Mein Sohn war damals neun Jahre alt, ein fröhlicher und ausgeglichener Junge. Vor kurzem hatte meine Schwester ihre Hochzeit gefeiert. Schon in den Einladungskarten stand ausdrücklich, dass die Zeremonie ohne Kinder stattfinden würde. Dieser Gedanke war mir nicht besonders sympathisch, aber ich blieb standhaft und organisierte, dass ein guter Bekannter sich während der Feier um meinen Sohn kümmern sollte.
Doch am Abend vor dem großen Tag, rief mich meine Freundin völlig aufgelöst an. Sie hatte sich eine Erkältung eingefangen und entschuldigte sich vielmals. Es war natürlich keine Absicht, doch was sollte man tun? Ich versuchte sie zu beruhigen und setzte mich in die Küche, um nachzudenken. Mein Sohn schlief bereits, die Hochzeit war schon am nächsten Morgen. Was konnte ich tun? Am Ende beschloss ich, meinen Sohn mitzunehmen zur Feier schließlich, würde meine Schwester ihren eigenen Neffen einfach draußen lassen?
Mein Schwager galt als wohlhabender Mann, die Hochzeit sollte prachtvoll werden. Meine Schwester war ohnehin vor der Hochzeit sehr nervös deshalb sagte ich ihr nichts davon, dass mein Sohn dabei sein würde. Als sie ihn plötzlich sah, veränderte sich ihre Miene schlagartig. Sie wurde laut, fast zornig, und rief:
Warum hast du deinen Sohn mitgebracht? Wir wollten keine Kinder dabei haben! Du hast alles ruiniert!
Mir war so unglaublich peinlich zumute. Mein Sohn stand still und verstand gar nicht, was passierte. Ich fragte mich, ob dieser Wirbel wirklich nötig war. Aber das war nur der Beginn.
Sie soll ihren Sohn ruhig dabei haben. Das ist ihre Sache, wo sie ihn mitnimmt, meinte mein Schwager ruhig.
Ich war erstaunt. Meine Schwester wollte gar nicht hören, wie es dazu gekommen war. Ich versuchte ihr etwas zu erklären, vergeblich.
Die Wut in mir stieg auf. Ich nahm meinen Sohn und ging nach Hause. Mutter und Vater blieben auf der Hochzeit, obwohl ihnen nicht nach Feiern zumute war. Die Stimmung war alles andere als festlich.
Meine Schwester war gekränkt und erwartete eine Entschuldigung von mir. Ich glaube nicht, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ein solches Verhalten lässt meine Schwester nicht besonders sympathisch erscheinen. Und dabei soll sie bald selbst Mutter werden. Sollte ich mich bei ihr entschuldigen? Was hätten Sie an meiner Stelle getan?





