Zu Beginn dieses Jahres erscheint in meinem Traum wie Nebelschwaden das Bild eines typisch deutschen Gymnasiums. München, vielleicht, oder doch ein Ort, dessen Name auf der Zunge vergeht wie Apfelstrudel. In einem Klassenzimmer voller seltsam schwebender Pulte bittet plötzlich ein Mädchen mit dem Namen Heidemarie darum, die Toilette aufsuchen zu dürfen. Die Farben flackern kurz, das Gesicht des Lehrers Herr Baumgartner verschmilzt beinahe mit der Tafel, als er ihre Bitte ablehnt.
Wieder erklingt Heidemaries Stimme, leise, wie das Ticken einer Kuckucksuhr; sie fragt erneut höflich, der Lehrer aber verweigert ihr wieder den Gang. Minuten dehnen sich, werden zu Tropfen an einem grauen Fenster, Heidemarie flüstert, es sei dringend. Herr Baumgartner bleibt steif und ärgerlich wie eine hölzerne Nussknackerfigur.
Als nach weiteren fünf endlosen Minuten Heidemarie fast flehentlich fragt, ob sie nun wirklich dringend fortmüsse, donnert das unnachgiebige Nein des Lehrers wie ein Gewitter über den Isarauen. Fast in Zeitlupe erhebt sie sich zitternd, stehend im Schein einer unsichtbaren Laterne. Alle Köpfe drehen sich zu ihr, und sie wird im Traum rot wie die Kirschen im Schwarzwald. Doch trotzdem sagt sie, mitten in die Stille hinein, dass sie ihre Periode bekommen habe und dringend zur Toilette müsse wörtlich, mitten in der Klasse, als ob die Tapeten anfangen zu flüstern.
Im Raum gefriert die Luft, alle Augen sind groß und rund wie Bierkrüge auf dem Oktoberfest. Nach einem Moment, der wie ein Uhrwerk tickt, fordert Herr Baumgartner sie auf, sich wieder zu setzen. Noch immer keine Erlaubnis. Verlegenheit legt sich wie Nebel über die Klasse.
Plötzlich erhebt sich Max, breit gebaut wie ein Bundesliga-Spieler, blonde Strähnen wirr, als hätte er gerade einen Kopfball gemacht. Seine Stimme klingt fest: Haben Sie eine Ehefrau, Herr Baumgartner? Sind Sie nicht mit einer Mutter oder Schwester aufgewachsen? Sie hat ihre Tage, sie muss aufs Klo, sie geht ob Sie wollen oder nicht.
Er geht auf Heidemarie zu, nimmt sie an der Hand, als würden sie mitten durch die feuchten, moosigen Wälder Bayerns schreiten, und begleitet sie hinaus auf den Flur, in Richtung der Toilette. Als sie zurückkehren, liegt Unruhe in der Luft, Herr Baumgartner tadelt Max mit scharfer Stimme, redet von Disziplin und Anstand, als würde ein Märchenonkel den Zeigefinger heben.
Diese Szene zerfließt in meinen Erinnerungen wie Schnee im Frühling. Ich werde niemals vergessen, wie Max, der Fußballer aus meinem Traum, mehr Durchblick und Herzenswärme zeigte als Herr Baumgartner und das alles bei Lichtverhältnissen, in denen alles surreal und irgendwie richtig schien.





