Ein Samstag, der mir nicht gehörte
Sabine, ich bin gerade zufällig in der Nähe und lass dir mal meine Rasselbande für etwa drei Stunden da, okay? Muss ganz dringend zur Kosmetikerin, du kennst das, Falten, und so weiter…
Ulrike stand schon im Flur, ohne dass ich richtig Zeit hatte, die Tür aufzumachen. Sie drückte einfach die Klinke runter, trat ein und zog ihren Mantel aus, ganz selbstverständlich, als wäre das ihre eigene Wohnung, und ich nur Untermieter auf Zeit. Hinter ihr schob sich eine kleine Herde Kinder ins Haus: der älteste, Tobias, ungefähr zwölf, gleich mit Handy in der Hand und Kopfhörern um den Hals; die mittlere, Anja, neun Jahre und schon voller Neugier; und die Zwillinge Ben und Max, beide noch keine sechs, stürzten direkt in entgegengesetzte Richtungen, als hätten sie einen Arbeitsauftrag, jedes Zimmer zu begutachten.
Ich stand da noch im Bademantel, die Kaffeetasse in der Hand einen Schluck hatte ich heute noch nicht getrunken. Es war halb elf an einem Samstagmorgen. Ich war extra früh aufgestanden, damit ich, bevor Klaus wach wurde, ein bisschen Ruhe haben, einen Kaffee trinken, dann gemütlich das Oberregal entrümpeln und vielleicht noch etwas waschen und bügeln konnte. Schlichte, unspektakuläre, aber meine eigenen Pläne. Für niemanden spannend, aber für mich von Bedeutung.
Ulrike, warte mal. Wir wollten heute…
Ach, Sabine, es sind wirklich nur drei Stunden, ehrlich Ulrike hatte ihren Mantel schon an die Garderobe gehängt, gleich neben Klaus Jacke, als würde das so gehören. Strich sich die Haare im Spiegel zurecht und sah mich an mit diesem Blick, den ich schon seit zwanzig Jahren kannte. Ein Blick, der sagte: Sie hat schon längst entschieden, und wartet nur noch darauf, dass alle anderen sich anpassen. Ich hab um elf einen Termin für das ganze Programm. Du weißt ja, wie schwer es ist, zu Carola zu kommen. Drei Wochen hab ich gewartet. Drei Wochen!
Ulrike, wir haben heute auch was vor.
Was kann man denn an einem Samstag groß vorhaben? Sie war schon unterwegs in die Küche, als sei es ihre. Tobias, jetzt leg das Handy weg, spiel mit deinen Brüdern. Anja, lass da nichts von den Regalen mitgehen.
Dieser letzte Satz kam zu spät: Anja hatte sich schon die kleine Porzellanfigur geschnappt, die ich vor acht Jahren aus Prag mitgebracht hatte, und drehte sie fasziniert in der Hand.
Vorsicht bitte, sagte ich und stellte die Figur zurück. Anja sah mich an, als hätte ich gerade Chinesisch gesprochen.
Die Zwillinge tobten bereits lautstark im Wohnzimmer umher. Max ließ etwas fallen, Ben lachte, und kurz darauf stimmte Max ein. Mit Methode, offensichtlich.
Ich ging in die Küche. Ulrike hockte sich auf meinen Lieblingsstuhl am Fenster und daddelte auf dem Handy herum. Meine Kaffeetasse war schon an den Rand des Tisches gewandert, damit sie die Ellbogen abstützen konnte.
Ulrike, ernsthaft. Das passt heute nicht. Ruf doch mal deine Mutter an, vielleicht…
Die ist gestern schon raus auf den Schrebergarten, hab ich probiert. Ohne aufzuschauen. Sabine, die sind doch brav. Tobias passt auf. Der ist mittlerweile richtig vernünftig.
Tobias kam in dem Moment gerade durch die Küche, völlig gelassen, als ginge ihn das alles nichts an. Er öffnete den Kühlschrank, starrte lange hinein und schloss ihn dann unverrichteter Dinge wieder.
Darf ich mir was nehmen? fragte er ins Leere hinein, nicht wirklich an jemand Bestimmten gerichtet.
Nein, sagte ich.
Nimm einen Apfel, sagte Ulrike gleichzeitig.
Tobias öffnete den Kühlschrank ein zweites Mal.
Aus dem Wohnzimmer klang ein Krachen, das nach mehr aussah als nur ein runtergefallener Beistelltisch. Sondern nach einer Sache mit Nachspiel.
Ben! rief Ulrike, ohne aufzustehen.
Stille. Dann Max: Ich wars nicht.
Ich stellte die Kaffeetasse ab. Sie war kalt. Und wieder kein Kaffee an diesem Morgen.
Ulrike, sagte ich betont ruhig, bitte. Nimm die Kinder wieder mit oder finde eine andere Lösung. Ich kann heute nicht.
Sabine, was hast du denn, nun schaute sie mich kurz an, zwischen ehrlichem Unverständnis und gereizter Ungeduld. Es sind doch nur Kinder. Keine Raubtiere.
Diesen Satz brachte sie jedes Mal. Es sind doch nur Kinder. Als würde allein dieses Wort alles andere aufheben: fremde Zeit, fremden Wohnraum, fremde Pläne.
Im Flur klingelte Klaus Handy. Er kam verschlafen und leicht verwirrt hinaus, im T-Shirt und offenbar nicht auf vier zusätzliche Kinder vorbereitet und einen Mantel seiner Schwester an der Garderobe. Ein schneller Check: die Szene, dann mein Blick, dann auf das Handy.
Hallo. Ja, Herr Dr. Meier. Wie bitte? Wann genau? Er schwieg, und ich erkannte sofort diese Miene in seinem Gesicht die, die ich überhaupt nicht leiden kann: Jemand bittet ihn um etwas Unannehmes, und er wird Ja sagen. Ja, verstanden. Komme in vierzig Minuten.
Er drückte auf Ende und schaute zu mir so, wie ich es befürchtet hatte.
Sabine, im Büro ist was mit den Unterlagen schiefgelaufen. Herr Meier sagt, es geht nicht ohne mich. Ich bin maximal zwei Stunden weg, ja?
Klaus.
Ich weiß, Samstag. Aber du siehst ja, er hat selber angerufen, muss wohl dringend sein.
Klaus…
Er blickte mich an, schaute dann auf die Zwillinge, die längst im Flur standen und irgendwas ausheckten, dann wieder zu mir.
Ich beeil mich. Zwei Stunden höchstens.
Du lässt mich hier allein mit vier fremden Kindern.
Es sind doch die Neffen.
Es sind fremde Kinder, in meinem Haus, ohne meine Zustimmung. An meinem freien Tag.
Ulrike in der Küche überging das diskret und blieb weiter ins Handy vertieft. Tobias griff sich den Apfel und verschwand. Die Zwillinge kramten in einem Tüte mit Schuhen, die ich zur Reparatur vorbereitet hatte.
Klaus, sag deiner Schwester doch…
Ich muss los, ihr kriegt das schon hin. Ihr seid doch beide erwachsene Frauen. Ja?
Ich starrte seinem Rücken hinterher. Erwachsene Frauen. Kriegt das schon hin.
Ulrike kam ganz fertig in den Flur, Handy und Tasche griffbereit. Sicher hatte sie sich schon im Auto frisch gemacht. Planung pur: rein, abladen, weiter, bevor jemand widersprechen kann.
Sabine, jetzt muss ich wirklich los. Carola wartet! Tobias weiß: Nicht zu viel Süßes für die Zwillinge! Anja ist heute leicht launisch, nicht weiter beachten. Ich hole sie um sechs, allerspätestens sieben.
Du wolltest sie nach drei Stunden abholen.
Ja, vielleicht verzögert es sich etwas. Will noch Maniküre machen lassen. Bis dann!
Tür zu. Ich stand im Flur. Klaus rumorte im Schlafzimmer. Die Zwillinge steckten in alten Klaus-Schuhen und stampften herum. Tobias stöberte erneut im Kühlschrank.
Da ist nichts mehr, meinte ich.
Gibts Saft?
Nein.
Und…
Nein.
Klaus kam im Anzug raus, schloss seine Uhr.
Sabine, reg dich nicht auf. Ich bin schnell zurück. Bring den Kindern etwas mit, Schokolade…
Nicht zu viel Süßes für Tobias, hörte ich mich selbst sagen. Automatisch. Schon hatte ich den Satz verinnerlicht. So übernehmen sich fremde Probleme: Ein Kind, eine Tatsache und die Verantwortung liegt plötzlich bei dir.
Die Tür fiel ein weiteres Mal zu. Jetzt war ich allein.
Ich stand zehn Sekunden im Flur. Es war laut in der Wohnung. Die Zwillinge hatten wieder etwas Interessantes gefunden, Anja jammerte im Wohnzimmer, weil Ben angeblich ihre Puppe geklaut hatte, obwohl sie gar keine Puppe dabei hatte, und Tobias knackte wieder und wieder den Kühlschrank, als könnte darin plötzlich Wunder passieren.
Ich nahm das Handy und rief Klaus Mutter an. Frau Vogt meldete sich nach dem dritten Klingeln, offensichtlich bereits unterwegs.
Sabine, ich höre.
Guten Tag, Frau Vogt. Ulrike hat die Kinder bei uns gelassen und Klaus ist zur Arbeit. Allein mit vier Kindern ist mir zu viel. Könnten Sie vielleicht…
Sabinchen, ich bin jetzt zu Frau Schneider zur Geburtstagsfeier, wir sind fest verabredet. Ich kann nicht einfach absagen.
Aber Ihre Tochter hat doch…
Ulrike, du kennst sie. Sie ist halt spontan. Du machst das schon. Und Tobias hilft dir, der ist groß genug. Ich muss jetzt wirklich los, Sabine, tschüss!
Tuut, tuut. Sabinchen schafft das schon. Sabinchen regelt alles, weil sie nicht anders kann und immer still bleibt. Nicht, weil sie so besonders ist, sondern weil sie eben immer geschwiegen hat.
Aus dem Wohnzimmer ein klarer, kaputt-klingender Ton. Nicht Porzellan, nicht ganz zerbrechlich, aber eindeutig. Dann Stille. Dann Max: Das war von allein!
Ich schloss drei Sekunden die Augen. Ging dann ins Zimmer.
Meine Lieblingsnachttischlampe lag auf dem Boden, das Fußteil gesprungen, Schirm heil. Ben und Max standen daneben, als hätten sie mit der Sache nichts zu tun. Anja blätterte durch eine alte Zeitschrift, die ich ebenfalls nicht kannte. Tobias stand in der Tür, knabberte am Apfel und starrte aufs Handy.
Tobias, sagte ich ruhig, weg mit dem Handy und schau bitte nach deinen Brüdern.
Bin kein Babysitter, sagte er. Nicht unfreundlich. Nur eine Feststellung. Und er hatte recht: Niemand hatte ihn gefragt.
Ich stellte die Lampe wieder hin. Der Sprung würde bleiben, von nun an sichtbar.
Ich ging in die Küche, goß mir den kalten Kaffee hinter, starrte aus dem Fenster. Draußen: Ein gewöhnlicher Samstag. Leute schleppten Einkaufstüten, jemand führte einen Hund Gassi, Jungs kickten auf dem Hof. Normal. Für alle außer für mich.
Meine Wut war nach zwei Stunden nicht mehr scharf, sondern zäh und dick wie Wasser kurz vorm Kochen. Keine Tränen, keine Panik. Nur diese feste, ruhige Wut. Auf Ulrike, die mein Zuhause wie ihres behandelte. Auf Klaus, der wegfuhr und klärt das unter euch sagte. Auf die Schwiegermutter, die sich nie zuständig fühlte. Auf das ganze System, das mich, Sabine, seit fünfzehn Jahren zur komfortablen Ablagerampe für fremde Probleme gemacht hatte.
Was wäre jetzt richtig? Sitzen bleiben, ausharren, die Kinder mittags füttern, auf Ulrike um sieben warten, abends Klaus mit müdem, aber leisen Ton begegnen, hören: Was willst du, das ist doch Familie, und sich dann wie ein verpasstes Zugfenster fühlen.
So lief das sonst. Aus alter Gewohnheit.
Ich stellte die Tasse ab, wischte mir die Hände und betrat das Wohnzimmer.
Tobias, zieh dich an. Anja, hol deine Jacke. Ben, Max, kommt her.
Wo gehen wir hin? fragte Tobias.
Zu eurer Mutter.
Sekundenlang starrte er, dann steckte er das Handy wortlos ein.
Die Zwillinge anzuziehen dauerte zehn Minuten. Sie waren zwar nicht widerspenstig, aber völlig passiv wie zwei lebende Stoffpuppen. Anja schaffte ihre Jacke alleine, bekam aber den Reißverschluss nicht zu. Ich half ihr. Dann Mantel, Schlüssel, Handtasche.
Taxi oder Bahn? Tobias fragte ganz ernst so wie ein Kind, das es gewohnt ist, dass Erwachsene entscheiden.
Taxi, sagte ich.
Der Schönheitssalon hieß Goldene Rose und war im neuen Einkaufszentrum in der Innenstadt. Ich wusste, wie es dort war: schicke weiße Ledersofas, Duft nach Ölen und leisem Gedudel, Kinder bekommen dort keine Termine. Ulrike hatte genau gewusst, was sie sich dabei dachte.
Das Taxi kam schnell. Der Fahrer musterte uns vier Kinder und mich mit professioneller Gleichgültigkeit. Max wollte das Fenster ganz auf, ich ließ es einen Spalt offen. Mehr war nicht möglich.
Nach zwanzig Minuten waren wir da. Die Zwillinge quasselten durchgehend ihr eigenes Kauderwelsch, Anja klebte am Fenster, Tobias checkte das Handy, aber diskret.
Vor dem Zentrum blieb ich kurz stehen und blickte die Kinder an. Sie blickten zurück. Tobias schien zu ahnen, dass hier etwas anders war als sonst.
Wir laufen ruhig, kein Rennen, kein Schreien.
Wohin genau? fragte Anja.
Zu Mama.
Sie nickte, einfach so, als wäre das das Natürlichste der Welt.
Die Goldene Rose lag im zweiten Stock. Mattweiße Schrift auf Glas, ein Tresen aus Eiche, drei junge Damen in dunklen Arbeitskitteln. Zwei gediegene Kundinnen blätterten in Zeitschriften. Der Geruch von Lavendel und Süßem hing in der Luft.
Die Rezeptionsdame, makelloser Pferdeschwanz, sah mich, dann die vier Kinder professionell, aber wohl etwas sprachlos.
Guten Tag, Sie sind angemeldet?
Nein. Ich suche eine Kundin, Ulrike Voss. Sie ist wohl gerade bei Carola.
Wir geben keine Namen unserer Kundinnen raus…
Das sind ihre Kinder, sagte ich nur sachlich. Ich bringe sie zu ihr.
Die Zwillinge musterten sie mit dem ernsten Blick von Kindern, die alles interessant finden. Anja tippte vorsichtig den Tresen, Tobias stand etwas im Schatten, sichtbar mit dem Wunsch: Lass es schnell vorbei sein.
Genau da kam Ulrike rein, im Gesicht noch halb die Maske, Kräutertee im Pappbecher, vermutlich auf dem Weg zum Klo oder zur Rezeption. Sie erstarrte.
Sabine? Was… macht ihr denn hier?
Ich sprach nicht laut, aber in der ruhigen, duftenden Stille fiel jede Silbe auf.
Ulrike, ich habe dir die Kinder gebracht. Du hast sie mir ungefragt dagelassen. Ich war nicht einverstanden. Ich hatte kein Essen, keine Lust und ehrlich gesagt auch keine Verpflichtung, vier fremde Kinder zu betreuen. Deshalb hab ich sie zu dir gebracht. Hier sind sie.
Ulrike sah sich um, dann wieder zu mir. Dann auf die Kinder.
Sag mal, Sabine… spinnst du? Ich bin in Behandlung…
Das weiß ich. Du hast dich zur Kosmetik angemeldet. Dein Recht. Aber es ist nicht dein Recht, vier Kinder ohne Absprache einfach bei mir abzusetzen, das Haus zu verlassen und dann vielleicht auch bis sieben zu sagen.
Was tust du hier Ulrike sprach jetzt flüsternd, wollte mich offenbar wegziehen Die Leute gucken schon…
Sollen sie doch, sagte ich ruhig. Ich habe nichts zu verstecken.
Nun blieb Ulrike stehen. Sie schaute mich an, und ich glaube, nach all den Jahren war dies das erste Mal, dass sie wirklich etwas Neues in meinem Blick sah. Keine Wut, keine Trauer. Nur die Endstation.
Anja zog an Ulrikes Bademantel.
Mama, ich hab Hunger.
Ulrike schloss kurz die Augen.
Sabine, ihre Stimme war nun ganz leise, ohne die frühere Sicherheit So geht das doch nicht.
Eben. Deshalb bin ich hier. Deine Kinder. Dein Problem. Und tschüss.
Ich wandte mich an Tobias.
Bleib mal bei deiner Mutter, Tobias. Tschüss.
Er nickte. Ben zupfte an Ulrikes Arm, Max fragte, ob er die Cremetiegel ansehen dürfe. Die Rezeptionistin sagte, besser nicht.
Ich verließ den Salon. Draußen war es kalt und trüb, aber die Luft war frisch. Ich stand eine Weile und rief ein Taxi. Wartend merkte ich, dass ich weder Schuld noch Triumph fühlte. Einfach Müdigkeit, die endlich ein wenig nachließ. Und den Hauch von Befreiung, auf den ich so lange gewartet hatte.
Zuhause war es ruhig. Ich stellte Wasser für Tee auf, machte frischen Kaffee langsam, mit Genuss. Setzte mich an meinen Lieblingsplatz am Fenster und nahm den ersten Schluck noch dampfend.
Das Oberregal sortierte ich dann um zwei Uhr nachmittags. Ganz in Ruhe, sortierte Schachteln, warf Überflüssiges weg, stapelte alles neu. Leise Musik lief, draußen begann es zu nieseln. Es war ein guter Samstag, im rechten Licht betrachtet.
Klaus kam um kurz vor fünf heim. Er klingelte sogar, obwohl er einen Schlüssel hatte. Ich öffnete. Er stand da mit jenem entschuldigenden Blick und einer Tüte, aus der es nach den Piroggen aus der Lieblingsbäckerei an der Ecke duftete.
Wie läufts? fragte er.
Gut, sagte ich und machte Platz.
Er ging in die Küche, stellte die Tüte ab. Blick in die ruhige Wohnung, dann zu mir.
Wo sind die Kinder?
Bei der Mutter.
Schweigen.
Bei Mama? Aber meine Mutter ist doch bei Frau Schneider…
Bei ihrer Mutter bei Ulrike.
Noch einmal Schweigen. Dann setzte er sich langsam.
Erzähl mal.
Ich erzählte. Kurz, sachlich, wie es war. Und er hörte einfach zu, ohne einzugreifen. Seine Miene wechselte: erst schuldbewusst, dann verständnislos, zuletzt, als ich vom Salon erzählte, anders irgendwas zwischen Staunen und Respekt.
Du hast sie in die Goldene Rose gebracht? Nicht als Frage. Eher Bestätigung.
Ja.
Er sah mich lange an, atmete dann aus.
Hör mal… Er schüttelte den Kopf, aber nicht tadelnd. Da war Respekt, fast Erstaunen.
Klaus, sagte ich, hör mir jetzt bitte richtig zu. Nicht als Ehemann, der schlichten will, sondern als Mensch, dem ich etwas Wichtiges sage. Ich habe keine Lust mehr, immer praktisch für andere zu sein. Ich habe zwanzig Jahre aus Familie, aus Rücksicht, aus sie ist halt so geschwiegen. Aber Geduld ist nicht unendlich. Ich bin nicht sauer, dass du zur Arbeit musstest das war halt so. Aber ich bin wütend, dass du gesagt hast: Regelt ihr das. Du hast so getan, als wäre das ein gleichwertiger Konflikt. War’s aber nicht. Ulrike hat mich zur Gratis-Kinderfrau gemacht und du hast das mit deinem Schweigen gestützt.
Klaus hörte zu. Wirklich. Nicht, um zu kontern.
Ich will keinen Krach mit deiner Familie, fuhr ich fort. Aber ich will, dass das aufhört. Deine Schwester muss wissen: Meine Wohnung ist kein Kindergarten. Mein Wochenende ist nicht ihr Service. Und deine Mutter muss das auch wissen. Das ist keine Bitte. Das sind meine Bedingungen.
Du hast recht, sagte Klaus.
Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war auf Gegenargumente gefasst auf ein Aber es ist doch Familie oder so. Kam nichts.
Ich hätte schon längst mit Ulrike und meiner Mutter reden müssen. Ich dachte immer, du schaffst das schon, dir ist das recht… hab gar nicht gefragt. Das war falsch.
Ja, sagte ich.
Er nahm sein Handy, wählte Ulrike. Ich blieb währenddessen in der Küche, goss mir noch einen Kaffee ein.
Ulrike, hier ist Klaus. Ja, ich weiß, sie hat es mir schon erzählt. Hör mal: Du kannst nicht einfach die Kinder bei uns abgeben, ohne zu fragen und Sabine einzuweihen. Punkt. Es geht nicht darum, ob sie Lust hat oder nicht. Es geht ums Prinzip so behandelt man Menschen, die einem helfen, nicht. Ja, ganz genau. Nein, das erledigt sich nicht einfach. Du kannst das deiner Mutter selber erklären.
Er legte auf.
Dann rief er Frau Vogt an. Das Gespräch dauerte keine Minute.
Mama, ich ruf später wieder an. Aber es ist wichtig, dass du verstehst: Wenn Sabine um Hilfe bittet, ist du schaffst das keine Lösung. Sie schaffts immer, weil sie nicht anders kann. Aber fair ist das nicht. Bis später.
Er legte das Handy auf den Tisch. Sah mich an.
Ich hielt die Tasse in beiden Händen und schaute ihn an. In der Küche war es ruhig, draußen fiel Regen, ab und zu fuhr ein Auto durch die nasse Straße.
Womit sind die Piroggen? fragte ich.
Mit Kraut und Apfel.
Dann lass sie uns warm machen.
Wir aßen nichts Wichtiges, unterhielten uns trivial ich erzählte vom Aufräumen, er davon, wie es auf der Baustelle schiefging. Dann schwiegen wir, und sogar das war in Ordnung.
Die Lampe war abends noch immer gesprungen. Ich überlegte kurz, ob ich eine neue kaufe oder diese einfach stehenlasse. Sichtbar ist sichtbar.
Nach ein paar Tagen rief Frau Vogt an. Sonntags gegen Mittag rief sie sonst an. Jetzt wurde es Mittwochabend. Ich ging ran.
Sabine, hallo. Wie gehts dir?
Gut, danke.
Pause.
Na, dann ist ja gut. Ist Klaus da?
Kommt gleich, soll ich was ausrichten?
Nein, ich ruf später nochmal. Noch eine Pause, in der sie wohl höflichen Small Talk erwartete. Ich sagte nichts. Na denn, bis dann.
Bis dann, Frau Vogt.
Ich legte auf, rührte in der Suppe, probierte, salzte nach.
Der Umgang war jetzt höflich. Genau höflich, nicht drüber, nicht drunter. Wie mit Nachbarn, die man freundlich grüßt, aber nicht zum Tee einlädt. Vielleicht wird es mal anders. Vielleicht auch nicht. Mir war das gleich. Ich dachte an die Suppe, daran, dass ich endlich mal meine Freundin Brigitta anrufen wollte und die Bücherregale am Wochenende sortieren.
Als Klaus heimkam, deckte ich gerade den Tisch.
Ulrike hat angerufen, rief er in den Flur.
Ja?
Sie hat sich entschuldigt.
Gut, antwortete ich und stellte den Teller hin.
Willst du nicht wissen, was sie gesagt hat?
Nein.
Er zog die Schuhe aus, hängte die Jacke auf und kam in die Küche. Schaute auf Suppe, Brot.
Riecht gut.
Setz dich, ist noch heiß.
Er setzte sich, aß, probierte.
Schmeckt.
Weiß ich.
Wir aßen. Es war schon dunkel, die Straßenlaternen draußen leuchteten. Unten auf dem Hof kickten noch Jungs, obwohl es längst kalt war. Ich räumte ab, setzte Wasser für Tee auf.
Plötzlich fragte Klaus: Sag mal, bist du da wirklich in die Goldene Rose mit vier Kindern rein und so, vor allen?
Genau so, bestätigte ich.
Er schwieg kurz.
Wie war’s?
Nach Lavendel hat es geduftet. Und die Musik war ganz ruhig.
Klaus lachte leise, dann richtig. Ich auch. Ehrlich gesagt, war es ja tatsächlich komisch: Ich, vier Kinder und Lavendelduft im Luxus-Salon an einem Samstagvormittag.
Sabine, sagte er, als er sich wieder gefangen hatte, sowas kommt nicht wieder vor.
Ich weiß, sagte ich.
Und wir wussten beide, dass das stimmt.




