Simone
Na, was bist du denn für eine Erscheinung? Wem gehörst du?
Dennis hockte sich an die Tür seiner Wohnung im Altbauviertel von München. Die Mieze vor ihm fauchte, krümmte ihren abgemagerten Rücken zu einem bedrohlichen Bogen und stellte die spärlichen Reste ihres Fells am Schwanz auf.
Ganz schön wild! Hab ich verstanden, aber lass mich doch wenigstens rein. Ich komme direkt von der Arbeit, bin hungrig und will nur noch ins Bett. Wo kommst du überhaupt her?
Die Katze zuckte auf, als sie Dennis Stimme hörte, und schlug aus dem Stand nach ihm. Doch irgendetwas ging schief, ihre Tatze verfehlte ihn. Dennis lächelte nur schwach, während der unerwartete Gast sich vom Fußabtreter zu erheben versuchte.
Die Pfoten tragen dich nicht mehr? Irgendwie machst du mir Sorgen. Dennis wurde ernst. Du bist ja völlig abgerissen, dürr und elend… Kann dich niemand bedauern?! Ich will dir doch nichts Böses.
Die Katze schien ihre letzte Kraft für einen letzten, verzweifelten Angriff aufzuheben: Sie packte sich mit erstaunlicher Zielgenauigkeit seinen Schuh, umklammerte ihn und verharrte dann, das leise Knurren kaum mehr zu hören, völlig erschöpft.
Alles klar, Kumpel. Wie wärs, wenn ich dir was zu essen gebe? Meine Mutter hat immer gesagt: Ein hungriger Freund ist keine verlässliche Gesellschaft. Und sie war eine kluge Frau. Wir hören mal auf sie, okay?
Mit behutsamen Fingern löste Dennis die Katze von seinem Schuh und hob sie hoch, so vorsichtig, wie es ihm möglich war, um ihren Krallen zu entgehen. Doch das Tier rührte sich nicht mehr, sondern hing schlaff in seinen Armen, nicht einmal ein Fauchen drang mehr über ihre Lippen.
Du Armer… das Leben hats nicht gut gemeint mit dir. Dennis zog die Schlüssel hervor und schloss die Wohnung auf. Nun komm, wenn du schon hier bist.
Seine Wohnung begrüßte ihn mit einer schalen Stille. Dennis hasste es, nach Hause zu kommen. Seit die Mutter nicht mehr da war, fühlte sich die große Dreizimmerwohnung so leer an, dass man heulen mochte. Er hatte das Elternschlafzimmer und das Wohnzimmer längst zu verschlossenen Gebieten erklärt und pendelte fast schon routinemäßig zwischen Schlafzimmer, Küche und Bad hin und her. Saubermachen tat er kaum noch, schließlich gab es keinen mehr, der Unordnung hinterließ. Vom Essen räumte er, wie von der Mutter gelernt, wenigstens noch ab und stellte das Geschirr sofort in den Schrank.
Dennis vermisste sie verzweifelt seine Mutter, die nicht nur Mutter war, sondern auch die beste Freundin. Niemandem sonst konnte er so vorbehaltlos sein Herz ausschütten. Das war nicht immer so gewesen, aber in den letzten Jahren war sie ihm der wichtigste Mensch geworden.
Sein Vater hatte ihn und die Mutter verlassen, als Dennis dreizehn war. Damit klarzukommen, war nicht einfach. Der Vater wollte Dennis nie mehr sehen, hatte längst eine neue Familie gegründet, einen neuen Sohn bekommen. Dennis verlor damit den Boden unter den Füßen und alles, was blieb, war die Mutter, an der er all seinen Frust und seine Wut ausließ.
Sie aber hielt still, tröstete und versuchte, ihm Halt zu geben. Sie legte ihn wortlos schlafen, wenn er betrunken nach Hause kam, saß an seinem Bett, streichelte ihn über nasses Haar und weinte leise. Damals begriff Dennis, dass er immer den Falschen verantwortlich gemacht hatte. Da war und blieb nur dieser eine Mensch, für den es ihn wirklich gab.
So begann eine lange, schwierige Versöhnung. Mit sich selbst, mit der Mutter und mit der Welt. Und immer war da diese eine, die alles verstand
Mama
Erst ein halbes Jahr war es her, seit sie gegangen war, und Dennis konnte nicht fassen, dass sie ihm nicht mehr an der Tür begegnen, sich nicht mehr an seine Schultern hängen, ihn auf die Stirn küssen und fragen würde:
Na, wie wars? Hast du Hunger?
Was hätte Dennis nicht alles gegeben, dies noch einmal zu erleben, nur für einen Moment die Zeit zurückzudrehen.
Doch Mama ist weg und Abschied nehmen konnte er nie richtig.
Als der Notarzt sie abholte, hustend und ausgezehrt, ahnte er nicht, dass es ein Abschied für immer war. Die Erkenntnis kam zu spät.
Beide waren sie krank geworden Dennis trotz aller Vorsicht, Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel, das stets in der Manteltasche steckte. Dennis erwischte es schlimm: Fieber, das nicht wich, Kopfschmerzen, die ihn lähmten. Der Notarzt, den die Mutter rief, lehnte es ab, ihn mitzunehmen.
Jung, das wird schon. Ist kein Notfall. Im Krankenhaus fängst du dir nur noch was ein, bleib ein paar Tage daheim, dann sehen wir weiter.
Die Mutter wachte die Nächte hindurch am Bett, vergaß sich selbst, gab Medikamente und Injektionen nach Uhr. Sie schlief kaum noch.
Dennis ging es aufwärts, doch die Mutter fiel schwer. Nun war er an der Reihe mit der Pflege. Schnell erkannte er, dass es bei ihr anders lief. Also rief auch er diesmal den Notarzt. Hier zögerten die Sanitäter keine Sekunde:
Das sieht nicht gut aus. Sie kommt mit.
Dennis hat seine Mutter nie wieder gesehen.
Erst nach dem Nachruf entdeckte er im Nachtkästchen ein Brief, direkt an ihn adressiert. Die Mutter war altmodisch, hasste Smartphones, schrieb lieber mit dem Füller. Wenn sie sich ausdrücken wollte an ihre Schwester, an Freundinnen und auch öfter mal an Dennis.
Es fällt mir leichter, am Schreibtisch zu schreiben, Sohn. Beim Sprechen verhasple ich mich. So kann ich alles sagen, was ich wirklich meine.
Dennis bewahrte all ihre Briefe. Er las sie nicht, das schaffte er nicht, aber er hielt sie in Reichweite. Das letzte, das kannte er beinahe auswendig.
Sie hatte ihn durchschaut. Sie wusste, dass Lisa, seine Freundin, ihn irgendwann verlassen würde; wusste, dass die Verzweiflung ihn umhauen könnte. Sie warnte ihn:
Dennis, bitte pass auf dich auf! Solange du mich im Herzen trägst, bin ich bei dir. Später wirst du vielleicht Kinder haben erzähl ihnen von mir, ja? Sie werden mich nicht kennenlernen, aber du kannst sie an mich erinnern Sie sollen deine Kinder sein, eigensinnig und lustig wie du: Ich liebte es, wie du als Kind mit dem Löffel gegen den Tisch geklopft hast, wie du alles selbst machen wolltest und dir prompt die Nase gestoßen hast. Streite nicht um Nebensächlichkeiten, bitte um Verzeihung, zeig deine Liebe. Lass dein Glück nicht ziehen wegen eines Menschen, der geht. Baue an deinem Glück und halte die Erinnerung an schöne Dinge fest. Wenn Lisa bleibt dann ist es Schicksal. Wenn nicht: Lass sie ziehen, halte ihr nichts nach. Schätze jede Minute, die dir jemand schenkt. Verschenke Zeit, aber verschleudere sie nicht. Dann weißt du, dass du alles richtig gemacht hast.
Sie hatte recht. Zwei Monate nach ihrem Tod verließ Lisa ihn.
Sie blieb noch, half ihm irgendwie durch die schlimmsten Wochen. Aber ging dann doch.
Während sie beide krank gewesen waren, war Lisa bei ihren Eltern außerhalb Münchens und konnte später nicht zurück. Als sie es endlich schaffte, hielt sie seine Hand, solange nötig.
Auch als sie ihre Trennung erklärte, tat sie es mit Takt. Dennis, mit dem letzten Brief der Mutter im Herzen, konnte ihre Entscheidung annehmen. Sie verabschiedeten sich ohne Groll, aber es blieb trotzdem eine Leere.
Er schob die Schuld herum: Auf sich selbst, Lisa, die Mutter, auf die ganze Welt, weil der Schmerz nicht weggehen wollte.
Er ging zur Arbeit, kaufte ein, kochte gelegentlich. Doch meist landete das Gekochte im Abfall, und Dennis trank Tee aus der alten Für Dennis von Mama-Tasse auf dem Balkon, schaute auf die Stadt hinunter und versuchte herauszufinden, wie es weitergehen sollte.
Vielleicht war es deshalb ein kleiner Hoffnungsschimmer, als dieser dreiste, streunende Gast heute Nacht auftauchte. Endlich ein Lebewesen, das ihn brauchte das lenkte ab von all dem tristen Grübeln.
Die Katze erwachte zum Leben, als Dennis ihr eine Schale Milch vorsetzte. Die Wurst aus dem Kühlschrank wurde verschmäht, mit einer abschätzigen Pfote beiseitegeschoben.
Na super, das war wohl nichts! Ehrlich gesagt, würde ich die Wurst auch nicht essen! schmunzelte Dennis, als er die verschmähte Mahlzeit fortnahm. Schmeckts wenigstens? Tut mir leid, mehr hab ich gerade nicht. Wenn du willst, kannst du bleiben
Das kam ihm selbst überraschend über die Lippen als ob er sich von außen betrachtete.
Sie waren beide übrig geblieben. Er ein einsamer und vergessener Mann ohne richtige Familie, außer einer Tante irgendwo im Norden, die nur noch eine ferne Erinnerung war. Und der Kater ebenfalls ohne Zuhause, ohne jemanden, den er Freund nennen konnte.
Wir sind kein schlechtes Team, murmelte Dennis und streichelte sanft über das ausgemergelte Fell. Die Katze zuckte nur leicht, aber wehrte sich nicht.
Als die erste Milchration leer war, sah das Tier Dennis an, als wolle es sagen: Nachschlag bitte!
Kaum war die zweite Runde gefüllt, ergab sich eine Überraschung. Die Katze marschierte zur Wohnungstür und begann jämmerlich zu jaulen.
Na, du bist aber undankbar! Dennis zuckte die Schultern, aber das Herz wurde schon wieder schwer. Kaum hat er etwas gefunden, da läuft es auch schon wieder weg Vielleicht ist das die Regel seines Lebens.
Geh! Dennis öffnete die Tür, ließ den Kater hinaus auf das Treppenhaus. Wenn du Hunger hast, komm wieder. Milch hab ich immer.
Die Katze ging schweigend die Treppe hinunter keinen Blick zurück.
Nicht mal umgeschaut
Mit einem stillen Vorwurf schloss Dennis die Tür. Noch ein Abend alleine Wie viele noch? Zählen lohnte nicht. Natürlich hätte er ausgehen können, Freunde treffen. Das wäre jetzt wieder möglich. Aber nach Mamas Tod hatte sich gezeigt, dass selbst die guten Freunde tief in ihren eigenen Sorgen versinken konnten, als hätte es ihn nie gegeben. Nur Lisa meldete sich noch, selten genug.
Sie fragte immer, wie es ihm ginge, worauf Dennis mit Gut antwortete Gespräch beendet. Er wusste, dass Lisa inzwischen verlobt war mit einem Mann, der bestens ins Leben passte: Gute Stelle, ein Haus im Grünen alles, was zählt, um seine Träume zu verwirklichen, statt sie immer nur aufzuschieben. Dennis nahm ihr das nicht übel. Was sollte er auch machen? Das Leben ist einmalig.
Er saß auf dem Balkon, trank seinen längst kalten Tee, dachte, dass es Zeit wurde, sich der Dunkelheit zu stellen. Die Mutter kam nicht zurück, die Zeit verstrich, und das Einzige, was bliebe, wenn er weitermachte wie bisher, wären fremde Fenster mit lebendigem Licht, ein kalter Tee und ein immer kälteres Herz.
Ein Sommerwind spielte mit dem Vorhang, hinten auf dem Hof klimperten Jugendliche auf einer verstimmten Gitarre. Seufzend stand Dennis auf, ging in die Küche, um die Tasse abzuspülen, blieb aber stehen.
Ein seltsames Geräusch ließ ihn erschauern aus dem dunklen Flur. Für einen Moment kehrte die alte Kindheitsangst vor dem Dunkel zurück so, wie damals, als die Mutter der kleinen Angst mit zwei Nachtlichtern begegnete, eines für den Flur, eines fürs Kinderzimmer.
Ach Dennis, du glaubst doch nicht an den Schwarzen Mann! Wo hast du das wieder aufgeschnappt?
Die Erzieherin im Kindergarten hats erzählt klagte Dennis damals.
Na, aber doch nicht du! Du bist mein lieber Junge!
Warum fiel ihm das jetzt ein?
Weil der Schwarze Mann wohl wirklich gekommen ist dachte Dennis bitter, knipste das Licht an und ging zum Flur.
Das Geräusch kam von der Wohnungstür. Jemand kratzte verzweifelt, hämmerte fast wie jemand, der nicht um Einlass bittet, sondern fordert.
Dennis blickte durch den Spion niemand zu sehen.
Jetzt werde ich noch verrückt… murmelte er, aber schob den Riegel zurück und öffnete.
Was sollte schon noch Schlimmes passieren? Das Schlimmste war schon passiert.
Die Katze, die eben noch gekratzt hatte, verlor beinahe das Gleichgewicht. Dann griff sie entschlossen einen winzigen Kater, der auf dem Fußabtreter lag, und schleppte ihn herein.
Ach du meine Güte! Das ist ja ein Ding
Dennis bückte sich und nahm das kleine Bündel entgegen. Der Winzling, gewärmt von Menschenhänden, schmiegte sich daran und jaulte.
Also bist du doch keine Katze, sondern eine Katzendame? staunte Dennis über die behände geschäftige Katze. Und was tu ich jetzt mit diesem Glück?
Die Katze antwortete nicht, sondern drehte auf dem Absatz um und entschwand wieder ins Treppenhaus. Dennis konnte gar nicht so schnell reagieren.
Wunderbar! Und was ist jetzt mit deinem Kind? Wohin gehst du schon wieder?!
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Kaum hatte Dennis die Tür wieder geschlossen, kratzte es erneut. Die Katze kam zurück mit dem nächsten Kätzchen.
Nach dem dritten Jungtier, das sie ihm anvertraute, setzte er sich auf die Stufen draußen am Flur und wartete. Jetzt begriff Dennis: Hier war eine Wende in seinem Leben. Er wusste noch nicht, wohin das führen mochte, aber allein dieser Gedanke machte Mut. Er wusste fast nicht mehr, wie das war zu lächeln.
Die Kätzchen wuseln in seinen Händen, stoßen ihre Näschen an seine Haut, und Dennis war einfach nur selig, strich über winzige Köpfe und spielte mit den plüschigen Schwänzchen.
Die Mutterkatze kehrte mit dem fünften Kätzchen zurück, setzte sich zu Dennis auf die Stufen und schaute ihn an: Erwartungsvoll, mit klugen, bernsteinfarbenen Augen.
Was jetzt? Dennis zuckte verlegen zusammen. Denkst du, nur weil du mir deinen Nachwuchs bringst, hab ich jetzt die Verantwortung?
Die Katze blinzelte, Dennis schwörte, ein Lächeln darin zu erkennen. Sie streckte sich nach Katzenart und schlenderte ganz selbstverständlich in die Wohnung, bereit zur Inspektion.
Dennis sammelte die auseinanderstiebenden Jungen ein und folgte ihr.
Die Katze durchstreifte den Flur, besah sich Dennis Zimmer, schabte missmutig hier und da am Boden, dann verschwand sie in die Küche.
Schon gut, ich habs kapiert! Dennis setzte die Kätzchen vorsichtig ab, holte eine kleine Schale. Ich werde aufräumen, keine Sorge! Kinder im Haus Du hast Recht! Und euch besorg ich auch noch Futter. Moment! Ich weiß was!
Der alte Einkaufskorb seiner Mutter, immer noch neben dem Kühlschrank, wurde zur perfekten Kätzchenwiege: Ein warmer Schal Relikt aus Kindheitstagen, als die Mutter damit Ohrenwickel machte bildete das Nest.
Die Katze beobachtete jede Bewegung genau.
Gefällts dir? Dennis stellte das Kuschelnest näher zu ihr. Sie trat an ihn heran, drückte ihren Kopf sanft in seine Hand und nahm das Geschenk an. Dann packte sie das erste Kätzchen am Nacken und sprang in den Korb.
Perfekt! Dann machts euch gemütlich. Ich geh schlafen, morgen ist wieder Arbeitstag Oh, halt! Fast vergessen!
Ein alter Plastikteller, bestückt mit Papierservietten statt Zeitung, wurde zur Katzen-Toilette. Die Katze musterte das Provisorium, tat sofort das Notwendige und kehrte zu den Kätzchen zurück.
Schatz, wie heißt du eigentlich? Dennis sprach fast zärtlich. Nur Katze sagen ist irgendwie doof. Einen Namen brauchst du Hast du überhaupt einen?
Die Katze sah ihn ruhig an.
Na, macht nichts. Überleg ich mir noch. Gefällt dir Minka? Oder Majestät?
Sie verzog das Mäulchen und fauchte leise.
Schon gut, das war wohl nichts Gib mir ein bisschen Zeit, ich hatte noch nie eine Katze. Geduld bitte!
Ihr forschender, fast majestätischer Blick erinnerte Dennis an ein altes Lied, das seine Mutter oft gehört hatte. Ein seltsamer, aber schöner Song, dessen Refrain noch immer nachklang.
Simone! Na, wie klingt das?
Die Katze lauschte; kein Protest.
Dennis deutete das als Zustimmung, knipste das Licht aus und ging erleichtert in sein Zimmer. Das erste Mal seit Ewigkeiten fürchtete er sich nicht davor, allein zu sein.
Morgens weckte ihn ein seltsames Kribbeln an der Wange. Jemand hauchte ihm ins Gesicht.
Lisa
Ein empörter Mauzlaut war die Antwort.
Die Katze saß neben seinem Kopfkissen und glotzte ihn an eindeutig ein Zeichen: Aufstehen! Es erinnerte ihn an seine Mutter, die morgens mit untrüglicher Genauigkeit über dem Bett thronte, weil sie wusste, dass er sonst zu spät dran wäre.
Dankeschön!
Dennis streckte die Hand aus. Was, wenn sie das nicht mochte?
Doch sie schätzte seine Geste und stieß mit dem Kopf sanft gegen seine Hand, sprang geschickt zu Boden und rief ihn stumm mit sich.
Dennis lächelte an diesem Tag wie lange nicht mehr. Er hatte wieder jemanden. Kein Mensch vielleicht, aber jemand erwartet ihn. Das erste Mal seit Mutters Tod freute er sich abends heimzukommen. Es gibt viel zu tun: Simone hat klargemacht, dass ihr Chaos nicht gefällt. Ordnung muss her und Futter, denn Milch reicht keiner Mutter.
Der Tierarzt, zu dem Dennis Simone und die Kätzchen am Wochenende brachte, staunte nicht schlecht:
Junge, bei so einer Rassekatze muss man besser aufpassen! Schauen Sie nur, in welchem Zustand sie ist!
Das ist eine Rassekatze?
Ja! Sie hat sogar einen Chip. Wir können den Besitzer herausfinden. Sie gehört nicht Ihnen, oder?
Nein. Sie kam einfach zu mir. Ich habe keine Ahnung, wem sie gehörte. Und die Kätzchen?
Nun ja… die Kätzchen sind wohl das Ergebnis eines Abenteuers mit einem Straßenkater ein wirklich hübscher Halunke wohl. Sehen Sie nur! Ich bin kein Freund ungleicher Verbindungen, aber die Natur irrt selten.
Simone saß still daneben, während der Arzt die Kätzchen untersuchte. Sie konnte nicht erzählen, wie sie in einer schicken Altbauwohnung mit einer jungen Besitzerin lebte, damals noch unter einem komplizierten Zuchtnamen.
Als Kätzchen mit rosa Schleifchen war sie ein Geburtstagsgeschenk. Ein paar Fotos, ein paar Streicheleinheiten dann war sie vergessen. Die Haushaltshilfe kümmerte sich, mit Lappen oder Schrubber, und so lernte Simone: Menschen sind nicht nett.
Ganz sicher wusste sie es, als die Besitzerin ihren neuen Freund nach Hause brachte. Der hasste Katzen. Beim ersten Fehltritt griff er Simone und warf sie vom fünften Stock einfach aus dem Fenster. Kein Gedanke daran, was mit ihr geschehen würde.
Simone überlebte; der Strauch unter dem Fenster war ihr Rettungsanker. Sie lag stundenlang im Gebüsch, raffte sich bei Einbruch der Dunkelheit auf und saß kläglich jaulend an der Haustür, bis jemand heimkam und sie hereinließ. Ihre Wohnung fand sie nie wieder. Zwei Tage lang irrte sie durch die Etagen, rief, schnupperte bis sie der Haushaltshilfe begegnete, auf dem Sprung hinaus.
Simone lief auf sie zu, wurde aber mit dem Absatz des Schuhs abgewehrt.
Verschwinde! Ich hab genug von dir!
Sie wurde gepackt, in eine enge, stickige Dunkelheit gesperrt und irgendwo, weit entfernt, vor der Mülltonne abgeladen.
Hier bist du richtig!
Sie blieb nicht. Es war zu gefährlich Autos, Hunde, Unrat. Im dunklen, nassen, aber warmen Keller fand sie notdürftigen Unterschlupf.
Dort begann ihr neues Leben: Die erste Maus, ein Kater, das erste Mal eigene Kätzchen. Da merkte Simone, dass das nicht weiter so ging. Sie fraß kaum, schlief kaum, hatte Angst um ihre Jungen. Aber irgendwer musste für Nahrung sorgen.
So machte sich Simone auf, ein Zuhause zu suchen.
Dennis war nicht der Erste, zu dem sie kam. Viele wiesen sie ab. Eine zerrupfte, magernde, unansehnliche Katze wollte niemand.
Bei Dennis war sie schon misstrauisch und verbittert, wochenlang am Hungertuch und voller Sorge um ihre Jungen. Deshalb fauchte und griff sie an aus Wut, weil keiner sie wollte oder verstand.
Aber Dennis verstand. Das war ein Wunder, denn Simone wusste mittlerweile, dass auf dieser Welt niemand wirklich auf jemanden Rücksicht nimmt. Nur wer selbst für sich sorgt, kommt klar.
Es dauerte, bis sie sich beruhigte, nachts umherstreifend in der Wohnung, und vorsichtig an den menschlichen Händen schnupperte. Immer brachte Dennis Futter heim das Vertrauen wuchs mit jedem Tag.
Die Kätzchen wuchsen, und mit ihnen kehrte Frieden ein. Dennis hatte versucht, den ehemaligen Besitzer zu finden, aber die junge Frau winkte ab:
Ich habe keine Tiere mehr. Lassen Sie mich in Ruhe!
Das wusste Simone nicht. Nach dieser Absage zählte Dennis Simone und ihre Kinder als seine Familie.
Sie wusste nicht, dass sie Dennis all das schenkte, was ihm fehlte: Das Gefühl, gebraucht zu werden.
Und noch ein Jahr sollte vergehen. Dann würden Simones Kätzchen von Dennis in freundliche Hände vermittelt. Eines der Jungtiere aber kehrt mit der Frau zurück, die sich um Simones Sohn kümmern will.
Und dieses freundliche, warmherzige Mädchen wird richtig damit umgehen, wenn Simone ihre neuen Lebensgefährtin abtestet mit Witz und Geduld.
Dann, erst dann, wird Simone sie akzeptieren, denn Dennis ist längst ihr Mensch. Und ihre Menschen gibt sie nur in beste Hände.
Abends, wenn Simones groß gewordener Katzenjunge bei der Couch Unfug anstellt, wird sie auf den Balkon zu Dennis springen und den Stimmen der Menschen lauschen, die sie lieben. Vier warme Hände werden ihren Rücken kraulen. Wenn Dennis dann zusammenzuckt, weil seine Frau ihm eine freudige Neuigkeit ins Ohr flüstert, wird Simone schnurren sie ahnt schon, was die beiden bewegt.
Endlich! Möge immer viel Liebe in dieses Haus einziehen! Und mögen Dennis eigene Kinder endlich kommen. Wer fremde, kleine Fellnasen so liebevoll angenommen hat, hat das sicherlich längst verdient. Und diese Kinder werden die glücklichsten und geliebtesten der Welt sein. Und sie, Simone, wird sie sicher mit erziehen.




