Liebe am Abgrund
Lina beugte sich vorsichtig zu ihrer Freundin und fragte flüsternd:
Hast du schon gehört, was man über Svenja erzählt?
Sie sprach so leise wie möglich, um nicht von der Dozentin bemerkt zu werden. Die Vorlesung hatte gerade erst begonnen, aber die Neuigkeit, die Lina aufgeschnappt hatte, ließ ihr keine Ruhe es war kaum auszuhalten, bis zum Ende der Stunde zu warten. Nervös spielte sie mit dem Ärmel ihres Pullis, ihre Augen glänzten vor Aufregung sie brannte darauf, das Gehörte weiterzuerzählen.
Johanna, weiterhin in ihre Notizen vertieft, antwortete knapp:
Nee.
Dann, etwas lauter, immer noch auf ihre Aufzeichnungen blickend:
Was hat sie denn schon wieder angestellt? Ist sie etwa nachts zu Simon in die Wohnung eingestiegen und er hat diesmal wirklich die Polizei gerufen?
Lina kicherte leise, fing aber sofort den strengen Blick der Dozentin auf. Die hatte ihr Gespräch offensichtlich bemerkt. Lina setzte sofort eine entschuldigende Miene auf, schnappte sich den Kugelschreiber und begann eilig, Neues von der Tafel mitzuschreiben zwar mehr zum Schein, als dass sie verstand, was sie da notierte.
Als die Dozentin den Blick abwandte und sich anderen Studierenden zuwandte, drehte sich Lina schnell wieder zu Johanna. Ihr Flüstern wurde noch verschwörerischer:
Sie wurde in die Klinik gebracht. Du weißt schon, welche Art Klinik, nehme ich an.
Johanna seufzte. Ihr Ton war nicht spöttisch, sondern traurig, beinahe erschöpft als hätte sie solche Geschichten schon oft gehört und könne sich kaum noch wundern. Sie schüttelte leicht den Kopf, als würde sie innerlich zusammenfassen, was schon längst klar war, und flüsterte leise:
War zu erwarten.
Ist das alles, was du zu sagen hast? zischte Lina empört und rückte näher zu Johanna. Aufrichtiges Unverständnis klang in ihrer Stimme. Interessiert dich das gar nicht?
David! rief die Dozentin scharf und durchdringend und sah streng über den Brillenrand hinweg zu Lina. Dich werde ich dazu im Examen auf jeden Fall befragen! Du störst den Unterricht und lenkst auch noch andere ab!
Entschuldigung, ich passe ab sofort auf! antwortete Lina sofort mit gespieltem Eifer und beugte sich über die Hefte. Ihre Hand kritzelte ein paar Zeilen, aber ihr Kopf war bereits wieder ganz woanders.
Als die Dozentin sich erneut abwandte und zur Tafel schaute, konnte Lina nicht widerstehen: Sie suchte wieder Johannas Blick. Sie musste das einfach erzählen sie hatte das Gespräch zweier älterer Damen im Hausflur belauscht. Die Geschichte war so faszinierend, dass Lina sie am liebsten jedem erzählt hätte. Doch Johanna schien seltsam unbeteiligt. War ihr das alles wirklich egal? In Lina stieg leiser Ärger auf. Konnte ihre Freundin wirklich so gleichgültig sein?
Kaum ertönte das Pausenklingeln, erwachte Lina und begann aufgeregt zu erzählen, noch bevor andere aufbrechen konnten:
Also, pass auf, begann sie und beugte sich vor, Svenja…
Halt, stopp! unterbrach sie Johanna streng. Sie knallte ihr Heft zu, stopfte den Kugelschreiber in die Tasche und stand auf, bereit zu gehen. Ihre Stimme klang ungewohnt fest und gereizt, fast so, als hätte sich etwas lange aufgestaut. Es ist mir wirklich egal, was mit Svenja passiert ist. Dass sie in die Klinik musste, war längst überfällig! Ich habe es ihr oft genug geraten! Jetzt bekommt sie endlich Hilfe.
Lina verzog das Gesicht, innerlich beleidigt. Einen Moment blieb sie sitzen, dann presste sie die Lippen zusammen und wandte sich ab. Na schön, dachte sie, wenn Johanna so ist, dann findet sie schon jemanden, der zuhören will.
Ihr Blick fiel auf Lisa, die nicht weit entfernt saß. Lisa war bekannt dafür, allen Klatsch mit Begeisterung anzuhören sie war die perfekte Zuhörerin. Entschlossen ging Lina zu ihr und überlegte schon, wie sie die Geschichte so spannend wie möglich erzählen könnte. Hauptsache, sie sprach laut genug, damit noch mehr Leute mithörten der eine oder andere würde sich bestimmt anschließen…
Währenddessen stand Johanna schweigend am Fenster und dachte an Svenja. Inmitten der munteren Gruppe, die mit Begeisterung über fremde Probleme redete, fühlte Johanna echtes Mitgefühl für Svenja. In ihren Gedanken kreisten nur die Fragen: Wo war eigentlich Svenjas Familie? Wieso hatte niemand bemerkt, dass sie Hilfe brauchte? Nicht nur, dass niemand etwas tat manchmal hatte es fast so gewirkt, als hätten Freunde und Familie ihr Problem noch verstärkt, sich über ihre Schwärmerei lustig gemacht oder sie ganz banal abgetan. Johannas Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen: Sie empfand ehrlich Mitleid mit dieser Frau, die sich in ihren Träumen und Wünschen selbst verloren hatte…
*************
Am Anfang war alles ziemlich harmlos. Es begann auf einer Studentenparty: Dort lernte Svenja einen jungen Mann kennen, der ihr sofort gefiel. Eigentlich nichts Ungewöhnliches Simon fiel tatsächlich auf. Er war gut aussehend, lächelte offen und hatte einen freundlichen, lockeren Charakter. Er konnte mit allen reden, war hilfsbereit und beliebt.
Simon machte jedoch von Anfang an klar, dass er nicht interessiert war er hatte schon seit Längerem eine feste Freundin, fast verlobt, und für ihn kam niemand anderes infrage.
Doch genau das machte Svenja erst recht neugierig. Anstatt sich abzufinden und loszulassen, verkündete sie lautstark und vor allen, dass Simon schon bald mit seiner Freundin Schluss machen und ausschließlich ihr gehören würde. Die Freundinnen lachten darüber, rissen ein paar Scherze und vergaßen das Ganze bald wieder. Nur Svenja vergaß es nicht. Sie sah es als Herausforderung und wollte beweisen, dass sie Recht hatte.
Anfangs ging es ihr vor allem um ihren Stolz es kränkte sie, dass sie nicht sofort im Mittelpunkt stand. Wie kann er mich ausgerechnet mich einfach ignorieren?, dachte sie. Doch bald verwandelte sich der Ehrgeiz in echte Gefühle. Das, was als egoistisches Spiel begann, wurde zu einer ernsten Verliebtheit. Immer öfter dachte sie an Simon, suchte seine Nähe, wollte dort sein, wo er war. Langsam übernahm Simon immer mehr Platz in ihren Gedanken und im Alltag, andere Interessen gerieten in den Hintergrund.
Zunächst wirkte das alles eher süß und ein bisschen rührend. Svenja bemühte sich, Simons Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen auf eine kindliche, harmlose Art: Mal ließ sie kleine Zettel in seinem Spind mit freundlichen Grüßen, mal schickte sie ihm über Freunde Schokolade oder Kekse, mal lächelte sie einfach nur breit, wenn sie sich zufällig begegneten. Simon war anfangs geschmeichelt, vielleicht etwas verlegen, aber nahm es mit Humor, auch wenn er Svens Gefühle nicht erwiderte.
Doch nach und nach wurde Svenjas Verhalten auffällig. Ihr Interesse war nicht mehr harmlos. Sie begann, sich auffällig für Simons Stundenplan zu interessieren: Sie fragte Kommilitonen über seine Kurse aus, las in Chatgruppen nach, wann und wo Simon Unterricht hatte. Bald wartete sie regelmäßig vor seinem Seminarraum, angeblich zufällig, kurz bevor der Unterricht vorbei war. Dann folgten dutzende Nachrichten pro Tag über WhatsApp oder Instagram zuerst ganz beiläufig, dann schon viel zu ausführlich: Wie geht’s dir?, Was machst du gerade?, Hast du den Test bestanden?. Später schrieb sie lange Monologe darüber, was sie gemeinsam unternehmen könnten, welche Filme sie sehen oder wohin sie ausgehen sollte.
Simon, der anfangs nur Unbehagen spürte, wurde immer nervöser. Es war das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden, ständig auf dem Präsentierteller zu stehen. Noch mehr verunsicherte ihn, wie Svenja immer wieder an Orten auftauchte, an denen sie eigentlich nichts verlor, oder wie sie minutenschnell auf seine Nachrichten antwortete. Er wollte ehrlich sein, aber gleichzeitig niemanden vor den Kopf stoßen. Doch dieses Interesse begann, ihn zu ängstigen.
Eines Morgens fand Simon vor seiner Wohnungstür einen riesigen Plüschbären und einen Umschlag. Er erstarrte einen Moment, hob die Sachen auf und ging wieder hinein. Im Kuvert lag ein Zettel, ordentlich und mit klarer Handschrift:
Ich weiß, dass du es noch nicht zugeben willst, aber du liebst mich längst. Gib dir nur Zeit. Ich bleibe an deiner Seite.
Simon hielt den Zettel in der Hand und spürte, wie sich ein kalter Schauer seinen Rücken hinunterzog. Er hatte noch nie seine Adresse an Svenja oder sonst jemanden aus dem Unikreis gegeben. Sich suchend umblickend, als könnte sie jede Minute um die Ecke kommen, wandte er sich mit innerem Zittern ab. Die Situation war nicht mehr harmlos, sondern beunruhigend. Simon atmete tief durch und überlegte, wie er Grenzen setzen sollte, ohne sie noch mehr zu verletzen.
Beim nächsten Mal wartete Svenja am Fitnessstudio, in dem Simon nach der Uni trainierte. Sie stand vorm Eingang, in einem engen Sportoutfit, mit strahlendem Lächeln, ihre Haare sorgfältig zum Zopf gebunden, das Gesicht dezent geschminkt, als bereite sie sich auf einen besonderen Anlass vor. In ihren Augen lag übertriebener Eifer, das Lächeln wirkte angestrengt, beinahe aufgesetzt.
Simon entdeckte sie sofort, als er herauskam. Er seufzte innerlich: Sie schon wieder. Kaum war er in ihrer Nähe, erklärte Svenja überschwänglich:
Ich habe beschlossen, mit dem Training zu beginnen! Ich dachte, wir könnten zusammen trainieren! Stell dir vor, wie toll das wäre gemeinsame Hobbys, zusammen joggen, vielleicht mal bei einem Event mitmachen…
Sie redete unbeirrbar weiter, ihre Stimme vibrierte vor Begeisterung, als hätte sie ihr gemeinsames Leben schon längst geplant.
Simon hielt inne, bemühte sich ruhig zu bleiben, obwohl er gerade ärgerlich wurde:
Svenja, ich trainiere mit meinem Coach, antwortete er, ihr direkt in die Augen blickend. Wir sind auf ganz unterschiedlichem Level, du würdest mein Training nicht durchhalten. Und ehrlich gesagt, will ich auch niemanden dabei haben, der mich ablenkt.
Macht doch nichts, dann warte ich eben auf dich! sagte Svenja sorglos und winkte ab, als wären seine Worte nebensächlich. In ihren Augen blitzte für einen Moment etwas Hartnäckiges auf als hätte sie alles längst entschieden. Ich kann ja zur selben Zeit immer kommen. Danach könnten wir ja noch einen Kaffee trinken, ein bisschen reden…
Simon spürte, wie sich das Unbehagen in ihm steigerte. Damit war er an einem Punkt, an dem nur noch deutliche Worte halfen. Zum ersten Mal sprach er ungewöhnlich scharf:
Nein, Svenja. Da gibt’s kein danach. Und auch kein gemeinsames Training. Bitte, lass mich in Ruhe. Das reicht jetzt wirklich!
Doch Svenja lächelte nur kokett dieses Lächeln war jetzt beängstigend. Ihre Reaktion zeigte ihm: Sie hörte gar nicht, was er sagte, oder es spielte für sie einfach keine Rolle. Ihr Blick blieb verklärt, die Stimme sonnenklar und hell:
Du weißt es halt nur noch nicht, aber wir passen einfach perfekt zusammen. Ich kann warten, bis du es erkennst. Glaub mir, Simon wir sind füreinander bestimmt!
Simon drehte sich abrupt um, ging immer schneller und wollte nur noch weg nicht nur von Svenja, sondern von der ganzen drückenden Situation. Seine Gedanken rotierten: Wie sollte sie das je kapieren? Warum nimmt sie ihn nicht ernst? Er konnte das nicht länger ignorieren es war nicht mehr bloß unangenehm, sondern wurde zur Bedrohung. Er musste handeln, solange es noch ging.
Simon, nun wirklich beunruhigt, erzählte seiner Freundin Annika alles. Er überlegte sorgfältig, wie er ihr die Situation schildern sollte, aber am Ende berichtete er alles so, wie es war: die Nachrichten, die Begegnungen, den Bären, ja sogar, dass jemand an seiner Tür herumgemacht hatte. Annika hörte aufmerksam zu und sagte dann entschlossen, sie würde das Gespräch mit Svenja suchen vielleicht begriff sie ja einfach nicht, wie verstörend ihr Verhalten war.
Annika traf Svenja am nächsten Mittag in der Mensa. Direkt und ruhig erklärte sie, dass sie von Simon ablassen solle, dass Simon längst vergeben und sogar verlobt war. Doch Svenja lachte nur, scharf und trocken, als hätte Annika einen absurden Witz gemacht.
Du verstehst das nicht, sagte Svenja und wirkte dabei beinahe besessen. Er weiß nur noch nicht, dass er mich liebt. Das wird kommen. Ich helfe ihm nur, es zu erkennen.
Die Lage eskalierte immer weiter. Svenja gab nicht auf sie verstärkte noch ihren Einsatz. Sie begann, Simon mitten in der Nacht anzurufen, ihn mit Nachrichten zu bombardieren, drohte immer deutlicher auch Annika, wenn auch nie ganz direkt. Einmal, als Simon nach Hause kam, merkte er, dass jemand an seinem Türschloss manipuliert hatte.
Simon war zutiefst erschrocken. Er wechselte seine Telefonnummer, bat Freunde eindringlich, sie niemandem weiterzugeben doch Svenja erfand immer neue Wege, ihn zu kontaktieren, über gemeinsame Bekannte, soziale Netzwerke oder andere Kanäle.
Kurz nach der Nummernänderung bekam Simon ein seltsames Foto aufs Handy: Sein Auto, vor dem Haus geparkt, darüber der Satz: Ich weiß immer, wo du bist. Ich bin immer in deiner Nähe. Seine Hände zitterten, das Smartphone fiel ihm aus der Hand und klatschte auf den Tisch. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn er fühlte sich wie ein Tier auf der Flucht, wie gehetzt.
An einem Abend, als er gerade nach Hause kam, sah er Svenja an der Hauswand lehnen offenbar wartete sie schon lange, ihr Mantel zerknittert, ihr Haar zerzaust, doch ihre Augen loderten fiebrig.
Als Simon näher kam, schnellte sie auf ihn zu wie ein Raubtier auf Beute.
Endlich! jubelte sie viel zu laut. Ich warte schon seit drei Stunden! Aber das macht nichts, du bist es wert. Oder?
Simon wurde richtig mulmig. Sein Herz hämmerte. Er wich ihr aus, wollte ins Haus, als sie ihn am Ärmel packte ein Griff, in dem Besitzanspruch lag.
Hör zu, sagte sie energisch, reden wir doch einfach nur. Ich weiß, du hast Angst vor deinen Gefühlen. Aber ich helfe dir, sie anzunehmen. Wir werden glücklich, du wirst sehen! Du bist verwirrt, Simon, aber ich lasse dich nicht im Stich.
Lass mich los, bat Simon dunkel und glanzlos. Er zwang sich zur Ruhe, aber innerlich bebte alles. Und komm mir nie wieder zu nah. Sonst ruf ich die Polizei.
Svenja zuckte zurück, als hätte er ihr eine Ohrfeige gegeben. Für einen kurzen Moment glomm in ihren Augen Verständnis, sogar Schmerz als hätte sie sich von außen gesehen und erkannt, wie absurd das war. Aber dann härtete sich ihr Blick wieder, sie presste die Lippen zusammen.
Du wirst mich nicht mehr los, hauchte sie, so selbstsicher, dass Simon fröstelte. Denn du bist längst mein. Du hast es bloß noch nicht erkannt.
Simon riss sich los und flüchtete regelrecht in die Wohnung. Er schloss alle Schlösser ab, ließ sich schwer an die Wand sinken und atmete durch, die Hände bebend. Das Herz trommelte hart in den Ohren. Er strich sich übers Gesicht, fühlte die pochende Stirnader. Es war keine unangenehme Situation mehr, sondern ein Albtraum, der außer Kontrolle geriet. Er wusste: Jetzt musste er handeln, bevor es zu spät war.
Deshalb suchte Simon das Gespräch mit Svenjas Mutter. Stundenlang überlegte er, wie er es angehen sollte musste sie nicht einsehen, dass ihre Tochter Hilfe brauchte? Er fand sie in einem kleinen Wellnesssalon sie arbeitete dort an der Rezeption. Als sie Zeit hatte, sprach Simon sie an, so ruhig wie irgendwie möglich.
Ihre Tochter verhält sich vollkommen auffällig, sagte er offen. Sie verfolgt mich seit Monaten, ruft nachts an, schreibt pausenlos, steht überall vor mir, bedroht mittlerweile sogar meine Freundin. Bitte helfen Sie ihr, bevor etwas passiert. Ich weiß nicht mehr weiter.
Doch die Frau lachte nur unbedarft und locker, als hätte er ihr einen Witz erzählt oder sich über eine Bagatelle beschwert. Lässig lehnte sie sich zurück, zupfte an ihrer Bluse und winkte ab.
Ach was, mach doch nicht so ein Drama! grinste sie. Das ist doch bloß Verliebtheit. Das vergeht. Sie meint es doch gut, ist eben emotional. Glaub mir, in ein paar Wochen ist alles vorbei.
Simon spürte, wie die Hoffnung in ihm einfach erstarrte. Die Worte schnitten scharf: Er hatte auf Verständnis gehofft und fand nur Gleichgültigkeit. Er wollte noch etwas entgegnen, doch die Frau war schon wieder abgetaucht, das Gespräch für beendet erklärend.
Simon verließ das Gebäude mit gesenktem Kopf. In seiner Brust fühlte sich alles leer an, die Gedanken schlugen gegen eine Wand aus Ignoranz. Wie konnten die Leute nur so blind und gleichgültig sein? Er lief ziellos durch die Straßen, suchte verzweifelt nach einem Ausweg aber keine Lösung schien zu funktionieren.
Kurz darauf tauchte Svenja bei Simon zu Hause auf er hatte mittlerweile ein Urlaubssemester genommen, um sich und Annika zu schützen. Stundenlang stand sie vor seinem Fenster, rief nach ihm, erst laut und energisch, dann flehentlich, dann fordernd, dann wieder mit panischer Verzweiflung. Nachbarn, die das Treiben beobachteten, baten sie zu gehen, doch Svenja ließ sich nicht beirren. Schließlich rief jemand die Polizei.
Die Polizisten sahen sofort, dass sie in kritischem Zustand war: Haare klebten an der Stirn, Augen glühten fiebrig, die Hände zitterten, sie redete wirr. Sie versuchte noch abzustreiten, aber ihr Verhalten sprach Bände. Die Beamten bestanden auf einer Einweisung in eine Fachklinik sie konnte sich oder anderen schaden. Sie wurde in eine psychiatrische Einrichtung gebracht, wo Experten helfen konnten.
Simon erfuhr die Nachricht erst später Annika informierte ihn. Einerseits war er erleichtert, doch gleichzeitig empfand er Mitleid: Eigentlich war Svenja kein böser Mensch, nur ihre Gefühle hatten sie überwältigt. Nun konnte er nur hoffen, dass sie in der Klinik die nötige Hilfe bekam
*******************
Wo war eigentlich Svenjas Mutter, als alles schlimmer wurde? Wo war ihre große Schwester? Ihr Vater? Ihre Tante? Wo war irgendjemand in den Monaten, als die Situation so langsam außer Kontrolle geriet? Niemand hatte gemerkt, dass aus einer harmlosen Schwärmerei eine echte Zwangsstörung geworden war, die Hilfe erforderte. Immer, wenn Johannas Kommilitoninnen wieder über Svenja spekulierten mal mit Neugier, mal mit Spott, mal mit blankem Kopfschütteln stellte Johanna sich diese Fragen.
Niemand wollte ihr wirklich helfen, sagte Johanna bitter, ihre Stimme bebte leicht. Am Fenster des Uniflurs drehte sie nervös am Bund ihres Pullovers, in den Augen glänzten Tränen, die sie hastig wegwischte. Ihr könnt stundenlang tuscheln! Niemand hat wirklich mit ihr gesprochen, sich ehrlich dafür interessiert, wie es ihr geht. Ihr habt nur gelacht und nachgestichelt! Ihr habt das Feuer geschürt, statt es zu löschen.
Neben ihr stand Lisa, die sonst bei jedem Klatsch dabei war, jetzt aber nur schweigend am Boden blickte.
Ich wusste ja selbst nicht, dass das so ernst ist, murmelte sie, die Augen gesenkt. Ich dachte, naja, sie ist halt verliebt, das geht vorbei…
Genau das ist das Problem! Johannas Stimme klang bitter. Alle dachten, das geht vorbei. Währenddessen verstrickte sich Svenja immer tiefer, redete sich ein, Simon wäre ihre Bestimmung, dass sie ohne ihn nicht kann. Sie brauchte Unterstützung, Verständnis keinen Spott. Man hätte ihr zuhören müssen: Svenja, was ist los mit dir? Aber statt zu helfen, hat man sie noch angespornt: Gib nicht auf, kämpf um deine Liebe, zeig ihm, was du drauf hast!
Die arme Svenja… Was hat sie die Liebe gekostet… Johanna ballte die Fäuste, spürte heiße Wellen aus Mitgefühl und Wut. Sie erinnerte sich, wie fröhlich, wie hilfsbereit Svenja einst war voller Lebensfreude, bereit, alle zu unterstützen. Und dann kam der Wandel, langsam und für niemanden recht sichtbar. Erst wurde sie stiller, dann sprach sie nur noch von Simon, schließlich begann sie ihm zu folgen…
Wie konnte das alles so weit gehen? Warum waren selbst die nächsten Menschen so blind geblieben? Johannas Atem zitterte, sie versuchte sich zu beruhigen. Es war zu spät, um Schuldige zu suchen wichtiger war die Frage, was nun zu tun ist. Vielleicht war noch nicht alles verloren? Vielleicht konnte sie Svenja helfen, wenn sie aus der Klinik kam indem sie einfach da war, zuhörte, unterstützte. Denn manchmal ist das das Wichtigste, was ein Mensch braucht: jemanden, der sieht, was los ist, und einfühlsam bleibt. Und diese Einsicht gilt für uns alle manchmal kommt echte Hilfe ganz leise und beginnt bei einem offenen, ehrlichen Gespräch.




