Heute habe ich wieder lange nachgedacht und mein Leben Revue passieren lassen. Seit über zwanzig Jahren lebe ich getrennt von meinen Eltern, die selbst in ganz anderen Städten Deutschlands unterwegs sind. Sie sind Künstler, singen in verschiedenen Chören, ihr ganzes Leben gleicht einer endlosen Reise durchs Land.
Als ich fünf Jahre alt wurde, bin ich bei meiner Großmutter eingezogen. Sie wollte sich das Leben mit einem kleinen Kind etwas erleichtern und ist deshalb zu ihren Verwandten nach München umgezogen. Anfangs kamen meine Eltern noch regelmäßig zwei, manchmal dreimal im Jahr gab es kurze Besuche. Doch nach und nach wurden die Treffen seltener und irgendwann verstummten selbst die Anrufe. Meine Gedanken an sie wurden immer weniger, am Ende hatten wir gar keinen Kontakt mehr.
Während meines Zahnmedizinstudiums in Heidelberg, habe ich im dritten Jahr geheiratet. Mein Mann, Stefan, und ich führen heute gemeinsam unsere Zahnklinik in Stuttgart und wirtschaftlich geht es uns sehr gut. Vor einem Jahr tauchten dann meine Eltern plötzlich wieder auf. Sie begannen in der Praxis anzurufen, nicht einmal meine private Nummer hatten sie mehr. Die Gespräche drehten sich fast ausschließlich um ihre eigenen Sorgen und Beschwerden das unstete Künstlerleben, die finanziellen Schwierigkeiten.
Ich habe ihnen zugehört, ihnen freundlich geantwortet, aber auch ehrlich gesagt, dass sie ihre Lebensentscheidungen selbst getroffen haben damals, als sie mich der Obhut meiner Großmutter überließen. Hin und wieder schickten sie ihr ein paar Euro, doch meistens lebten Oma und ich von ihrer kleinen Rente. Das erzählte mir meine Großmutter oft, und ich verstand, dass wir wirklich auf jeden Cent achten mussten.
In der Schule lief es dafür umso besser, und um mir Kleidung und etwas zum täglichen Leben leisten zu können, arbeitete ich nachts im Krankenhaus als Assistenz. Jetzt, wo ich mein eigenes Leben aufgebaut habe, denke ich, dass jeder seinen eigenen Weg gehen muss meine Eltern und ich.
Als meine Eltern dann merkten, dass ich nicht vorhabe, ihnen finanziell unter die Arme zu greifen, begannen sie mir mit der Forderung nach Unterhalt zu drohen. Das traf mich wirklich und hat mich innerlich weiter von ihnen entfernt. Früher habe ich manchmal gezweifelt, ob meine Entscheidung richtig war, ihnen vielleicht doch zu helfen. Heute spüre ich: Ich will keinen Kontakt mehr.
Bin ich im Recht, oder sollte ich mich vielleicht doch für meine Eltern verantwortlich fühlen?





