Am 31. kommen meine Mutter und Schwester, hier ist das Menü ab zur Herdplatte, sagte mein Mann. Aber meine Frau hat alle überlistet.
Greta trocknete den Teller ab und hörte, wie Jakob hinter ihr etwas murmelte. Sie drehte sich nicht um, sondern blickte einfach aus dem Fenster, wo es bereits dunkel wurde.
Hör zu, am einunddreißigsten kommen meine Mutter und meine Schwester, das Menü steht ab in die Küche, warf Jakob, den Blick ins Handy vertieft, in den Raum. Die Zwillinge essen jetzt kein Fisch mehr, denk daran! Und ohne Mayonnaise, Mutter meint, das wäre zu schwer.
Greta legte den Teller auf die Arbeitsfläche. Sie drehte sich um.
Das ist doch dein Geburtstag, Jakob.
Na klar, deswegen will ich ja, dass alles schön ist.
Und ich? Wo bin ich dabei?
Endlich hob er den Kopf.
Du? In der Küche, wie immer. Was meinst du denn sonst?
Sie schwieg. Fünfzehn Jahre lang schwieg sie jedes Mal, wenn Frau Schröder kam und ihre Anweisungen gab, wenn Schwägerin Anja es sich auf dem Sofa gemütlich machte, während Greta das Geschirr spülte und dabei den Geschrei der Zwillinge ertrug. Fünfzehn Jahre war sie unsichtbar, eine Randfigur auf fremden Festen.
Ist schon gut, sagte sie, und verließ die Küche.
Am Morgen des neunundzwanzigsten rief Greta ihre Mutter an.
Mama, könnten David und ich zu euch kommen?
Natürlich, Kind. Und Jakob?
Jakob bleibt hier. Er hat Besuch.
Pause.
Greta
Alles okay, Mama.
Sie packte ihre Tasche schnell: Jeans, zwei Pullover, Dokumente. Ihr Sohn trat aus seinem Zimmer, betrachtete die Tasche.
Fahren wir?
Wir fahren.
Er nickte nur. Mit dreizehn Jahren verstand er schon mehr, als sein Vater je begriffen hatte.
Jakob kam gegen halb sieben nach Hause. Ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank leer. Er drehte sich um.
Greta!
Stille.
Er durchsuchte die Wohnung. Niemand da. Auf dem Tisch lag ein Zettel.
Jakob. Einkaufsliste im Kühlschrank. David und ich sind bei meinen Eltern. Du bist selbst dran. Alles Gute zum Geburtstag. Schlüssel hat Frau Müller.
Jakob las dreimal. Wählte Gretas Nummer kein Anschluss. Schrieb eine Nachricht keine Antwort. Dann schaute er auf die Liste: Hähnchen, Kartoffeln, Matjes, Gurken. Er begriff, dass er keine Ahnung hatte, was er damit anfangen sollte.
Am dreißigsten stand er um sechs auf und versuchte, etwas zu kochen. Bis Mittag sah die Küche aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen: Zwiebelschalen, Ölflecken, angebrannter Braten. Die Kartoffeln zerfielen in Brei, der Matjes glitschte ihm aus den Händen.
Das Handy vibrierte. Mutter.
Jakob, wir sind morgen um elf da. Greta hat alles vorbereitet, oder?
Mama, Greta ist weg.
Wie weg?
Sie ist zu ihren Eltern gefahren.
Stille. Dann stieg Mutter Schröders Stimme.
Wie bitte? An deinem Geburtstag? Ist sie denn noch ganz bei Trost?
Mama, ich mache das selbst.
Du?! Jakob, das ist doch nicht zu fassen!
Keine Ahnung, Mama.
Na gut, wir kommen, werden sehen. Anja hilft schon.
Jakob blickte auf das Chaos um ihn herum. In seinem Inneren zog sich etwas schmerzhaft zusammen.
Am einunddreißigsten, gegen zwölf, stand Frau Schröder mit einer riesigen Tasche an der Tür. Dahinter Anja und die Zwillinge, wild und zerzaust.
Zeig mal, was du gekocht hast! Mutter ging in die Küche, sah den Tisch an. Das ist alles?
Drei Teller: Wurst, Gurken, undefinierbares Matschepamp.
Jakob, das meinst du ernst? Anja verzog das Gesicht. Wir waren die ganze Nacht unterwegs und dafür?
Ich hab mich bemüht, sagte er leise.
Frau Schröder öffnete den Kühlschrank.
Der ist ja leer! Kein Fleisch, kein Fisch. Jakob, warum lädst du uns ein, wenn du das nicht kannst?
Ich habe euch nicht eingeladen. Du hast gesagt, du kommst.
So ist das also! Mutter wird zur Last?
Die Zwillinge tobten durch die Wohnung, einer warf den Stuhl um, der andere verschüttete etwas auf das Sofa. Anja kümmerte sich nicht.
Anja, beruhig die Jungs bitte, bat Jakob.
Es sind Kinder, die müssen sich bewegen. Was, kann man Kinder nicht ertragen?
Etwas in Jakob brach. Er erinnerte sich, wie Greta fünfzehn Jahre lang für diese Kinder gewischt, gekocht, aufgeräumt, gelächelt hatte gezwungen. Und niemand niemand! hatte je Danke gesagt.
Mama, Anja, ich kann nicht mehr, er setzte sich auf einen Hocker. Ich kann nicht kochen. Ich bin fertig. Lasst uns etwas bestellen oder geht ins Restaurant.
Wie ins Restaurant? Mutter Schröder schlug die Hände zusammen.
Zu deinem Geburtstag? Das ist alles Gretas Schuld! Die hat dir das verwirrt.
Sie hat fünfzehn Jahre für euch alle gearbeitet! Seine Stimme wurde lauter. Habt ihr jemals geholfen? Jemals Danke gesagt?
Wir sind Gäste!
Ihr seid keine Gäste. Ihr seid Mitesser.
Mutter Schröder wurde blass. Griff ihre Tasche.
Anja, pack die Kinder. Wir fahren. Lass ihn mit seiner wertvollen Greta. Ich komme hier nicht mehr hin.
Anja warf ihm einen giftigen Blick zu.
Das bereust du, Jakob.
Die Tür schloss sich. Jakob blieb allein in der Küche. Er starrte auf die halb gegessene Wurst und begriff: die hatten nicht mal gratuliert. Kein Wort. Sie kamen nur für das Essen und gingen, als es nichts gab.
Am Abend, halb sieben, fuhr er raus aufs Land. Gretas Eltern lebten in einem alten Haus mit verbeulten Zaun und einer kleinen Veranda. Jakob hielt vor dem Tor, sah Licht aus den Fenstern. Ging und klopfte an.
Greta öffnete die Tür. Die Haare offen, alter Wollpullover, kein Make-up. Er hatte vergessen, wie sie war ganz natürlich.
Hallo.
Hallo.
Darf ich reinkommen?
Sie schaute lange, dann nickte sie. Jakob zog die Schuhe aus, trat ins Haus. Im Wohnzimmer lag David mit Tablet auf dem Sofa, in der Küche schnitt Gretas Mutter einen Salat.
Guten Abend, Jakob, sagte sie, ohne zu lächeln. Möchten Sie Tee?
Nein, danke.
Greta setzte sich aufs Fensterbrett, zog die Knie an.
Sind sie weg?
Weg. Streit und weg.
Ohne Glückwunsch?
Genau.
Pause. Greta sah hinaus, wo vor der Scheibe Schnee wirbelte.
Greta, es tut mir leid.
Sie antwortete nicht.
Ich habe das echt nicht verstanden. Dachte, das ist eben Familie so läuft das. Aber du hast Recht. Für sie war ich nicht wichtig. Es ging um deinen Tisch und deine Hände.
Nicht meine Hände. Mein Schweigen, sie drehte sich um. Sie waren es gewohnt, dass ich alles hinnehme. Und du auch.
Ich bin ein Idiot.
Hast du das erst jetzt kapiert?
Jakob setzte sich neben sie, ohne sie zu berühren.
Darf ich bleiben? Bis zum Jahreswechsel?
Greta sah ihn prüfend an.
Darfst du. Aber morgen schälst du die Kartoffeln und spülst allein ab.
Einverstanden.
Ein Monat später rief Frau Schröder an und wollte am Wochenende kommen, weil sie Sehnsucht hatte. Jakob antwortete ruhig:
Mama, wir sind im Kurhotel. Wenn du magst, komm vorbei, Schlüssel ist bei Frau Mayer. Kannst selbst kochen und aufräumen.
Was ist das denn!?
Das sind die neuen Regeln, Mama.
Sie legte auf. Jakob lächelte. Greta hob die Augenbrauen.
Meinst du, sie kapiert das?
Wenn nicht ihr Problem.
Frau Schröder meldete sich nie wieder mit Forderungen. Sie begriff: Die Zeiten sind vorbei. Regeln diktieren und Dienst verlangen geht nur, solange jemand schweigt. Wenn das Schweigen endet, endet die Macht.
Greta wurde keine Heldin. Sie hörte nur auf, zu ertragen. Und das hat gereicht, um alles zu verändern.




