Als Kind war mein jüngerer Bruder immer das Lieblingskind in den Augen meiner Mutter und meiner Oma. Sie himmelten ihn regelrecht an, stellten ihn stets in den Mittelpunkt, während ich eher im Schatten stand. Er bekam alles vom Feinsten: die besten Spielsachen, Süßigkeiten, Streuselkuchen, Beeren und vieles mehr. Ich hingegen wurde oft übersehen und musste nach ihm aufräumen, sein Bett machen und ihm das Frühstück vorbereiten. Es hat mich tief verletzt, wie ich wie eine Dienstmagd für ihn behandelt wurde, ständig auf Abruf, um all seine Wünsche zu erfüllen.
Dieses Muster hat mich sehr beschäftigt, vor allem angesichts der Vergangenheit meiner Mutter, die selbst unter der schlechten Behandlung ihres Mannes gelitten hatte, was schließlich zur Scheidung führte. Und nun zog sie ausgerechnet einen neuen, verwöhnten Mann groß. Immer wenn ich mich dagegen wehren wollte, wurden meine Proteste im Keim erstickt und an meiner untergeordneten Rolle änderte sich nichts. Besonders gut erinnere ich mich an die schwere Zeit im letzten Schuljahr, als ich intensiv für die Prüfungen lernte. Während ich über meinen Büchern saß, riefen mich Mutter und Oma alle paar Minuten ins Wohnzimmer, um alles stehen und liegen zu lassen und meinen Bruder zu versorgen. Dein Bruder ist das Wichtigste, sagten sie, und seine Bedürfnisse gingen immer vor. Dank meines Ehrgeizes habe ich die Prüfungen zwar bestanden, aber der Druck war enorm.
Als ich mich dann auf die Aufnahmeprüfungen für die Universität vorbereitete, stellte meine Oma sogar die Bedeutung von Bildung für Frauen infrage. Sie riet mir, mich lieber auf Ehe und Kinder zu konzentrieren und einen Haushalt zu führen. Trotzdem hielt ich durch und schloss das Studium ab. Irgendwann konnte ich die Last nicht mehr ertragen und traf die Entscheidung, auszuziehen. Ich hatte genug davon, ständig für meinen Bruder verantwortlich zu sein. Mutter und Oma waren außer sich vor Wut über meinen Auszug und besonders meine Oma musste schließlich sogar ihren Job aufgeben, um ihren Enkel zu betreuen.
Der Schritt, das Elternhaus zu verlassen, war nicht einfach, aber er war notwendig für mein eigenes Wohl und meine Entwicklung. Ich wusste, dass ich mehr verdiente als nur die Rolle einer Dienstmagd und war fest entschlossen, mir ein Leben aufzubauen, in dem meine Wertschätzung und mein Respekt im Mittelpunkt stehen.





