Saubere Herdplatte
Anneliese. Komm bitte rüber.
Kein bitte. Kein wenn du fertig bist. Einfach komm her, wie man einen Hund ruft.
Anneliese stellte den Wischmopp an die Wand, zog die gelben Gummihandschuhe aus und betrat die Küche. Jörg saß am Tisch, den Blick versenkt in sein Smartphone. Neben ihm, auf ihrem angestammten Platz am Fenster, saß die Schwiegermutter, Frau Elisabeth Weber. Sie trank Tee. Es roch nach gekochtem Wirsing und den Medikamenten, die Elisabeth in rauen Mengen schluckte, von morgens bis abends.
Mutti meint, du hast den Herd schon wieder nicht richtig sauber gemacht, sagte Jörg, ohne von seinem Bildschirm aufzuschauen.
Ich hab gestern geputzt.
Schlecht geputzt.
Elisabeth stellte ihre Tasse mit einem leisen Klirren auf die Untertasse.
Ich bin es nicht gewohnt, dass es bei mir im Haus schmutzig ist, sagte sie mit der Selbstverständlichkeit einer Grundwahrheit. Hier war immer Ordnung. Zwanzig Jahre habe ich diesen Haushalt alleine geführt. So eine Schlamperei gabs bei mir nie.
Anneliese war dreiundfünfzig. Sie stand mit nassen Händen in der Küche, spürte das Scheuern von Gummi auf Haut und hörte es sich zum wiederholten Mal an.
Zeig, wo der Schmutz sein soll, sagte sie. Ich putze ihn weg.
Eben. Zeig selbst, mischte sich Jörg ein. Oder musst du etwa auf den Knien suchen, bis dus findest?
Er sagte das ruhig, beinahe gelassen. Er redete immer so: ohne laute Worte, aber mit einer Schärfe, die direkt traf.
Anneliese blickte auf den Herd. Die Platten glänzten. Sie hatte abends noch geschrubbt, eine halbe Stunde lang das Fett von den Zonen entfernt. Der Herd war blitzsauber.
Da passierte es.
Kein Ausbruch. Keine Tränen. Sie sah auf diese glänzende Herdplatte, dann auf Jörg mit seinem Telefon, dann auf Elisabeth mit ihrer Teetasse und in ihr wurde alles ganz still. So still wie vor einem endgültigen Bruch, wenn etwas unwiderruflich zerbricht.
Sie zog die Handschuhe aus und legte sie auf den Tisch.
Das höre ich seit achtundzwanzig Jahren, sagte sie ruhig. Es reicht.
Jörg hob den Blick. Elisabeth verharrte mit offenem Mund und Tasse vor sich.
Was hast du gesagt? fragte Jörg.
Ich sagte: Es reicht.
Sie verließ die Küche, ging ins Schlafzimmer, holte aus dem Schrank eine große REWE-Tasche und begann ein paar Sachen einzupacken. Nicht viel. Ausweis, zwei Pullover, Wechselwäsche, Handy-Ladegerät. Ihre Hände zitterten nicht. Das überraschte sie selbst. Sie fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit vollkommen ruhig, wie jemand, der endlich einer Entscheidung folgt, die jahrelang in ihm gärte.
Stimmen drangen aus der Küche. Leise zuerst, dann lauter.
Jörg, hörst du nicht? Halte sie auf!
Dann geh selber, wenn es dich stört.
Anneliese zog die Jacke an, nahm ihre Tasche und trat in den Flur. Zog Schuhe an. Öffnete die Tür.
Anneliese! rief Elisabeth aus der Küche. Weißt du überhaupt, was du tust? Wohin willst du? Du bist nichts ohne ihn! Du bist nichts!
Anneliese schloss die Tür bedächtig, ganz leise.
Im Treppenhaus roch es nach Katzenklo von den Nachbarn aus dem dritten Stock und nach frischer Wandfarbe. Sie stieg hinunter, trat durch die Haustür hinaus auf die Straße. Es war Oktober, kühl und regnerisch. Die Blätter klebten nass auf dem Asphalt. Anneliese blieb vor dem Hauseingang stehen und holte ihr Handy heraus.
Sabine nahm nach dem zweiten Klingeln ab.
Sabine, sagte Anneliese. Ich bin weg.
Pause.
Wo weg?
Von Jörg. Für immer. Ich hab keinen Ort, wo ich hin soll.
Drei Sekunden lang schwieg Sabine. Dann sagte sie nur:
Die Adresse weißt du noch? In zwanzig Minuten bin ich daheim. Warte vor der Tür, ich gebe dir den Haustürcode.
***
Sabine wohnte in einer Einzimmerwohnung an der Lindenstraße. Klein, aber ihr eigenes Reich, das sie sich vor sieben Jahren mit eiserner Disziplin zusammengespart hatte, als sie als Empfangsdame im Hotel arbeitete. Überall standen Regale, Pflanzen, auf der Küchenwand hingen Magneten aus verschiedenen Städten. Es roch nach Kaffee und nach etwas Süßem, Zimt vielleicht.
Anneliese saß auf dem Schlafsofa, eine Tasse dampfenden Tees in den Händen. Sabine saß ihr gegenüber, die Beine untergeschlagen, und blickte sie ruhig an.
Erzähl, bat Sabine.
Es gibt nicht viel zu erzählen, entgegnete Anneliese. Immer dasselbe: der Herd schmutzig, das Essen nicht gesalzen, der Boden nicht ordentlich gewischt. Und sie schauen so, als wäre ich ein Gerät, das nicht richtig funktioniert.
So war es immer, Anneliese. Was war heute anders?
Anneliese überlegte.
Heute schaute ich auf den sauberen Herd und begriff: Wenn ich jetzt nicht gehe, gehe ich nie. Dort würde ich sterben. Einfach eines Tages hinfallen und nicht wieder aufstehen, und dann würden sie sagen, ich hätte mich nie um mich selbst gekümmert.
Sabine nickte nur und schenkte still weiteren Tee ein.
Nachts lag Anneliese auf dem Sofa, eingemummelt in eine Decke, und horchte auf die Stille. Echte Stille kein Fernseher aus dem Nebenzimmer, kein Husten von Elisabeth durch die Wand, kein ständiges Gefühl, gleich aufspringen zu müssen.
Sie schlief bis drei Uhr nicht ein. Aber diesmal nicht aus Nervosität, sondern weil sie nicht wusste, wie es sich anfühlt, einfach so dazuliegen, ohne für etwas verantwortlich zu sein.
Dann schlief sie tatsächlich.
***
Das Handy meldete sich zwei Tage nicht. Am dritten kam von Jörg eine Nachricht: Wann kommst du zurück? Kein Es tut mir leid. Kein Wir müssen reden. Einfach wann kommst du zurück, als wäre sie nur auf einer Geschäftsreise.
Anneliese las die Nachricht, steckte das Handy zurück in die Tasche.
Richtig so, meinte Sabine, die alles mitgehört hatte. Antworte nicht. Soll er mal selber nachdenken.
Aber er denkt nicht nach, sagte Anneliese. Er geht davon aus, dass ich sowieso wiederkomme. Dass ich nie wirklich gehe.
Wirst du denn?
Anneliese blickte zum Fenster. Draußen ein grauer Oktobertag nasser Hof, kahle Bäume, schlammverschmierte Autos.
Nein. Ich gehe. Ich weiß nur noch nicht, wohin.
Die ersten Wochen waren seltsam. Anneliese wusste nichts mit sich anzufangen. Jahrzehntelang war sie jeden Morgen um sieben aufgestanden Frühstück für die Familie, putzen, waschen, zur Apotheke für Elisabeth, dann wieder kochen und aufräumen, den ganzen Tag. Immer war es zu wenig, immer war es schlecht gemacht.
Jetzt wachte sie auf, und der Tag war leer. Nichts war zu tun. Es war beinahe unerträglich.
Sabine, sagte sie eines Morgens, als Sabine schon zur Arbeit wollte. Ich brauche eine Aufgabe. Sonst drehe ich durch.
Such dir Arbeit.
Was denn? Ich war achtundzwanzig Jahre zu Hause.
Du bist doch Künstlerin.
Anneliese lachte. Kurz, ohne Freude.
War ich. Früher. Nach dem Studium war ich zwei Jahre Illustratorin in einem Verlag, dann habe ich geheiratet. Jörg meinte, das wäre nicht nötig; er verdiene genug. Und seine Mutter sagte, anständige Frauen führen den Haushalt, nicht ein Büro-Leben.
Und du hast dich gefügt.
Ja. Ich war fünfundzwanzig und dachte, Liebe heißt, dass sich jemand um einen kümmert.
Sabine schwieg kurz, während sie ihren Mantel anzog.
In meinem Schrank liegen noch Aquarellfarben. Von meiner Nichte. Und Papier ist auch noch da. Probiers aus.
Wozu?
Damit du dich erinnerst, wie das geht. Die Hände erinnern sich.
***
Die Farben fand Anneliese ganz unten im Schrank, eingewickelt in Zeitung. Billige Kinderaquarelle, mit einem Eichhörnchen auf dem Plastikdeckel. Das Papier dazu, dick und gekörnt, ein angefangener Block. Anneliese holte alles an den Küchentisch und starrte lange aufs leere Blatt.
Dann griff sie zum Pinsel.
Zunächst misslang alles. Die Farben verschwammen, die Hand zitterte, die Proportionen waren verzogen. Dreimal riss sie das Blatt durch. Dann wurde sie ruhiger. Pinselte nur noch, ohne Plan und ohne Ziel. Farbe. Form.
Nach einer Stunde lag vor ihr ein kleines Aquarell: der graue Herbsthof, draußen vor Sabines Fenster. Nasse Bäume, grauer Himmel, mit einem rötlichen Schimmer überm Horizont.
Sie sah das Bild an und dachte: Das habe ich gemacht.
Nicht eine Suppe, nicht einen sauberen Herd. Sondern das.
Abends kam Sabine heim, sah das Bild auf dem Tisch und hielt inne.
Hast du das gemalt?
Ja.
Das ist doch wunderbar.
Alles schief.
Aber lebendig, sagte Sabine. So einen Hof habe ich hundert Mal gesehen, aber der hier ist echt. Man spürt ihn.
Anneliese sagte nichts darauf. Aber sie warf das Bild nicht weg.
***
In Jörg Webers Wohnung passierte unterdessen, was er nicht erwarten konnte.
Drei Tage lang wartete er auf die Rückkehr seiner Frau. Das war für ihn selbstverständlich: Wohin sollte sie denn gehen? Sie konnte doch nichts, hatte kein Geld, kein Dach überm Kopf. Natürlich würde sie wieder auftauchen.
Kam sie aber nicht.
Am vierten Tag entdeckte er, dass der Kühlschrank völlig leer war. Ein einsamer Joghurt stand darin, das war alles. Er machte sich hungrig auf den Weg zur Arbeit.
Am Abend saß seine Mutter in der Küche, mit dem Gesichtsausdruck einer Frau, die lange alles gewusst, aber höflich geschwiegen hatte.
Hast du gegessen?
Nein.
Ich auch nicht. Hast du was mitgebracht?
Konnte nicht.
Also hast du nichts mitgebracht, nichts gegessen. Prächtig. So etwas habe ich in meinen achtundsiebzig Lebensjahren noch nicht erlebt.
Geh doch selber hin, Mama.
Lange Pause.
Ich bin achtundsiebzig. Hab Knie. Hab Blutdruck. Ich lauf am Stock. Und du sagst: Geh selbst?
Ich hatte keine Zeit, musste arbeiten.
Und Anneliese? Hat die nicht gearbeitet? Von morgens bis abends hat sie dir alles abgenommen, und du hast sie fortgetrieben.
Jörg hob den Kopf.
Ich? Sie ist von sich aus gegangen!
Weil du sie dazu gebracht hast! Die Stimme seiner Mutter wurde schrill. Ich habe dir gesagt: Sei nicht so hart mit den Leuten. Aber du weißt ja alles besser.
Und du hast sie täglich fertiggemaht! Herd dreckig, Suppe schlecht, Boden schmutzig!
Das war mein Recht hier in meinem Haus!
In meinem Haus, Mama! Das ist meine Wohnung!
Sie blickten sich an. Zum ersten Mal seit Jahren. Anneliese war nicht mehr dazwischen, nicht mehr das Stoßdämpferpolster zwischen ihnen.
Jörg zog die Jacke an und knallte die Tür.
Elisabeth blieb allein in der Küche zurück. Draußen war es schon Nacht. Sie stand auf, machte das Licht an, öffnete den Kühlschrank, schaute auf den einsamen Joghurt und schloss die Tür wieder.
Setzte sich. Es war so still wie nie, solange Anneliese hier gelebt hatte.
***
Im November kam der Frost und erster Schnee. Anneliese wohnte inzwischen seit drei Wochen bei Sabine. Langsam kam sie zu sich selbst, wie jemand, der nach langer Zeit aus einem Keller ans Licht tritt. Erst geblendet, dann gewöhnt man sich.
Sie malte jeden Tag. Kaufte irgendwann richtige Farben. Sabine fand im Netz eine Anzeige: ein kleines Atelier in der Nähe des alten Kanals, Ecke Friedrichstraße. Zwanzig Quadratmeter, großes Fenster nach Norden, Holzboden. Günstig, weil ohne Renovierung, Wände voller Flecken.
Anneliese ging hin und wusste sofort: Das ist es.
Wollen Sies nehmen? fragte die Vermieterin, eine freundliche ältere Frau mit Strickmütze.
Ja.
Sie hatte kaum Geld. Anneliese verkaufte ein Paar goldene Ohrringe, die ihre Eltern ihr zur Hochzeit schenkten. Nicht ohne wehmütigen Schmerz, aber schließlich: Welche Erinnerung? An was?
Das Atelier wurde ihr Zuflucht. Sie kam morgens, öffnete das Fenster, ließ kalte, klare, nach Schnee und Wasser riechende Luft herein. Es roch nach Farben, Holz und Leinöl. Sie stellte Gläser hin, legte ein Blatt oder eine Leinwand auf und malte stundenlang, oft vergaß sie zu essen.
Sie malte alles: Landschaften, Innenhöfe, Stillleben mit allem, was sie fand Tasse, Apfel, alter Schuh. Mit der Zeit wurde alles sicherer, die Hände hatten das alte Handwerk nicht verlernt.
Im Dezember rief Sabine im Atelier an:
Anneliese, unser Hotel will eine Ausstellung mit lokalen Künstlern. Klein, nur in der Lobby. Ich habe dich vorgeschlagen. Könntest du ein paar Bilder geben?
Sabine, ich bin keine Künstlerin mehr. Ich hab doch gerade erst wieder angefangen.
Du bist Künstlerin. Ich hab deine Bilder gesehen.
Das ist doch was für Hobbymalerinnen
Anneliese, Sabine sprach geduldig wie zu einem widerspenstigen Kind, seit dreißig Jahren erzählst du dir, dass du nur dies und bloß das bist. Schluss. Mach mit, ja?
Anneliese schwieg.
Gut, /nickte sie dann. Ich bringe ein paar Bilder vorbei.
***
Dort lernte sie Alexander kennen.
Eigentlich war er gar nicht wegen der Kunst zur Vernissage gekommen er hatte ein Zimmer gebucht und stand zum passenden Zeitpunkt einfach in der Hotellobby. Groß, graue Schläfen, kariertes Hemd, ruhige, freundliche Augen. Vor einem von Annelieses Bildern blieb er lange stehen ein verschneiter Park, Bank, Spuren im Schnee, die hin- und zurückführten.
Anneliese wollte gerade den Rahmen zurechtrücken, als sie hörte, wie er leise vor sich hinmurmelte:
So ist das manchmal. Kommen, sitzen, gehen.
Ist das wegen der Spuren? fragte sie.
Er drehte sich um. Wurde nicht verlegen, weil er beim Reden mit dem Bild ertappt war.
Ja. Ich stelle mir vor: Zwei Leute kamen durch den Schnee, saßen auf der Bank, dann gingen sie wieder weg. Wer weiß, ob sie sich verstanden oder gestritten haben.
Ich dachte, es ist eine Person, meinte Anneliese. Kam, setzte sich, ging wieder nach Hause.
Wer allein heimgeht, läuft den gleichen Weg zurück, sagte Alexander ernst. Sieh mal: die Spur knickt ab. Es waren zwei.
Sie betrachtete das Bild mit neuen Augen.
Ja, vielleicht, stimmte sie zu.
Sie unterhielten sich noch zwanzig Minuten. Er war aus einer benachbarten Stadt da, um seinem Bruder beim Renovieren zu helfen. Handwerksmeister, Witwer, zwei erwachsene Söhne. Er sprach nicht viel, hörte aber genau zu. Das fiel Anneliese auf er unterbrach nicht, schaute nicht aufs Handy, sondern blickte sie direkt an, während sie sprach.
Das war so ungewohnt, dass sie gar nicht wusste, wie sie sich verhalten sollte.
Bevor er ging, fragte er:
Haben Sie eine Visitenkarte?
Nein, sie wurde verlegen. So etwas habe ich nicht.
Dann darf ich Sie um Ihre Nummer bitten?
Sie gab sie ihm. Hinterher fragte sie sich, warum eigentlich. Vielleicht wollte er ein Bild kaufen.
Drei Tage später schrieb er: Guten Abend. Hier ist Alexander, wir sprachen über die Spuren im Schnee. Ich möchte gerne das Bild kaufen, ist es noch da?
Sie hatte es nicht verkauft. Er holte es ab, wickelte es behutsam in die mitgebrachte Tasche, fragte, ob er noch weitere Werke sehen dürfte.
Sie fuhren ins Atelier. Er sah sich alles an, lange und schweigend. Kaufte noch zwei kleine Landschaften.
Sie malen schön, sagte er.
Ich habe lang nicht mehr gemalt, antwortete sie.
Aus welchem Grund?
Sie zuckte die Schultern. Dass zu erklären, war noch zu früh.
Das Leben, sagte sie.
Er nickte und fragte auch nicht weiter nach.
***
Im Januar meldete sich Jörg. Anneliese wohnte nun schon einige Monate mal bei Sabine, mal im Atelier. Auf dem Papier waren sie noch verheiratet; Scheidungspapiere hatte sie nicht eingereicht.
Er rief abends an, als sie gerade an einem Stillleben arbeitete: Tannenzweige in einer Glasvase, Zapfen, Kerze.
Anneliese, sagte er.
Ja.
Nun Wie gehts dir?
Gut.
Schweigen.
Mutter ist krank geworden, sagte er dann.
Tut mir leid zu hören.
Könntest du vielleicht ab und zu vorbeikommen? Wenigstens einmal pro Woche. Im Haushalt helfen.
Anneliese legte den Pinsel weg.
Jörg, sagte sie. Ich bin gegangen. Ich lebe getrennt. Ich komme nicht wieder zum Putzen.
Du bist noch meine Frau.
Noch. Aber nicht mehr lange.
Anneliese, bitte. Komm doch nach Hause. Wir können reden.
Wir haben nie geredet, Jörg. Achtundzwanzig Jahre lang nicht. Es haben nur du und deine Mutter geredet. Ich habe zugehört und gemacht, was verlangt wurde.
Du übertreibst.
Vielleicht, sagte sie ruhig. Aber ich komme nicht zurück.
Sie legte auf. Ihre Hand zitterte nicht. Das wunderte sie.
Sie dachte: Für Außenstehende sieht das alles simpel aus Ehefrau verlässt Ehemann. Ganz gewöhnlich. Aber innerlich, das wusste sie jetzt, ist es das nicht. Es ist, als müsste man das Laufen von Grund auf lernen. Jeden einzelnen Tag.
***
Mit dem Geld lernte Anneliese langsam umgehen. Die Bilder verkauften sich nicht oft und nicht teuer. Manchmal bestellte jemand eine Geburtstagskarte, manchmal ein kleines Aquarell. Sabine half ihr, eine Seite im Internet zu starten, und mit der Zeit fanden sich Menschen, die ihre Arbeiten entdeckten und gelegentlich kauften.
Es reichte knapp fürs Atelier, für Essen, Kleidung. Kein Luxus, aber ausreichend.
Sie hätte nie gedacht, dass sich das so reich anfühlen könnte. Doch genau so war es.
Alexander schaute alle zwei, drei Wochen vorbei wegen Geschäften beim Bruder, und immer besuchte er sie. Sie tranken Kaffee im Café neben dem Park oder schlenderten durch verschneite Straßen und unterhielten sich. Alexander berichtete von der Arbeit, von seinen Söhnen, von denen einer schon eine Familie hatte. Anneliese erzählte vom Malen, dass sie gerne mal mit Öl statt nur Aquarell arbeiten würde.
Er drängte nie. Fragte nie, was sein sollte. Einmal stellte sie fest, wie sehr sie sich auf seine Besuche freute. Wenn er weg war, war es im Atelier ein wenig stiller.
Sabine, gestand sie eines Abends. Alexander Ich verstehe nicht, warum gerade das so beängstigend ist.
Was meinst du?
Er ist so freundlich. Das macht mir Angst.
Warum sollte etwas Gutes Angst machen?
Weil ich immer gelernt habe, dass nach Gutem das Schlechte kommt.
Sabine sah sie lange an.
Anneliese, vielleicht stimmt das nicht immer.
Anneliese dachte tagelang darüber nach.
Dann schrieb sie Alexander zuerst: Wollen Sie am Samstag vorbeischauen? Ich arbeite gerade an etwas Neuem, würde es gern zeigen.
Er kam am Samstag, sah sich das neue Bild an und lobte es. Sie gingen danach ins Café und er fragte:
Hätten Sie Lust, am Wochenende irgendwo hinzufahren? Ich kenne einen alten Klosterhof; im Winter soll es dort besonders schön sein.
Sie sagte: Gerne.
***
Was in der Wohnung an der Goethestraße bei Jörg geschah, erfuhr Anneliese nur aus zweiter Hand. Manchmal rief Nachbarin Frau Klein an die ältere Dame von oben, mit der sie früher oft im Treppenhaus gesprochen hatte.
Anneliese, wie gehts dir? Also bei denen drüben ist nur noch Chaos. Man hört durch die Wand, wie die sich streiten. Elisabeth hackt täglich auf deinem Jörg herum, weil er dich nicht gehalten hat. Er brüllt zurück. Gestern war es so laut, ich wollte schon die Polizei rufen.
Anneliese hörte das und empfand vor allem eine distanzierte, leise Traurigkeit. Kein Triumph, kein Schaudern. Nur: So läuft es eben manchmal.
Ohne sie ging es ihnen nicht schlecht, weil sie Anneliese vermissten. Sondern weil niemand mehr da war, der die Schläge einsteckte. Sie hatten ihr ganzes Leben lang in eine Richtung geschossen jetzt war diese Richtung weg, und sie trafen einander.
Im Februar erzählte Frau Klein, dass Elisabeth ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Bluthochdruck, Herz. Jörg saß oft allein in der Klinik.
Anneliese kochte Tee und dachte: Ich müsste eigentlich anrufen. Nach achtundzwanzig Jahren. Eigentlich.
Doch dann entschied sie: Nein, ich muss gar nichts mehr. In meinem ganzen Leben habe ich immer das gemacht, was man tun muss. Jetzt nicht mehr.
***
Der März brachte Tauwetter und den ersten Duft von nassem Asphalt. Anneliese lief samstags mit ihrer Stofftasche über den Markt, schaute nach Frühlingsgemüse, grübelte, ob sie den Markt einmal malen wolle Farbe, Lärm, Menschen.
Plötzlich sah sie Jörg.
Er kam ihr entgegen, Tüte in der Hand, das Handy, wie immer, im Blick. Sie sah ihn an und dachte: Er ist älter geworden. Oder sie hatte ihn noch nie so von außen betrachtet. Die Schultern hingen, die Jacke zerknittert, das Gesicht wie ausgebleicht.
Sie wartete auf ein Gefühl Angst? Wut? Den Drang, wegzulaufen?
Nichts davon.
Jörg entdeckte sie, blieb stehen.
Zwischen zwei Marktständen schauten sie sich an.
Anneliese, sagte er.
Seine Stimme war wie früher, leise. Aber etwas darin war ihr fremd Unsicherheit vielleicht.
Jörg, antwortete sie.
Er kam näher. Die Marktfrau am Nebentisch tat, als sei sie sehr beschäftigt mit den Äpfeln.
Wie gehts dir? fragte er.
Gut.
Du bist dünner geworden.
Kann sein.
Mutter ist im Krankenhaus. Herz.
Ich habe es gehört. Es tut mir leid.
Jörg schwieg, wechselte die Tragetasche von einer zur anderen Hand.
Kommst du wirklich nicht zurück?
Anneliese sah ihn ruhig an. Ohne Hass, ohne Mitleid.
Nein, Jörg. Ich komme nicht zurück.
Irgendwie müssen wir doch weiterleben
Du musst. Ich lebe schon.
Er hatte keine Antwort. Sie nahm ihre Tomaten, bezahlte und ging weiter.
Ihr Herz schlug ruhig. Das war ihr Sieg: dieses gleichmäßige Herzklopfen. Nicht, dass sie gegangen war. Nicht, dass sie nicht zurückkehrte sondern dass sie ihm gegenüberstand und sich nicht mehr fürchten musste. Kein Ducken, kein Gedanke à la sei höflicher, vielleicht hat er doch recht. Sie redete mit einem fast fremden Mann.
Sie kaufte noch ein wenig frische Kräuter und Brot, ging nach Hause ins Atelier, wie sie es mittlerweile nannte.
***
Im April reichte sie die Scheidung ein. Erledigte alles selbst, füllte die Formulare aus. Jörg widersprach nicht. Sie trafen sich einmal beim Notar, unterschrieben, dann gingen sie auseinander.
Sie hatte keine Wohnung. Jörg blieb in seiner. Ums Erbe wollte sie sich nicht streiten, das war ihr zu anstrengend. Sabine sagte, sie könne ruhig einen Anteil verlangen. Anneliese schüttelte den Kopf.
Ich brauche diese Wohnung nicht. Ich muss einfach weiterleben.
Ein bisschen Geld wäre nicht verkehrt, gab Sabine zu bedenken.
Es kommt noch. Aber eigenes.
Im Sommer sahen sich Alexander und Anneliese jede Woche. Mal fuhr sie zu ihm in seine Stadt, mal kam er zu ihr. Er bewohnte ein kleines Haus am Stadtrand, mit Garten und einer alten Apfelbaum; Johannisbeeren wuchsen dort. Beim ersten Mal stand Anneliese lange im blühenden Garten und schaute auf den Baum.
Schön, sagte sie.
Den hat meine Frau gepflanzt, sagte Alexander schlicht. Ohne Bitternis. Acht Jahre ist sie schon tot. Aber der Baum blüht.
Sie standen nebeneinander und blickten auf die Zweige.
Alexander, haben Sie keine Angst? Noch mal jemandem nahe zu sein?
Er wartete.
Ja, ein bisschen, gab er zu. Aber Sie gefallen mir, und ich finde, Angst ist kein Grund, nicht zu leben.
Anneliese lachte, überrascht über sich selbst.
Klug gesagt.
Ich haue Nägel lieber gerade rein, ohne Umwege.
***
Im Herbst, ein Jahr nach ihrem Auszug aus der Wohnung in der Goethestraße, saßen sie spätabends in Alexanders Küche. Er reparierte eine Schublade, sie skizzierte an ihrem Block und trank Kaffee.
Es war warm und ruhig. Es roch nach Holz und Kaffee.
Anneliese, fragte Alexander, ohne vom Werkzeug abzulassen, kommst du zu mir?
Sie hob den Kopf.
Wohin?
Hierher. Zu mir.
Sie schwieg. Er werkelte weiter.
Mein Atelier ist da, sagte sie.
Ich weiß. Hier gibt es aber auch ein Arbeitszimmer, großes Fenster nach Osten. Morgens viel Licht. Hab ich dir schon erzählt?
Hast du.
Na?
Anneliese betrachtete die Skizze in ihrem Block: Küche, Mann mit Schraubenzieher, Frau mit Tasse, Fenster, draußen der Garten.
Ich muss nachdenken, sagte sie.
Natürlich.
Und du drängst mich nicht?
Nein.
Warum nicht?
Er legte das Werkzeug weg und überprüfte die Schublade. Sie ging jetzt gut.
Weil ich weiß: Es bringt nichts, Erwachsene zu drängen.
Anneliese lächelte.
Gut, sagte sie.
Gut nachdenken oder gut umziehen?
Gut umziehen.
Er nickte. Setzte sich mit seinem Tee zu ihr. Sie saßen in der Stille, und es war eine angenehme Stille.
***
Ein halbes Jahr verging.
Anneliese lebte nun bei Alexander, behielt aber das Atelier auf der Friedrichstraße. Drei Mal pro Woche malte sie dort. Das Zimmer mit dem großen Ostfenster in Alexanders Haus war jetzt ihr zweites Atelier; dort zeichnete sie morgens, wenn er zur Arbeit ging.
Die Bilder verkauften sich nun öfter. Nein, weltberühmt war sie nicht. Aber es fanden sich Menschen, die nur wegen ihr zu ihr kamen, ihre Werke bestellten. Keine große Nummer aber ihr eigenes kleines Glück.
Über Jörg hörte sie ab und zu von Frau Klein. Elisabeth kam nach dem Krankenhaus kaum noch aus dem Zimmer. Jörg hatte nun eine Haushaltshilfe. Arbeitete weiter und das Leben ging eben seinen Weg.
Anneliese hörte zu und dachte daran, wie dieser Mann einst ihren ganzen Himmel beherrschte. Sein Gemüt war ihr Wetter, seine Worte ihr Gesetz. Das, was andere eine gute Ehe nannten, war für Anneliese von innen eine unsichtbare Zelle; besonders schlimm sind ja die Gitter, deren Tür man von innen selbst festhält.
Jetzt war ihr Himmel ein anderer.
Eines Morgens im Dezember betrat Anneliese früh das Atelier. Schaltete das Licht an, stellte den Wasserkessel auf den Herd. Draußen fiel Schnee, ganz sacht.
Da klingelte das Handy. Sabine.
Hallo, Anneliese! Wie gehts?
Gut. Ich arbeite gerade.
Also, ich habe Neuigkeiten. Eine Bekannte sagte mir, eine Galerie in der Innenstadt sucht Künstler für eine Frühjahrsausstellung. Keine große Galerie, aber eine richtige. Sie hat deine Bilder im Internet gesehen und möchte dich sprechen. Hier ihre Nummer.
Anneliese schrieb sie auf.
Sabine, ich weiß nicht, ob das nicht zu hoch für mich ist. Ich habe keinen Namen, keine Ausbildung
Anneliese, du hast fünf Jahre lang nicht gemalt. Jetzt hast du hunderte Bilder. Wenn das nicht zählt, was dann?
Hm…
Ruf einfach an. Was hast du zu verlieren?
Gut.
Sie legte auf. Sah sich die Nummer an. Dann schaute sie zum Fenster hinaus: Der Schnee fiel weiter, dicke Flocken, und der Hof war weiß und rein wie ein leeres Blatt.
Sie goss sich einen Tee ein, griff zum Pinsel und begann zu malen. Den Anruf, den würde sie später machen. Erst musste sie diesen Schnee einfangen, jetzt, solange er so war.
***
Abends holte Alexander sie aus dem Atelier ab. Klopfte, trat ein, sah sie noch über ihr Bild gebeugt.
Bereit?
Noch fünf Minuten.
Er setzte sich still an die Wand, wartete. Er beobachtete sie beim Malen. Anneliese bemerkte manchmal diesen Blick: aufmerksam, ruhig. So wie auf ein sehr Besonderes.
Nach fünf Minuten packte sie die Pinsel ein, machte die Aquarellkasten zu.
Fertig, sagte sie.
Ist gut geworden, bemerkte er.
Ich weiß nicht. Schnee zu malen ist schwer. Er wirkt immer nur weiß, ist aber in Wahrheit blau, grau, rosa alles, nur nicht weiß.
Interessant, meinte Alexander ernst. Das hätte ich nie gedacht.
Siehst du. Man sieht es, aber sieht es eben doch nicht.
Sie verließen das Atelier. Draußen war es still, kühl, der Schnee hatte aufgehört, die Luft war frisch und klar.
Alexander, sagte Anneliese, als sie durch die dunkle Gasse liefen, heute hat eine Galerie angerufen. Im Zentrum.
Und?
Ich weiß nicht: Soll ich?
Willst du?
Sie schwieg eine Weile.
Ja, sagte sie dann. Aber es macht mir Angst.
Was genau?
Dass es falsch ist, dass ich keine richtige Künstlerin bin. Dass es nicht reicht.
Alexander ging ein Stück, Hände in den Taschen, blickte in die Nacht.
Anneliese, erwiderte er. Weißt du, dass das alles gar nicht schlimm ist?
Wie meinst du das?
Das Schlimmste liegt hinter dir. Du hast Jahre in einer Wohnung gelebt, in der man dir täglich sagte, dass du nichts bist. Du bist mit einer Tasche gegangen. Das war Mut. Die Galerie: Sagen sie nein, geschieht gar nichts.
Sie blieb stehen.
Du bist direkt, Alexander.
Ich bemühe mich.
Sie lachte leise. Er lächelte zurück, beleuchtet vom Schein der Laterne.
Komm, es ist kalt, sagte er.
Sie gingen weiter. Schnee knirschte unter den Stiefeln. Die Lichter der Häuser leuchteten ihnen heim.
Alexander, sagte Anneliese leise.
Ja?
Danke.
Wofür?
Dafür, dass du nie zu mir sagst: Du musst oder du solltest.
Er überlegte kurz.
Erwachsene wissen selbst, was sie müssen. Ich erinnere höchstens ab und zu. Mehr nicht.
Sie erreichten das Haus. Alexander schloss die Tür auf und hielt ihr die Tür auf. Im Hausflur roch es nach Holz und äpfeln Alexander lagerte noch welche im Keller.
Anneliese zog die Schuhe aus, ging in die Küche, knipste das Licht an.
Alles war vertraut: Holztisch, zwei Stühle, Fenster zum Garten. Auf dem Fenstersims lag ihr Skizzenblock.
Sie schlug ihn auf und sah die Skizze von gestern: Alexander mit Schraubenzieher, sie mit Tasse, Fenster, draußen Garten.
Jetzt fehlte noch ein bisschen Schnee.
Sie griff zum Bleistift.





