David war vor vielen Jahren ein angesehener Mann in München, mittlerweile über vierzig, niemals verheiratet. Damals beneideten ihn die Frauen in den Cafés an der Maximilianstraße; er war groß, gutaussehend und gut betucht. Jede Frau hätte sich gewünscht, an seiner Seite zu stehen. Doch die Jahre vergingen und von all dem war einzig sein Vermögen geblieben. Jugend und Haarpracht schwanden dafür wuchs sein Bauch, Tag für Tag. Dies erkannte er selbst nur allzu deutlich und so begann er, zum ersten Mal in seinem Leben ernsthaft über Eheschließung nachzudenken.
Aber Zweifel plagten ihn: Wer würde wohl eine Ehe mit ihm eingehen, wo sein Wesen als schwierig galt? Seine Freunde beschrieben ihn als schroff, streng und mitunter sogar unhöflich. Das wusste inzwischen jeder im Bekanntenkreis, sodass Frauen, die sich zu ihm hingezogen fühlten, von anderen immer schon im Voraus gewarnt wurden: Tu dir das ja nicht an. So erkannte David selbst, dass seine Aussichten gering waren.
Eines Abends, als er mit alten Freunden ein Bier trank, teilte er seine Sorgen mit ihnen. Sie hörten ihm zu und gaben Ratschläge, und tatsächlich: Ein paar Monate später stand er mit einer jungen Frau namens Lieselotte vor dem Standesamt. Am Tag nach der Hochzeit, die noch in aller Münchener Munde war, legte David seiner Frau zum ersten Mal seine Regeln offen:
Du wirst nun in meiner Wohnung am Odeonsplatz leben, das sollte für dich eine große Ehre sein, begann er mit seiner strengen Stimme. Im Haus soll immer alles in bester Ordnung sein. Überall. Lieselotte lächelte überrascht und freundlich. Wie meinst du das genau? fragte sie. Ich werde es dir erklären. Du musst dir stets bewusst machen, dass du dieses Glück jederzeit verlieren könntest. Ich bin ein sehr strenger Mensch. Du wirst dich daran gewöhnen und es akzeptieren müssen. Und bitte, die Handtücher: Immer trocken, immer am Platz. Hauptsache, alles ist sauber, verstanden? Lieselotte nickte, hörte aufmerksam zu, während er ihr in der Küche alle Einzelheiten schilderte.
Natürlich, mein Lieber, erwiderte sie mit einem leichten Lächeln. Und wann wirst du abends nach Hause kommen? Wozu musst du das wissen? Damit ich das Abendessen vorbereiten kann. Hm… Das weißt du nie vorher. Aber das Essen hat immer pünktlich auf dem Tisch zu stehen. Und Himmel hilf, wenn es mir nicht schmeckt dann wandert es sofort in den Müll, und Strafe gibt es obendrein. Verstanden, mein Schatz. Es wird schon klappen, sagte Lieselotte und schenkte ihm noch ein Lächeln.
Dieses Lächeln folgte ihm den ganzen Tag über. Am Abend, noch bevor er nach Hause kam, ging David ins Restaurant am Viktualienmarkt und ließ sich ein feines Mahl servieren er wollte seine Frau auf die Probe stellen. Sein Plan: Er würde ihr nicht einmal von ihrem Essen kosten, sondern behaupten, es schmecke schrecklich und er wolle es nicht einmal anrühren. Das zog er die ganze Woche so durch.
Eines Abends betrat er zur üblichen Stunde seine Wohnung. Stille. Ist jemand zu Hause? Bin wieder daheim! Ach, du bists, antwortete Lieselotte gleichgültig, ich habe ferngesehen und bin dabei eingeschlafen. Ist das Abendessen fertig? Abendessen? Ja, klar, Abendessen! Komm, wir sehen nach.
Gerade wollte David wie gewohnt seine vorbereitete Bemerkung machen, da wies Lieselotte ihn zum Tisch und setzte ihm einen Teller gräulichen Haferschleims vor die Nase. Bitte schön. Der Brei ist kalt und völlig ungesalzen. Wenn du ihn nicht ganz aufisst, ist das dein Problem. Ich werde gehen und du wirst mich nie wiedersehen. Sie grinste, Naja, ganz so schlimm nicht. Bestimmt siehst du mich noch, aber dann halt mit jemand anderem. Ach und ich weiß übrigens, dass du vorher immer ins Restaurant gehst. Ich kann mir vorstellen, wie unangenehm es ist, so einen Brei mit vollem Magen herunterzuwürgen.
David war verblüfft. Sie lehnte sich zurück. Willst du wissen, warum ich zuweilen so schroff bin? Ganz einfach. Es wird immer so sein, falls du dich jemals weigerst, auf meine Fragen zu antworten. Nun isst du den Brei bis auf den letzten Löffel. Je früher du beginnst, desto schneller hast dus hinter dir!
Lieselotte war von ihren Freundinnen vor Davids Eigenheiten gewarnt worden, aber sie war geblieben.
Männer werden nicht als liebevolle Gatten geboren, pflegte sie zu sagen. Die werden sie erst durch eine Ehefrau, die weiß, den Ton anzugeben. Und sie hatte wohl recht damit. David aß tatsächlich seinen Haferschleim restlos auf, und währenddessen spürte er: Endlich habe ich die richtige Frau gefunden. Nach so einer habe ich mein Leben lang gesucht.Von diesem Tag an änderte sich etwas im Hause am Odeonsplatz. Die alten, strengen Regeln wurden nicht mehr nur diktiert, sondern neu verhandelt meist mit einem Augenzwinkern, oft beim Abendessen, manchmal noch mit einem Rest Haferschleim im Topf. David lernte: Ordnung kann auch heißen, gemeinsam zu lachen, wenn ein Handtuch doch noch feucht am Stuhl baumelte, und das Leben besteht nicht nur aus pünktlichen Mahlzeiten, sondern aus überraschenden Gesprächen über zuversalzenen Kartoffelbrei oder völlig vergessene Einkaufsliste.
Seine Freunde staunten nicht schlecht, als sie David eines Abends im Café trafen: Er hatte den Bauch behalten, aber die Strenge in seinem Blick war milder geworden, und wenn Lieselotte von ihm sprach, klang es, als hätte sie das größte Glück gefunden und er, so sagten sie, hätte endlich einen Platz im Leben, an dem er nicht nur gefürchtet, sondern auch geliebt wurde.
Und so kam es, dass David stets zu erzählen pflegte: Die größte Ordnung in meinem Leben brachte das kleine Chaos von Lieselotte. Und wer sie zusammen beobachtete, verstand: Manchmal braucht das Glück eine Prise Sturheit, einen Löffel Haferschleim und jemanden, der einen mit einem Lächeln herausfordert, zu besserem zu werden Tag für Tag, ein Leben lang.





