Man fragt mich, wie ich an diesen Punkt in meinem Leben gekommen bin und wie ich all das akzeptieren konnte. Meine Antwort ist, dass alle Frauen, die lieben, blind sind. Ich war auch blind. Mein Leben lang habe ich es versucht, habe gelernt. Meine Mutter sagte mir schon als Kind, wenn ich ein gutes Leben führen will, muss ich hart arbeiten. Sie sagte außerdem, eine Frau müsse stark und unabhängig sein, damit sie notfalls für sich selbst sorgen kann.
Jedoch hat mir gerade dieser Ratschlag einen Streich gespielt. Immer wenn ich Männer traf, zeigte ich zu viel Unabhängigkeit und kaum einer hatte Interesse, sich mit mir zu treffen. Damals wollten viele Männer eine sanfte Frau, um die sie sich kümmern konnten und an der sie ihre männliche Stärke zeigen konnten. Ich habe mich immer selbst versorgt.
Dann habe ich begonnen, mich nur noch auf die Arbeit zu konzentrieren. So war ich eine “alte Jungfer”, bis ich 35 wurde und Michael traf. Er ist im selben Alter wie ich. Was mich erstaunte, war, dass er meine Unabhängigkeit akzeptierte. Er drängte nie darauf, mir etwas abzunehmen oder mir zu helfen, wenn ich sagte, ich mache es selbst. Blumen hat er mir nie geschenkt, süße Worte ins Ohr geflüstert mit solchen Floskeln konnte ich nie etwas anfangen. Mit ihm waren wir Partner auf Augenhöhe. Doch ich hätte ahnen müssen, was mich diese vermeintliche Gleichberechtigung kosten würde, denn tatsächlich war sie nie wirklich gleich.
Wir heirateten und er zog zu mir nach München. Michael hatte keine eigene Wohnung, sondern lebte bei seiner Mutter. Ich wollte aber nicht mit meiner Schwiegermutter unter einem Dach leben; ich hatte dazu schon Geschichten gehört und das gefiel mir überhaupt nicht. Im ersten Monat gab er mir keinen Cent von seinem Gehalt, weil er einen kleinen Kredit abbezahlen musste, den er für die Operation seiner Mutter aufgenommen hatte.
Ich sagte nichts, war verständnisvoll. Wir sind eine Familie lass ihn den Kredit zurückzahlen und danach arbeiten wir gemeinsam weiter. Doch sieben Monate lang hatte er den Kredit immer noch nicht abbezahlt. Er meinte, er verdiene nicht genug, seine Arbeitszeit sei gekürzt worden oder es gäbe sonst irgendeinen Grund. Währenddessen zahlte ich für Essen, Freizeit und alle Rechnungen. Dann fing er an zu behaupten, er spare für ein gemeinsames Haus auf dem Land, für Urlaube zum Beispiel.
Doch fünf Jahre lang zeigte er mir keine Kontoauszüge. Familien vertrauen sich, dachte ich. Aber dann gab es Streit wie kann es sein, dass ich ihn seit fünf Jahren versorge? Das ist nicht normal. Er packte seine Sachen und zog zurück zu seiner Mutter in Augsburg. Einfach so. Nach drei Tagen, in denen ich die Stille nicht mehr ertragen konnte, holte ich ihn zurück. Und wieder die gleiche Geschichte: Er will mir für nichts Geld geben. Ich bin mittlerweile völlig erschöpft. Gerne würde ich mal etwas für mich selbst ausgeben, aber das ist unmöglich, weil mein ganzes Geld für die Familie draufgeht. Was soll ich tun? Scheidung? Wird er sich jemals ändern?
Heute, da ich diesen Eintrag verfasse, wird mir klar: Die wahre Stärke liegt nicht nur darin, unabhängig zu sein, sondern auch darin zu erkennen, wann man sich selbst mehr schützen muss als andere. Das habe ich gelernt und vielleicht lernt Michael das irgendwann auch.




