Klara, ich muss mit dir sprechen.
Klara Hagemann stand am Herd und rührte in einem Topf Erbsensuppe. Die Stimme ihres Mannes hatte diesen besonderen Klang wie wenn auf der Arbeit etwas nicht klappte oder er zugeben musste, zu viel Geld ausgegeben zu haben. Ein wenig angespannt, ein wenig schuldbewusst, aber mit dem festen Willen, etwas Wichtiges zu sagen.
Dann sag schon, erwiderte sie, ohne sich umzudrehen. Sie achtete darauf, dass nichts anbrannte.
Ich gehe. Ich habe eine andere Frau.
Sie stellte den Kochlöffel auf den Halter. Drehte sich um. Werner stand im Türrahmen der Küche, im Sakko, obwohl er abends zu Hause nie Jackett trug. Sichtlich hatte er sich dafür zurechtgemacht, als gäbe das dem Ganzen eine offizielle Note.
Seit wann? fragte sie.
Acht Monate jetzt.
Verstehe.
Werner schien mit einer anderen Reaktion gerechnet zu haben. Mit Tränen, Vorwürfen, Fragen. Unsicher verlagerte er sein Gewicht.
Klara, ich will nicht, dass wir im Streit auseinandergehen. Du warst für mich immer… mein Rückhalt. Mein sicherer Rückhalt, das weiß ich zu schätzen.
Klara Hagemann sah ihn lange und aufmerksam an, so als hätte man einen fremden Gegenstand ins Haus getragen, dessen Sinn nicht ersichtlich war.
Rückhalt, wiederholte sie. Schön. Hast du Hunger?
Was?
Die Suppe ist fertig. Möchtest du Abendbrot oder nicht?
Werner geriet endgültig aus dem Konzept.
Nein, ich… nein. Klara, hast du verstanden, was ich gesagt habe?
Ja. Du gehst zu einer anderen. Acht Monate. Rückhalt. Alles klar. Du isst nicht. Gut.
Sie nahm einen Teller, schöpfte sich Suppe ein und setzte sich an den Tisch.
Werner blieb noch fünf Minuten stehen, dann verschwand er im Schlafzimmer, um seinen Koffer zu packen. Es raschelte, Schubläden wurden aufgezogen. Klara aß ihre Suppe. Sie war kräftig und würzig, so wie Werner sie mochte. Seit dreißig Jahren bereitete sie sie genauso zu.
Der Gedanke daran brachte ihr einen bitteren Nachgeschmack. Sie legte den Löffel hin, nahm ihn dann aber doch wieder zur Hand und aß auf.
***
Werner Hagemann war sechsundfünfzig, überzeugt, das Leben läge noch vor ihm. Mittelständischer Bauleiter, kräftig, achtete auf sich färbte sich diskret das Grau aus dem Haar, leugnete es jedoch sogar vor seiner Frau. Mit siebenundzwanzig hatte er Klara geheiratet, verbrachte achtundzwanzig Jahre mit ihr, sie zogen gemeinsam ihren Sohn Martin groß, der jetzt in München arbeitete und einmal die Woche anrief.
Alina Schmidt arbeitete im gleichen Büro als Sachbearbeiterin. Neunundzwanzig, schlank, lange dunkle Haare, und die Angewohnheit, bei allem zu sagen: Wow. Sie staunte oft: über gute Restaurants, übers Handy, oder wie Herr Hagemann mit einem Telefonat Probleme löste. Das schmeichelte.
Klara Hagemann, dreiundfünfzig, war die leitende Buchhalterin im städtischen Krankenhaus. Klein, dunkle Haare, erste silberne Fäden an den Schläfen, die sie nicht verbarg. Rechnete schneller als jeder Taschenrechner, las jeden Monat drei Romane und kochte laut Nachbarn die beste Suppe im Viertel. Achtundzwanzig Jahre führte sie Haushalt und Familie, arbeitete ganztags, erwartete nie eine Medaille dafür, denn das war für sie schlicht das Leben.
Sie wohnten in Weidenau, einer typisch deutschen Mittelstadt: Man kennt sich im eigenen Quartier, es gibt ein ordentliches Einkaufszentrum und einige Lokale, in denen man abends unbesorgt essen kann. Ihre Wohnung drei Zimmer, vierter Stock im Altbau war gemütlich, praktisch, mit Vorhängen, die Klara vor acht Jahren selbst genäht hatte, als sie nichts Passendes im Möbelhaus fand.
Nachdem Werner gegangen war, saß sie noch eine Weile in der Küche. Draußen nieselte der Oktoberregen. Schließlich räumte sie ab, spülte das Geschirr und ging schlafen.
Die ersten Tage dachte sie kaum über das Geschehene nach. Arbeit, Berichte, auf die besorgte Frage der Kolleginnen ein: Alles gut, so überzeugend, dass keiner nachfragte. Abends saß sie allein in der Wohnung, die plötzlich sehr still war, und blickte ins Leere. Sie weinte nicht. In ihr war nur Taubheit, wie nach einem schweren Stoß, wenn Schmerz erst mit Verspätung einsetzt.
Am vierten Tag rief ihre Freundin Gertrud an.
Klara, ich habe es gehört. Stimmt das?
Stimmt.
Mein Gott. Wie gehts dir?
Geht schon.
Sag nicht geht schon. Wir kennen uns dreißig Jahre. Wie ist es wirklich?
Klara schwieg kurz.
Gerti, weißt du, was das Seltsame ist? Ich habe heute gemerkt, dass ich längst nicht mehr weiß, was er denkt. Wir lebten zusammen, aber ich wusste es nicht. Das ist vielleicht das Schlimmste.
Gertrud schwieg eine Weile, dann vorsichtig:
Vielleicht solltest du mit ihm reden? Vielleicht lässt sich doch noch…
Nein, sagte Klara ruhig. Das wäre nicht nötig. Ich denke nur laut nach.
Sie verschwieg Gertrud, dass das erste Gefühl, das sie nach Werners Geständnis empfand, nicht Schmerz war sondern so etwas wie Erleichterung. Als hätte sie eine schwere Tasche ewig getragen und sie jetzt endlich abgeben dürfen. Das einzugestehen, war ihr selbst peinlich.
Am fünften Tag nahm sie das große Hochzeitsfoto von der Wohnzimmerwand. Werner im dunklen Anzug, sie im weißen Kleid, beide jung und strahlend. Sie stellte es in den Abstellraum, warf es nicht weg, schlug es nicht entzwei. Nahm es einfach weg.
An der Wand blieb ein heller Fleck.
Sie betrachtete den Fleck lange. Dann griff sie zum Telefon und rief das Möbelhaus Schöner Wohnen an.
***
So viel sie konnte, erledigte sie den anstehenden Renovierungsarbeiten selbst. Was nicht ging, ließ sie machen. Sie tapezierte das Wohnzimmer neu, hell cremefarben statt des alten Streifenmusters. Sie kaufte vorgefertigte Vorhänge mit großem Blattmuster etwas, das Werner nie gutgeheißen hätte, er mochte es schlicht. Sie stellte die Möbel so, wie es ihr gefiel, nicht mehr wie damals gemeinsam beschlossen. Das Sofa rückte sie ans Fenster.
Martin rief nach zwei Wochen an, vermutlich hatte sein Vater schon alles erzählt.
Mama, wie gehts dir?
Gut, Martin. Ich mache Renovierung.
Renovierung? Damit hatte er nicht gerechnet.
Das Wohnzimmer ist schon fertig. Ich will noch das Schlafzimmer machen.
Mama… bist du sicher, dass du das alleine schaffst?
Ganz sicher, mein Junge. Bist du mit Papa noch im Kontakt?
Martin zögerte.
Ja.
Das ist gut. Er ist dein Vater, bleib bei ihm in Verbindung, das ist wichtig. Kommst du zu Weihnachten?
Natürlich! Mama, bist du sicher, dass dir das Alleinsein nichts ausmacht?
Sie blickte in das erneuerte, helle Wohnzimmer, auf die neuen Vorhänge, das Sofa am Fenster.
Weißt du, sagte sie ehrlich, es fällt mir überraschend leicht. Ich staune selbst darüber.
Martin versuchte noch ein wenig das Gespräch darauf zu bringen, ließ es dann aber dabei bewenden. Er war ein guter Junge, aber wie Kinder älterer Eltern hoffte er insgeheim, dass die Erwachsenen schon allein zurechtkommen würden.
Im November suchte Klara ihre Winterkleidung im oberen Schrank und fand einen großen Karton. Vor 15 Jahren hatte sie alles, was mit Stricken zu tun hatte, verstaut: Häkelnadeln, Stricknadeln, Wollreste, angefangene Stücke. Damals hatte Werner gesagt, ihn nerve das Wollgewusel überall sie packte es einfach stumm weg.
Sie schleppte die Kiste ins Wohnzimmer und sah lange hinein.
Dann nahm sie die Nadeln, setzte sich aufs Sofa am Fenster. Draußen fiel der erste Schnee sanft, verspielt, fast wie geliehene Kindheit.
Die Finger fanden bald ihren alten Rhythmus.
***
Im Dezember bemerkte ihre Kollegin, Frau Baumann aus der Abrechnung, den handgestrickten Schal um Klaras Hals.
Hast du den selber gemacht? Wunderschön!
Ja. Fange langsam wieder an, die Finger brauchen Übung.
Klara, würdest du nicht für mich Ich zahle dir natürlich was dafür.
Ach was, musst du nicht.
Doch, ich besorge die Wolle, du bekommst, was du willst. Ich wünsch mir so eine Mütze, mit Umschlag
So kam es zum ersten Auftrag wie so oft bei Dingen, die einem später wichtiger werden, als man denkt.
Im Dezember und Januar strickte sie acht Teile: drei Mützen, zwei Schals, ein Paar Handschuhe und zwei Pullover. Sie nahm nur einen kleinen Betrag, eigentlich Symbolgeld, aber es war ihr eigenes Geld zuzüglich zum Gehalt, mit den eigenen Händen verdient, dazu das stille Glück, das sie abends auf dem Sofa am Fenster empfand.
Als Gertrud zum Tee kam, betrachtete sie das renovierte Wohnzimmer, strich über die neuen Vorhänge und musterte die Wollkiste im Regal.
Du bist wie ausgewechselt, meinte sie.
Inwiefern?
Du strahlst so eine Ruhe aus. Ich hatte Angst, du fällst in ein Loch, aber du
Bin ich nicht, nickte Klara. Wahrscheinlich, weil ich beschäftigt war.
Ruft Werner dich an?
Einmal, im November. Er wollte wissen, wo die Fahrzeugpapiere sind. Ich habe es ihm erklärt. Danach nichts mehr.
Ach, nur wegen der Papiere, schnaubte Gertrud.
Nur deswegen.
Sie schwiegen eine Weile. Gertrud schloss die Hände um die Tasse, wie immer, wenn sie nachdachte.
Hass? Spürst du Hass?
Klara dachte ehrlich nach.
Nein. Das ist das Seltsame. Ich war verletzt, jetzt ist es weniger. Hass? Nein. Er ist einfach ein Mensch, der das getan hat, was er getan hat. Jetzt hat er sein Leben, ich meines.
Wie überlebt man den Ehebruch des Mannes, ohne verrückt zu werden?, Gertrud grinste. Das wäre doch ein gutes Buch.
Vielleicht schreibe ich noch eins, lachte Klara.
Es war das erste Mal seit Monaten, dass sie wieder von Herzen lachte.
***
Alina war eine Frau mit vielen Qualitäten, aber Hauswirtschaft gehörte nicht dazu.
Werner merkte das erst nach einiger Zeit. Anfangs war alles schön: Restaurants, Wochenendtrips, das Gefühl, wieder jung zu sein. Alinas Bewunderung tat ihm gut. Sie sagte oft, er sehe so jugendlich aus, und er genoss das.
Doch als sie zusammenzogen, zeigte sich bald: Alina kochte nie. Nicht zu schlecht sondern gar nicht. Es gäbe doch Cafés und Lieferdienste, meinte sie. Das war teuer und auf Dauer unbefriedigend.
Haushalt mochte sie auch nicht. Ihre Sachen lagen überall: auf Stühlen, am Boden, im Bad. Das war kein Dreck, sondern ihr Stil. Werner, der immer an Ordnung gewöhnt war, wurde unruhig.
Außerdem konnte Alina mit Geld nicht umgehen: Sie zahlte Miete zu spät, sparte nicht. Werner erklärte es, Alina nickte änderte aber nichts.
Dazu kamen Alinas Freundinnen, die gerne lange blieben, lachten, Wein tranken, Gläser stehen ließen. Werner hörte sie abends im Nebenzimmer und empfand den Lärm zunehmend als Fremdkörper.
Im Februar rief er Klara an.
Wie gehts dir?
Gut, Werner.
Bist du böse, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe?
Nein.
Kurze Stille.
Sag mal, weißt du noch, wo die Kühlschrank-Garantie ist? Ich muss den Service anrufen.
In der grünen Mappe, drittes Regal im Abstellraum.
Du hast die Mappe nicht woandershin getan?
Nein, ich habe von deinen Sachen nichts angefasst.
Okay, danke.
Sie legte auf, saß noch kurz am Fenster. Der Schnee taute, auf den Garagendächern wurden die ersten schwarzen Flecken sichtbar. Bald kam der Frühling.
Sie nahm die Nadeln. Ein neuer Pullover weich, blau-grau, für sich selbst.
***
Im März wurde die Stelle des Finanzleiters im Krankenhaus frei Herr Schröder, der in Rente ging, löste die Besetzung aus. Die Chefärztin rief Klara zu sich.
Frau Hagemann, direkt gesagt: Sie hätten sich längst bewerben können. Warum nicht früher?
Klara überlegte.
Wohl aus Rücksicht auf die Familie. Ich wollte nie mehr Belastung als nötig.
Und jetzt?
Jetzt sind die Umstände andere.
Wir haben es gehört. Mein Beileid.
Bitte nicht. Sagen Sie mir lieber, was für den Posten nötig ist.
Die Chefärztin lächelte.
Sie wissen das schon besser als ich. Schicken Sie mir die Bewerbung?
Gleich heute.
Klara erledigte das sofort. Sie ging zu Fuß nach Hause, obwohl der Bus parat stand. Sie wollte laufen. Märzluft duftete nach Regen, Erde und irgendwie neuem Leben. Sie bemerkte, wie sie lange nicht mehr solche Kleinigkeiten wahrgenommen hatte: den Geruch, die Pfützen, die feuchten, prallen Äste.
Sie dachte: Das Leben geht weiter. Banal, aber wahr.
***
Im April tauchte Werner auf ohne Ankündigung, einfach vor der Tür.
Sie öffnete. Er stand im Treppenhaus, die Jacke, die sie vor drei Jahren gekauft hatte, schien ihm plötzlich zu groß, die Augen müde.
Darf ich reinkommen?
Warum?
Werner blickte zu Boden.
Klara, ich muss reden.
Sie trat zur Seite. Werner musterte das neue Wohnzimmer, die hellen Wände, die anderen Vorhänge, die umgestellten Möbel.
Du hast renoviert.
Ja.
Ist schön geworden.
Sie antwortete nicht, ging in die Küche und stellte Tee auf. Eine gewohnte Handbewegung.
Werner setzte sich. Sie betrachtete ihn. Er schien ihr anders, nicht besser oder schlechter, einfach anders wie ein bekannter Ort nach Jahren.
Wie gehts? fragte er.
Gut. Ich wurde befördert.
Wirklich? Glückwunsch. Das hast du verdient.
Das habe ich, ja.
Er spürte den Ton.
Klara…
Werner, red offen. Was ist los?
Er rieb sich die Stirn. Typische Geste, wenn ihm die Worte fehlten.
Zwischen mir und Alina… es läuft nicht. Nicht schlimm, aber auch nicht wirklich gut. Sie ist anders als gedacht.
Das passiert.
Ich dachte… er zögerte und brachte doch heraus: …dass ich zurückkönnte. Du hast mich immer verstanden. Du konntest das.
Klara goss Tee ein, stellte eine Tasse vor ihn, setzte sich auf die Stuhlkante.
Ich konnte es achtundzwanzig Jahre lang. Solange du da warst, hast du es kaum bemerkt.
Doch, ich habs bemerkt.
Nicht wirklich. Sonst würdest du mich nicht Rückhalt nennen.
Schweigen.
Das sollte nicht verletzen. Rückhalt ist wichtig.
Rückhalt heißt, du stehst hinten. Die anderen gehen vor, du kümmerst dich um den Rest.
Klara…
Es ist gut, Werner. Ich erkläre dir nur, warum es nicht mehr so wird wie früher.
Ich will zurück.
Ich höre dich.
Und du kannst… nein?
Sie sah ihn an das vertraute Gesicht, in dem jetzt Unsicherheit stand. Offenbar hatte er geweint, gehofft auf Mitleid, Vorwürfe, vielleicht Vergebung. Denn sie konnte das. Sie war ja Rückhalt.
Nein, einfach nein.
Wieso?
Weil ich nicht will.
Er verstand das nicht. Überhaupt nicht.
Aber… du bist doch allein.
Ja. Und es tut gut.
Klara, niemandem tut es ganz alleine gut.
Sie nahm ihre Tasse. Sah ihn ruhig an.
Weißt du, was ich diesen Winter gelernt habe? Ich dachte, ohne dich wird alles leer. Das machte mir Angst. Aber weißt du was? Ohne dich ist viel Platz für mich.
Werner schwieg.
Du bist wahrscheinlich ein guter Mensch, sagte sie, wertneutral. Aber du dachtest, ich bleibe immer Rückhalt. Ich bin aber gegangen.
Was mache ich jetzt? Er klang plötzlich wie ein Kind. Fast tat er ihr leid. Fast.
Das musst du selbst herausfinden.
Er trank aus, blieb noch, stand dann auf.
Reichts zur Scheidung?
Ja. Ich habe mich schon beraten. Dauert nicht mehr lange.
Er nickte, zog die Jacke an.
Na dann… tschüss.
An der Tür drehte er sich um.
Du bist ganz anders geworden.
Nein. Ich bin immer dieselbe. Du hast nur nie richtig hingeschaut.
Die Tür fiel ins Schloss.
Klara blieb noch einen Moment sitzen. Draußen normales Apriltreiben in Weidenau: Autos, lachende Stimmen. Ein gewöhnlicher Abend.
Sie räumte ab, öffnete das Fenster. Der Wind strich durch den Raum, roch nach Erde und Kastanienknospen.
***
Herrn Siebert begegnete sie das erste Mal bei der Eigentümerversammlung. Er war im Winter eingezogen, Sechster Stock, nachdem er sein Haus im Grünen verkauft hatte. Die Kinder wohnten längst in Frankfurt und Düsseldorf, fürs Haus war er zu allein. Achtundfünfzig, klein, drahtig, weißgraues, kurz geschnittenes Haar und ruhige graue Augen. Brückenbauingenieur. Drei Jahre verwitwet.
Er sprach ruhig und sachlich über ein Wasserleck im Treppenhaus, erklärte ohne Aufregung und Gedöns, was zu tun wäre. Die Hausverwaltung hörte ihm zu.
Klara bemerkte ihn, weil er ausstrahlte, niemandem etwas beweisen zu müssen.
Man lernte sich zufällig im Fahrstuhl kennen, Anfang Mai. Sie schleppte eine große Markttasche voller Wolle, sie klemmte in der Tür.
Darf ich tragen helfen? bot er an.
Geht schon, danke.
Ich merke, dass Sie klarkommen. Es ginge nur leichter.
Sie lachte und reichte ihm die Tasche.
Sie kamen ins Gespräch, bis zur Wohnungstür.
Stricken Sie? fragte er, auf die Tasche zeigend.
Ja. Finden Sie das lustig?
Warum? Ich finds gut. Von meiner Frau habe ich noch mehrere Wollpakete. Wollen Sie?
Sie nahm sie. Qualitativ feine Merinowolle, ordentlich gewickelt.
Sie unterhielten sich öfter im Treppenhaus. Er kam mal auf einen Tee. Sie sprachen über die Stadt, Berufliches, Bücher. Er las viel, sagte nie, was besser sei, sondern hörte zu und konnte schweigen, wenn sie dachte.
Im Juni strickte sie ihm einen Schal. Aus seiner Merinowolle. Grau.
Wofür? Es ist doch Sommer!
Bis Herbst ist er fertig. Und ich wollte die Wolle ausprobieren.
Und? Taugt sie?
Sehr gut.
Er nahm den Schal ohne großes Tamtam, einfach dankbar. Das war ihr lieb.
***
Im Juli leitete sie die Scheidung ein. Werner widersprach nicht. Sie trafen sich beim Notar, unterschrieben. Er sah müde und verloren aus. Sie war in einem hellen Sommerkleid, ihr erstes neues, farbenfrohes seit Jahren.
Wie gehts dir? fragte er im Anschluss.
Gut, sagte sie ehrlich.
Alina ist zurück zu ihrer Mutter nach Leipzig gezogen.
Aha.
Ich bin jetzt allein.
Sie betrachtete ihn. Nicht mitleidig, nicht höhnisch. Einfach so.
Du schaffst das. Du musst halt selbst lernen das kann man mit etwas Mühe.
Sie gingen getrennte Wege.
Sie schlenderte zum Wochenmarkt, kaufte ein halbes Kilo Kirschen, stand draußen im Sonnenschein, aß sie direkt aus dem Beutel. Die Kirschen schmeckten herrlich.
***
Anfang August lud Herr Siebert sie ins Kino ein ganz ohne Umstände.
Es läuft ein guter Film. Kommen Sie mit?
Ja, gern.
Sie sahen eine alte deutsche Komödie im Freiluftkino im Stadtpark. Sie saßen auf Holzbänken, umringt von Familien und Senioren. Sie lachten an denselben Stellen.
Beim Heimgehen erzählte Klara von ihrem Strickgeschäft, das aus Zufall entstanden war. Er hörte zu.
Machen Sie weiter, sagte er. Es ist schön, so ein Handwerk mit Herz. Das ist selten geworden.
Das sagen Sie auch über Ihren Schal?
Den insbesondere. Der ist wirklich gut.
Nach einer Weile sagte er:
Ich habe es nicht eilig. Sie auch nicht, nehme ich an?
Nein.
Dann passt alles.
Sie fragte nicht, was er meinte. Sie wusste es.
***
Im September überraschte Gertrud sie beim Stricken am Fenster. In der Wohnung roch es nach Kaffee, mehrfach blaue Wollknäuel lagen auf dem Tisch, das Notebook war auf die Bestellseite geöffnet, die über Sommer erstaunliche Nachfrage erlebt hatte.
Du hast einen Internetshop? staunte Gertrud.
Die Nachbarstochter hat mir geholfen. Da stehen Fotos und Preise. Bald dreiundzwanzig Aufträge erledigt.
Wirklich?
Ja. Kleines Extra-Geld, aber meins. Und es macht Freude.
Gertrud schüttelte den Kopf.
Wer hätte das vor einem Jahr gedacht…
Niemand. Ich am wenigsten.
Und der Siebert… Sie grinste wissend.
Was ist mit ihm?
Nichts. Aber wenn du von ihm redest, guckst du ganz anders.
Klara schwieg. Dann, die Augen auf die Stricknadeln gerichtet:
Es ist friedlich mit ihm. Einfach friedlich. Ich wüsste nicht, wie ich’s besser sagen soll.
Musst du auch gar nicht, sagte Gertrud. Ich versteh’s schon.
Sie tranken Kaffee, sprachen über alles Mögliche über Gertruds Enkel, den neuen Anstrich in der Klinik gegenüber, und dass im Schöner Wohnen bald Herbstrabatt sei. Ein ganz normales Gespräch zweier Freundinnen bei Kaffee an einem Septembertag.
Draußen lebte Weidenau sein Leben. Die Kastanien wurden gelb. Unten führte jemand seinen Hund aus. Ein Junge radelte konzentriert, mit Blick auf den Boden.
Klara griff zum nächsten Knäuel, suchte das Fadenende. Neuer Auftrag, Zopfmuster-Mütze, Abgabe in zwei Wochen. Sie würde es locker schaffen.
Die Finger bewegten sich geübt, die Nadeln klapperten beruhigend. Draußen fiel der erste Herbstregen, Blätter glänzten an den Bäumen, voller Leben.
*
Jetzt, am Ende dieses Sommers, weiß ich: Manchmal beginnt das eigene Leben erst, wenn etwas zu Ende geht. Ich habe den Platz für mich entdeckt, von dem ich nicht wusste, dass er existiert. Allein heißt nicht einsam. Ich habe gelernt, mir selbst genug zu sein.





