Komm zurück und kümmer dich
– Veronika, mach sofort auf! Wir wissen, dass du da bist! Svea hat gesehen, dass bei dir Licht brennt!
Veronika band gerade einen Eustoma-Zweig an die hölzerne Rankhilfe. Ihre Hände waren von grünen Stängeln verschmiert, die Schürze voll Erde. Sie hob den Kopf und blickte zur Glastür ihrer Werkstatt. Davor standen zwei Gestalten. Die eine erkannte sie sofort, selbst durch das beschlagene Glas. Breite Schultern, gefärbte Haare in der Farbe von überreifen Kirschen. Hannelore Petersen. Ihre Schwiegermutter. Besser gesagt: ihre ehemalige Schwiegermutter.
Veronika ließ sich Zeit. Sie stellte die Eustoma ins Wasser, zog die Handschuhe aus und hängte sie an einen Haken am Arbeitstisch. Dann ging sie doch zur Tür.
– Guten Abend, sagte sie, als sie den Riegel zurückschob.
Hannelore Petersen trat sofort ein, ohne auf eine Einladung zu warten. Ihr folgte Svea, Victors Schwester, mit verweinten Augen und einem zerwühlten Schal, dessen Ende auf den Boden hing.
– Was für ein Abend, Veronika bist du noch bei Trost? Hannelore Petersen sah sich mit strenger Miene in der Werkstatt um, als suche sie nach etwas, das sie tadelnswert fand. Fündig wurde sie schnell: Du schnupperst an deinen Blümchen, während jemand stirbt.
– Wer stirbt? fragte Veronika nüchtern.
– Viktor! rief Svea plötzlich und presste die Hand auf den Mund. Viktor liegt im Krankenhaus. Ein Unfall. Wirbelsäule.
Veronika sah sie nur an. Irgendwo in ihrem Inneren zog sich etwas zusammen, aber es war nicht mehr das Gefühl wie damals vor einem Jahr, als schon das bloße Wort Viktor alles in ihr zusammenzurrte. Jetzt war es anders leise, wachsam, wie einer, der sich schon einmal verbrannt hat.
– Setzt euch, sagte sie und nickte zu den zwei Hockern am Arbeitstisch.
– Wir sind nicht zum Sitzen hier, wies Hannelore das Angebot ab, setzte sich dann doch schwerfällig. Ihre Beine machten es ihr schwer, das wusste Veronika noch. Krampfadern, Bluthochdruck.
Svea blieb stehen, zupfte am Schalende.
– Erzählt bitte genau, bat Veronika.
Und sie erklärten es ihr, beide durcheinander, überboten sich, widersprachen sich immer wieder. Viktor war vor drei Tagen auf der Autobahn. Es regnete. Er kam ins Schleudern, knallte gegen die Leitplanke. Das Auto Totalschaden. Er aber lebte. Doch Bruch der Wirbelsäule, ein Kompressionsbruch, Operation vorbei, aber die Ärzte sind vorsichtig mit Prognosen. Er kann vielleicht wieder laufen, vielleicht auch nicht. Er braucht Pflege, er braucht jemanden.
– Und Carina? fragte Veronika.
Ganz ruhig sprach sie diesen Namen aus. Vor einem Jahr hätte er geschmerzt wie ein Splitter unter der Haut. Carina, achtundzwanzig, Verkäuferin, für die Viktor nach achtzehn Jahren Ehe alles hinter sich ließ.
Hannelore presste die Lippen zusammen.
– Carina ist weg.
– Wohin?
– Zu ihrer Mutter. Nach Bremen. Svea biss sich zornig auf die Lippe. Sobald sie hörte, dass er womöglich nie wieder laufen kann, hat sie gepackt. Zwei Koffer in drei Stunden. Geht nicht ans Telefon, wenn wir anrufen.
Veronika schwieg. In der Werkstatt tropfte ein Wasserhahn in die Spüle, es roch nach Erde und leicht nach Lilien.
– Und was wollt ihr jetzt von mir? fragte sie schließlich.
Hannelore Petersen richtete sich schwer auf.
– Veronika, ihr wart achtzehn Jahre zusammen. Achtzehn! Das ist nicht nur eine Zahl. Du kennst ihn wie keine andere. Er hört auf dich. Jetzt braucht er jemanden, der
– Frau Petersen, unterbrach Veronika, Sie sprechen von einem Mann, der mich vor einem Jahr für eine Jüngere verlassen hat. Der in dieser Leben, das wir gemeinsam aufgebaut haben, keinen Platz mehr für mich sah.
– Das ist Vergangenheit, warf Svea ein. Jetzt geht es um sein Leben!
– Um Leben?
– Der Arzt meinte, ohne tägliche Pflege drohen Komplikationen. Dekubitus, Lungenprobleme! Das ist eine Wirbelsäulenoperation, Veronika, kein Schnupfen!
Veronika schloss den Wasserhahn. Sie ließ einen Moment ihren Blick auf ihren Händen ruhen. Zweiundfünfzig Jahre. Diese Hände hatten Sträuße gebunden, Kuchen gebacken, Injektionen gesetzt, wenn ihr Sohn Fieber hatte, Viktor den Finger verbunden, Steckdosen repariert, schwere Taschen vom Markt getragen. Sie konnten alles. Aber Veronika hatte nie darüber nachgedacht, ob sie das tat, weil sie es wollte oder weil man es von ihr erwartete.
Sie trocknete sich die Hände ab, drehte sich um.
– Ich werde nachdenken, sagte sie.
– Wozu nachdenken? Hannelores Stimme war plötzlich wie ein Befehl, tief, fast drohend. Während du grübelst, liegt er allein! Keine Frau, keine Hilfe! Svea ist den ganzen Tag in der Arbeit, ich schaffe nicht mehr viel! Du kannst nicht deine Blumen binden und so tun, als ginge dich das nichts an!
– Und wessen Sache ist das? fragte Veronika leise.
Niemand antwortete.
Draußen war es inzwischen dunkel. Im Oktober geht die Sonne früh unter. Veronika blickte hinaus auf die gelbe Straßenlaterne, den nassen Asphalt, die leerstehende Bank vor dem Haus, auf der im Sommer ab und zu Kundinnen warteten, bis sie den Strauß fertig hatte.
Eine Szene wie aus dem Leben, dachte sie. Kein Film, kein Buch. Zwei Menschen stehen vor dir und fordern, dass du wieder die wirst, die du längst nicht mehr bist.
– Gut, sagte sie. Ich komme morgen früh vorbei. Sehe mir an, wie es ihm geht. Mehr verspreche ich nicht.
Hannelore atmete hörbar aus. Svea stürzte sich unvermittelt an ihre Schultern und drückte Veronika. Die ließ es geschehen, ohne zu erwidern, nur geduldig wartend, bis Svea losließ.
Als sie gegangen waren, setzte sich Veronika noch lange auf den Hocker, den ihre Schwiegermutter besetzt hatte. Sah auf ihre Blumen. Eustoma im Eimer, zartrosa, mit Knospen wie eingerollte Briefe. Chrysanthemen in Holzkisten an der Wand, Lampionblumen mit ihren orangefarbenen Fruchthüllen. Sie hatte alles hier selbst geschaffen. Drei Monate nach Viktors Weggang hatte sie diese Räume angemietet. Die Wände selbst gestrichen, grau-weiß, so wie sie es wollte. Die Schränke hatte Nachbar Herr Keller aufgehängt; für eine gute Flasche Wein. Den Namen Stängelchen ausgedacht erst fand sie ihn albern, inzwischen liebte sie ihn. Einen Online-Auftritt gebastelt, gelernt, wie man Blumen so fotografiert, dass die Leute stehen bleiben und weiterblättern wollen.
Ein Jahr. Ein Jahr hatte sie für sich gelebt. Für sich das war kein Egoismus, kein Luxus, sondern einfach normal.
Und jetzt das.
Sie schaltete das Licht über dem Arbeitstisch aus; nur eine kleine Stehlampe beim Eingang blieb an, wie immer. Sie ging nach Hause.
Das Krankenhaus war ein Plattenbau aus den Siebzigern: lange Gänge, ein Geruch, den Veronika sofort erkannte und immer widerlich fand. Chlor, Kantinenessen, und etwas Unbestimmtes, das es nur in Krankenhäusern gibt. Sie fand die Station, fragte bei der Schwester nach dem Weg. Die musterte sie.
– Sind Sie Angehörige?
– Ex-Frau, sagte Veronika.
Eine hochgezogene Augenbraue, sonst keine Bemerkung, nur ein knapper Wegweiser.
Viktor lag im Vierbettzimmer aber alle Betten außer seinem waren leer. Bis zum Bauch zugedeckt, Hände auf der Decke. Er war abgemagert, das Gesicht fahl, unter den Augen Ringe. Auf seinem Nachttisch standen ein fast leerer Glasbecher Tee und ein Handy, Display nach unten.
Er sah sie, und sein Gesicht veränderte sich. Keine Freude, eher Erleichterung. Als hätte er gewartet.
– Veronika, sagte er.
– Hallo, antwortete sie und stellte eine Tüte mit Äpfeln und Mineralwasser ab. Nicht, weil sie ihm etwas Gutes tun wollte. Sondern weil man nicht mit leeren Händen ins Krankenhaus geht.
Sie setzte sich nicht ans Bett. Sie nahm den Stuhl am Fenster.
– Tut es weh? fragte sie.
– Es geht. Es gibt Tabletten. Nach einer Pause. Du bist wirklich gekommen.
– Ja.
– Mama hat angerufen. Sie hat gesagt, dass sie bei dir waren.
– Ja.
Er starrte an die Decke. Dann zurück zu ihr.
– Ich habe gedacht, du kommst nicht.
– Das habe ich auch.
Stille. Draußen flüsterte Regen an die Scheiben. November eilte dem Oktober nach.
– Carina ist weg, sagte Viktor.
– Ich weiß.
– Dann ist es also so. Er lachte schief und freudlos. Wie im Fernsehen: Der Blitz schlägt ein, der Mann bekreuzigt sich. Nur zu spät.
Veronika sagte nichts. Sie hatte kein Mitleid. Aber auch keinen Hass. Da lag der Mensch, mit dem sie achtzehn Jahre gelebt, ein Kind bekommen hatte, jeden Sommer dieselbe Ferienwohnung bezogen, wegen Geld gestritten, sich versöhnt und wieder gestritten und geglaubt, so sei das Leben eben.
– Veronika, seine Stimme war weich, so wie früher, wenn er etwas wollte. Sie wurde sofort wachsam. Ich habe viel nachgedacht, seit ich hier liege. Man hat Zeit. Ich war dumm. Alles Echte, was ich hatte, warst du. Das Zuhause, unsere Familie. Carina… Er winkte ab. Du weißt ja selbst. Ich will mich nicht entschuldigen, ich hab es einfach zu spät begriffen. Aber du bist der einzige richtige Mensch, der mir geblieben ist. Die einzige.
Veronika hörte ihn und als würde sie von außen zusehen, reihte sie seine Worte auf: die Einzige, das Wahre, ich verstehe jetzt, ich war dumm… All das, nur damit sie ja sagt. Nicht aus Liebe. Aus Bequemlichkeit. Damit jemand kommt, den Tropf wechselt, mit Ärzten spricht, Essen bringt, alles macht, was Veronika eben kann.
So sehen Beziehungen nach der Scheidung manchmal aus. Unspektakulär. Nicht schön, nicht schlimm. Jemand braucht dich. Nicht weil er liebt, sondern weil es bequem ist.
– Viktor, sagte sie leise, ich bin froh, dass du lebst. Wirklich. Ich freue mich, dass die Operation gut verlaufen ist. Aber ich komme nicht zurück. Weder um dich zu pflegen, noch sonst.
– Ich weiß, wir sind geschieden…
– Lass mich ausreden.
Er war still. Sonst hatte er immer unterbrochen. Das hatte sich geändert.
– Ich suche eine Pflegekraft. Eine Gute, Berufserfahrene. Ich zahle den ersten Monat du bist ja im Moment dazu kaum in der Lage. Aber mehr kann ich nicht für dich tun. Und noch etwas. Sie holte eine Mappe aus ihrer Tasche. Nicht sofort, sie musste lange suchen, weil sie ganz unten lag. Hier die Unterlagen. Die Scheidung ist noch nicht ganz durch. Du hast es rausgezögert, ich auch. Jetzt will ich das endlich erledigen. Bitte unterschreiben.
Viktor starrte die Mappe an.
– Das meinst du ernst.
– Sehr.
– Ich liege nach einer Rücken-OP und du bringst mir Papiere.
– Ja, sagte Veronika. Weil du morgen behaupten könntest, du warst nicht bei Verstand. Oder dein Anwalt sagt, du warst unter Druck. Jetzt bist du klar. Der Arzt kann das bezeugen.
Er sah sie lange an. Sie wich seinem Blick nicht aus.
– Du hast dich verändert, sagte er.
– Ja.
– Früher konntest du das nicht.
– Wahrscheinlich.
Er nahm die Mappe. Blätterte durch. Veronika reichte ihm einen Stift.
In dem Moment öffnete sich die Tür. Ein Arzt betrat das Zimmer, ein Mann Mitte vierzig mit grauem Kasack, die Patientenakte unterm Arm. Sein Gesicht war ruhig, müde von der vielen Arbeit, aber nicht abweisend.
– Guten Tag, sagte er und sah Veronika höflich an, leicht fragend.
– Veronika, stellte sie sich vor.
– Sie sind…
– Die Ex-Frau, sagte sie. Schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Sie gewöhnte sich an das Wort.
Dr. Andreas Köhler nickte, als sei das völlig normal, und wandte sich an Viktor.
– Herr Petersen, wie haben Sie geschlafen?
– Gut. Ich habe geschlafen.
– Das freut mich. Er notierte etwas. Wir versuchen heute den Kopfteil etwas höher zu stellen. Schauen wir, wie Sie es vertragen. Die Entwicklung ist nicht schlecht, die Prognose bleibt aber vorsichtig.
– Herr Doktor, sagte Veronika leise, darf ich Sie kurz sprechen?
Sie gingen auf den Flur. Veronika schloss die Tür.
– Ich möchte eine Pflegekraft engagieren. Professionell. Was wäre wichtig? Welche Erfahrung, Fähigkeiten? Was muss eventuell noch angeschafft werden?
Dr. Köhler schaute sie an.
– Sie kümmern sich nicht selbst?
– Nein.
– Das ist ehrlich gesagt die richtige Entscheidung. Nehmen Sie es nicht krumm, aber Verwandte aus Pflichtgefühl sind meist suboptimal. Pflege braucht Ruhe und Routine. Keine Hysterie, keine Tränen. Eine erfahrene Pflegekraft kann das besser. Verwandte meist nicht.
Veronika musterte ihn.
– Sagen Sie das zu allen?
– Zu denen, die fragen.
Sie lächelte fast.
– Können Sie mir aufschreiben, was gebraucht wird?
Er diktierte, sie schrieb. Er erwähnte ein paar Agenturen, die mit der Klinik kooperieren, die Schwester am Tresen könne Kontakt herstellen. Veronika dankte ihm.
– Noch etwas, sagte er, da sie sich schon umdrehen wollte. Er hat ganz gute Chancen, wieder auf die Füße zu kommen. Er ist nicht alt, die OP war erfolgreich. In einem halben Jahr vielleicht. Aber es ist keine Garantie.
– Ich verstehe.
– Hauptsache, er auch.
Sie betrat das Zimmer wieder. Viktor hielt die Mappe noch an sich gedrückt, der Stift lag daneben.
– Unterschreibst du?
Er starrte an die Decke.
– Und wenn ich sage, ich muss es mir überlegen?
– Viktor.
– Ja, ich unterschreibe. Er nahm den Stift. Du bekommst ja sowieso deinen Willen. So bist du jetzt.
– Ich war immer so, sagte Veronika. Nur habe ich es versteckt. Warum auch immer.
Er unterschrieb. Drei Seiten. Veronika steckte die Papiere ein.
– Ich finde bis Ende der Woche eine Pflegekraft. Sie sah ihn an. Svea ruf ich an, erkläre alles. Die erste Monatsgebühr für das Pflegedienst überweise ich selbst. Danach klärt ihr das allein.
– Veronika, sagte er, als sie ihre Tasche schloss.
– Was?
– Danke, dass du gekommen bist.
Sie betrachtete ihn. Lange. Ohne Bitterkeit, ohne Mitleid. Einfach wie jemand, der einen Abschnitt seiner Vergangenheit anschaut, der jetzt abgeschlossen ist.
– Werde gesund, sagte sie.
Und verließ das Zimmer.
Im Flur blieb sie kurz am Fenster stehen. Draußen der Innenhof, kahle Bäume, eine Bank noch nass vom Regen. Ein älterer Mann im Morgenmantel saß darauf und schaute ins Leere oder einfach nur hinaus, so wie Menschen manchmal atmen und existieren.
Veronika atmete tief durch.
Etwas ließ sie los. Nicht alles, aber etwas Wichtiges. Als ob sie eine schwere Tasche abgestellt hätte nicht weggeworfen, sondern wohin gestellt, wo sie nicht mehr drückt.
Wie lässt man die Vergangenheit los, hätte sie aufgeschrieben, wenn das ihr Tagebuch wäre? Sie wusste es nicht. Es ist kein Augenblick, sondern viele kleine Schritte. Einen davon hatte sie gerade getan.
Die Pflegekraft fand Veronika in zwei Tagen über eine Agentur. Eine Frau Mitte fünzig, Gabriele, mit Erfahrung in Geriatrie und Reha, ruhig, professionell, mit dickem Empfehlungsschreiben. Sie trafen sich im Café, Veronika schilderte den Fall. Gabriele stellte die passenden Fragen: zur Patientennatur, zu Depressionsneigung, zum Schmerzempfinden. Zum Familienkreis, der ab und zu vorbeischauen wird.
– Verwandte helfen oft weniger als sie stören, sagte Gabriele. Das ist keine Schuldfrage, das ist einfach so.
– Ich weiß, sagte Veronika.
Sie klärten die Formalitäten, Veronika überwies ihr Honorar. Sie rief Svea an, erklärte alles. Svea begann schon zu protestieren, Viktor wolle gerade die Familie sehen, doch Veronika unterbrach sie, ruhig und zugleich bestimmt was neu für sie war. Früher ließ sie sich entweder gar nicht zu Wort kommen oder wurde laut dabei. Jetzt fand sie eine innere Balance.
– Svea, du kannst jeden Tag vorbeischauen, wenn du möchtest. Gabriele wird dich nicht stören. Aber ich nicht. Ich habe mein eigenes Leben, und das kann ich nicht für andere aufgeben.
Schweigen. Dann sagte Svea:
– Na gut.
Einfach nur das. Kein weiterer Vorwurf, kein Weinen. Vielleicht war auch sie müde. Vielleicht spürte sie, dass Veronika recht hat.
Eine Woche später rief Hannelore Petersen an. Ihre Stimme war verändert. Leiser, älter.
– Veronika, Gabriele ist eine gute Frau, Viktor gewöhnt sich langsam. Danke, dass du dich gekümmert hast.
– Bitte, Frau Petersen.
– Melde dich ab und zu mal. Geh nicht ganz verloren.
Veronika antwortete weder ja noch nein. Sie verabschiedete sich höflich und steckte das Handy in ihre Schürzentasche, denn sie stand mal wieder in ihrer Werkstatt. Das Loslassen der Vergangenheit, dachte sie in diesem Moment, sieht so aus: Man lebt einfach weiter. Nicht heldenhaft, nicht demonstrativ, einfach normal. Jeden Morgen aufstehen, zur Arbeit gehen, tun, was man kann und liebt. Schwierige Verwandte und Exmänner verschwinden nie ganz aus der eigenen Welt, sie verlassen nur die Mitte der Bühne.
Der Winter kam früh dieses Jahr. Schon im November lag der erste Schnee, und Veronika merkte, dass ihr der Winter gefiel. Früher mochte sie ihn nicht oder besser: hatte nie darüber nachgedacht. Es war nicht üblich, solch eine Frage zu stellen, solange Viktor nebenan saß, immer murrend über das Wetter, den Arthritisschmerz, seinen Tee zur genauen Stunde. Jetzt konnte sie einfach zum Fenster schauen und denken: Schön. Mehr nicht.
Im Dezember kamen mehr Bestellungen. Unternehmenssträuße, Geschenke, Weihnachtsgestecke. Veronika stellte eine Helferin ein: Leonie, dreiundzwanzig Jahre, Fernstudentin, lebenslustig, ein bisschen zerstreut, aber lernwillig. Sie arbeiteten gut zusammen. Veronika lehrte sie, jede Blume als kunstvolles Material zu sehen, nicht nur als Ware. Leonie hörte aufmerksam zu und überraschte sie manchmal mit kreativen Bouquets.
– Wie kommst du auf solche Ideen? fragte Veronika einmal.
– Ich schau die Leute an, die bestellen, zuckte Leonie die Schultern. Dann überlege ich, welche Blume zu ihnen passen würde. Oder zu demjenigen, der sie bekommt.
Veronika nickte.
– Das ist eine gute Herangehensweise.
– Das haben Sie mir beigebracht. Sie sagen immer, der Strauß soll lebendig sein.
Sie erinnerte sich nicht daran, aber offenbar hatte sie das tatsächlich gesagt weil sie es so fühlte.
Januar, Februar. Das Leben nahm seinen Lauf. Veronika meldete sich zum Fortbildungskurs Floristik an, obwohl Leonie meinte, sie brauche das gar nicht mehr. Veronika erwiderte: Doch, weil Lernen auch bei Profis nie aufhört und weil es interessant ist. Der Grund war ihr neu. Früher hatte sie Dinge getan, weil es notwendig war oder weil sie jemand darum bat.
Für sich leben das klingt ausgesprochen egoistisch, aber fühlt sich in Wirklichkeit so an: Fortbildung, ein Abend im Sessel mit Buch ohne Beschwerden über die zu lange Lesezeit, am Wochenende eine Fahrt in die Nachbarstadt, um alte Häuser anzusehen. Dinge, die sie immer mochte, die aber keiner in ihrer Ehe nachvollziehen konnte.
Im Februar rief Svea an. Viktor erholte sich langsam. Noch auf Krücken, Gabriele arbeitete zuverlässig, ohne Drama. Veronika freute sich ehrlich darüber. Keine Schuldgefühle, kein Groll. Einfach Erleichterung.
März brachte Tauwetter und die ersten Bestellungen für Frühlingsblumen: Tulpen, Hyazinthen, Anemonen. Veronika liebte diese Zeit des Wechsels wenn die Wintersträuße ganz plötzlich Platz machen für etwas Helles, Ungeduldiges.
Und dann kam er.
Veronika stand am Arbeitstisch, band einen schlichten, ehrlichen Strauß gelbe und weiße Narzissen, Margeriten. Die Tür öffnete sich, ein Mann trat ein. Sie hob nicht sofort den Blick, die Hände waren beschäftigt.
– Guten Tag, sagte sie.
– Guten Tag, antwortete er.
Die Stimme. Bevor sie aufsah, wusste sie, wer da stand: Andreas Köhler. Er blickte sich in der Werkstatt um, sah alles mit offenem, interessiertem Blick, als hätte er diesen Ort schon öfter in Gedanken besucht. Er trug einen dunklen Mantel, einen leichten Schal keine Patientenakten.
– Sie, sagte Veronika.
– Ja, bestätigte er.
Eine kleine Pause. Leonie war gerade im Lager, Papier holen.
– Herr Petersen ist seit zehn Tagen entlassen, sagte Andreas Köhler. Pflegt sich mit Gabriele zu Hause. Prognose gut.
– Das weiß ich, sagte Veronika. Svea hat geschrieben.
– Gut, er lächelte kurz, lebendig und offen. Eigentlich bin ich nicht zufällig hier. Ich habe nach Stängelchen gesucht, die Adresse im Netz gefunden.
Veronika legte das Band beiseite.
– Möchten Sie Blumen kaufen?
– Ja. Aber nicht nur das.
Stille. Es duftete nach Hyazinthen und frischer Erde.
– Was hätten Sie denn gern? fragte sie.
Er blieb vor den Anemonen stehen: violett, dunkelrot, weiß mit schwarzer Mitte.
– Die. Drei Stück? Oder fünf was ist besser?
– Immer ungerade Zahlen, sagte Veronika. Drei oder fünf. Für wen denn?
– Das weiß ich noch gar nicht. Sein Blick ruhte auf ihr. Vielleicht helfen Sie mir zu entscheiden.
Veronika wählte drei, dann fügte sie noch zwei dunkelrote hinzu fast schwarz im Kern.
– Fünf. Sie passen gut zusammen.
Beim Einpacken arbeiteten ihre Hände von allein. Kraftpapier, ein feuchter Streifen am Stiel, das Band.
– Veronika, begann er.
– Ja?
– Darf ich offen sprechen? Ich kann es nicht anders.
– Bitte, sagte sie, ohne aufzusehen.
– Ich würde Sie gern einladen. Nicht ins Krankenhaus, nicht geschäftlich. Einfach so. Ein Café, oder Theater, wenn Sie Theater mögen. Oder spazierengehen. Vielleicht ist das seltsam, aber ich finde, erwachsene Menschen können Dinge ruhig direkt ansprechen.
Veronika hob den Kopf.
Er sah sie an. Ganz fest, ohne jeden Druck. Wie jemand, der Wichtiges sagt und Zeit gibt.
– Wann haben Sie das entschieden? fragte sie.
– Vor drei Monaten. Damals im Flur, als Sie wollten, dass ich für die Pflegekraft alles aufschreibe.
Sie erinnerte sich. Das Fenster, kahle Bäume.
– Da war ich noch verheiratet, formell.
– Ich weiß. Ich hab gewartet.
Draußen war der März in vollem Gang, der Schnee schmolz, nur am Rand blieb grau-weißes Eis. Die Spatzen lachten vor der Werkstatttür. Die gelbe Laterne brannte noch, dabei war es längst hell genug.
– Ich weiß nicht, sagte Veronika.
– Was wissen Sie nicht?
– Ich weiß nicht mehr, wie das geht, das mit jemandem treffen. Achtzehn Jahre war ich verheiratet, dann ein Jahr damit beschäftigt, mein Leben aufzuräumen. Wie das jetzt sein soll keine Ahnung.
– Ehrlich gesagt, ich auch nicht, meinte er. Geschieden seit sechs Jahren, eine Tochter, siebzehn, lebt bei ihrer Mutter. Wir verstehen uns, aber ich hab mich auch erst auf Arbeit und Alltag gestürzt erst später, nachgedacht und dann beschlossen, dass vielleicht mehr geht als nur Nachdenken.
Leonie kam wieder, ließ aber die Papierrolle im Lager und verschwand zurück, als sie die Szene sah.
Veronika reichte Andreas das fertige Bouquet. Er nahm es.
– Was kostet es?
– Warten Sie, sagte sie.
Er wartete.
Veronika schaute auf die Anemonen in seinen Händen samtige, dunkle Blüten. Sie liebte diese Blumen, weil sie wie Schlafmohn wirken, aber feiner, zurückhaltender. Ein Blümchen, das nicht schreit, aber auch nicht verschwindet.
Eine Blumengeschichte, dachte sie. Ihr ganzes neues Leben hatte sie um Blumen gebaut sie hatten ihr in der Not geholfen. Und jetzt trat da jemand in dieses Leben, ruhig, ehrlich, ohne Forderungen. Hielt Anemonen und wartete auf Antwort.
– Gut, sagte Veronika.
Er hob die Augenbrauen.
– Gut im Sinne von?
– Theater. Ich war ewig nicht mehr dort.
Er strahlte. Endlich ein echtes Lächeln.
– Darüber freue ich mich.
– Aber nicht heute. Ich habe noch drei Aufträge vor Ladenschluss.
– Natürlich. Freitag vielleicht, oder Samstag?
– Samstag, sagte Veronika.
Sie nannte den Blumenpreis. Er zahlte in bar und blieb noch einen Moment stehen.
– Veronika, darf ich was fragen?
– Natürlich.
– Nur rein interessehalber: Arbeiten Sie schon lange mit Blumen?
– Die Werkstatt gibt es seit gut einem Jahr. Sie überlegte kurz. Blumen an sich, mein Leben lang. Früher als Hobby. Jetzt als Beruf.
– Ist schön, wenn das Hobby Beruf wird.
– Ja, sagte sie. Ist es wirklich.
Er nickte, griff das Bouquet besser und ging zur Tür. Dort drehte er sich um.
– Bis Samstag, Veronika.
– Bis Samstag, Andreas.
Er grinste.
– Einfach Andreas.
– Bis Samstag, Andreas.
Die Tür schloss sich. Veronika blieb stehen, sah ihm nach, wie er die Straße hinunterging vorbei an der Bank und den Spatzen, die immer noch stritten. Er schaute nicht zurück.
Leonie kam aus dem Lager.
– Wer war das? fragte sie, bemüht, desinteressiert zu klingen, aber neugierig wie nie.
– Ein Kunde, sagte Veronika.
– Der fünfzehn Minuten hier stand und redete?
– Leonie.
– Was?
– Verpack die Chrysanthemen für Frau Müller, sie kommt um vier.
Leonie ging, zufrieden, Zeugin gewesen zu sein. Veronika machte weiter: Kraftpapier raschelte, Wasser tropfte, es duftete nach Hyazinthen.
Samstag. Vier Tage später. Vier ruhige Tage, mit Bestellungen, Lieferungen, Fragen von Leonie und einem Anruf wegen Pfingstrosenpreisen. Tage, wie sie eben so waren ruhig und sicher, in eigenen Bahnen.
Veronika dachte nicht ausdrücklich an Samstag. Sie arbeitete. Als die Werkstatt leer war, die Blumen im Wassereimer warteten, erinnerte sie sich an ihren Satz: ruhige Stimme, Anemonen in der Hand, bis Samstag, Andreas.
Erwachsene Menschen, hatte er gesagt, können direkt sprechen.
Vielleicht stimmt das.
Veronika wusste nicht, wie der Samstag laufen würde. Ob sie sich mochten, ob sie über anderes sprechen konnten als über Arbeit, Krankheit oder die Vergangenheit. Sie wusste nur eines: Die Entscheidung lag allein bei ihr. Nicht bei Hannelore, nicht bei Viktor, nicht beim Pflichtgefühl, nicht bei der Angst vor dem Alleinsein bei ihr.
Das war neu. Nicht berauschend, nicht schwindelerregend, wie in Romanen, sondern solide. Wie trockener Asphalt nach langem Schnee.
Am Freitagabend, als schon alles geschlossen war, stellte Veronika sich selbst ein paar Anemonen in eine Vase auf das Fensterbrett neben der Kasse dunkelrot, samtig. Da stand sonst immer ein Strauß nur für sie selbst.
Sie sah sie an.
Die halten gut zusammen, hatte sie gesagt.
Das stimmte.
Sie schaltete das Licht aus und ging heim. Morgen war Samstag.
Samstag begann mit grauem Himmel und dem Duft von Kaffee aus der Maschine, die sie sich vor einem halben Jahr gegönnt hatte. Viktor hätte sie kritisiert: zu teuer, unnötig. Unnötig eines dieser Ehe-Wörter, wie Unkraut im Garten, die nach und nach alle anderen Worte überwuchern: Warum, Will ich, Gefällt mir, Ich werde.
Veronika trank Kaffee am Fenster. Draußen nasse Dächer, eine Taube am Sims, ein Auto schlängelte sich um eine Pfütze.
Das Handy lag auf dem Tisch. Heute früh kam eine Nachricht nicht eben gerade, sondern schon vor einer Stunde: jemand, der sich überwunden hatte.
Guten Morgen. Theater beginnt um sieben. Wollen wir vorher was essen? Oder auch nicht, wie Sie wollen. Andreas.
Sie las noch mal. Sah das fehlende n am Guten. Sie musste lächeln.
Ihre Antwort:
Guten. Essen klingt gut. Um sechs?
Gesendet. Telefon zur Seite gelegt.
Sie trank den Kaffee aus.
März zog draußen seine Kreise. Tropfen an den Dächern, Wind, ein Spatz jagte die Taube vom Sims. Die Stadt wachte auf, gleichgültig gegenüber dieser kleinen Samstagentscheidung. Der Alltag geht weiter.
Die Nachricht kam:
Abgemacht.
Veronika stand auf, spülte die Tasse, zog die Schürze an. Bis abends waren es acht Stunden, die Werkstatt würde nicht von allein öffnen. Sie nahm die Schlüssel.
Im Türrahmen drehte sie sich noch mal um, sah auf die kleine, helle Wohnung mit den Anemonen im Glas auf dem Fensterbrett, die sie sich heute früh selbst mitgebracht hatte. Ihre Wohnung. Ihre Kaffeemaschine. Ihr Glas. Ihr Samstag.
Sie ging.
Die Tür fiel leise ins Schloss. So, wie es sein sollte.
Andreas wartete schon vorm Café, als sie um zwanzig nach sechs kam. Stand etwas abseits, schaute aufs Handy, steckte es aber weg, als er sie erblickte: dunkler Mantel, derselbe Schal, diesmal ohne Blumen.
– Guten Abend, sagte er.
– Guten Abend, entgegnete Veronika.
Für zwei Sekunden sahen sie sich einfach nur an. Zwei erwachsene Menschen, in der nassen Stadt, die sich selbst entschieden hatten, hier zu sein. Nicht aus Pflicht. Sondern nur, weil sie es wollten.
– Dann gehen wir mal, sagte Andreas.
– Ja, gehen wir, sagte Veronika.
Und sie traten ein.





