30. Dezember
Manchmal kommen mir all die Erinnerungen aus meiner Kindheit in den Sinn, besonders jetzt, wenn das neue Jahr bevorsteht. Mein Vater hat mich alleine großgezogen, und sein einziges Ziel war, dass aus mir ein aufrichtiger, anständiger Mensch wird. Ich weiß, wie schwer er gearbeitet hat, um mir alles zu ermöglichen, was ich brauchte nie hat er gezögert, sein letztes bisschen Geld für meine Wünsche auszugeben. Eigentlich war er immer knapp bei Kasse, aber es war ihm egal, Hauptsache, es ging mir gut.
Meine Mutter habe ich schon früh verloren, und das hat alles schwieriger gemacht. Die anderen Kinder in der Grundschule in Bremen waren oft grausam sie haben mich gehänselt, manchmal bis ich geweint habe und mich fragte, warum gerade ich so leben musste. Mein Vater nahm mich dann in die Arme und sagte oft: Anna, das Leben spielt manchmal verrückte Spiele mit uns. Aber du bist mein ganzer Stolz. Gerade in diesen Momenten hat er mir gezeigt, wie sehr er mich liebte.
Am meisten habe ich mich jedes Jahr auf Silvester gefreut schon Wochen vorher habe ich Wünsche formuliert und insgeheim gehofft, sie würden wahr werden. In der Schule wurde die Tradition gepflegt, zum Jahreswechsel kleine Geschenke zu verteilen und in fantasievollen Kostümen oder festlichen Kleidern aufzutreten. Mein Vater hat immer alles daran gesetzt, mir ein schönes Kleid zu besorgen, obwohl das Geld eigentlich nie reichte. Einmal hat er mir ein Kleid gekauft, das so wunderschön war, dass ich auf der Feier für einen Abend lang wirklich im Mittelpunkt stand. Meine Klassenkameraden in Bremen haben mich bewundert ich weiß noch, wie ich meinem Vater immer wieder dankte, so glücklich war ich.
Mit der Zeit bin ich älter geworden. Nach dem Abitur habe ich mein Studium in Hamburg begonnen. Alles hat genau so geklappt, wie ich es mir erträumt hatte, denn ich war schon immer ehrgeizig und fleißig. Das Leben in der Großstadt hat mich verändert irgendwie wurde Geld plötzlich wichtig. Ich habe mich mit Leuten angefreundet, die gern Geld für teure Restaurants und elegante Kleidung ausgegeben haben. All das hat mich beeindruckt und ein wenig mitgerissen.
Als ich schwanger wurde und mein Freund mir einen Heiratsantrag machte, schien mein Glück vollkommen. Er war sehr wohlhabend, und ich dachte, jetzt beginnt mein neues Leben. Als wir die Hochzeit in einem schicken Hotel in Hamburg planten, war mir die Gästeliste peinlich. Ich wollte einfach nicht, dass mein Vater kommt die anderen Gäste waren alle sehr reich und erfolgreich, und ich schämte mich, dass er sich dort fehl am Platz fühlen könnte. Also schrieb ich ihm eine Nachricht, in der ich ziemlich kalt erklärte, dass er bitte nicht erscheinen soll. Ich begründete es damit, dass die Feier unter Seinesgleichen stattfinden würde.
Noch heute krampft sich mein Herz zusammen, wenn ich daran zurückdenke. Mein Vater war tief verletzt, dabei war er der Mensch, dem ich am meisten verdanke. Nach langem Überlegen ist er trotzdem nach Hamburg gereist.
Inmitten der Hochzeitsgäste kam mein Vater auf mich zu. Er drückte mir ein kleines Sträußchen Feldblumen in die Hand, küsste meine Stirn, wünschte mir von Herzen alles Gute und ging wortlos wieder hinaus. Ich stand einfach da, wie erstarrt. Plötzlich fühlte ich mich lähmend leer und schämte mich unfassbar wie konnte ich ausgerechnet ihn, meinen eigenen Vater, so ausschließen?
Ich bin ihm nachgelaufen, Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich bat ihn weinend um Verzeihung und versprach, nie wieder so etwas Gemeines zu tun. In diesem Moment wurde mir klar, was wirklich zählt: Ehrlichkeit, Familie und Liebe, nicht Geld oder Ansehen.





