**Tagebucheintrag**
Ich stieg ins Auto, bereit, von der Arbeit nach Hause zu fahren, als plötzlich mein Telefon klingelte. Eine unbekannte Nummer. Widerwillig nahm ich den Anruf an.
»Hallo. Wer ist da?«
»Ich bins Hallo«, antwortete eine fremde Frauenstimme.
»Wer *ich*?«, fuhr ich gereizt heraus. »Stell dich vor!«
Stille. Dann, kaum hörbar:
»Ich bins deine Mutter.«
Mir gefror das Blut. Meine Finger umklammerten das Lenkrad, mein Herz schlug schneller.
»Was für ein Unsinn? Meine Mutter ist vor neunundzwanzig Jahren gestorben!«
»Nein Ich bin Tatjana Ich habe dich zur Welt gebracht. Karl, ich bin es wirklich«
Ich legte auf. Mein Herz pochte, meine Hände waren feucht. Es fühlte sich an, als hätte jemand eine Tür zu einer schrecklichen Vergangenheit geöffnet, die ich längst begraben glaubte.
Nach ein paar Minuten klingelte das Telefon erneut. Dieselbe Nummer.
»Ich will dich nicht hören«, sagte ich kalt. »Ich habe keine Mutter. Die Frau, die mich geboren hat, hat mich mit neun Jahren verlassen. Seitdem bin ich Waise.«
»Bitte, nur fünf Minuten. Ich flehe dich an«
»Wofür? Um noch eine Lüge zu hören?«
»Lass uns einfach treffen. Ein einziges Mal. Ich erkläre dir alles.«
Ich wollte nicht. Doch ich wusste sie würde nicht aufhören. Sie würde meine Adresse herausfinden, vor meiner Haustür stehen, meine Frau belästigen, meine Töchter erschrecken.
Zwei Tage später trafen wir uns in einem kleinen Wald am Rand von München.
Tatjana Müller saß auf einer Bank, gebeugt, gealtert, aber noch immer mit Spuren einstiger Schönheit. Ihre Hände zitterten.
»Hallo, Sasch«
»Karl«, korrigierte ich scharf.
Sie hob den Blick in ihren Augen lag Verzweiflung.
»Ich weiß, ich bin schuldig Aber ich hatte keine Wahl«
Ich schwieg. Vor meinen Augen tauchten Erinnerungen auf wie sie schrie, Teller warf, zu Verabredungen ging und mich allein ließ.
»Du hast mich bei Tante Elke abgegeben. Und gesagt: Ich komme in einem Monat zurück. Doch du bist mit irgendeinem Geschäftsmann nach Spanien durchgebrannt.«
»Ich dachte, er würde uns beiden helfen Aber er wollte dich nicht. Und ich«
»Du hast ihn gewählt. Nicht mich.«
Sie weinte leise.
»Ich habe niemanden mehr, an den ich mich wenden kann. Mein Mann ist tot, seine Kinder haben mich rausgeworfen. Ich habe kein Zuhause. Nicht einmal Essen. Ich bin ganz allein.«
»Tut es dir leid für dich selbst?«, fragte ich, den Kopf leicht geneigt. »Und mir? Mit neun Jahren wer hat da Mitleid mit mir gehabt?«
»Vergib mir Ich wusste nicht, wie ich dich um Verzeihung bitten sollte. Ich habe immer gehofft, du würdest von selbst kommen«
»Nicht einmal eine Geburtstagskarte hast du geschickt. Niemals.«
Stille. Dann flüsterte Tatjana:
»Aber du bist trotzdem ein guter Mensch geworden Du hast es richtig gemacht.«
»Ich bin gut geworden wegen der Menschen, die du gehasst hast. Tante Elke. Meiner Frau. Meinen Freunden. Aber nicht wegen dir.«
Sie streckte die Hand aus, doch ich wich zurück.
»Ich verurteile dich nicht. Aber für mich bist du eine Fremde. Nicht einmal eine Feindin. Nur eine Leere.«
»Ich sterbe bald«, hauchte sie.
»Dann solltest du dich warm einpacken. Aber nicht vor mir.«
Ich stand auf und ging, ohne mich umzudrehen.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte ich eine Erleichterung in der Brust. Die Vergangenheit hatte mich endlich losgelassen. Und das Leben ging weiter.
**Was ich gelernt habe:** Manchmal ist der Abschied die einzige Art, Frieden zu finden.
*(Namen geändert: Alexandru Karl, Tatiana Ivanovna Tatjana Müller, Iași München, Italien Spanien, Doina Elke.)*




