Tagebuch, 24. September
Na, dann hat der Leo wohl schon wieder gewonnen, meinte der Mann mit spöttischer Miene, während sein Blick zu Johanna wanderte, die hastig aus dem Mietshaus trat. Für einen Moment blieb sie wie angewurzelt stehen, schaute verwundert um sich. Mein Herz machte einen Sprung; galten seine Worte etwa ihr? Ein ungutes Gefühl beschlich mich irgendetwas schien da im Verborgenen, von dem sie nichts ahnte.
Entschuldigen Sie, reden Sie mit mir? fragte sie zurückhaltend, die Stirn leicht in Falten gelegt. Ihre Stimme zitterte, obwohl sie sich Mühe gab, gefasst zu wirken. Und ich merkte sofort, dass irgendetwas zwischen diesem Fremden und Johanna stand, von dem ich nichts wusste.
Nur so ein Gedanke, laut ausgesprochen, winkte Matthias ab und verzog spöttisch die Mundwinkel. Ich wollte nur sehen, ob das, was Leo erzählt hat, wirklich stimmt. Und ja, offenbar stimmt es. Das ist jetzt der fünfte Sieg in Folge für unseren charmanten Frauenhelden! Seine Stimme trug unverkennbaren Hohn, und ich sah direkt, wie er Johannas Reaktion musterte, als wäre es ein Experiment.
Sie sprechen in Rätseln! Johanna biss sich nervös auf die Unterlippe. Ich sah, wie sie innerlich brodelte, eine Mischung aus Ärger und Unsicherheit. Frauenheld? Fünfter Sieg? Was redet der nur? Sie ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Meinen Sie das ernst? Und woher um alles in der Welt kennen Sie Leo?
Ach, sagen wir, wir haben gemeinsame Bekannte. Wir sind Kumpel, mehr nicht, antwortete Matthias betont gleichgültig. Und ja, ich bin zurechnungsfähig, falls Sie das meinen, sein Ton war beinahe emotionslos, aber in den Augen blitzte etwas Ironisches.
Er erhob sich von der Parkbank, streckte den Rücken und sah dabei aus, als würde er sich über eine Stunde Warten ärgern. Matthias hatte mit Absicht auf Johanna gewartet, und ich erkannte sofort, dass er sein Ziel erreicht hatte: Wieder ein ahnungsloses Mädchen, das Leos hübschen Worten verfallen war. Warum nur fallen sie alle immer wieder auf ihn rein?, fragte ich mich insgeheim. Und ja, ein Quäntchen Mitleid empfand ich schon: Johanna schien so ehrlich, so verloren in diesem Moment.
Einen Moment mal! rief Johanna, stampfte ärgerlich mit dem Fuß und brachte eine Klarheit in ihre Stimme, die mir Respekt abnötigte. Sie werfen mir ein paar rätselhafte Sätze vor die Füße, stellen mich bloß und verschwinden dann einfach wieder? Das läuft nicht! Sie sagen mir jetzt und hier, was das alles zu bedeuten hat. Was meinen Sie mit fünftem Sieg? Und warum bin ich Teil davon? Mit festen Schritten trat sie ihm entgegen und sah ihm forschend in die Augen.
Matthias sah sie einen Moment lang an, Mitgefühl blitzte auf. Sollte er es sagen oder nicht? Eigentlich wollte er sich ja nicht einmischen. Auf der anderen Seite: Leo konnte eine Lektion in Bescheidenheit durchaus gebrauchen. Nach einem kurzen Zögern fuhr er sich durch die Haare und entschied sich:
Gut, hör zu Er trat näher und sprach leise. Leo hat bloß auf dich gewettet, weißt du? Er grinste schief. Na, glaubst du mir oder willst du es selbst überprüfen?
Warum sollte ich Ihnen trauen? Wir kennen uns nicht mal! Johanna verschränkte die Arme, entschlossen ihrem Gefühl zu trauen. Sie wollte die Wahrheit mit eigenen Augen sehen auch wenn sie innerlich am liebsten weggerannt wäre. Vielleicht ist das ja nur eine billige Intrige? Will mich jemand vom Leo trennen? Die Vorstellung schmerzte zu sehr, um daran zu glauben.
Der Leo, den sie kannte, war freundlich, aufmerksam, charmant. Er hörte ihr wirklich zu, erinnerte sich an ihren Lieblingskäse, fragte nach ihrer Meinung und schien wirklich interessiert. Ihr erstes Treffen im kleinen Café an der Isar tauchte vor ihr auf: Der Duft von frischem Kaffee, die leisen Stimmen, sein verlegenes Lächeln, als sie sich an ihn kuschelte… Wie sollte sie glauben, dass er zu solchen Spielchen fähig war, dass sie nur Gegenstand einer Wette war? Nein, Leo ist nicht so, hielt sie sich fest an ihrem Glauben aber die Zweifel wucherten in ihrem Herzen.
Deine Entscheidung, zuckte Matthias die Schultern. Seine Stimme war ruhig, dennoch lag ein Funke Provokation darin. Komm, dann siehst du es selbst.
Johanna legte zögerlich ihre Hand in seine. Ihre Finger zitterten, als sich die Handflächen berührten kurz, schüchtern. Ihre Gedanken schwirrten wild: Warum erzählt er mir das? Was will er erreichen? Sie sah sich kurz in der Straße um, suchte nach einem Zeichen, aber alles war so gewöhnlich wie immer.
Warum helfen Sie mir überhaupt? fragte Johanna leise, während sie ihm folgte.
Ich mag es nicht, wenn noch eine gutgläubige Frau in eine Falle tappt, Matthias verzog das Gesicht zu einer ungewohnten Miene aus Mitgefühl und Ernsthaftigkeit. Das letzte Mal endete das Drama im Krankenhaus. Leo fand das lustig. Hat sich drüber lustig gemacht, wie sehr die Frauen ihm verfallen. Ekel sprach aus seinen Worten.
Und Sie? Sie gehören doch auch zu dieser Clique. Haben Sie genauso Herzen gebrochen? Ihr Blick war trotzig, und in den Augen glomm der Schmerz über die Demütigung.
Heilig bin ich sicherlich nicht, Matthias ließ sich nicht provozieren. Aber ich spiele nicht mit den Gefühlen von Frauen. Das ist unter meiner Würde. Außerdem hab ich mein eigenes Geld im Gegensatz zu Leo. Er hat weder Job noch Ausbildung, lebt nur von seinen Erfolgen.
Und wenn er verliert? Johannas Stimme zitterte. Ich spürte, wie die Angst überhandnahm.
Dann verliert er die Wohnung, in der er jetzt haust. Eine Dreizimmerwohnung mitten in München! Matthias lächelte kalt. Übrigens hat er die Wohnung auch durch eine Wette gewonnen. Ihm gehört nichts wirklich selbst.
Und wie oft hat er verloren? Nie? Da war noch immer Hoffnung in Johannas Stimme.
Einmal, als der Vater des Mädchens Polizist war. Da wurde Leo kleinlaut. Matthias sprach ruhig, fast gleichgültig. Also, gehen wir?
Warum zu Ihrem Auto? fragte Johanna misstrauisch. Ein Anflug von Angst ließ sie zurückweichen.
Da ist mein Laptop, erklärte Matthias geduldig. Mit einer App, durch die wir live beobachten können, was in der Wohnung läuft. Praktisch, dass diesmal alles bei mir passiert, nicht?
Ihre Neugier überwog schließlich die Angst. Johanna stieg mit Matthias in den Wagen. Sie wirkte gefasst, aber ich sah, wie fest sie die Finger verschränkte.
Aus dem Augenwinkel beobachtete ich sie, wie sie auf dem Beifahrersitz den Laptopbildschirm betrachtete. Das Bild war glasklar: Leo lachte vergnügt mit seinen Freunden, hatte eine Frau locker am Arm, die sich eng an ihn schmiegte. Seine Miene, das charmante Lächeln, das Johanna so liebte jetzt wirkte es nur noch falsch. Das Gespräch drehte sich um die Wette. Ein Freund klopfte Leo grinsend auf die Schulter, ein anderer scherzte herum, und alle lachten. Jedes Wort schmerzte, stach wie ein Messer.
Und, was, wenn deine Johanna nicht auftaucht? stichelte einer der Kumpels. Johanna hielt unwillkürlich die Luft an.
Sie kommt, ganz sicher, gab Leo selbstsicher zurück. Sie ist hin und weg von mir. Jetzt, wo sie meine Freunde kennenlernen will, da ist sie überzeugt, es wird ernst. Sie lud mich sogar schon zum Familienessen ein!
Ernsthaft? Eine Frau lachte laut. Wieso findest du immer nur solche gutgläubigen Frauen? Das ist unfassbar!
Na ja, ich bin halt charmant. Richtig, Caro? Die Freundin kicherte und schmiegte sich noch enger an ihn.
Freu mich schon, ihr verheultes Gesicht zu sehen. Das wird lustig… kicherte Caro noch.
Johanna klappte den Laptop langsam zu. Die Welt drehte sich weiter, doch für sie war alles grau. Ein eisiger Schmerz schnürte ihr die Brust ab. Sie zwang sich, tief durchzuatmen und lächelte, so kalt und kontrolliert wie sie nur konnte.
Schickst du mir das Video später, wenn er verliert? fragte sie gefasst, mit stählerner Stimme. Das Naive war verschwunden, stattdessen war sie entschlossen. Wirst du ihm jetzt sagen, dass er mich anrufen soll? Und bitte mit Lautsprecher.
Was hast du vor? Ich möchte bei der Sache nicht in Erscheinung treten, Matthias musterte sie mit Sorge.
Keine Angst, entgegnete Johanna mit frostigem Lächeln. Ich sage ihm, dass ich es mir anders überlegt habe. Dass seine Aufdringlichkeit mich abschreckt. Und ich werde noch ein paar Worte hinzufügen… damit er mal weiß, wie sich das anfühlt: zerstört und gedemütigt.
Einverstanden. Dann warte ab du bekommst das Video.
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Leo wartete vergeblich auf Johanna. Er schaute nervös auf die Uhr, seine sonst so lockere Art wich tiefer Unsicherheit. Matthias stichelte: Ruf sie an, und schön auf Lautsprecher nicht, dass du schon verloren hast!
Zitternd drückte Leo die Wähltaste. Ewige Klingeltöne. Endlich meldete sich Johannas eiskalte Stimme:
Ja?
Johanna, wo bist du denn? Wir warten alle auf dich! Leo zwang sich zu lächeln, auch wenn niemand es sehen konnte. Die Jungs wollen dich kennenlernen! Beeil dich, ohne dich ists hier langweilig!
Ich habe es mir anders überlegt, sagte Johanna sachlich. Keine Spur mehr von der alten Zärtlichkeit. Du warst zu aufdringlich, Leo. Zu fordernd. Das ist nicht meins. Ich glaube nicht, dass wir eine Zukunft haben.
Leos Herz blieb kurz stehen. Der Puls raste, seine Stimme versagte, als er nach Worten suchte:
Was Bitte lass uns reden! Vielleicht hast du was falsch verstanden! Ich will es erklären wirklich! Gib mir nur eine Chance!
Es gibt nichts mehr zu erklären, Johannas Stimme war jetzt kalt wie ein Wintertag. Ich habe alles verstanden. Machs gut, Leo.
Es knackte, das Gespräch war beendet. Leo ließ langsam das Handy sinken, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Freunde begannen zu johlen.
Na Leo, sieht so aus, als hättest du verloren! Einer klopfte ihm feixend auf die Schulter. Die Gruppe applaudierte höhnisch. Caro rutschte demonstrativ von ihm weg, warf ihm einen abschätzigen Blick zu und wandte sich ab.
Jetzt übertreibt mal nicht, Leute, versuchte Leo zu scherzen, aber niemand lachte. Seine Stimme zitterte. Ach, das wird schon wieder ein Missverständnis, ich klär das …
Wage ich zu bezweifeln, warf Matthias ein, nun ganz der kühle Gewinner. Die Wette gilt. Drei Tage, dann steht die Wohnung auf meinen Namen. Sonst
Leos Gesicht wurde kreidebleich. Seine Unterkunft, seine letzte Sicherheit verspielt wegen einer dummen Wette. Er konnte es nicht fassen, wie schnell alles vorbei war.
Das hast du doch alles eingefädelt, fuhr Leo Matthias an, mit verzweifeltem Blick.
Keine Ahnung, wovon du sprichst, antwortete Matthias seelenruhig. Ich mische mich nicht in die Angelegenheiten anderer ein, nur halte ich mich an die Regeln der Wette.
Leo sah sich hilflos um, suchte nach einem Ausweg; alle sahen ihn mitleidlos an. Caro verließ lachend zusammen mit Matthias das Wohnzimmer: Komm, Matthias, mit einem Verlierer verschwende ich keine Zeit mehr!
Leo blieb allein zurück, in einer Stille, die nur noch von den abziehenden Stimmen unterbrochen wurde. Was war nur passiert? Nie hätte er gedacht, dass so ein Tag kommen könnte. All das, was er sich mühsam aufgebaut hatte dahin.
Fang an, ehrlich zu leben, Leo, sagte Matthias abschließend noch, bevor er die Tür hinter sich zuzog.
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Schon am nächsten Tag war die ganze Stadt in Aufruhr. Ein Post machte auf Facebook die Runde, in dem unbekannt, aber äußerst präzise die Machenschaften von Leo beschrieben wurden: mit Namen, Daten, Zitaten. Immer mehr Kommentatoren meldeten sich, schickten den Beitrag weiter: Kennst du diese Story schon? Wieder andere setzten wütende oder spöttische Bemerkungen unter den Post und tatsächlich, sogar Memes entstanden: Leo mit Krone und der Unterschrift Münchens Casanova jetzt ohne Wohnung. Prompt wurde Leo in Gruppenchats zur Lachnummer.
Immer mehr Frauen meldeten sich mit ihren Erfahrungen: die Schnelle seines Rückzugs, seine Heuchelei, seine ständigen Versprechen; einige veröffentlichten sogar heimlich aufgenommene Mitschnitte, in denen Leo stolz seine Eroberungen vor seinen Freunden ausschlachtet. Die Stimme im Netz wurde schnell laut, Verständnis gab es keines. Leos Handy vibrierte die ganze Zeit, voller Spott und Häme ratlos versuchte er, die Postings zu löschen, teilte Admins mit, es sei alles aufgebauscht. Keine Chance. Die Sache war out of control.
Schließlich erhielt er eine anonyme Nachricht: Na, Leo, wie fühlt es sich an, wenn jeder weiß, wer du wirklich bist? Versuchs doch mal ohne Wetten und Spielchen.
Ich weiß nicht, ob Leo daraus gelernt hat. Aber mir ist klar geworden: Wer Menschen benutzt wie Spielsteine, spielt letztlich mit dem eigenen Glück. Ehrlich zu lieben ist der einzige Weg, der nicht am Ende im Nichts endet.
Und das werde ich mir merken.





