In einem Dorf irgendwo zwischen den verwunschenen Hügeln Baden-Württembergs, fernab von den schimmernden Straßen Berlins, lebte einst Marlene. Jeden Sommer, wenn die Sonne seltsam in den Fluss glitt, musste Marlene in einem knarrenden Kahn den wilden Neckar überqueren, um den geheimnisvollen Weg zur Stadt zu finden. Im Winter jedoch schien die Autobahn, wie unter einem Teppich aus Zucker versteckt, endlos und unpassierbar.
Trotz der seltsamen Wege war das Dorf voller Menschen, deren Stimmen sich stets über die Dächer schlängelten. Jeder kannte jeden, und die Sorgen, die manchmal wie Nebel kamen, wurden von warmen Worten vertrieben und gemeinsam getragen.
Marlene war ein lange ersehntes Kind, doch ihre Mutter, Hedwig, hatte sie in schlaflosen Nächten außerhalb der Ehe zur Welt gebracht. Der Vater war Johann ein groß gewachsener Mann mit stechend blauen Augen und der Ehemann von Hedwigs bester Freundin, Anneliese. Niemand ahnte, wer das Kind wirklich gezeugt hatte; Johann erzog drei Kinder und dachte nie an Abschied. Auch Hedwig wollte das fragile Gleichgewicht ihrer Freundin nicht zerstören.
Von Beginn an war Marlene mit Klara, Johanns Tochter, unzertrennlich. Gemeinsam tobten sie durch den streifenden Wind und saßen Seite an Seite im Schulsaal. Sie hatten ein besonderes Ohr Musik, so begannen sie beide zusammen die Musikschule in Stuttgart zu besuchen. Ihre Zeugnisse glänzten, und die Sehnsucht nach dem Konservatorium in der großen Stadt wuchs in ihren Träumen.
Doch nach dem Rauschen der Schulzeit trennten sich die Wege der beiden heimlichen Schwestern, die nichts von ihrem Blutsband wussten: Klara zog fort in die graspapierene Ferne, während Marlene blieb, eingebettet in die gewohnte Dorfstille. Die Verbindung zerfloß wie Morgentau, Jahre vergingen ohne ein einziges Wort.
Ihre Kindheitsvisionen erwiesen sich als flüchtige Schatten keine der beiden fand einen Platz an der Musikhochschule. Klara wurde Ingenieurin, Marlene Friseurmeisterin. Die Zeit drehte sich weiter, Marlene heiratete, gebar zwei Söhne und dachte manchmal, wie durch einen Schleier, an Klara aus vergangenen Tagen.
Dann, in einer Zeit, die wie aus graublauen Wolken gestrickt schien, entdeckten die Ärzte, dass Hedwig schwer krank war. Marlene tat alles, um ihre Mutter zu retten. Und als die Stunden sich schlossen und das letzte Licht in Hedwigs Augen lag, ließ sie das verborgene Geheimnis hinausfliegen:
Dein Vater… dein Vater… Komm näher, mein Kind…
Die Wahrheit fleckte Marlenes Herz mit kaltem Schauer. Ein Leben lang war sie neben ihrer eigenen Schwester gewandelt, ohne davon zu wissen. Kein Wunder, dass ihre Wünsche so gleich klangen die väterlichen Gene webten ihre Muster.
Marlene musste durch viele verworrene Pfade gehen, um Klaras Telefonnummer zu finden Johann war längst nicht mehr im Dorf, und Klara hatte ihre Eltern in die Stadt gezogen. Die Spur wurde zu dünnem Faden, doch über verschlungene Kontakte erhielt Marlene schließlich die Nummer.
Sie wählte und hörte die Stimme von Klara, die wie ein verblüfftes Echo voll Freude klang. Marlene spürte, das, was sie sagen musste, passte nicht in das fragile Netz des Telefons sie schlug vor, sich zu treffen.
Einige Tage später glitt Klara wie ein wandernder Gedanke zurück ins Dorf. Die beiden Schwestern erzählten sich die alten Fäden ihres Lebens. Erinnerungen an die Kindheit flatterten wie bunte Tücher durch das Haus. Die Freude an der Begegnung, nach all der Zeit ein seltsamer Trost.
Jetzt unterstützen sie sich gegenseitig, reisen füreinander quer durch Deutschland, und natürlich hat Marlene begonnen, Kontakt zu ihrem Vater zu pflegen.
Johann bat Anneliese um Verzeihung und sie öffnete ihm ihr Herz. Gemeinsam fahren Johann und Klara nun zu Besuch zu Marlene, gehen auch zu Hedwigs Grab, bringen Sonnenblumen und sprechen mit leisem Lächeln. Johann spricht mit seinen Enkeln, die sich über ihren Großvater freuen wie über ein neues Märchen.
So fädelte das Schicksal, ganz unbemerkt, die Wahrheit nach vielen Jahren aus dem Traumgewebe heraus, ohne jemandem zu schaden und tauchte das Leben in leisen Melodien, die nur im Traum möglich scheinen.





