Heute möchte ich über einige Ereignisse aus meinem Leben schreiben, die mir viel zum Nachdenken gegeben haben.
Meine Mutter, Gudrun, hat nach dem Tod unseres Vaters niemals wieder geheiratet. Mein Vater starb, als meine Schwester und ich noch Kinder waren. Sie hatte immer Angst, dass ein neuer Ehemann uns, den Kindern, etwas antun könnte. Wenn sie zwischen einer neuen Ehe und ihren Kindern hätte wählen müssen, hätte sie sich immer für uns entschieden.
Meine ältere Schwester hieß Brigitte und ich heiße Ulrike. Brigitte hat sehr jung geheiratet, bekam eine Tochter namens Lieselotte und zog in die Wohnung ihres Mannes nach München. Doch die Ehe hielt nicht lange, und nach einigen Jahren kam Brigitte mit Lieselotte auf dem Arm zurück zu unserer Mutter. Brigitte war gesundheitlich angeschlagen; sie hatte Krebs und war nicht mehr in der Lage, alleine für ihre Tochter zu sorgen, sodass Lieselotte nun von unserer Mutter betreut wurde.
Ich war zu dieser Zeit auch schon verheiratet und hatte zwei Kinder. Eine unserer alten Tanten, Hildegard, stellte mir ihr kleines Apartment zur Verfügung. Ohne groß darüber nachzudenken, übertrug sie mir die Wohnung, mit der Abmachung, dass ich keinerlei Anspruch auf das Apartment unserer Mutter haben würde, falls sie einmal stirbt.
Brigitte verstarb, als Lieselotte siebzehn Jahre alt war, und bald darauf erkrankte unsere Mutter ebenfalls schwer. Eines Tages besuchte ich sie, um mit ihr über die Zukunft zu sprechen, und fragte sie direkt, wer später ihre Wohnung bekommen würde, wenn sie nicht mehr lebt.
Was meinst du, wer? Lieselotte natürlich, sagte sie. Sie ist allein, ihre Mutter ist tot und ihr Vater hat keinen Kontakt mehr zu ihr. Ich kann sie doch nicht einfach auf die Straße setzen!
Ich wurde wütend und versuchte, ihr klarzumachen: Aber Lieselotte ist nur deine Enkelin, ich bin deine Tochter und ich habe zwei Kinder. Lieselotte wird erwachsen und kann sich selbst eine Wohnung kaufen. Gib mir meine Wohnung zurück! Ich schrie, weil ich mich ungerecht behandelt fühlte.
Nein, antwortete sie ruhig. Das haben wir anders vereinbart und dabei bleibt es.
Ich war so enttäuscht und verletzt, dass ich ihr versprach, nie wieder ihren Fuß in das Haus meiner Mutter zu setzen.
Mir war in diesem Moment egal, wie Lieselotte mit den Hausaufgaben zurechtkam oder ob sie sich um unsere kranke Mutter kümmern musste. Ich hatte keinen Zugang zu einer Wohnung bekommen und brach den Kontakt zu meiner Mutter komplett ab.
Heute, mit Abstand, sehe ich die Situation anders. Ich habe gelernt, dass Familie wichtiger ist als Besitz und Streit. Es tut mir leid, dass ich meine Gefühle damals über das Wohlergehen meiner Nichte und meiner Mutter gestellt habe. Ich habe verstanden, dass Liebe und Menschlichkeit immer die richtige Wahl sind.





