Widerspiegelung der Kraft

Spiegelbild der Stärke

Uwe, was machst du da eigentlich? Elisabeth hörte ihre eigene Stimme, fremd und zu hoch, zitternd.

Er drehte sich nicht einmal sofort um. Stand an der Theke, die Hand um die Taille dieser Frau gelegt. Groß, mit kurzem Haar, in einer Lederjacke. Sie sagte ihm etwas ins Ohr, er lächelte. So lächelte er schon lange nicht mehr Elisabeth an.

Uwe! rief sie lauter.

Da wandte er sich um. Zuerst überrascht, dann genervt. Als hätte sie etwas Wichtiges gestört.

Elli, wo kommst du denn her?

Wie, woher? Du hast doch selber gesagt, ich soll um halb neun kommen, ich habe deine bestellte Sachen aus der Reinigung geholt, dachte, wir treffen uns…

Die Frau neben ihm trat einen Schritt zurück nicht verängstigt, eher interessiert. Mustete Elisabeth von oben bis unten, einen langen, abwägenden Blick. Plötzlich spürte Elisabeth schmerzhaft, wie abgetragen ihre Jacke war, wie ausgebleicht die Tasche, wie graue Haare am Ansatz sichtbar wurden, die sie seit Monaten färben wollte.

Anna, das ist meine… meine Frau, Uwes Stimme klang entschuldigend. Elli, das ist jetzt nicht der richtige Ort, ja?

Nicht der richtige Ort? Sie erkannte ihre Stimme kaum wieder. Und wo dann? Zuhause kommst du erst um zwei nachts, morgens bist du weg, ans Telefon gehst du nicht…

Anna grinste. Nicht hämisch, eher verständnisvoll. Das tat mehr weh als Verachtung.

Uwe, vielleicht solltet ihr wirklich reden, meinte sie ruhig. Ich warte draußen.

Nein, bleib hier, sagte Uwe und ergriff ihre Hand. So, ganz offen vor Elisabeth. Elli, ich dachte, du hast es kapiert. Ich hab’s dir ja letzten Donnerstag gesagt. Anna und ich…

Du warst doch betrunken damals! Ich dachte, du hast nur Unsinn geredet…

Ich war nüchtern. Es war ernst gemeint.

Elisabeth erinnerte sich an jenen Abend. Er war spät gekommen, sie hatte das Abendessen aufgewärmt. Er murmelt, er sei müde, dass das Leben an ihm vorbeigehe, dass er… Sie hörte damals kaum hin. Sie hielt es für seine üblichen Klagen. Alter, Midlife-Crisis, das haben doch alle Männer irgendwann. Einfach abwarten, dachte sie.

Achtundzwanzig Jahre, Uwe. Achtundzwanzig.

Eben deshalb, seufzte er. Ich will den Rest anders verbringen.

Anna legte besitzergreifend die Hand auf seine Schulter. Selbstbewusst. Elisabeth starrte auf diese Hand einen schlichten Lederarmreif, kurze unlackierte Nägel und in ihr drehte sich alles um.

Geh nach Hause, Elli, sagte Uwe müde. Morgen komme ich vorbei, dann reden wir vernünftig.

Nein.

Sie war selbst überrascht, dass sie das sagte. Dass sie einen Schritt vorwärts machte. Dass sie Anna an der Schulter stieß, unbeholfen, fast schon peinlich.

Wer bist du überhaupt? Schlampe!

Alles geschah ganz schnell. Anna packte ihr Handgelenk, drehte es, drückte sie sanft gegen die Theke. Nicht brutal, aber fest. Sehr fest. Elisabeth versuchte, sich zu befreien, doch ihr Körper gehorchte nicht, im Arm begann es zu pochen.

Lass sie los, sagte Uwe leise.

Anna ließ sie los. Elisabeth stolperte zurück, rieb sich das Handgelenk. Im Lokal starrten alle: Barmann, ein paar Männer am Tisch, eine Kellnerin mit dem Tablett. Alle starrten sie an die bemitleidenswerte Frau im alten Mantel, die ihre Rivalin nicht einmal richtig schlagen konnte.

Entschuldigung, sagte Anna ruhig. Reflex. War nicht böse gemeint.

Elisabeth drehte sich um und ging Richtung Ausgang. Schnell, fast stolpernd. Tränen drückten, aber sie weinte nicht. Nicht vor ihnen. Erst draußen, im kalten Dezemberregen, als hinter ihr die Tür zufiel, lehnte sie sich an die Hauswand und ließ die Tränen laufen.

Dicke Flocken fielen vom Himmel. Im Fenster der Bar spiegelten sich Weihnachtslichter. Menschen huschten vorbei, tief in Schals vergraben. Niemand beachtete die weinende Frau. In Berlin schaut man da sowieso nicht hin.

Der Heimweg war lang. U-Bahn, Bus, dann zu Fuß durch die vertrauten Straßen. In der Wohnung war es dunkel. Sie machte kein Licht. Zog sich im Flur aus, warf den Mantel auf den Boden. Legte sich angezogen ins Bett.

Uwe kam weder am nächsten Tag noch am übernächsten. Nach drei Tagen rief er an kurz und monoton. Sagte, er hole seine Sachen am Wochenende, die Wohnung solle sie behalten, er wird Geld überweisen. Als ob es um einen Vertrag ginge.

Elisabeth hörte zu, nickte, obwohl er sie natürlich nicht sah. Dann legte sie auf. So verging erst eine, dann noch eine Woche.

Ihre Freundin Birgit rief täglich an.

Elli, es reicht. Komm raus, spazieren wir wenigstens.

Keine Lust.

Iss wenigstens mal was.

Mache ich.

Gelogen. Meist trank Elisabeth nur Tee mit Keksen, manchmal einen Fertigsuppenteller. Der Gedanke ans Essen drehte ihr den Magen um.

Sie verbrachte endlose Stunden in sozialen Netzwerken. Fand Annas Profil. Fotos: im Fitnessstudio, im Gebirge, auf dem Motorrad. Die Bildunterschriften waren kurz, selbstbewusst. “Training”, “Wochenende”, “Neue Herausforderung”. Ein Foto zeigte Anna im Boxring, mit Handschuhen. Die Kommentare begeisterte.

Elisabeth scrollte bis an den Anfang, las alles, suchte Fehler, Schwächen irgendwas, woran sie sich festhalten könnte. Ohne Erfolg.

An einem Abend, draußen war es längst dunkel, stolperte sie über einen Post von Anna über ihren Job. Sie war Trainerin für Selbstverteidigung und Mixed Martial Arts, leitete Frauengruppen. Ein Bild zeigte sie neben einem Plakat: “Kampfsportzentrum Arion. Frauengruppe. Einsteigerinnen willkommen.”

Elisabeth starrte lange auf das Foto. Dann legte sie das Handy beiseite, betrachtete ihr Spiegelbild an der Wand gegenüber.

Ein aufgedunsenes Gesicht, stumpfe Haare, tiefe Schatten unter den Augen. Achtundfünfzig. Ein Körper, der längst egal geworden war. Der nur noch existierte, Tüten aus dem Supermarkt schleppte, Geschirr spülte, Hemden bügelte.

Wann hatte sie zuletzt wirklich an ihren Körper gedacht? Nicht daran, ob der Rücken schmerzte, die Schuhe drückten, ein Arztbesuch fällig war. Sondern wirklich gedacht: Wie er sich bewegte, fühlte, lebte?

Sie erinnerte sich nicht.

Anna hatte nicht gewonnen, weil sie jünger oder schöner war. Sie siegte, weil sie stärker war. Körperlich. Sie hatte Elisabeths Arm aufgehalten wie eine lästige Mücke.

“Reflex”, hatte sie damals gesagt.

Der Reflex eines Körpers, der gelernt hat, sich zu schützen. Der trainiert ist. Der keine Angst hat.

Elisabeth stand auf. Ging ans Fenster. Unten brannten die Laternen. Ein Junge fuhr trotz Kälte mit dem Roller, die Mutter rief ihn von der Haustür aus.

Der Alltag ging weiter.

Ihr eigenes Leben aber war an jenem Abend in der Bar zu Ende gegangen. Die Elisabeth, die Abendessen für ihren Mann bereitete, sich nach gemeinsamer Zeit, Enkeln und Altersreisen sehnte sie war gestorben.

Was jetzt?

Sie wusste es nicht. Aber sie wusste, dass sie nicht länger im Bett liegen konnte.

Am Morgen stand Elisabeth früh auf, das erste Mal seit drei Wochen. Bratete sich ein Rührei, trank Kaffee. Setzte sich an den Laptop.

“Sportvereine für Einsteiger Berlin”.

Die Liste war riesig. Yoga, Pilates, Aqua-Aerobic, Tanz. Zu sanft. Elisabeth wollte etwas anderes. Etwas, das sie keine Opferrolle mehr fühlen ließ.

Sie gab ein: “Selbstverteidigung Frauen Berlin”.

Nach einer Stunde hatte sie fünf Angebote im Bezirk Zehlendorf und Steglitz zusammengetragen. Einer war zwanzig Minuten zu Fuß entfernt, schlicht “Vitalia” genannt.

Im Text stand: “Fitness, Boxen, funktionales Training. Anfängergruppen. Für jedes Alter.”

Für jedes Alter. Gut.

Elisabeth nahm das Telefon. Starrte lange auf die Nummer, wählte schließlich.

Sportclub “Vitalia”, guten Tag, meldete sich eine Frauenstimme.

Hallo, ich wollte nach Sportkursen fragen. Für Anfängerinnen.

Sehr gerne! Interesse an Fitness, Boxen, Stretching?

Boxen, gab Elisabeth zu ihrer eigenen Überraschung zurück.

Super. Wir haben eine Frauengruppe dienstags und donnerstags um sieben abends. Trainerin: Ingrid. Kommen Sie zum Probetraining, das erste Mal ist kostenlos.

Sind da… auch ältere Leute?

Stille am anderen Ende.

Gemischt. In Ingrids Gruppe sind Frauen über vierzig und fünfzig keine Sorge. Ingrid selbst ist auch keine zwanzig mehr, sie kennt das.

Danke. Ich komme am Donnerstag.

Elisabeth legte auf. Setzte sich aufs Sofa. Ihre Hände zitterten. Vor Angst oder Vorfreude, sie wusste es nicht.

Uwe holte seine Sachen am Samstag. Kam allein, packte schweigend seine Anzüge, Bücher, Dokumente in Kartons. Elisabeth stand am Fenster, sah in den Hof. Drehte sich nicht um.

Geld überweise ich, murmelte er, als er die letzte Kiste schloss. Wenn du was brauchst, meld dich.

Brauch ich nicht.

Elli…

Geh einfach.

Er ging. Die Tür fiel leise ins Schloss. Elisabeth blieb stehen, ging dann langsam durch die Wohnung. Sie wirkte größer. Geräumiger. Leerer.

Gut oder schlecht sie wusste es nicht.

Am Donnerstag zog sich Elisabeth die alten Sporthosen aus dem hintersten Schrankwinkel an, ein T-Shirt, eine Windjacke. Packte eine Wasserflasche. Verließ das Haus eine halbe Stunde zu früh.

Der Club lag im Souterrain eines Altbaus. Ein schlichtes Schild, kein Design. Drinnen roch es nach Schweiß und Gummi. An der Eingangstheke saß eine Frau um die dreißig mit Tablet.

Guten Abend. Sie wegen des Boxens hier?

Ja, ich habe angerufen. Elisabeth.

Umkleide da lang, Ingrid kommt gleich.

Im Umkleideraum waren drei Frauen, zwei junge, eine ältere. Niemand sprach, alle zogen sich stumm um. Elisabeth streifte ihr verwaschenes Shirt über, fühlte sich plötzlich lächerlich. Warum war sie hier? Was mach ich eigentlich?

Zum ersten Mal? fragte die Ältere beim Zubinden der Turnschuhe.

Ja.

Keine Angst. Ingrid ist nett, macht alles Schritt für Schritt.

Elisabeth nickte.

Im Trainingsraum waren zehn Frauen, verschiedene Alters. Alle übten an Sandsäcken, machten Dehnübungen.

Nach ein paar Minuten kam die Trainerin. Klein, kräftig, kurzer Schnitt, eine Narbe am Brauenbogen. Mindestens fünfzig.

Hallo zusammen. Neue dabei?

Elisabeth hob die Hand.

Name?

Elisabeth.

Ingrid. Gut, Elisabeth. Schau erst mal zu, steig dann mit ein. Los, Mädels, Aufwärmen!

Die ersten dreißig Minuten waren die Hölle. Der Körper gehorchte nicht. Die Arme schwer, die Beine verhedderten sich. Ingrid erklärte den Schlag am Sandsack Elisabeth schlug dreimal daneben, ihr wurde schwindlig vor Scham.

Alles normal, sagte Ingrid leise. Beim ersten Mal ist alles ungewohnt. Mach weiter.

Sie versuchte es erneut. Die Faust traf den Sandsack, zwar zaghaft, aber wenigstens getroffen.

Gut so. Noch mal.

Wieder. Und wieder. Langsam, dann schneller. Der Sack schwankte. Schweiß lief über den Rücken. Sie atmete heftig.

Pause jetzt. Trink was.

Elisabeth setzte sich schwer atmend auf die Bank. Das Herz pochte in den Ohren. Ihr ganzer Körper zitterte. Doch innen war etwas Neues. Seltsam, ungewohnt. Wut? Lust?

Leben.

Nach dem Training schaffte sie es kaum nach Hause. Die Muskeln schmerzten. Unter der heißen Dusche betrachtete Elisabeth ihre Hände. Die roten Knöchel. Den alten blauen Fleck vom Barabend am Handgelenk.

Er heilte langsam ab.

Kommst du wieder? fragte Ingrid in der Umkleide.

Ja, sagte Elisabeth. Ich komme wieder.

Und sie kam. Am Dienstag. Dann Donnerstag. Jeden Dienstag und Donnerstag. Zwei Monate lang.

Der Körper veränderte sich. Erst hörten die morgendlichen Schmerzen auf, dann wurde Bewegen leichter. Elisabeth bemerkte, dass sie die fünf Treppenabsätze ohne Keuchen schaffte, dass der Bauch flacher, die Arme fester wurden.

Am meisten aber änderte sich drinnen.

Sie dachte kaum noch an Uwe. Oder wenn, dann ohne Selbstmitleid und Wut. Einfach so, als wäre er ein Teil ihres Lebens gewesen, der vorbei ist. Wie ein abgeschlossener Film.

Birgit fiel die Veränderung auf.

Du hast abgenommen, stellte sie bei einem Kaffee fest. Und du wirkst anders.

Ich gehe zum Sport.

Im Ernst? Du?

Ja.

Birgit lachte, stockte dann.

Entschuldige. Ich hätte nie gedacht Du hast doch immer gesagt, Sport ist nichts für dich.

Hab früher vieles gesagt.

Sie schwiegen. Birgit rührte ihren Kaffee.

Hat Uwe sich gemeldet? fragte sie schließlich.

Nein.

Man hört, er wohnt jetzt mit Anna zusammen.

Weiß ich.

Und? Ist dir das egal?

Elisabeth überlegte. Ganz egal? Nein, natürlich nicht. Es tat noch weh. Sie fühlte sich ab und zu noch verletzt. Nachts, wenn sie im leeren Bett aufwachte, verstand sie manchmal nicht, wo sie war, was passiert war. Dann erinnerte sie sich.

Aber es tat nicht mehr so weh wie einst. Nicht mehr, dass sie sterben wollte. Es war eher wie ein blauer Fleck, der langsam verblasst.

Nicht egal, sagte sie ehrlich. Aber man kann trotzdem leben.

Der Frühling kam plötzlich. Der Schnee taute in einer Woche, alles wurde sonnig, das Wasser spritzte in den Straßen. Elisabeth ging nun zu Fuß zum Training. Vierzig Minuten hin und zurück. Ingrid fand das gut.

Gehen ist super. Gelenkschonendes Ausdauertraining.

Im März sprach Ingrid sie nach einer Einheit an.

Du bist echt besser geworden. Hättest du Lust auf einen kleinen Sparring?

Was?

Ganz leicht. Mit Kopfschutz, Polstern. Einfach um das Gefühl für einen echten Menschen zu bekommen.

Elisabeth erschrak, nickte aber.

Ich probiere es.

Das Sparring war mit der älteren Frau aus der Gruppe, Monika. Monika war zweiundfünfzig und schon zwei Jahre im Training. Ihre Schläge waren präzise und ruhig, nie brutal, aber fest.

Elisabeth kassierte mehrere Körpertreffer, einen am Arm sie schützte sich schlecht, die Muskeln verkrampften sich vor Angst. Doch plötzlich machte es Klick. Sie sah Monikas Ansatz, schaffte es, zu blocken. Dann konterte sie. Traf.

Monika lachte.

Super!

Nach dem Sparring saß Elisabeth mit zitternden Händen auf der Bank. Doch nicht vor Angst. Vor Hochgefühl: Sie hatte getroffen. Ihr Körper hatte reagiert, wie er gelernt hatte.

Sehr gut, meinte Ingrid und setzte sich dazu. Für den ersten Versuch.

Ich hatte Angst.

Haben alle. Aber du hast weitergemacht.

Elisabeth blickte die Trainerin an.

Ingrid, warum machst du das eigentlich? Boxen, Training und so?

Ingrid zuckte mit den Schultern.

Lange Geschichte. Kurz: Mein Mann hat mich geschlagen. Lange. Bis ich zurückschlagen konnte. Bin gegangen, ins Studio. Da habe ich gemerkt, dass ich das anderen Frauen weitergeben will. Dass niemand so lange warten sollte wie ich damals.

Elisabeth schwieg.

Hast du auch eine Geschichte?

Ja. Aber nicht geschlagen. Er ist einfach gegangen.

Das tut auch weh.

Tut’s, nickte Elisabeth. Aber es geht vorbei.

Ingrid nickte. Stand auf, klopfte ihr auf die Schulter.

Es geht vorbei. Nicht schnell, aber es geht.

Im April ging Elisabeth das erste Mal seit sechs Monaten zum Friseur. Schnitt die Haare, färbte sie. Kaufte sich eine neue Jacke, Jeans, Sneaker. Nichts Teures, aber neu. Für sie.

Uwe überwies das Geld wie versprochen. Sie gab es selten aus, legte einen Teil zurück. Für etwas, das sie noch nicht benennen konnte.

Eines Abends, nach der Trainingseinheit, ging Elisabeth im Einkaufszentrum nebenan Wasser kaufen. Am Rolltreppenaufgang im ersten Stock blieb sie stehen. Dort war Anna.

Anna stand vorm Schaufenster eines Sportladens. Allein. Betrachte Jacken. Sah genau so aus wie damals: sicher, ruhig.

Elisabeth stockte. Das Herz rutschte in die Hose. Alte Angst kroch hoch. Sie wollte umdrehen.

Aber sie blieb.

Ging einen Schritt vor. Dann noch einen.

Anna blickte auf. Erkannte sie. Das Gesicht veränderte sich, wurde vorsichtig.

Elisabeth?

Hallo.

Sie standen voreinander. Anna blickte weg, dann wieder hin.

Wie geht’s dir? fragte sie leise.

Ganz gut.

Du Anna stockte. Hast dich verändert. Schlanker.

Ich gehe ins Studio.

Anna nickte.

Ist gut.

Eine Stille entstand schwer, seltsam. Elisabeth betrachtete die Frau, die ihr vor einem halben Jahr alles genommen hatte: Der Feind. Die Rivalin. Der Grund für ihren Schmerz.

Jetzt sah sie einfach nur einen Menschen. Müde, mit dunklen Augenringen, einer neuen Falte am Mundwinkel.

Und Uwe? fragte Elisabeth spontan.

Anna zuckte die Schultern.

Uwe Wir haben uns vor zwei Wochen getrennt.

Was?

Es hat nicht geklappt. Er wollte mich Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. Nicht wichtig. Hat nicht funktioniert.

Elisabeth schwieg. Drinnen war keine Regung. Kein Triumph, keine Freude. Nur Leere.

Tut mir leid, sagte Anna unerwartet. Für alles damals.

Muss nicht sein.

Doch, schon. Ich wollte dich nicht verletzen. Es war einfach gut mit ihm. Aber am Schluss halt doch nicht so, wie ich dachte.

Elisabeth sah sie aufmerksam an.

Du bist doch Trainerin, oder?

Anna hob die Augenbrauen.

Ja. Woher?

Hab’ online gesucht. Nach dem Abend damals.

Warum?

Wollte wissen, wer du bist. Am Ende habe ich begriffen: Es ging nicht um dich. Es lag an mir. Ich habe mich selbst schon vor Jahren verloren. Nicht dich an ihn verloren, sondern mich an mich.

Anna blickte sie lange an, nickte schließlich.

Du bist klug. Klüger als ich.

Bin nur älter.

Sie lachten beide, ein bisschen schüchtern, aber ehrlich.

Na gut, sagte Anna. Ich muss los. Alles Gute, Elisabeth.

Dir auch.

Anna ging zur Rolltreppe. Elisabeth sah ihr nach, drehte sich um und ging dann langsam nach Hause.

Draußen war es warm. Im Mai. Alles grün, Kinder spielten draußen. Elisabeth ging langsam, schaute um sich.

Ihr Handy vibrierte. Birgit.

“Wie geht’s? Lange nicht gesehen! Lust auf einen Kaffee?”

Elisabeth tippte zurück:

“Geht nicht, Training. Morgen?”

“Super!”

Sie steckte das Handy weg. Bog in ihren Hof ein. Schaute zu ihrer Wohnung im fünften Stock. Dort brannte Licht. Sie hatte vergessen, es auszuschalten.

Früher hätte Uwe sich geärgert: Elli, mach doch mal endlich das Licht aus! Jetzt war es ihr egal. Soll leuchten. Ihre Wohnung, ihr Licht, ihre Stromrechnung.

Ihr Leben.

Vor dem Hauseingang saß Herr Becker, der Nachbar, eine alte Mütze auf, fütterte Tauben.

Guten Abend, Frau Sokolowski.

Guten Abend, Herr Becker.

Spät dran heute.

Vom Training.

Respekt! Ich lag in deinem Alter schon faul auf dem Sofa. Und du bist so aktiv.

Elisabeth lächelte.

Man muss es versuchen.

Sie stieg die fünf Stockwerke hoch. War nicht außer Atem. Zog sich aus, ging in die Dusche. Stand lange unter dem heißen Wasser, spülte Schweiß und Müdigkeit weg.

Dann setzte sie sich in die Küche mit einer Tasse Tee. Sah aus dem Fenster. Über Höfe, Häuser, die fernen Lichter der Stadt.

Früher hatte sie gedacht, das Leben sei vorbei, wenn Uwe sie verlässt. Dass sie es nicht schafft, an Einsamkeit sterben würde.

Sie ist nicht gestorben.

Sie hat es geschafft.

Das Leben ging weiter. Anders. Schwer. Einsam. Aber ihres.

Das Telefon vibrierte erneut. Unbekannte Nummer. Elisabeth runzelte die Stirn, ging ran.

Hallo?

Frau Sokolowski? Hier ist Ingrid, von “Vitalia”.

Ach, hallo.

Sagen Sie mal, hätten Sie Lust, bei den Morgenkursen zu helfen? Nicht als Trainerin, erstmal als Assistentin auf die Technik achten, die Neuen unterstützen. Bezahlt ist es wenig, aber Erfahrung. Wollen Sie mal reinschnuppern?

Elisabeth schwieg. Zweifel rasten durch ihren Kopf. Sie anderen helfen? Sie konnte doch selbst kaum etwas.

Ich weiß nicht, ob ich das hinkriege…

Doch, das schaffen Sie, sagte Ingrid bestimmt. Keiner weiß so gut wie Sie, wie es sich anfühlt, ganz am Anfang zu stehen. Sie kennen all die Ängste. Genau das brauchen viele. Keine Super-Profis, sondern jemanden, der versteht.

Ich muss nachdenken…

Aber nicht zu lange. Der Kurs startet in zwei Wochen.

Ingrid verabschiedete sich. Elisabeth legte das Handy auf den Tisch. Betrachtete ihre Hände. Die waren kräftiger als vor einem halben Jahr. Sehnig. Mit Schwielen an den Knöcheln.

Diese Hände konnten sich nun wehren.

Vielleicht konnten sie das anderen auch zeigen.

Am nächsten Tag, nach dem Training, trat Elisabeth zu Ingrid an den Rand des Raumes.

Ich mache mit. Ich probiere es.

Ingrid grinste.

Super. Montag ist Einführung, ich erkläre alles.

Der erste Morgenkurs: fünf Frauen. Zwei junge, eine mittleren Alters, zwei ältere. Eine besonders verunsichert, stand ganz am Rand in alten Sportklamotten.

Elisabeth ging zu ihr, während Ingrid den anderen die Regeln zeigte.

Guten Morgen. Ich bin Elisabeth, Assistentin.

Gisela, murmelte die Frau, sah nicht hoch.

Zum ersten Mal hier?

Ja. Meine Tochter hat mich überredet. Sie sagt, ich verkümmere sonst.

Kann ich verstehen. Meine Tochter… Elisabeth stockte. Hatte ja keine. Aber verstand, was Gisela meinte. Der Anfang ist schwer, oder?

Sehr. Ich habe Angst, nicht mithalten zu können. Dass die anderen lachen.

Elisabeth blickte Gisela an. Sah sich selbst von vor einem halben Jahr: verängstigt, verloren, zerbrochen.

Hier lacht keiner, sagte sie ruhig. Jeder von uns hat mal so angefangen. Und dann hat es geklappt. Sie schaffen das auch.

Gisela sah hoch. Hoffnung blitzte auf.

Ehrlich?

Ehrlich.

Nach der Stunde kam Gisela noch zu ihr, als sie Matten wegräumte.

Danke. Für die Unterstützung.

Gern geschehen.

Sie sind so ruhig. Stark. Machen Sie das schon immer?

Elisabeth lachte.

Nein. Ich habe erst vor sechs Monaten angefangen. Genau wie Sie heute: ängstlich und unsicher.

Giselas Mund stand offen.

Wirklich?

Wirklich.

Aber warum?

Elisabeth dachte kurz nach. Was war passiert? Ihr Mann war gegangen. Ihr Leben zusammengebrochen. Aber das war nur der Auslöser. Der Anfang lag weiter zurück, als sie sich selbst aufgab, alles für andere lebte, sich selbst dabei verlor.

Ich hatte mich selbst verloren, sagte sie leise. Und gemerkt, dass ich mich wiederfinden muss.

Und, haben Sie sich gefunden?

Elisabeth schaute aus dem Fenster. Auf den Sonnentag, die Straße, das Leben draußen.

Ich bin dabei, antwortete sie. Schritt für Schritt.

Gisela nickte.

Das will ich auch. Mich finden.

Sie werden. Hauptsache, Sie geben nicht auf.

Abends sortierte Elisabeth alte Fotos. Fand das Hochzeitsalbum. Junge Gesichter, weißes Kleid, glückliches Lächeln. Uwe hielt ihre Hand, sie sah ihn verliebt an.

Achtundzwanzig Jahre her.

Sie betrachtete die Bilder lange. Nicht traurig, nicht sentimental. Als gehörten sie zu einem anderen Leben. Die Frau darauf die gab es nicht mehr. Den Mann auch nicht.

Nur sie war noch da. Die Elisabeth von heute. Achtundfünfzig. Allein. Müde. Stark.

Das Telefon klingelte. Uwe.

Elisabeth war überrascht. Er hatte vier Monate lang nicht angerufen, nur Geld überwiesen.

Hallo?

Hallo Elli. Wie geht’s?

Gut. Ist etwas passiert?

Nein, ich… Ich wollte einfach mal reden. Wir haben lange nicht gesprochen.

Ja.

Es wurde still, dann seufzte er.

Weißt du, vielleicht sollten wir uns treffen? Über alles reden, was war. Vielleicht waren wir zu schnell mit der Scheidung

Elisabeth hörte seine Worte, spürte merkwürdige Distanz. Wie eine alte Melodie, die früher bedeutend war, nun aber nur noch leise im Hintergrund dudelte.

Uwe, ich will mich nicht treffen.

Warum denn? Ich habe einen Fehler gemacht. Mit Anna hat es nicht geklappt. Ich habe an dich gedacht. An uns. Vielleicht könnten wir einen neuen Anfang wagen?

Früher hätte sie bei diesen Worten geweint. Oder sich gefreut. Oder sich geärgert. Jetzt spürte sie nur noch Müdigkeit.

Nein, Uwe. Das geht nicht.

Aber warum?

Weil ich mich verändert habe. Ich will nicht zurück.

Wohin denn?

In das alte Leben. Damals war ich vielleicht für dich Glück. Aber für mich weiß ich es nicht. Ich habe einfach funktioniert. Deine Wünsche bedient.

Du bist ungerecht

Vielleicht. Es ist aber ehrlich.

Stille. Dann fragte er leise:

Hasst du mich?

Nein. Ganz und gar nicht. Aber ich liebe dich auch nicht mehr. Du warst Teil meines Lebens. Nun ist es vorbei.

Also alles aus?

Ja, Uwe. Ganz aus.

Sie legte auf. Setzte sich aufs Sofa. Schaute auf das Hochzeitsalbum. Legte es in den hintersten Schrank. Oben auf das Regal.

Soll es als Erinnerung liegen bleiben. Aber nicht als Anker.

Im Juni fuhr Elisabeth das erste Mal allein ins Wochenendhaus. Sie hatten ein kleines Haus im Münsterland, das von Uwes Eltern gekommen war. Nach der Trennung hatte er ihr angeboten, dass sie es weiter besuchen könne.

Sie war zwei Jahre nicht dort gewesen. Zu viel Erinnerung an Grillabende, an Gespräche unter Sternen, an jene Zeit.

Jetzt fuhr sie hin.

Das Haus war verwüstet. Das Gras knöchelhoch, der Schuppen schief, im Haus roch es muffig. Elisabeth öffnete alle Fenster, putzte durch, räumte Kram weg.

Zwei Tage schuftete sie. Mähte das Gras, strich den Zaun, reparierte die Veranda. Der Körper schmerzte, die Hände bekamen Schwielen. Aber es war ein guter Schmerz. Ein lebendiger.

Abends saß Elisabeth auf der Bank vor dem Haus, trank Tee. Die Sonne verschwand hinter den Bäumen. Vögel sangen, von fern bellte ein Hund.

Es war still. Friedlich. Einsam.

Aber nicht furchteinflößend.

Alle Achtung, rief eine Stimme hinter dem Zaun.

Sie drehte sich um. Herr Münzer, der Nachbar, ein älterer Herr, der hier immer lebte.

Guten Abend.

Na, Elli, endlich mal wieder da! Allein?

Ja.

Und Uwe?

Wir sind geschieden.

Er schüttelte den Kopf.

Ach je. So viele Jahre und dann auseinander.

Passiert eben.

Ja, das tut es wohl. Kopf hoch, Mädchen. Das Leben ist nie leicht, aber man kann es trotzdem leben. Ich bin seit fünfzehn Jahren allein. Es geht irgendwie.

Haben Sie sich dran gewöhnt?

An Einsamkeit? Er grinste. Wirklich willkommen wird sie nie. Aber man findet Vorteile.

Zum Beispiel?

Freiheit, sagte er schlicht. Du kannst tun, wann und was du willst. Niemand nervt dich, du niemanden. Ist auch eine Art Glück.

Elisabeth überlegte.

Vielleicht stimmt das.

Ganz bestimmt. So, ich lass dich jetzt in Ruhe. Wenn du was brauchst: ruft rüber.

Vielen Dank.

Er ging. Elisabeth trank ihren Tee aus. Ging früh schlafen.

Schlief traumlos, zum ersten Mal seit Monaten.

Am Morgen weckte sie Vogelgezwitscher. Elisabeth wusch sich mit kaltem Wasser vom Brunnen, machte draußen Gymnastik, frühstückte auf der Terrasse.

Der Tag war klar, warm. Sie ging in den Wald, ihr Rucksack mit Wasser bepackt.

Der Wald begrüßte sie mit Kühlung und Stille. Elisabeth schlenderte langsam, sammelte Walderdbeeren, die es in diesem Jahr reichlich gab. Sie dachte viel nach.

Wie weit sie in diesen Monaten gekommen war. Von der Verzweiflung zur Akzeptanz. Von Schwäche zur Stärke. Von Abhängigkeit zur Freiheit.

Nein, sie war kein anderer Mensch geworden. Sie erinnerte sich einfach daran, wer sie früher war. Vor der Ehe, vor dem Selbstverlust für einen anderen.

Als junge Frau war sie mutig gewesen. Wollte studieren, reisen, Karriere machen. Dann kam Uwe, die große Liebe, die Ehe. Kinder hätte sie gehabt, wenn es geklappt hätte, es sollte nicht sein. Und danach war alles nur noch: die gute Ehefrau sein.

Das war sie, aber sich selbst hatte sie verloren.

Und jetzt? fragte sie laut, mitten auf einer Lichtung.

Keine Antwort. Nur das Rascheln der Blätter.

Sie setzte sich auf einen Baumstamm, kramte das Handy raus. Durchsuchte Birgits alte Nachrichten. Eine las sie heute anders:

“Elli, sag doch sowas nicht! Du bist eine tolle Ehefrau und Gastgeberin. Das zählt auch.”

Damals hatte sie das geglaubt, gedacht: Das reicht schon.

Jetzt wusste sie: Es reicht eben nicht. Für jemand gut zu sein reicht nicht. Man muss auch für sich selbst da sein.

Das Handy vibrierte erneut. Ingrid schrieb:

“Elli, wie läuft dein Urlaub? Gisela fragt nach dir, sie vermisst deine Tipps. Komm bald zurück?”

Elisabeth lächelte, schrieb:

“Alles gut hier. Aber bin übermorgen wieder da. Fehlt schon, das Training.”

Sie packte ihr Zeug und machte sich auf den Rückweg.

Zwei Wochen später traf sie Anna erneut. Diesmal im Supermarkt, an der Kasse.

Anna stand vor ihr, zahlte für ihren Einkauf. Schaute sich um, entdeckte Elisabeth. Sah überrascht aus.

Schon wieder wir…

Offensichtlich.

Sie verließen das Geschäft gemeinsam, blieben draußen stehen.

Und, wie läufts? fragte Anna.

Gut. Und bei dir?

Auch. Viel Arbeit, viel Training. Routine halt.

Elisabeth nickte.

Uwe hat mich angerufen, sagte sie plötzlich. Vor einem Monat. Wollte zurückkommen.

Anna runzelte die Stirn.

Ernsthaft? Und du?

Ich habe abgelehnt.

Richtig so, Anna zögerte. Er ist ja kein schlechter Kerl, aber… schwach. Sucht immer Halt. Erst du, dann ich. Jetzt sucht er den nächsten wahrscheinlich.

Ist nicht mehr mein Problem.

Stimmt.

Stille. Anna sah auf die Uhr.

Muss los, Training in zwanzig Minuten.

Viel Erfolg.

Bevor sie ging, blieb Anna noch einmal stehen.

Weißt du was, du hast echt was geschafft. Viele hätten das nicht.

Danke.

Ehrlich. Damals in der Bar warst du… zerbrochen. Und jetzt stehst du fest im Leben.

Elisabeth blickte Anna ernst an.

Damals hab ich dich gehasst.

Ich weiß.

Jetzt nicht mehr. Jetzt bin ich dir sogar dankbar.

Anna schaute überrascht.

Warum denn?

Weil du meine Illusion zerstört hast. Dass ich glücklich bin, dass alles gut ist. Hättest du mich nicht rausgerissen, hätte ich weiter so gelebt. Bis zum letzten Tag. In so was wie einem Dämmerzustand.

Anna schwieg. Dann lächelte sie leise und ehrlich.

Dann bitte sehr. Auch wenn es nicht meine Absicht war.

Ich weiß. Du hast einfach dein eigenes Leben gelebt und ich muss meines leben.

Sie verabschiedeten sich. Elisabeth sah ihr nach. Ohne Hass, ohne Neid. Einfach so.

Dann drehte sie sich um und ging nach Hause. Durch Sommerstraßen voller spielender Kinder, an Cafés vorbei, aus denen Musik drang.

Das Leben ging weiter. Ihr Leben.

Der Herbst kam still. Die Blätter färbten sich gelb, die Tage wurden kürzer. Elisabeth trainierte weiter, half Ingrid bei den Gruppen. Gisela blieb, wurde fitter, bedankte sich oft.

Sie haben mich gerettet, sagte sie einmal.

Nein, entgegnete Elisabeth. Du hast dich selbst gerettet. Ich war bloß da.

Im Oktober schlug Ingrid vor, den Trainerschein zu machen.

Du kannst das. Die Leute hören auf dich, vertrauen dir. Warum nicht offiziell?

Elisabeth zögerte. Die Kurse kosteten Geld und Zeit. Doch sie wagte es.

Drei Monate Lernen folgten. Theorie, Praxis, Prüfungen. Sie bestand.

Im Januar, genau ein Jahr nach jener Nacht in der Bar, hatte sie den Trainerschein für Fitness und Grundtechniken des Boxens in der Hand.

Ingrid gratulierte und umarmte sie.

Ich bin stolz auf dich.

Danke für alles.

Brauchst du nicht. Du hast es selbst geschafft.

Abends saß Elisabeth mit ihrem Zertifikat in der Hand am Tisch. Betrachtete ihren Namen:

Elisabeth Petra Sokolowski. Trainerin.

Vor einem Jahr war sie niemand gewesen. Verlassene Ehefrau. Gebrochen, verloren.

Jetzt war sie Trainerin. Sie half anderen Frauen, sich zu finden wie sie sich selbst gefunden hatte.

Das Handy klingelte. Birgit.

Elli, bist du daheim?

Bin daheim.

Ich komme vorbei, wir müssen feiern!

Was denn?

Deinen Trainerschein! Ingrid hats mir erzählt. Ich bin so stolz auf dich!

Birgit kam mit Kuchen und Sekt. Sie quatschten, lachten.

Weißt du, manchmal erkenne ich dich kaum wieder, sagte Birgit. Du bist so… ganz. Als hättest du was Wichtiges gefunden.

Habe ich.

Was?

Mich selbst, erwiderte Elisabeth leise.

Birgit nickte.

Und Uwe, denkst du noch an ihn?

Nein. Ich habe ihn losgelassen. Das ist nicht dasselbe wie vergessen.

Vermisst du ihn?

Elisabeth überlegte. Manchmal, nachts, wenn es ganz still war, erinnerte sie sich an seine Stimme, seinen Geruch, seine Eigenarten. Aber das war sanfte Wehmut, keine Verletzung mehr.

Manchmal. Aber nicht ihn als Mensch. Sondern das, was früher war. Oder vielleicht die Jugend. Aber zurück will ich nicht.

Und richtig so, Birgit hob das Glas. Auf dich. Auf dein neues Leben.

Auf das neue Leben.

Sie stießen an. Elisabeth blickte hinaus in die winterliche Stadt, auf fallenden Schnee und Lichter.

Uwe lebte irgendwo da draußen mit seinem neuen Leben. Mit eigenen Problemen.

Anna lebte auch irgendwo, trainierte Frauen, suchte ihren Weg.

Und Elisabeth lebte HIER. Mit neunundfünfzig, alleine, frei und stark.

Und das genügte.

Eine Woche später, nach dem Training, saß Elisabeth auf einer Parkbank vor dem Studio. Trank Kaffee, beobachtete, wie Menschen Hunde ausführten, Kinder Schlitten fuhren.

Eine ältere Dame setzte sich neben sie. Gehstock, warmer Pelzmantel.

Darf ich?

Natürlich.

Sie saßen still. Dann seufzte die Dame.

Bin müde. Wohne ganz am anderen Ende, weiter Weg nach Hause.

Ruhen Sie sich ruhig aus.

Tue ich. Sind Sie von hier?

Ja.

Ich bin bei meiner Tochter. Bin aus Kassel zu Besuch, damit ich auf meine Enkelin aufpassen kann. Ist anstrengend, aber was solls, mein Mann ist ja auch fort.

Elisabeth nickte.

Das kenne ich.

Auch verlassen worden?

Ja. Vor einem Jahr.

Die Dame schüttelte den Kopf.

Na, die Männer. Alle gleich. Meine Tochter glaubt auch, die Welt bricht zusammen. Weint nachts. Ich sag ihr: Leb weiter, dumme Ziege! Leben hört nicht einfach auf, es geht einfach nur anders weiter. Hört sie aber nicht.

Elisabeth schwieg und fragte dann:

Wie haben Sie selbst es geschafft als Ihr Mann ging?

Die Dame grinste.

Der ist gestorben, nicht abgehauen. Vor dreißig Jahren. Ich war damals vierzig. Dachte, ich pack das nicht. Aber man packts. Zwei Kinder großgezogen, gearbeitet bis zur Rente, jetzt gibts Enkel. Das Leben geht immer weiter. Bis du selber von der Welt gehst.

Das stimmt.

Klar. Wichtig ist: Nicht aufgeben. Nicht auf die Couch legen und innerlich bereits tot sein. Viele machen das: legen sich und dann ist das Leben vorbei, ohne es zu merken.

Elisabeth lächelte.

Sehr weise.

Nicht weise. Lebenserfahrung, die Dame stand auf. So, meine Enkelin wartet. Alles Gute.

Ihnen auch.

Die Frau ging. Elisabeth blieb noch. Trank ihren Kaffee aus. Machte sich auf den Weg vorbei an der Rutsche, am Denkmal, am Edeka.

Das Telefon klingelte. Ingrid.

Elli, wo bist du?

Auf dem Heimweg.

Super! Pass auf, mir hat eine Frau geschrieben. Will in den Kurs kommen, aber sie hat Angst. Sie ist fünfundfünfzig und glaubt, jetzt ist es zu spät. Ich habe ihr gesagt, sie soll mit dir reden. Geht das?

Elisabeth blieb stehen, schaute in den klaren Winterhimmel.

Gib mir ihre Nummer.

Danke, du bist die Beste.

Nein, ich verstehe sie einfach aus Erfahrung.

Ingrid schickte sie. Elisabeth speicherte ab, wählte.

Hallo? Unsichere Frauenstimme.

Hallo, hier ist Elisabeth. Sie haben im “Vitalia” angerufen?

Ja, ich… wollte mich über die Kurse informieren. Aber ich weiß nicht, ob ich das machen soll. Ich habe nie Sport gemacht. Und das Alter…

Wie alt sind Sie?

Fünfundfünfzig.

Ich bin neunundfünfzig. Habe vor einem Jahr angefangen. Bei Null.

Stille.

Wirklich?

Ja. Und wissen Sie was? Es war das Beste, was ich je gemacht habe. Nicht, weil ich schlanker bin oder kräftiger. Sondern weil ich mich gefunden habe.

Sich gefunden?

Ja. Die Version von mir, die ich längst verloren hatte. Kommen Sie vorbei. Versuchen Sie es. Wenns Ihnen nicht gefällt, hören Sie auf. Aber versuchen Sies.

Ich… habe Angst.

Das hatten wir alle. Ich auch. Bin trotzdem gegangen. Habe es nie bereut.

Die Frau schwieg. Dann leise:

Gut. Ich komme. Kann ich nächsten Donnerstag?

Natürlich. Ich erwarte Sie.

Danke.

Nichts zu danken. Bis nächste Woche.

Elisabeth legte auf. Lächelte. Setzte den Weg fort.

Daheim kochte sie ein kleines Mittagessen. Las im Sessel, bis es dunkel wurde.

Am Abend ging sie in den Flur, stellte sich vor den Spiegel. Betrachte ihr Gesicht.

Noch immer ein bisschen müde. Die Falten sind da, das Grau in den Haaren auch. Aber die Augen lebendig. Glänzend.

Sie war sie. Die echte.

Vor einem Jahr dachte sie, ihr Leben sei zu Ende. Dass sie niemand mehr brauche. Dass jetzt nur noch Abwarten bleibt.

Aber das Leben war nicht vorbei. Es hat sich verändert. Wurde schwieriger, einsamer. Aber es wurde zu ihrem.

Und das war kein Ende.

Das war der Anfang.

Elisabeth, sagte sie sanft zu ihrem Spiegelbild, du hast es wirklich geschafft.

Das Spiegelbild lächelte zurück.

Das Leben geht weiter. Wer sich selbst wiederfindet, kann jeden Neuanfang wagen.

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Homy
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