Die Reise zur Kräuterfrau
Es ist schon viele Jahre her, doch ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen. Damals hielt ich, Annemarie, einen Schwangerschaftstest in meiner Hand, diese weiße Plastikschiene, auf der wie so oft nur ein roter Strich zu erkennen war. Einer, knallig rot, und wieder allein.
In meiner Verzweiflung wollte ich den Test mit Schwung in den Müll werfen, ließ aber im letzten Moment einfach die Hand sinken. Was hätte es gebracht? Es hätte nichts geändert. Wieder nicht schwanger.
Mein Mann Thomas und ich, wir waren gerade dreißig. Sechs Jahre verheiratet, seit vier davon versuchten wir voller Hoffnung, Eltern zu werden. Vergebens. Die Ärzte fanden keine Ursache, beide gesund, alles sei psychosomatisch, zu viel Stress, meinten sie. “Lassen Sie locker, daraus wird schon noch was,” sagten sie mit einem Lächeln, das alles aussagte wie leicht sie reden konnten.
Ich aber lebte in diesem Kreislauf aus Hoffnung und Enttäuschung, jeder Monat war zweigeteilt. Ich redete mir Symptome ein, führte penibel einen Zykluskalender, rechnete, organisierte, betete. Der Moment der Wahrheit dann ließ die Welt in grauen, sich immer trüber färbenden Tönen versinken.
Damals arbeitete ich in der Post, am Schalter. Die Arbeit war eintönig, aber meine Kolleginnen waren liebenswürdig. In der Mittagspause saßen wir im kleinen Pausenraum zusammen, neben uns der Duft nach Druckerschwärze und nach warmen Gerichten aus Tupperdosen.
An diesem Tag war ich mit Karin, einer jungen Praktikantin, und Frau Ilse Berger, schon über fünfzig und die unermüdliche Sammlerin von Hausmitteln. Sie befand sich im ewigen Selbstversuch gegen allerlei Frauenleiden, kochte regelmäßig Tee aus seltsamen Wurzeln und schwärmte von allerlei Wunderdoktoren auf dem Land.
“Ach, Annemarie,” begann Ilse, während sie ihre Frikadelle kaute, “du solltest mal nach Bad Windsheim fahren, da gibts eine Frau Resi, eine richtige Kräuterfrau! Neunzig Jahre alt, und doch funkelt ihr Blick so jung die sieht dich an und weiß, was dir fehlt!”
Ich stocherte lustlos in meinem Kartoffelsalat herum. Die Geschichten hatte ich schon oft gehört.
“Und was kann sie? Krankheiten wegzaubern?”, fragte Karin, ohne echtes Interesse.
“Krankheiten?”, tadelte Ilse, “die hat schon einer Bekannten von mir, der Heike Schulze, nach zwölf Jahren Kinderlosigkeit geholfen. Kliniken, Pillen, nichts half. Dann zu Frau Resi und ein halbes Jahr später war sie schwanger! Resi legt Kräuter auf oder murmelt was vor sich hin und siehe da, wie weggezaubert!”
Normalerweise hätte ich das alles ignoriert. Nur heute, nach dem erneuten Test, keimte ein schwacher Funken Hoffnung auf. “Warum eigentlich nicht? Vielleicht würde es doch helfen.”
“Und wiekommt man zu ihr?”, fragte ich, überrascht von meiner eigenen Frage.
Ilse blühte auf. “Da fährst du erst mit dem Bus bis zur Abzweigung Richtung Bad Windsheim. Von da an musst du zu Fuß weiter, drei, vier Kilometer durchs Dorf. Resi hat kein Telefon, du musst einfach hinfahren und warten, meistens ist viel los.”
Den Rest des Tages war ich wie benommen. Die Idee hielt sich fest. “ResiWunderBad Windsheim.”
***
Thomas kam spät heim, es war längst dunkel. Ich hörte den Schlüssel, seine schweren Schritte im Flur. Er trat in die Küche, müde von der Arbeit und doch wie immer in meinen Augen schön: groß, sportlich, ernst, der Ingenieur mit dem wachen Verstand, für den Zahlen und Pläne alles waren.
Ich liebte ihn seit dem ersten Tag in der Universitätsbibliothek, als er die Ruhe in Person mir den Band Hölderlin von ganz oben herunterreichte. Es folgten Spaziergänge im Regen, Küsse im Wohnheim-Flur, gemeinsames Kochen, an das keine TV-Show herankam. Er war mein Fels. Wir träumten von einer Familie, Kindern einem Jungen mit seinen Augen, einem Mädchen mit meinen Locken. Es schien so einfach, als würde das Glück wie ein Stundenplan funktionieren: kennenlernen, heiraten, bekommen.
Doch das Leben kam anders.
“Warum bist du so spät?”, fragte ich, den Eintopf aufwärmend.
“Projektstress. Dringende Abgabe,” kam es knapp. “Und du?”
Ich setzte mich, beobachtete ihn beim Essen. Mein Herz pochte.
“Thomas, glaubst du an Wunder?”
Er sah auf.
“An welche Wunder denn? Glaubst du, mein Chef überrascht mich mit einer Weihnachtsprämie?”, sagte er mit müdem Grinsen. “Ich glaube an Fakten.”
“Ich meinees gibt doch Menschen mit besonderen Gaben. Kräuterfrauen, Heiler”
Er legte die Gabel weg.
“Annemarie, was ist los? Hast du was Neues gelesen?”
“Nein. Ilse von der Post erzählt immer von so einer Frau auf dem Land. Die hat schon Frauen geholfen, die jahrelang kein Kind bekommen konnten.”
Thomas lachte leise.
“Das kann nicht dein Ernst sein. Du Germanistik-Studentin willst zu einer Dorfheilerin? Das ist doch Aberglaube”
“Aber den Leuten hilfts doch!”
“Die Leute glauben an Glückspfennige und Horoskope Du doch nicht. Uns fehlt nichts, Annemarie. Wir sollten entspannen.”
“Und wenn es kein Aberglaube ist?”, sagte ich leise. “Bitte, Thomas. Lass uns am Wochenende hinfahren nur einmal. Für mich.”
Er sah enttäuscht aus.
“Am Wochenende? Ich muss arbeiten. Und ehrlich Ich habe nicht gedacht, dass du dazu fähig bist. Es macht mich traurig.”
Er verließ die Küche, Geschirr zurücklassend.
Sein “Es macht mich traurig” ließ Bitterkeit in mir aufsteigen. Und meine Tränen? Mein ständiges Warten?
“Gut”, dachte ich mit ungewohnter Entschlossenheit. “Wenn du nicht mitfährst, fahre ich allein.”
*****
Samstagmorgen. Thomas verschanzte sich im Arbeitszimmer.
“Ich fahre zu meinen Eltern, Papa grillt heute”, log ich so überzeugend ich konnte.
Thomas nickte, ohne vom Bildschirm aufzublicken. “Fahr vorsichtig.”
Im Busbahnhof herrschte das übliche Treiben. “Einmal nach Bad Windsheim, bitte.” “Direkt fährt keiner, aber bis zur Kreuzung kannst du mit, dann zu Fuß, sind vier Kilometer. Ganz allein?”
Allein.
Ich kaufte das Ticket, fühlte mich mutig und verrückt zugleich. Der Bus roch nach Diesel. Ich setzte mich ans Fenster, die Tasche fest umklammert. Draußen verschwanden Nürnbergs graue Außenbezirke, dann Felder, dann weiter Himmel, schwer und bleiern.
“Was tue ich hier?”, dachte ich. “Ich fahre zu einer alten Frau im Nirgendwo.” Aber der Wunsch nach einem Kind, diese leere Stelle in meinem Leben, trieb mich weiter.
An der Kreuzung rief der Fahrer, ein stämmiger Mann: “Wer nach Bad Windsheim will aussteigen!”
Ich stand plötzlich mitten auf dem Feldweg, der Bus fuhr fort. Kälte und Wind umhüllten mich. Ich zog den Kragen hoch, stapfte durch den beginnenden Niesel, dann fielen schon erste Flocken. Die vier Kilometer fielen mir schwer, Schuhe und Finger waren bald klamm aber jetzt aufgeben, umkehren? Nein. Ich duldete es, getrieben von einer Pflicht gegenüber mir selbst.
Das Dorf lag verschlafen am Ende der Welt, zehn Häuser entlang einer schmalen Straße. Vor einem davon parkten zwei alte Opels und ein teurer SUV. Am Eingang warteten schon Frauen in Schals. Ich reihte mich ein, wartete in der Kälte länger als drei Stunden, zerfror beinahe.
Endlich durfte ich ins Haus, ein stabiles altes Fachwerk voller Kräuterduft und Wärme. Am Tisch saß eine kleine Frau mit gestrafften Schultern und leuchtenden, wachen Augen Resi.
“Setz dich, Kind”, sprach sie mit dunkler Stimme, “ich mach dir Kräutertee.”
Ich schlürfte gierig den herben, honigsüßen Trank, der mich wärmte.
“Was führt dich zu mir?”, fragte sie direkt.
“Ich wir können keine Kinder bekommen… Die Ärzte sagen, wir sind gesund.”
Resi musterte mich lange.
“Deinem Körper fehlt nichts, Kind. Du kannst gebären.”
Mein Herz sackte in die Hose. “Aber warum dann…”
“Der Herrgott gibt nicht immer gleich, was wir wollen. Vielleicht willst du etwas im Leben noch wieder gut machen. Eine große Verfehlung.”
“Was für eine Verfehlung?”, stammelte ich. Ich suchte nach Sünden, nach Fehlern, fand keine.
“Das musst du selbst erkennen. Wenn du es schaffst, kommt das Kind. Sonst nicht.”
Die Worte enttäuschten mich schmerzhaft. Allgemeine Floskeln, dachte ich, sie weiß auch keinen Rat. Wortlos warf ich ein paar Euro in ihre Blechdose.
“Danke”, murmelte ich.
Draußen war es dunkel, dichter Schnee fiel.
“Wie komme ich jetzt heim?”, fragte ich erschrocken.
Der letzte Bus war um sechs gegangen.
“Bleib über Nacht. Betten gibts.”
Der Gedanke, in diesem Haus zu bleiben, war mir unerträglich. Aber Thomas anrufen? Gestehen, dass ich ihn belogen hatte? Unmöglich.
“Ich bleibe, danke.”
Ich wurde in ein kleines Zimmer geführt, doch ich hielt es keine Minute dort aus. Ich zog leise meine Jacke an und schlich hinaus.
Im Schnee standen nur meine eigenen Spuren. Plötzlich tauchten Scheinwerfer auf, ein großer, schwarzer Wagen rollte langsam heran. Spontan trat ich auf den Weg, winkte.
Das Fenster öffnete sich.
“Brauchen Sie Hilfe?”, fragte eine Männerstimme.
Atemlos trat ich näher. “Fahren Sie nach Nürnberg? Könnten Sie mich mitnehmen?”
Der Fahrer, etwa in meinem Alter, musterte mich.
“Steigen Sie ein, ich fahre in die Stadt.”
Drinnen roch es angenehm nach Leder und Parfüm. Ich dachte kurz panisch an die Gefahr, allein bei einem Fremden im Auto, doch ich hatte keine Wahl.
Wir fuhren los.
“Waren Sie bei der Kräuterfrau?”, fragte er bald, um das Schweigen zu brechen.
“Nicht ganz, eigentlich war ich nur zu Besuch”, log ich. “Und Sie?”
“Ich habe meine Mutter besucht. Sie ist stur, will nicht umziehen, seit mein Vater tot ist, bleibt sie lieber im Dorf. Ich heiße übrigens Johannes.”
“Ich bin Annemarie.”
“Freut mich”, er lächelte.
Ich riskierte einen Blick. Dunkle Haare, ernstes Gesicht, freundliche, braune Augen.
“Danke, dass Sie angehalten haben. Ich wusste wirklich nicht weiter”
“Schon gut. Sie sehen aus, als könnten Sie Hilfe brauchen.”
Wir wurden vertrauter. “Und Sie, Familie?”, fragte ich.
Er schwieg kurz. “Ich war verheiratet. Sie wollte keine Kinder. Ich schon. Sie ist gegangen.”
Es war, als würde mir jemand ein Messer durchs Herz rammen. So sehr ich mich nach einem Kind sehnte, so wenig hatte seine Frau es gewollt.
“Das ist doch kein Ende Kinder sind ein Anfang”, sagte ich leise.
“Genau so sehe ich das auch”, sagte Johannes, und lächelte traurig.
Der Rest der Fahrt war angenehm, unser Gespräch floss leicht dahin. Als wir vor meinem Haus in Fürths Altbauviertel ankamen, bedankte ich mich herzlich.
“Gern geschehen”, antwortete er. “Passen Sie auf sich auf.”
Ich ging hinein. Es war kurz vor Mitternacht. Ich plante mir eine Ausrede für Thomas zusammen. Bei den Eltern hätte ich nicht schlafen können, das war meine Geschichte.
Im Treppenhaus brannte Licht. Ich steckte den Schlüssel in die Tür, trat ein und blieb wie angewurzelt stehen.
Vor mir standen fremde, elegante Damenstiefel aus feinstem Leder. Neben der bekannten Jacke von Thomas hing ein edler Damennerzmantel.
Mein Herz blieb stehen, in meinen Ohren rauschte es. Ich näherte mich langsam dem Schlafzimmer. Die Tür war einen Spalt offen. Stimmen, Lachen.
Ich öffnete abrupt. Nichts als ein billiges, schäbiges Drama: Thomas, in Unterhose, saß blass und erschrocken am Bettrand. Eine junge Frau, in ein Laken gewickelt, daneben. Ihre Bluse auf dem Boden verstreut.
Drei Blicke gefroren im Entsetzen. Dann begann das übliche Gewimmel und Gestottere.
“Annemarie?! Du warst doch” murmelte Thomas fassungslos.
“Ja, ich war ‘bei meinen Eltern’. Und du nutzt die Gelegenheit?”, meine Stimme war brüchig, doch voller Schärfe.
“Das ist ganz anders, als du denkst”, stotterte er und wollte mich greifen.
“Ach ja?! Während ich alles versuche, suchst du dir Ersatz?”
“Siesie ist eine Kollegin. Das ist einfach passiertnur einmal…”
“Einmal?” Ich warf sein Parfüm gegen die Wand. Glas splitterte, der Duft breitete sich aus. Die Frau verschwand, zog sich hastig an. Ich hielt es aber auch neben Thomas nicht mehr aus.
Ich rannte aus der Wohnung, die Treppe hinab in die Kälte. Schnee peitschte in mein Gesicht. Ich lief, ohne Richtung, hemmungslos weinend, das Bild des Verrats vor Augen.
Da hupte es leise. Der schwarze SUV rollte langsam heran, das Fenster ging runter.
“Frau Annemarie? Was ist passiert?”
Ich konnte nicht antworten. Johannes lief schnell um das Auto herum, reichte mir meine Handschuhe die ich tatsächlich im Auto vergessen hatte.
“Kommen Sie rein. Sie dürfen jetzt nicht allein sein.”
Ich stieg ein, mechanisch. Er fuhr mich fort von allem, was mein Leben gewesen war.
*****
Die nächsten Wochen vergingen im Nebel. Ich zog zu meinen Eltern. Thomas kam, bettelte, schob mir die Schuld zu, flehte um Vergebung.
“Annemarie, es war ein Ausrutscher! Du bist ja immer nur mit deinen Gedanken bei den Kinderplänen! Ich brauchte Zuneigung! Sie hat mich verführt ich liebe dich!”
Ich sah ihn ohne Gefühle an. “Das Einzige, was hier ein Fehler ist, ist unsere Ehe. Ich will die Scheidung.”
Er glaubte es erst nicht räumte aber nach und nach das Feld.
Währenddessen stieg Johannes zaghaft wieder in mein Leben. Nachrichten, ein Kaffee hier, ein Gespräch da. Kein Drängen, keine Forderung. In seiner Nähe heilte ich langsam, lachte wieder, spürte Wärme zurückkehren, wo lange Leere war.
Wir ließen uns Zeit, tasteten uns vor, vorsichtig wie Kinder. Mit Thomas war es ein ständiges Bemühen gewesen, bloß nicht zu versagen. Mit Johannes konnte ich einfach sein.
Die Scheidung war schwer, aber ich hielt durch. An dem Tag, an dem ich das Scheidungsurteil in Nürnberg abholte, wartete Johannes auf den Stufen des Standesamts.
“Na, jetzt bist du frei?”, grinste er.
“Frei”, nickte ich. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte ich mich erleichtert.
Wir feierten bei Spätzle und Wein. Kein großes Theater. Einfach so.
Ein paar Monate später, ich hatte gerade meine Tage ausnahmsweise nicht bekommen, machte ich wie früher einen Test und starrte darauf: zwei strahlend rote Streifen.
Ich konnte es kaum fassen, weinte vor Glück. Rief Johannes sofort an. Zwanzig Minuten später stand er vor der Tür.
“Ich bin schwanger.”, sagte ich schlicht.
Er hielt kurz inne. Dann strahlte er ein Lächeln, das ich nie vergessen werde, umarmte mich so fest, dass mir das Atmen schwerfiel.
“Siehst du, Annemarie? Es hat funktioniert. Einfach so. Nicht wegen Zauberei, nicht wegen Ärzten. Sondern, weil es endlich so sein sollte.”
“Ja,” murmelte ich und schmiegte mich an ihn.
“Willst du jetzt meine Frau werden?”, fragte er dann leise. “Unser Kind braucht doch einen Vater.”
Ich lachte und weinte, und nickte.
Abends, als wir nebeneinander lagen und ich meine Hand auf meinen Bauch legte, dachte ich wieder an Frau Resi in ihrem alten Bauernhaus. Ihren krächzenden Satz: “Du musst erst die große Fehler begreifen und wiedergutmachen.” Jetzt verstand ich. Der Fehler war nicht die Fahrt ins fränkische Hinterland, nicht die Suche bei ihr. Es war Thomas, es war meine Ehe, die nur noch ein leeres Gerüst war. Ich musste meine Vergangenheit loslassen, um meine Zukunft zu finden.
Ich drehte mich zu Johannes, der schon leicht schlief, und flüsterte leise, dass es nur ich hörte: “Danke.”
Vielleicht hörte er es nicht. Aber ich bin sicher er lächelte im Schlaf.




