nicht gemerkt? Genau deshalb will ich wissen, ob er vergeben ist! Wenn nicht, dann… gehe ich ran!
Saskia schwieg einen Moment. Sie wusste mehr, als sie sagen durfte, doch zeigte sie keine Regung.
Und falls er verheiratet ist? fragte sie vorsichtig, bemüht um einen neutralen Ton.
Och, dann kämpf ich eben. Er ist doch sowieso nicht glücklich mit ihr. Außerdem hilfst du mir!
Kämpfen?, Saskia unterdrückte ein Lachen, riss sich aber zusammen. Annemarie wirkte zu entschlossen.
Nur Information, keine Angst. Beim Firmenfest am Freitag stellst du ihm einfach die richtige Frage. Frag doch unauffällig, weshalb er allein gekommen ist…
Und wenn nicht? Was, wenn er sich dabei für mich interessiert?, wehrte Saskia ab.
Ach was, du bist Rothaarig der steht auf Brünette, das habe ich herausgefunden. Also, Deal?
Saskia schwieg. Ihr war bewusst: Jetzt war der Moment, es zu gestehen Viktor war nicht nur ihr Chef, sondern auch ihr Ehemann. Aber das brachte nur Unsicherheit und Konflikt für alle. Sie und Viktor hatten es gemeinsam verheimlicht, um das Berufsleben nicht unnötig zu belasten.
Das Schweigen zog sich. Annemarie sah Saskia erwartungsvoll an, hoffte auf Zustimmung. Saskia rang nach den richtigen Worten, wollte Annemarie nicht verletzen, aber sich auch nicht in ihre Pläne verwickeln lassen.
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Annemarie schwebte die ganze Woche wie auf Wolken durchs Büro, als stünde ihr heimliches Glück kurz bevor. Immer wieder schrieb sie sich Sätze in ihr Notizbuch, probte vor dem Spiegel ihr Lächeln, übte ernsthafte, aber auch geheimnisvolle Blicke. In ihren Tagträumen malte sie sich aus, wie Dr. Berger sie beachtete, ihrer Intelligenz, Schönheit und Fleiß bewunderte wie er für sie seine (möglicherweise gar nicht existierende) Gattin verließ, sie gemeinsam das Unternehmen leiteten, luxuriös lebten und abends bei Kerzenlicht Zukunftspläne schmiedeten.
Saskia beobachtete das mit einem bittersüßen Lächeln. Für Annemarie war Dr. Berger kein Mensch, sondern maximaler Erfolg, ein Siegestrophäe. Sie kannte den Chef in all seiner Müdigkeit und Fürsorge, kannte seine kleinen Schrulligkeiten, seine Sorgen aber Annemarie sah nur den Glamour, den Traum.
Am Donnerstag zog Annemarie in der Mittagspause ein neues Kleid aus der Tasche knapp, elegant, aber mit gewissem feinem Reiz. Im Spiegel drehte sie sich hin und her, prüfte ihre Erscheinung aus jedem Winkel. Schließlich präsentierte sie sich der Freundin.
Na? Wie seh ich aus? Ihre Augen blitzten, gierig nach Bestätigung.
Schick, entgegnete Saskia reserviert. Aber für ein Betriebsfest nicht vielleicht ein bisschen zu aufreizend?
Im Gegenteil! Ich MUSS heute umwerfend sein. Er kann dann gar nicht anders, als mich zu bemerken!
Sie lächelte ihr Spiegelbild an, voller Zuversicht. Saskia spürte leise Sorge sie wusste, Träume und Realität klafften hier zu weit auseinander. Aber Ratschläge halfen nicht mehr Annemaries Kopf war zu voll von romantischen Illusionen.
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Endlich kam der Freitag. Das Büro war festlich dekoriert, Lichterketten hingen an den Fenstern, Girlanden und Luftballons tauchten die sonst nüchterne Kantine in warmes Licht. Das Buffet bog sich unter Brezeln, Frikadellen, Bratwürsten und exotischen Salaten. Ein Hauch von Bier und Apfelschorle lag über allem. Die Angestellten scherzten, lobten sich gegenseitig für ihre Kleider, nutzten die Gelegenheit, ihr Alltagsgesicht abzulegen.
Annemarie erschien als eine der Ersten, das neue Kleid saß perfekt, die Haare professionell frisiert, das Make-up makellos. Sie wartete nervös, den Blick immer zur Tür, prüfte ihren Gürtel, strich den Stoff glatt und murmelte sich zum tausendsten Mal die geplanten Gesprächseröffnungen vor.
Saskia kam später, bewusst schlicht in Schwarz ihr Rettungsanker-Kleid, das sie nie blass aussehen ließ, aber auch niemanden provozierte. Ihr einziger Plan: lockere Gespräche mit Kollegen, ein paar Häppchen und vielleicht ein Tanz, falls die Laune stimmte.
Dr. Berger erschien pünktlich, strahlte in seinem dunkelblauen Anzug Autorität aus, wirkte aber keineswegs steif. Er begrüßte jeden persönlich, würdigte die geleistete Arbeit, dann trat er kurz ans Mikrofon: Lobte das vergangene Jahr, bedankte sich ehrlich bei allen, stellte Aussicht auf spannende neue Projekte.
Annemarie hing an seinen Lippen, suchte letzte Zeichen, dass sie diesen Abend nicht allein für sich lebte. Sie drängte sich immer wieder ins Sichtfeld, hob ihr Glas, zielte das Lächeln auf ihn voller Erwartung.
Nach dem offiziellen Teil füllte sich der Raum mit Musik, Gelächter und Flüstern. Annemarie steuerte zielstrebig auf Saskia zu, die am Fenster mit einem Glas Sprudel stand.
Jetzt!, flüsterte Annemarie, Geh zu ihm, frag nach seiner Begleitung. Du kannst das ganz locker machen.
Saskia stockte. Ihr wurde heiß und kalt jetzt führte kein Weg mehr vorbei. Sie musste es sagen.
Annemarie, ich… ich kann das nicht, stammelte sie ehrlich.
Warum nicht?! Du bist meine Freundin, das ist ein winziger Gefallen!
Saskia atmete tief durch, wusste, es blieb kein Ausweg jetzt holte die Wahrheit sie ein.
Weil…, sie schaute Annemarie direkt an, weil Dr. Berger mein Ehemann ist.
Es entstand eine eisige Stille. Annemarie erstarrte, wurde blass, dann schoss ihr das Blut in den Kopf, sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder kein Ton kam über ihre Lippen.
Wie bitte? Seit wann…?
Saskia fuhr sich nervös durch die Haare. Seit einem halben Jahr. Wir haben es niemandem gesagt. Es hätte nur Unruhe gebracht. Stell dir das Gerede vor oder die Annahmen, ich bekäme Vorteile. Wir wollten einfach professionell bleiben. Es tut mir leid.
Annemarie wich ein paar Schritte zurück zwischen Enttäuschung und Betroffenheit schwankend. Ihr Gesicht zeigte Wut, dann Verletzung, dann Fassungslosigkeit.
Und du hast mir all das verschwiegen…? Ihr Ton war leise, brüchig. Wir sind Freundinnen, ich erzähle dir alles und du…
Ich konnte nicht. Es war nicht nur meine Entscheidung. Es war besser so. Bitte verzeih.
Annemarie versuchte, die Gedanken zu ordnen. Einzelne Erinnerungen blitzten auf ein Blick, eine Geste zwischen Saskia und Dr. Berger… Alles ergab plötzlich Sinn.
Und… wie kam das? Ihre Stimme zitterte, sie versuchte, neutral zu klingen.
Das kam ganz von selbst, antwortete Saskia, ein Lächeln, weich und ehrlich, in den Augen. Wir haben uns außerhalb der Arbeit getroffen, es hat einfach gepasst. Keine große Geschichte.
Annemarie strich nervös den Rock glatt, spürte, wie ihre Phantasien zu Staub zerfielen.
Und im Büro? Wo du ihn manchmal verteidigt hast, oder als ich nach seiner Beziehung gefragt habe… du hast es doch gewusst!
Ich wusste es. Aber auf der Arbeit halten wirs getrennt.
In diesem Moment kam Dr. Berger hinzu. Sein Blick schweifte aufmerksam über beide, er fühlte, dass hier etwas Wichtiges im Gange war.
Alles in Ordnung? fragte er und berührte leicht Saskias Arm. Seine Stimme war sanft, aber entschlossen.
Saskia nickte, doch Annemarie schnellte hoch.
Nein, nicht so ganz! Sie ihr beide habt ein halbes Jahr alle getäuscht!
Viktor Berger blieb ruhig, wandte sich an die Kollegen.
Es wird Zeit, dass wir hier alle auf den neuesten Stand bringen, sagte er, jetzt lauter. Liebe Kolleginnen und Kollegen!, rief er in die Runde, lenkte damit alle Aufmerksamkeit auf sich.
Ein Raunen ging durch den Raum. Sein Ton war fest und ruhig.
Ich weiß, dass einige von Ihnen sich gefragt haben, wie mein Privatleben aussieht. Bis heute haben wir das niemandem gesagt, um Beruf und Privatleben sauber zu trennen. Aber nun: Saskia ist meine Frau. Wir sind seit sechs Monaten verheiratet.
Einen Moment lang Unglauben und Getuschel. Aber dann ein Lächeln, Applaus hier und da, Sabine aus der Buchhaltung stand auf und gratulierte laut. Im Hintergrund wurden Wetten verloren und Freundschaftsbänder neu geknüpft.
Herzlichen Glückwunsch!, rief jemand.
Dr. Berger wartete, bis die Aufmerksamkeit verebbte.
Ich hoffe, das ändert nichts an unserem Miteinander. Für Saskia und mich bleibt Arbeit Arbeit. Lassen wir jetzt die Feier weiterlaufen!
Die Musik setzte wieder ein, Kollegen klopften sich gegenseitig auf die Schultern, lachend, manche zwinkerten Annemarie zu.
Annemarie atmete tief durch. Tja… Ich kann hier doch nicht mehr arbeiten. Ich habe die halbe Belegschaft ausgefragt! Was glaubt er jetzt von mir…?
Saskia packte sie am Arm.
Jetzt übertreib mal nicht! Keiner nimmt dir das krumm. Es war nur eine kuriose Situation. Das vergeht bald.
Annemarie betrachtete Dr. Berger in der Menge. Jetzt verstehe ich, wieso du ihn stets verteidigt hast…
Sie hielt kurz inne dann lachte sie. Es klang frisch, erleichtert.
Du bist echt der Hammer! Ich dachte einfach, du wärst sein Fan…
Ich wusste eben die Wahrheit, lächelte Saskia zurück.
Beide spürten, wie die Scham langsam verfloss, und zwischen ihnen so etwas wie Erleichterung einkehrte.
Sag mal, fragte Annemarie leise, ist er glücklich mit dir?
Saskia lächelte warm. Absolut sicher. Jeden Tag.
Na dann Frieden? Annemarie hielt versöhnlich die Hand hin.
Frieden, bejahte Saskia mit kräftigem Händedruck.
Und während die Musik den Raum füllte, Lachen und Gespräche tobten, sanken die letzten Schatten zwischen den beiden Frauen. Ein neues Kapitel, ohne Geheimnisse, begann festlich und frei, irgendwo zwischen Sekt und Feierabend.




