Letzten Sommer, an einem seltsam warmen Freitag, während mein Mann in einem endlosen Büro irgendwo in München steckte, schlenderte ich mit meiner Tochter, deren Namen nur aus deutschen Märchen bekannt ist Elisabeth durch den Markt in einer dieser kleinen bayerischen Städte, die von goldenen Sonnenstrahlen und dem Duft von frischen Brezen durchzogen werden.
Nach dem Einkauf schwammen wir sachte wie zwei Gondeln heimwärts durch die Straßen, die wie aus einem alten Traum wirkten. Zuhause versank Elisabeth in einem wirbelnden Tanz des Staubwischens, während ich im Rhythmus der Klänge von irgendwo draußen Suppe kochte, als ob jede Zutat eine Zeile eines Gedichts wäre.
Plötzlich zerschneidet das scharfe Quietschen von Bremsen die Luft vor unserem Haus wie ein Ruf aus der Tiefe eines seltsamen Traumes. Entfernte Verwandte stiegen aus einem altmodischen Opel, ein windschnittiges Trio: meine Cousine Klara, ihr gestresster Ehemann Gerhard, und deren wortkarge Tochter Friedlinde, die im Nebel der Pubertät schwebte.
Mit einer Eile, als hätte ich alles schon hundert Mal geprobt, lud ich sie ein, deckte hektisch den Tisch mit den schönsten Tellern, fragte, was diesen plötzlichen Besuch verursacht hatte. Klara seufzte, gestern sei ihr Geburtstag gewesen, und sie seien spontan von Regensburg aufgebrochen eine Entscheidung, die nur in den seltsamen Windungen eines Traumes Sinn machte.
In der Erwartung, mit Feierlichkeiten zu überraschen, hielt ich meine Planlosigkeit geheim. Während die Gäste Tee in Porzellantassen nippten, rief ich meinen Mann Michael an, schilderte die surreale Szene. Er schlug vor, Schaschlik zu grillen zum Glück ruhte ein Stück Schweinefleisch wie eine verborgene Erinnerung im Gefrierschrank.
Schwankend ging ich ins Wohnzimmer, gestand meine Unvorbereitung und lächelte krampfhaft, während ich von den geplanten Spießen erzählte das Fleisch müsse mariniert werden, in etwa zwei Stunden könne gegessen werden, Michael würde dann eintreten, als wäre er das Finale eines stillen Kasperltheaters.
Klara und Gerhard quittierten alles mit einem stummen Kopfnicken, ließen sich aufs Sofa fallen, versanken ins ZDF, als wäre es das Tor zu anderen Welten. Ich blickte hilflos umher. Mit vorsichtiger Stimme bat ich Gerhard um Hilfe beim Fleisch er klagte kläglich über seine schmerzende Hand. Klara murmelte, sie fühle sich vom Reisen zerschlagen, drehte sich zur Seite und starrte ins flimmernde Fernsehlicht.
Also schnitt ich das Fleisch wie durch Nebel, marinierte es, während Elisabeth lautlos Gläser polierte. Keine helfende Hand, kein aufmunterndes Wort selbst die Luft schien vor Vorwürfen zu knistern.
Als Michael aus seinem Münchner Alltag nach Hause zurückkehrte, berichtete ich ruhig. Michael stutzte, schnaubte, nannte unsere Gäste frech dann rief er sie zum Essen, als wäre er der Schaffner am Endbahnhof. Am Tisch saß jeder wie festgefroren, eine gespenstische Stille hing über den Tellern. Gerhard griff gierig nach drei Schaschlik-Spießen wie ein hungriger Wolf aus einem Grimmschen Märchen. Michael blickte finster, die ganze Szene war ihm fremd.
Nach dem Mahl fragte ich, ob jemand beim Abwasch helfen wolle, hoffte auf einen Moment der Einsicht. Doch Klara schüttelte mählich den Kopf, erklärte, ihre Maniküre sei heilig und Friedlinde könne kein Porzellan berühren.
Als sie feststellten, es sei viel zu spät zum Gehen, forderten sie, bei uns zu schlafen und zwar direkt in unserem Bett, da Gerhards Rücken nur Federkernmatratzen dulde. Michael konnte sich nicht mehr halten. Seine Stimme kam wie Donner durch einen Sommerregen:
Glaubt ihr, das hier ist ein Gasthof, und wir sind das Personal? Nehmt eure Sachen und verschwindet sofort!
Meine Kinnlade klappte nach unten wie eine Falltür. Ich versuchte, die Szene zu glätten, doch die Verwandten stoben wie Herbstlaub, sprangen in ihren Opel, und mit einem letzten dröhnenden Motorengeräusch zerplatzte alles wie Seifenblasen im Morgengrauen, und wir blieben zurück in einem Haus, das plötzlich wieder nur unser Traum war.





