Der Arzt sah meine Blutwerte und rief sofort den Stationsleiter herbei

Der Arzt betrachtete meine Blutwerte und rief sofort den Stationsleiter.
Wie lange haben Sie schon Beschwerden? fragte die Ärztin und untersuchte vorsichtig den Bauch von Marina Schmidt.

Etwa zwei Wochen. Aber die starken Schmerzen kamen erst vor drei Tagen.

Vera Müller runzelte die Stirn und notierte etwas in der Krankenakte.

Haben Sie eine Gelbfärbung der Haut oder der Augen bemerkt?

Marina blinzelte verwirrt:
Gibt es die? Ich habe nichts gemerkt

Nur leicht, aber ja. Die Ärztin legte den Stift beiseite. Wir müssen sofort einen Ultraschall machen und weitere Tests durchführen. Können Sie das heute noch erledigen?

Ja, natürlich. Ich habe heute Nachmittag keine Unterrichtsstunden.

Die nächsten zwei Stunden wurden zu einer endlosen Folge von Untersuchungsräumen, Blutabnahmen und Wartezeiten. Der Ultraschall zeigte eine vergrößerte Leber und eine Veränderung, über die die Ärztin nur ausweichend sprach: Wir müssen die Ergebnisse abwarten.

Zuhause angekommen fühlte sich Marina erschöpft. Nicht so sehr der Schmerz beunruhigte sie, sondern die Ungewissheit. Fünfundzwanzig Jahre als Deutschlehrerin hatten sie gelehrt, Klarheit und präzise Formulierungen zu schätzen.

Die Wohnung war leer. Ihre Tochter Lisa studierte in einer anderen Stadt, und ihr Mann hatte sie vor fünf Jahren für eine jüngere Kollegin verlassen. Nur Kater Moritz, ihr treuer Begleiter, sprang auf ihren Schoß und verlangte Aufmerksamkeit.

Na, alter Freund, sollen wir Tee trinken und Thomas Mann lesen? fragte sie, während sie ihn hinter den Ohren kraulte.

Der Abend verging mit dem Versuch, sich abzulenken. Sie korrigierte Aufsätze, schaute ihre Lieblingsserie und rief Lisa an. Doch ihre Gedanken kehrten immer wieder zu den bevorstehenden Ergebnissen zurück.

Am nächsten Morgen rief Vera Müller persönlich an:
Frau Schmidt, Sie müssen heute noch in die Klinik kommen. Die Ergebnisse sind da.

In ihrer Stimme lag eine unterdrückte Besorgnis. Marinas Herz sank.

Im Behandlungszimmer war es still, nur das Ticken der Wanduhr zählte die Sekunden. Vera Müller blätterte in den Unterlagen und vermied den direkten Blick.

Frau Schmidt, Ihre Leberwerte und der Bilirubinspiegel sind deutlich erhöht. Zusammen mit dem Ultraschallbefund Sie stockte. Ich denke, Sie brauchen eine weitere Untersuchung in der Universitätsklinik. Ich habe bereits mit dem Leiter der Gastroenterologie gesprochen. Morgen können Sie hingehen.

Ist das ernst? Marina spürte, wie ihr die Kehle trocken wurde.

Ich will Sie nicht unnötig beunruhigen, aber ja, es gibt Grund zur Sorge. Eventuell ist ein Krankenhausaufenthalt nötig.

Am nächsten Tag saß Marina im Wartezimmer der Universitätsklinik. Das riesige graue Gebäude aus den 70er Jahren wirkte einschüchternd mit seinen endlosen Fluren und dem Geruch nach Desinfektionsmittel.

Ein junger Arzt, der sich als Dr. Stefan Wagner vorstellte, war aufmerksam und höflich. Er stellte viele Fragen zu ihrem Befinden, ihren Gewohnheiten und der Familiengeschichte und studierte sorgfältig die mitgebrachten Ergebnisse.

Ihr Beruf ist wohl stressig? fragte er, während er die Werte überflog.

Ja, ich unterrichte Deutsch in der Oberstufe.

Und wann hatten Sie das letzte Mal einen richtigen Urlaub, ohne Korrekturen und Vorbereitungen?

Marina lächelte:
Ich fürchte, das gab es noch nie. Selbst im Sommer bereitet man sich auf das neue Schuljahr vor.

Der Arzt schüttelte den Kopf und vertiefte sich wieder in die Unterlagen. Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er las eine Seite noch einmal, verglich die Werte.

Einen Moment, sagte er, nahm die Akte und verließ den Raum.

Marina blieb allein zurück. Ihr Herz klopfte so laut, dass es ihr vorkam, als könne man es im Flur hören. Es muss etwas Schlimmes sein, wenn er sofort geht, dachte sie und versuchte, die Panik zu unterdrücken.

Nach einigen Minuten kam Dr. Wagner zurück, begleitet von einem älteren Arzt mit gepflegtem grauem Bart.

Prof. Heinrich Bauer, Leiter der Abteilung, stellte sich der ältere Herr vor und schüttelte ihr die Hand. Setzen Sie sich, wir müssen reden.

Er studierte die Ergebnisse und sah sie dann über seine Brille hinweg an:

Sagen Sie, Frau Schmidt, nehmen Sie regelmäßig Medikamente? Vielleicht pflanzliche Mittel oder Nahrungsergänzungen?

Nein, nur manchmal Schmerztabletten bei Kopfweh.

Haben Sie vor Kurzem etwas Neues angefangen?

Marina überlegte:
Nun ja, diese Leberkapseln Eine Nachbarin hat sie mir empfohlen. Ich habe eine Packung genommen, aber es wurde nicht besser, also habe ich vor zwei Wochen aufgehört.

Prof. Bauer und Dr. Wagner wechselten einen Blick.

Erinnern Sie sich an den Namen?

Ich glaube, Hepatovital oder so ähnlich. Die Packung müsste noch zu Hause sein.

Prof. Bauer lehnte sich zurück:
Sehen Sie, Frau Schmidt, Ihr Fall ist ungewöhnlich. Einerseits gibt es Anzeichen für eine ernsthafte Leberschädigung. Andererseits passen einige Werte nicht ins typische Bild. Wir vermuten eine medikamentenbedingte Reaktion.

Also von diesen Kapseln?

Möglich. Selbst zugelassene Mittel können in seltenen Fällen Probleme verursachen. Besonders frei verkäufliche Präparate, die viele ohne ärztlichen Rat einnehmen.

Marina spürte einen Stich der Reue. Die Kapseln hatte sie tatsächlich nur auf Empfehlung der Nachbarin gekauft.

Und jetzt? fragte sie leise.

Wir müssen weitere Tests machen. Ich schlage vor, Sie bleiben heute hier.

Das Vierbettzimmer war sauber, aber alt. Abgeblätterte Farbe an den Wänden, knarrende Betten, Nachttische aus den 70ern. Ihre Mitpatientinnen waren zwei ältere Frauen und eine junge Studentin.

Neu hier? fragte eine der älteren Damen, die sich als Gertrud Meier vorstellte. Womit?

Etwas mit der Leber, antwortete Marina vage.

Ach, hier hat jeder Leberprobleme! rief Gertrud fröhlich. Bei mir wurde die Galle entfernt, jetzt werde ich ab und zu gelb. Und die kleine Anna da sie deutete auf die Studentin hat Autoimmunhepatitis.

Der Abend verging mit Gesprächen. Marina hörte die Krankengeschichten ihrer Zimmergenossinnen und lernte nebenbei die Hälfte der Station kennen. Gertrud erwies sich als wandelndes Lexikon über Ärzte, Schwestern und selbst die Putzkräfte.

Prof. Bauer ist Gold wert, flüsterte sie vertraulich. Seit zwanzig Jahren Leiter der Abteilung, alle respektieren ihn. Und der junge Dr. Wagner zwar etwas faul, aber klug.

Der nächste Morgen begann mit weiteren Tests: Blutentnahme, Ultraschall, Röntgen. Nach dem Mittagessen wurde Marina zum Chefarzt gerufen.

Prof. Bauer hatte die Unterlagen vor sich ausgebreitet.

Setzen Sie sich, Frau Schmidt. Nach genauer Prüfung bin ich zum Schluss gekommen, dass wir es mit einer medikamentösen Hepatitis zu tun haben. Diese Kapseln enthalten einen Stoff, der in seltenen Fällen die Leber schädigen kann.

Also ist es kein kein Krebs? fragte Marina zögernd.

Prof. Bauer schüttelte den Kopf:

Nein, keine Onkologie. Die Veränderung im Ultraschall ist eine reversible Reaktion des Gewebes.

Marina spürte, wie eine schwere Last von ihr abfiel. Sie kämpfte mit den Tränen der Erleichterung.

Ich werde also weiterleben?

Ja, lächelte er. Aber die Behandlung wird Zeit brauchen. Und keine Selbstmedikation mehr, verstanden?

Zurück im Zimmer wurde sie erwartungsvoll empfangen.

Und, was sagt der Chef? fragte Gertrud sofort.

Medikamentenschaden, antwortete Marina. Von diesen Kapseln.

Die habe ich auch mal probiert! rief Gertrud. Aber bei mir war alles okay.

Sie hatten Glück. Bei mir war es wohl eine Unverträglichkeit.

Am Abend kam Dr. Wagner mit einem Rezept.

Wir behandeln Sie mit Leberpräparaten, Vitaminen und Infusionen. Und natürlich Diät nichts Fettiges, Gebratenes oder Geräuchertes.

Sagen Sie, warum waren Sie damals so alarmiert? Ich sah Ihr Gesicht, als Sie die Werte lasen.

Dr. Wagner wurde verlegen:

Die Kombination der Werte deutete auf etwas Ernstes hin. Ich dachte kurz an nun, etwas Schlimmeres. Darum holte ich Prof. Bauer. Er erkannte sofort den Medikamenteneffekt.

Gott sei Dank, seufzte Marina. Ich hatte schon Abschied genommen.

Wir hoffen immer auf das Beste, bereiten uns aber auf das Schlimmste vor, sagte der junge Arzt nachdenklich. Das gehört zum Beruf.

In einem der anderen Betten schluchzte leise Anna. Marina setzte sich zu ihr:

Was ist los?

Ach nichts, wischte sich die Studentin die Tränen ab. Nur bei mir ist es umgekehrt. Erst hieß es, es sei nichts Ernstes, und jetzt ist es chronisch.

Marina nahm ihre Hand:

Aber behandelbar?

Ja, schon. Aber manchmal überkommt mich die Traurigkeit. Ich bin erst zweiundzwanzig und schon eine Dau

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der Arzt sah meine Blutwerte und rief sofort den Stationsleiter herbei
Meine ehemalige Schwiegermutter überwacht unsere Familie