Und warum habt ihr denn die Koffer dabei? fragte meine Schwiegertochter plötzlich verängstigt. Wir werden jetzt hier wohnen, antwortete meine Mutter mit Nachdruck.
Ich, Marie, lief grübelnd durch unsere Wohnung in München. Wie bloß den wenigen Platz besser nutzen? Zwei Zimmer aber eines ist ein Durchgangszimmer, das ist hier echt unpraktisch, und das andere so winzig… Man fragt sich manchmal, warum sie damals solche Wohnungen gebaut haben! Am liebsten hätte ich meinen Mann Paul überzeugt, die Wohnung zu verkaufen und für das Geld ein Häuschen am Stadtrand zu kaufen vielleicht in einem kleinen Ort bei Dachau. Ich habe schon die Anzeigen durchgeblättert: Unsere Wohnung mittlere Etage, zentral, der Park direkt vor dem Haus, Kindergarten und Schule sind zu sehen, Supermärkte um die Ecke. Solche Bleiben sind heute Gold wert, auch wenn sie klein ausfallen. Aber ein Haus am Stadtrand bekommt man in der Regel günstiger, und Platz hat man außerdem. Garten, eine kleine Terrasse vielleicht, Platz für einen Pool… Hach! Und was übrig bleibt, könnte für einen gebrauchten Wagen reichen. Ich wollte eh schon seit Langem den Führerschein machen, fahren kann ich seit ich femzehn bin mein Papa hats mir auf dem Land beigebracht, dort fragt ja keiner nach dem Führerschein. Aber zur Fahrschule bin ich noch nie gekommen, jetzt hätte ich endlich einen Grund!
Ich durchschritt die Wohnung wieder und stellte seufzend fest, dass mit ein bisschen Umräumen aus dem kleinen Raum kein Palast wird. Heute Abend also den ersten Vorstoß bei Paul wagen, dachte ich mir.
In der Küche hoffte ich, etwas Leckeres für Paul kochen zu können Liebe (und Geld!) gehen ja bekanntlich durch den Magen. Doch ein Blick in den Kühlschrank: Fehlanzeige. Besser, ich bestell was beim Feinkostladen, das spart Zeit, und Paul freut sich.
Ich machte es mir im Sessel bequem, öffnete mein Notebook und sah mir das Angebot an, wie ich ihn beeindrucken und nebenbei sparen könnte. Da unterbrach mich das Klingeln an der Tür. Ich dachte, vielleicht kommt meine Freundin Sabine auf einen Tee vorbei, aber vor der Tür standen meine Schwiegermutter, Frau Ingrid Wagner, und ihr Freund mit zwei Koffern zu ihren Füßen, über die ich langsam meinen Blick hob.
Was macht ihr denn mit dem ganzen Gepäck? fragte ich, ehrlich erschrocken.
Wir ziehen hier ein! erwiderte sie mit gehobenem Kinn und bedeutete ihrem Begleiter, die Koffer hereinzutragen. Vergiss nicht, das ist meine Wohnung.
Monate zuvor…
Mama, du steigerst dich da total rein! Paul wurde langsam ungehalten. Marie ist nett zu dir, du interpretierst da zu viel rein.
Paulchen, sie schaut mich manchmal an, als wär ich Luft. Ich weiß gar nicht, wie ichs ihr recht machen kann. Vielleicht zieh ich für ein Weilchen aufs Land dann hättet ihr mehr Zeit für euch, bis Marie sich an alles gewöhnt hat. Ich komm mir eh schon als Störfaktor vor.
Ach, Mama, nur Geduld! Marie will dich doch auch besser kennenlernen. Die Zeit wirds regeln. Und das Häuschen auf dem Land braucht eh noch eine Grundsanierung, dazu komm ich einfach nicht. Also reiß dich bitte zusammen.
So hielt es Ingrid Wagner aus. Die Schwiegertochter, Marie, die erst seit ein paar Monaten bei uns lebte, benahm sich, als hätte die Welt ihr etwas schuldig. Ihr ständig unzufriedenes Gesicht trieb meine Mutter manchmal hinter den Paravent im Durchgangszimmer. Dennoch, sie besann sich: Als sie selbst frisch verheiratet als Schwiegertochter bei ihrer Schwiegermutter einzog da war das Leben noch anders, Familie wurde zusammengehalten, man half sich. Ingrid wollte immer alles richtig machen, aber damals waren da noch vier weitere Kinder, der Platz war knapp, und sie empfand sich schnell als unwillkommene Belastung, obwohl sie ihr eigenes Zimmer bekamen und die Jüngeren in ein anderes mussten. Die Zeit war eben so.
Ingrid und ihr Mann Johannes arbeiteten in einer Ziegelei. Das war Knochenarbeit, doch irgendwann bekamen sie als Betriebswohnung diese Düsseldorfer Wohnung zugeteilt. Sie waren überglücklich. Endlich wollten sie noch ein Kind aber es wollte einfach nicht klappen. Ob Ingrids Gesundheit gelitten hatte oder ob es Schicksal war sie wurde und wurde nicht schwanger. Sie versuchten alles: Kuraufenthalte, Heilbäder ohne Erfolg.
Dann geschah das Unerwartete mit 43 Ingrid wurde schwanger! Für sie und Johannes (damals 48) kam es wie ein Wunder. Die Schwangerschaft war schwer, Ingrid musste oft liegen und nach der Geburt von Paul blieb sie zu Hause, Johannes bestand darauf.
Aber was ist mit der Rente? klagte sie.
Irgendwann findest du einen Job, ob als Reinigungskraft oder was auch immer. Hauptsache, du kannst dich um unser Kind kümmern. Für die Familie sorge ich, das ist meine Pflicht.
Doch Johannes schuftete sich zu Tode; Nachtschichten als Wachmann schlugen schnell auf die Gesundheit. Als Paul zehn war, starb sein Vater.
Ingrid nahm wieder Arbeit an. Paul besuchte Schule und Sportverein, sie war stolz auf ihn, bestand aber darauf, dass er erst nach Ausbildung Geld verdienen sollte.
Nein! sagte sie streng, dein Vater wollte, dass du ein guter Mensch wirst, Schule und Ausbildung sind das Wichtigste, ich komme schon durch.
Paul strengte sich an. Die Schule schloss er gut ab, bekam einen Studienplatz an der Uni in München und das mit Bestnoten. Nach dem Studium bot eine große Firma sofort eine Anstellung an.
Mit Frauen hatte Pauls Herz nicht viel am Hut. Sein Ziel war, erst mal beruflich sicher zu stehen, ehe er an Familie dachte. Alles kam anders: Eines Abends fand er im Englischen Garten eine junge Frau weinend auf einer Bank das war das erste Treffen mit Marie…
Ist etwas passiert?
Sie schüttelte mit verweinten Augen den Kopf: Mein letzter Bus ins Dorf ist weg, der Handy-Akku ist leer, ich kenne hier niemanden, keine Taxis Mein Vater wird mich umbringen!
Kommen Sie doch erst mal zu uns meine Mutter hat bestimmt heißen Tee und warmen Apfelstrudel. Laden Sie Ihr Handy auf, dann organisieren wir ein Taxi.
Sie zögerte, aber Paul überzeugte sie. Oben angekommen, blieb sie auf dem Flur stehen, bis Ingrid die Haustür öffnete:
Schnell rein, ihr friert ja schon!
Ein heißes Bad, Früchtetee mit Honig und Marie blühte sichtlich auf.
Mein Vater sagt, bei dem Wetter fährt kein Taxi raus, Sie sollen mich einfach bis morgen früh behalten.
Na, dann gute Nacht! sagte Ingrid lachend. Ich schlafe hinter dem Paravent, du kannst es dir auf der Couch bequem machen.
Am nächsten Morgen brachte Paul Marie zur U-Bahn. Ihr fiel auf, dass Paul ein freundlicher junger Mann war, seine Mutter bodenständig und herzlich. Fix hatte sie einen Plan: Schon am nächsten Wochenende stand sie wieder vor der Tür.
Mit einem Korb voll selbstgemachter Marmelade, Waldpilzen und frischer Sahne. Ingrid und Paul freuten sich.
Bei Tisch erzählte Marie, sie stehe wieder unter Zeitdruck; Paul musste zu einer alten Freundin, Sabine.
Aha, die berühmte Freundin, Marie zwinkerte. Sie wird sicher eifersüchtig, wenn sie uns sieht?
Sabine? Quatsch, wir kennen uns seit dem Kindergarten, sie ist einfach meine langjährige Freundin, keine Sorge!
Erleichtert fragte Marie: Zeigst du mir mal die Stadt? Ich komm oft her, kenn aber eigentlich nur den Weg zwischen Bus und Studierendenwohnheim.
Logo, nächstes Wochenende bist du meine Stadttouristin!
Dann reiste sie immer öfter nach München. Schließlich legte Paul seiner Mutter die Hochzeit mit Marie als fatto accompli vor. Die Feier stieg bei Maries Eltern auf dem Land. Von Pauls Seite waren nur wenige Gäste da, Sabine kam nicht sie war vielleicht beleidigt, aber Paul dachte, das gebe sich schon.
Nach dem Einzug legte Marie die Karten auf den Tisch:
Müssen wir jetzt ewig mit deiner Mutter zusammenwohnen?
Erst mal schon. Sobald ich befördert werde und du einen Job hast, sparen wir für eine Eigentumswohnung.
Ach bitte, ich will kein Leben in Hypothekenschulden!
Und was schlägst du vor?
Deine Mutter könnte ihre Wohnung verkaufen, zu meinen Eltern aufs Land ziehen; da ist Platz genug…
Marie, sie hat sich die Wohnung mit Papa hart erarbeitet! Nein. Wir müssen unser Leben selbst aufbauen, wie meine Eltern.
Heute gibts sowas eh nicht mehr, damals kriegte man als Arbeiter noch eine Betriebswohnung geschenkt…
Geschenkt? Mein Vater hat sich dafür kaputt gearbeitet! Nein, Marie, Thema beendet.
Doch regelmäßig kam Marie wieder drauf zurück. Eines Tages schlug sie vor, dass Ingrids Wochenendhaus auf dem Land einen Renovierer bräuchte, sie könnte da wohnen, während ein Bekannter von ihr den Umbau preiswert erledigt.
Am nächsten Morgen, nach dem Einkauf, lauschte Ingrid einem Telefonat Maries, wie sie zu einer Freundin sagte:
Hauptsache, die Alte zieht baldmöglichst aus Berlin ab. Mein Plan steht: die hook ich mit dem Handwerker auf, dann krieg ich die endlich hier raus und Paul spure ich zurecht…
Ingrid schluckte schwer, lachte aber über Maries offensichtliche Pläne. Am Abend spielte sie mit, als Marie ihr den Kontakt zum Handwerker vermittelte.
Im Sommer zog Ingrid tatsächlich aufs Land, während Herr Heinrich Mertens, der Handwerker, sich um das Wochenendhaus kümmerte. Abends saßen beide zusammen beim Tee und redeten offen über Maries Intrige.
Heinrich lachte: Dann also starten wir gemeinsam einen kleinen Streich und zeigen den Jungen mal, wie der Hase läuft!
Sie verbrachten einen herrlichen Sommer im Grünen, kamen sich näher und lachten viel. Heinrich war lange verwitwet und genoss Ingrids Gesellschaft.
Ende August brachte Heinrich einen Rosenstrauß und Kuchen und machte Ingrid einen Heiratsantrag. Sie willigte glücklich ein.
Das nächste Wochenende gab es bei Paul und Marie ein überraschendes Festessen.
Warum das festliche Essen? fragte Marie, erwartungsvoll.
Wir heiraten, gab Ingrid bekannt.
Marie strahlte, Paul verschluckte sich. Doch dann fiel er seiner Mutter um den Hals und wünschte ihr alles Gute.
Kurz darauf kamen Ingrid und Heinrich mit Koffern zurück in die Münchner Wohnung.
Was macht ihr denn hier? fragte Marie entgeistert.
Wir ziehen hier ein! sagte Ingrid feierlich, denn das ist immer noch meine Wohnung falls dus schon vergessen hast.
Aber… wieso nicht zu dir? hoffte Marie auf Heinrichs größere Wohnung.
Heinrich hat keine eigene Wohnung er lebt jetzt bei mir, grinste Ingrid, sichtlich vergnügt.
Marie stampfte wütend ins Schlafzimmer, knallte die Tür zu und schrie: Paul, hilf mir bitte aus der Patsche!
Paul kam spät von der Arbeit. Nachdem er sich informiert hatte, beschloss er, die Scheidung einzureichen. Zwei Tage später eröffnete er dies seiner Mutter.
Vielleicht wird es mit Marie noch mal was, gib ihr Zeit, meinte Ingrid.
Niemals! Ich möchte mein Leben nicht mit so einer berechnenden Frau verbringen. Ich wusste von all dem gar nichts, ehrlich!
Ist gut, Paul, meinte sie, mach keinen Fehler mehr. Heinrich und ich ziehen eh, wie geplant, zu ihm. Die Wohnung gehört jetzt dir, aber denk daran, wähle die Richtige!
In mir wuchs in den nächsten Tagen ein einprägsamer Gedanke: Familie ist, wen man liebt, nicht, wem man vertraut aus Berechnung. Manchmal ist am Ende auch ein Umweg der direkte Weg zum Glück.





