Niemand erinnerte sich an sie, als sie klein war, doch als sie begann, Geld zu verdienen, tauchten plötzlich ihre Eltern auf.
Ihre Eltern hatten ihre ganze Kindheit damit verbracht, darüber nachzudenken, wo sie sie unterbringen könnten. Sie war in einer schwierigen Zeit in die Familie gekommen, unerwünscht. Anfangs half noch die Großmutter bei ihrer Betreuung, doch als diese einen Schlaganfall erlitt, blieb niemand mehr, der sich um das Enkelkind kümmern konnte. Die kleine Rente und die Gehälter der Eltern reichten nicht aus, um eine kranke Person zu versorgen, geschweige denn ein Kind. Nach einigen Monaten beschlossen sie, die kleine Anneliese vorübergehend ins Waisenhaus zu geben.
Du bleibst hier eine Weile, während dein Vater und ich etwas Geld verdienen, sagte ihre Mutter.
Anneliese glaubte ihr wirklich und wartete, denn das Leben im Waisenhaus war kein Märchen. Es gab kein eigenes Zimmer, keine Zärtlichkeit oder Fürsorge, alles war fast wie im Gefängnis. Sie konnte keine Freundschaften mit den anderen Kindern schließen, die Lehrer beachteten sie nicht. Um zu überleben, vergrub sie sich in Büchern, die manchmal von wohltätigen Organisationen ins Heim geschickt wurden.
Das Mädchen hatte stets gute Noten in der Schule, und als sie einen Studienplatz erhielt, freute sie sich, in eine andere Stadt ziehen zu können. Sie hatte kaum Geld zum Start, suchte sich einen Nebenjob und sparte, um ihr eigenes Geschäft zu gründen. Viele lachten, als sie einen kleinen Onlineshop eröffnete, in dem sie selbstgemachte Kerzen verkaufte.
Was ist das für eine Arbeit? Damit wird man nicht reich, sagten die Leute.
Doch das kleine Unternehmen wuchs. Sie war eine der Ersten auf dem Markt mit einem solchen Geschäft, und die Kundenzahl stieg stetig. Ein junger Mann half ihr beim Versand, und mit der Zeit kündigte er seinen Job, um gemeinsam mit ihr Kerzen herzustellen. Langsam entwickelte sich das Geschäft zu einem Familienbetrieb. Die Erzieher des Waisenhauses erfuhren von Anneliese, da sie das Gesicht des Ladens war, und so bekamen auch ihre Eltern Wind davon. Unter dem Vorwand eines Einkaufs kontaktieren sie ihre Tochter, und nach Erhalt des Pakets suchten sie die Absenderadresse auf direkt Annelieses Zuhause.
Die Tochter war nicht erfreut über ihren Besuch. Sie hatten sie vergessen, und sie sie. Vielleicht war es unfreundlich, doch sie warf sie vor die Tür, wobei ihr Ehemann ihr half.
Sie hatten sie nicht großziehen wollen, sich nicht einmal erkundigt, wie es ihr ging, und jetzt taten sie plötzlich so, als liebten sie sie. Es war zu spät. Sie hätten sie früher suchen, sie zurückholen sollen. Doch jetzt war Anneliese erwachsen, selbst Mutter, und solche Eltern brauchte sie nicht mehr.





