Adam war zutiefst verletzt, als er erfuhr, dass seine Mutter plante, die Wohnung seiner Schwester zu überlassen. Er konnte nicht verstehen, warum sie seine Schwester ihm und seiner Ehefrau vorziehen würde, gerade nachdem er und seine Frau sich um sie gekümmert hatten, als sie Hilfe brauchte.

Liebes Tagebuch,

heute denke ich viel darüber nach, wie sich mein Leben in den letzten Monaten verändert hat. Als meine Mutter, Elisabeth, vor einiger Zeit mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus gebracht wurde, war es für mich selbstverständlich, Verantwortung zu übernehmen. Sie hatte meinen Bruder Paul und mich alleine großgezogen, wir waren immer eine kleine Familie ohne viel Aufhebens. Doch in solchen Momenten merkt man, wie unterschiedlich manche Bindungen sind.

Obwohl meine Schwester Annegret eine große Wohnung in München hat, hat sie immer neue Ausreden gefunden, um sich aus der Betreuung meiner Mutter herauszuhalten. “Ich bin einfach zu beschäftigt mit meinen Projekten, mit meinem Leben”, meinte sie oft am Telefon. Die Tatsache, dass sie finanziell sehr gut gestellt ist, hat sie nie zu einem größeren Einsatz bewegt. Wenn ich sie um ein wenig Unterstützung bei den Arztrechnungen bat, hat sie meist auf ihr eigenes Budget verwiesen, dass sie ja für Renovierungen oder Urlaube brauche.

Meine Frau Katrin und ich arbeiten beide viel, aber wir haben alles getan, damit sich meine Mutter während ihrer Genesung bei uns wohlfühlt. Es war nicht leicht, unser kleines Haus in Augsburg mit einem pflegebedürftigen Familienmitglied zu teilen, den Alltag zu meistern und unseren kleinen Sohn Emil großzuziehen. Doch mit der Zeit ging es Elisabeth besser, sie störte sich nicht mehr daran, dabei zu helfen, das Essen zuzubereiten oder Emil ins Bett zu bringen.

Gestern aber, bei einer Tasse Kaffee am Sonntagnachmittag, habe ich zufällig gehört, wie meine Mutter am Telefon mit Annegret sprach. Sie plante, ihr das Münchner Apartment zu schenken, damit meine Schwester es verkaufen und davon ein Haus kaufen könne. Mein Herz ist mir fast stehen geblieben. Ich habe mich gefragt, wie all meine Mühe und Fürsorge der letzten Monate einfach so übersehen werden konnte.

Heute habe ich Elisabeth darauf angesprochen. Sie hat es mir ohne Umschweife bestätigt und gemeint, Annegret habe die finanzielle Hilfe dringender nötig, ich könne schließlich mein Leben alleine meistern. Es hat mich tief verletzt und ehrlich gesagt, ist etwas in mir zerbrochen. Wie konnte sie all das, was Katrin und ich getan haben, einfach so übergehen?

Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen: ich kann nicht einfach weitermachen, als wäre nichts gewesen. Heute habe ich meine Sachen gepackt und meine Mutter zu Annegret gebracht. Wenn sie so sehr auf die Unterstützung und Liebe ihrer Tochter setzt, dann soll sie dort leben. Es war keine leichte Entscheidung, aber ich konnte nicht anders meine Enttäuschung und der Schmerz über diese Ungerechtigkeit waren zu groß.

Jetzt sitze ich hier, allein im Wohnzimmer, und frage mich, ob ich richtig gehandelt habe. Vielleicht hätte ich sie nicht einfach gehen lassen sollen? Aber ich weiß nicht, wie ich mit dieser Zurückweisung leben könnte. Das war mein einziger Weg, ihr zu zeigen, wie sehr es mich verletzt hat, nur der praktische Sohn zu sein, während das Herz immer woanders schlägt.

Gute Nacht, liebes Tagebuch ich hoffe, morgen fühlt sich alles ein bisschen weniger schwer an.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Adam war zutiefst verletzt, als er erfuhr, dass seine Mutter plante, die Wohnung seiner Schwester zu überlassen. Er konnte nicht verstehen, warum sie seine Schwester ihm und seiner Ehefrau vorziehen würde, gerade nachdem er und seine Frau sich um sie gekümmert hatten, als sie Hilfe brauchte.
Sohn fehlt zu meinem 70. Geburtstag, gibt Arbeit an – abends sehe ich in den sozialen Medien, wie er im Restaurant den Geburtstag seiner Schwiegermutter feiert.