Gesehenes aus dem Küchenfenster
Martin, hast du die frischen Hemden schon eingeräumt? Ich habe gesehen, zwei lagen noch auf dem Stapel nach dem Bügeln.
Freya, lass mich das machen, bitte. Keine Sorge.
Ich mache mir keine Sorgen. Ich frage nur. Wann fährst du los?
Nach dem Mittagessen. So um drei, schätze ich.
Freya stand am Herd und rührte den Haferbrei um, obwohl sie ihm eigentlich schon längst über war. Die Hände taten Gewohntes, während der Kopf meilenweit weg war. Durch das gekippte Fenster zog feuchte Berliner April-Luft hinein. Aus irgendeinem Hinterhof tropfte leises Wasser von der Dachrinne. Das regelmäßige Tropfen, plitsch-platsch, nervte sie heute mehr als sonst.
Wie lange bist du weg?
Wie immer, vier, fünf Tage. Vielleicht etwas länger, falls sich die Gespräche ziehen.
Verstehe.
Sie verteilte den Haferbrei auf die Teller. Stellte Martins große Lieblings-Tasse davor, füllte Kaffee ein, goss Milch dazu, fragte nicht nach sieben Jahren wusste sie, wie er seinen Kaffee mochte. Zwei Löffel Zucker, viel Milch. Fast wie Beige im Becher.
Martin saß am Tisch und sah aufs Handy. Eigentlich schaute er inzwischen fast immer beim Frühstück auf sein Handy. Früher hatte Freya versucht ein Gespräch anzufangen, war manchmal beleidigt, irgendwann akzeptierte sie es einfach: Es gibt eine Regel, der Morgenkaffee gehört dem Telefon. Daran ist nicht zu rütteln.
Du, Martin sagte sie, setzte sich ihm gegenüber. Du bist bald wieder weg. Ich wollte noch mal mit dir über eine Sache sprechen.
Ja? Er sah auf, das Handy aber blieb auf dem Tisch.
Ich habe einen Termin vereinbart. Bei Frau Dr. Vogel. Du kennst sie, Frauenärztin. Ich möchte nochmal über das Kind reden.
Martin legte das Handy verkehrt herum ab. Ein schlechtes Zeichen, so reagierte er immer, wenn er ein Gespräch nicht mochte.
Freya. Wir haben schon so oft darüber gesprochen.
Ich weiß. Aber ich möchte es nochmal.
Was denn nochmal? Denk doch du bist keine zwanzig mehr. Nicht böse gemeint, du siehst toll aus, aber
Ich bin zweiundfünfzig. Das ist kein Urteilsspruch.
Freya Er sagte ihren Namen so, als würde man ein Kind sanft, aber bestimmt bremsen.
Schon gut, sagte sie. Schon gut.
Sie nahm den Löffel, begann zu essen. Der Haferbrei war nur noch lauwarm und schmeckte nicht mehr, aber sie aß trotzdem. Draußen tropfte weiter Wasser. Martin griff wieder zum Handy.
Später hatte er fertig gegessen, sich bedankt, war ins Schlafzimmer zum Packen gegangen. Freya spülte das Geschirr und dachte an die vielen Gespräche zu diesem Thema, bestimmt zwanzigmal in sieben Jahren. Und immer die gleiche Antwort mal anders formuliert. Lass uns warten bis wir sicher stehen. Oder Jetzt passt es nicht, die Arbeit ist gerade schwierig. Oder: Du bist keine Dreißig mehr, denk an die Gesundheit. Sieben Jahre. Sie hatte Martin mit fünfundvierzig geheiratet da schien noch Zeit zu sein. Alles möglich. Geduld, so dachte sie, er, der ruhige, verlässliche Martin würde bestimmt auch Kinder wollen. Ein wenig Geduld noch.
Sie trocknete die Hände am alten Handtuch ab, das schon Jahre mit gestickten Hähnen an der Ofenstange hing, und dachte: Zeit für ein neues. Das hier ist schon vergilbt.
Martin kam mit seiner kleinen Reisetasche aus dem Schlafzimmer in den Flur.
Alles fast fertig. Hast du meinen grauen Pullover gesehen?
Im Schrank, zweite Ablage von rechts.
Stimmt Er lief zurück, Schranktür knallte. Gefunden!
Dann zog er sich seine Jacke an. Sie half wie immer mit dem Kragen. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Also, bis dann. Ich ruf abends an.
Fahr vorsichtig.
Immer.
Die Tür fiel ins Schloss. Freya blieb einen Moment im Flur stehen und hörte, wie der Aufzug summte, wie unten die Haustür klappte. Dann Stille.
Sie kehrte in die Küche zurück, schenkte sich noch etwas Kaffee ein und stellte sich ans Fenster. Es ging zur Seitenstraße hin, dort standen einige Autos am Gehweg; der graue Kombi vom Nachbarn aus dem dritten, eine ältere Mercedes-Brotbüchse, noch ein paar. Der Berliner April war verhangen, nur fahles Licht, kaum Schatten.
Martins grauer VW parkte am Nachbarhaus.
Freya blinzelte, schaute nochmal genauer hin. Nein, nicht verguckt. Das Kennzeichen kannte sie auswendig ja, eindeutig sein Wagen. Aber gerade eben ging er doch los, fährt angeblich nach Augsburg zu Terminen. Warum steht er jetzt hier?
Vielleicht verabschiedet er sich noch von jemandem? Aber sie waren mit den Nachbarn nicht wirklich befreundet, grüßten ab und zu im Flur.
Sie stellte ihren Becher ab und beobachtete.
Zehn Minuten vergingen. Der Wagen stand.
Dann trat eine Frau aus dem Nachbarhaus. Jünger, vielleicht fünfunddreißig, dunkelblauer Steppmantel, dunkle Haare zum Zopf. Sie trug ein kleines Kind, vielleicht drei Jahre alt, rot gekleidet, Pudelmütze. Die Frau sprach mit dem Kleinen, drückte ihn an sich. Das Kind versuchte ihr vorsichtig ins Gesicht zu greifen.
Freya blickte ihnen nach und verstand noch nichts, schaute einfach weiter.
Dann öffnete sich die Fahrertür des VWs. Martin stieg aus.
Er ging zur Frau, nahm das Kind auf den Arm, hob es hoch, und das Kind lachte. Freya hörte den Ton nicht, aber sah das offene Gesicht. Martin drückte es fest, schmiegte sich an die Nase im roten Pompon. Dann stellte er das Kind wieder ab. Sagt etwas zur Frau. Sie antwortete. Er nahm ihre Hand, küsste sie.
Er küsste ihre Hand.
Freya stand am Fenster und spürte, wie in ihr etwas ganz langsam sank. Es riss nichts ein, stürzte nicht. Es senkte sich einfach. Wie eine Abstellfläche hinter den Rippen, von der nach und nach alle Dinge, die dort lagen, lautlos nach unten fallen. Kein Getöse.
Sie wich nicht vom Fenster. Beobachtete, wie Martin das Kind erneut umarmte, die Frau das Mützchen zurechtrückte. Wie sie sich verabschiedeten. Wie er ins Auto stieg und losfuhr.
Die Frau mit dem Kind blieb noch einen Moment stehen, blickte dem Wagen nach. Dann zog der Junge sie irgendwohin, sie ging mit, hielt seine Hand.
Freya setzte sich auf den Hocker. Schaute auf ihre Hände, abgelegt auf dem Schoß. Gewöhnliche Hände, etwas müde, mit dem Trauring am Finger.
Sie dachte daran, dass der Kaffee längst kalt war.
Dann goss sie den Kaffee in die Spüle, ließ heißes Wasser laufen.
Sie musste nachdenken. Aber erst musste sie mit diesem Gefühl der sinkenden Ablage klar kommen. Denn sie wusste: wenn sie sich jetzt gehen ließ, sich hinsetzte und weinte, schrie oder ihn sofort anrief wäre das falsch. Nicht weil Weinen schwach ist. Sondern, weil sie noch nicht alles wusste. Sie hatte etwas gesehen. Aber noch nicht alles verstanden.
Obwohl in sich war sie ehrlich: eigentlich wusste sie schon alles.
Sie schlüpfte in den blauen Mantel von der Garderobe, nahm Schlüssel und Tasche, verließ die Wohnung. Frische Luft. Einfach gehen, so lange die Beine wollten.
Draußen war es feucht. Nasser Asphalt glänzte vom Regen, Pfützen spiegelten den Himmel. Freya ging den Gehweg entlang, am Supermarkt mit der roten Leuchtreklame vorbei, dem Friseur, der Apotheke. Vor der Apotheke saß eine alte Frau mit ihrem kleinen Mops, fütterte ihn behutsam per Hand. Der Hund nahm das Futter fast zärtlich.
Sieben Jahre.
Darüber dachte Freya nach. Sieben Jahre lebte sie mit einem Menschen und wusste es nicht. Oder wollte sie es nicht wissen? Ehrlich gefragt: Gab es Zeichen? Hatte sie etwas ignoriert?
Die Geschäftsreisen. Fast jeden Monat. Sie hatte stets gedacht, er muss wirklich viel arbeiten. Lieferungen, Verhandlungen, Außentermine. Nie einen Zweifel gehabt. Nie.
Das Handy. Immer in Griffweite. Routine, dachte sie.
Das Thema Kind, das er jedes Mal vorsichtig, aber bestimmt abblockte. Sie dachte: Erschöpfung, das Alter, vielleicht keine Kraft mehr für neue Verpflichtungen. Sie wollte ihn verstehen, warten.
Aber er hatte bereits ein Kind.
Ein kleines, vielleicht drei. Also begann das alles vor vier Jahren. Damals waren sie drei Jahre verheiratet.
Freya blieb an einer Parkbank im kleinen Lindenhof stehen. Die Bäume noch kahl, Knospen dick und kurz vor dem Aufspringen. Sie setzte sich. Holte das Handy heraus, legte es wieder weg.
Was tun, wenn er zurückkommt? In vier, fünf Tagen, wie immer, mit einem Mitbringsel, Geschichten vom Termin, müdem Gesicht. Er setzt sich auf das Sofa, schaltet den Fernseher ein. Fragt Und, wie wars bei dir?
Wie war es denn, bei ihr?
Sie betrachtete die kahlen Lindenäste. Die Knospen waren lebendig und prall, bereit zum Sprung. Noch eine Woche Wärme, dann blüht alles auf.
Seltsamerweise dachte sie jetzt nicht an Martins Verrat, nicht an Untreue, nicht an die Frau mit dem Kind im roten Anzug. Sie dachte an sich. An die Freya, die sieben Jahre lang wartete. Verzog, beschützte, aushielt. Sie dachte, dass sie richtig handelte, dass wahre Liebe geduldig sei, dass man nicht drängen solle, sondern warten.
Sie wartete.
Es wurde kühl. Sie schloss den Mantel und ging nach Hause.
Die Wohnung war ruhig. Ohne Martin wirkte sie immer leiser obwohl er nie laut gewesen war. Es war sein Atmen, sein Schritt, sein Dasein gewesen, das diese Grundwärme schuf. Jetzt fehlte sie.
Freya ging ins Wohnzimmer. Stand still in der Mitte. Das Bücherregal mit ihren Romanen, daneben einige von ihm. Seine Pantoffeln neben dem Sessel. Sein Wollplaid, blau-grün kariert, lag über der Armlehne. Sie hob es auf, hielt es einen Moment fest. Die Wolle weich ihr Geburtstagsgeschenk an ihn.
Sie legte es zurück.
Dann ging sie zur Abstellkammer. Oben auf dem Regal standen Kisten, nie ausgepackt nach dem Umzug, damals, als sie zusammenzog. Drei Jahre unbeachtet. Sie holte die Leiter, holte eine Kiste herunter. Drinnen ihre alten Sachen: Bücher, Ordner, eine Schachtel mit Fotos.
Sie nahm die Fotos, setzte sich auf den Boden.
Da war sie, ca. dreißig, schlank, lachend, Blick zur Seite. Irgendeine Feier, die Gesichter weg, Erinnerungen verblasst. Die Eltern im Sommerurlaub, glücklich, am Meer. Sie selbst mit Freundin Ida im Park. Damals war Ida vierzig, sie etwas jünger. Beide lachen. Ida ist inzwischen sechsundfünfzig.
Ida. Sie muss Ida anrufen. Später. Nicht jetzt.
Freya räumte die Fotos zurück, schloss die Kiste, stieg von der Leiter und ging ins Bad, kalt Wasser ins Gesicht. Im Spiegel: Müde Augen, aber die Haut gut, das hatten ihr immer alle gesagt. Die ersten Fältchen lächeln, reden. Dunkle Haare mit vereinzeltem Grau, schulterlang geschnitten. Ganz normale Frau mit zweiundfünfzig.
Ein Ehebetrug hinterlässt Spuren nicht sofort. Erst schaut man sich an und denkt: So also. Ehefrau, die sieben Jahre betrogen wurde. Frau, die auf ein Kind wartete, während ihr Mann längst eines mit einer anderen hatte.
Sie stellte das Wasser ab und ging in die Küche kochen. Man musste irgendetwas tun.
Die nächsten vier Tage verliefen merkwürdig zweigeteilt. Nach außen blieb alles wie immer: Kochen, Putzen, Einkäufe, Anrufe bei der Mutter. Martin rief abends an wie versprochen. Ruhig erzählte er von Terminen und fragte sie nach ihrem Tag. Sie antwortete: Alles normal, das Wetter schlecht, sie hat ein neues Küchentuch gekauft. Er lachte. Sie lachte auch und das war das Erschreckendste: wie leicht sie lachte.
Doch innen tobte ein zweites Leben.
Sie dachte nach. Mehr und genauer als je zuvor. Sie sortierte, erinnerte sich, verglich. Früher schien er manchmal nach der Rückkehr anders, weicher oder abwesend. Damals dachte sie: Müde. Nun wusste sie: Er kam von ihnen.
Sie dachte an die Frau mit den dunklen Haaren. Jünger, wohl hübsch, soweit sie es sah sicher, bewegte sich selbstsicher. Sie kannte ihren Platz neben ihrem Martin.
Und das Kind? Junge oder Mädchen? Freya hatte es nicht erkannt. Martin hob es hoch, es lachte.
Nie hatte Martin bei ihr ein Kind so gehalten. Nie Interesse an Kindern gezeigt. Sagte immer: Ich habe kein Händchen für die Kleinen. Sie glaubte es.
Am dritten Tag rief sie Ida an.
Ida, hast du Zeit, vorbeizukommen?
Klar. Was ist denn? Deine Stimme klingt…
Komm einfach vorbei. Ich koche Kaffee.
Ida kam eine Stunde später. Stadtteil weiter, gleiche Einkaufstour. Freundschaft seit zwanzig Jahren, gemeinsamer Dienst, später gingen die Wege auseinander. Heirat, Umzug, Trennung, aber nie abgerissen.
Ida stellte die Jacke ab, schaute sie an.
Freya. Was ist los?
Warte, komm in die Küche.
Sie erzählte alles. Ruhig, ohne viel Drumrum. Ida schwieg lange, drückte nur ihre Hand einmal fest.
Mein Gott, sagte sie endlich.
Ja.
Du bist sicher? War es wirklich er?
Ida, ich kenne ihn und sein Auto seit sieben Jahren. Ich weiß es.
Und was machst du jetzt?
Ich denke nach.
Vielleicht erst mal mit ihm reden, direkt?
Das mache ich. Wenn er zurück ist.
Ich bewundere dich, dass du so stark bleibst. Aber ganz allein kannst du das nicht tragen, Freya…
Ida, unterbrach sie. Ich schaff das. Ich bitte dich nicht um Mitleid. Nur darum, da zu sein. Jetzt bist du da. Danke.
Ida schwieg, umarmte sie dann fest. Wie nur alte Freundinnen es können.
Ich bin da. Sag Bescheid, egal wann. Versprochen?
Versprochen.
Ida ging, als es schon dämmerte. Freya räumte die Tassen weg, schaltete das Licht aus und ging ins Schlafzimmer. Sie legte sich auf die Decke, zog sich nicht aus, schaute an die Decke.
Sie dachte: Sieben Jahre hat sie etwas aufgebaut, was sie für echt hielt. Nicht ideal, nein, aber aufrichtig. Gemeinsamer Alltag, morgendlicher Haferbrei, Kaffee. Das, dachte sie, ist das Fundament: nicht die Leidenschaft, die vergeht, sondern dieses stille Miteinander.
Aber während sie dieses Miteinander baute, baute er es irgendwo sonst. Fünf Minuten entfernt.
Fünf Minuten zu Fuß.
Sie schloss die Augen. Draußen der Regen, vorsichtig, frühlingstypisch, nicht traurig.
Am fünften Tag kam er zurück, nachmittags. Er klingelte, obwohl er einen Schlüssel hatte. Freya öffnete.
Bin wieder da, sagte er und lächelte müde, wie zu Hause. Er stellte die Tasche ab, wollte sie umarmen.
Moment, sagte sie.
Etwas in ihrer Stimme stoppte ihn.
Was?
Komm bitte ins Wohnzimmer. Ich muss mit dir reden.
Sie setzten sich, er aufs Sofa, sie auf den Sessel. Dazwischen stand der Couchtisch, darauf eine kleine Vase mit Papiertulpen, die sie irgendwann einmal gebastelt hatte.
Martin, sagte sie. Am Tag deiner Abreise habe ich dich aus dem Fenster gesehen. Du standest am Nachbarhaus. Da war eine Frau mit einem Kind. Du hast das Kind auf dem Arm gehalten.
Er sah sie an. Schwieg. Kein Abstreiten, keine Erklärungen. Nur Schweigen.
Martin.
Freya, sagte er.
Ich will keine Szene, unterbrach sie. Ruhig, obwohl im Innern Drähte brummten. Ich will kein Schreien, kein Weinen. Ich will nur eines wissen. Ist das dein Kind?
Kurze Stille.
Ja, sagte er.
Sie nickte. Das wars. Sie wusste es längst, jetzt hatte sie Gewissheit.
Wie alt?
Drei.
Seid ihr lange zusammen?
Freya, bitte nicht…
Ich frage.
Er senkte den Kopf.
Fünf Jahre.
Fünf Jahre. Zwei davon ohne Kind. Als sie frisch verheiratet waren.
Verstehe, sagte sie. Verstehe.
Freya, ich wollte dich nie verletzen. Das war nie geplant, es ist
Es ist so passiert, wiederholte sie. Ohne Ironie. Fünf Jahre, einfach passiert.
Ich verstehe, was du jetzt denkst.
Wohl kaum.
Freya, ich
Martin. Sie stand auf. Schluss jetzt. Ich brauche keine Erklärungen. Ich habe genug gesehen. Ich habe gesehen, wie du das Kind hältst. Wie du sie ansiehst.
Sie sagte es und dachte: Wie seltsam. Sie weinte nicht. Wollte es auch nicht. In ihr war etwas Schweres und ganz Klar geworden, wie Luft nach einem Gewitter.
Ich packe meine Sachen, sagte sie. Das Nötigste. Den Rest hole ich später.
Wohin gehst du?
Zu meiner Mutter. Dann sehe ich weiter.
Freya, bleib. Wir können reden. Ich erklär dir alles.
Du hast genug erklärt.
Sie ging ins Schlafzimmer, holte ihren kleinen Koffer. Legte einige Sachen zusammen: Kleidung, Dokumente, Kosmetik. Unterwäsche, warme Socken, Pullover. Das Buch vom Nachttisch. Ein gerahmtes Foto von Mama und Papa. Ihr Lieblingsparfüm. Handyladekabel.
Er stand stumm in der Tür.
Freya, sprich doch mit mir. Nicht so.
Wie denn?
Einfach wortlos gehen
Und wie soll ich dann?
Er schwieg.
Sie schloss den Koffer, ging vorbei Richtung Flur. Zog den blauen Mantel an, die bequemen Stiefel, nahm den Koffer.
Dann noch einmal ins Wohnzimmer. Legte den Ehering neben die Vase mit den Papiertulpen ganz ruhig.
Zurück in den Flur, klammerte die Schlüssel ab, die zur Wohnung gehören, legte sie auf die Kommode.
Freya, sagte er.
Martin, sagte sie ruhig. Alles Gute. Wirklich.
Und ging.
Im Fahrstuhl betrachtete sie ihr Spiegelbild, undeutlich in der Metalltür. Fahrstuhl vibrierte, Tür auf.
Draußen war es kühl. Sie trat mit Koffer auf den Bürgersteig und blieb einen Moment stehen. Dann ging sie zur Bushaltestelle. Die Mutter wohnte am anderen Ende Berlins, vierzig Minuten mit dem Bus.
Kein Drama, kein Geschrei. Später, Monate später, wird sie sich daran erinnern, wie wichtig ihr dieser stille Abgang war: dass sie ruhig ging. Nicht aus Schwäche, und nicht, um zu verzeihen. Sondern weil dieser Schritt ihr eigener, eigenständiger Entschluss war. Nicht bloß eine Reaktion auf Martin, sondern ihre Entscheidung. Ihre Würde für sich, nicht für ihn.
An der Haltestelle wehte Wind. Sie zog den Mantel fester zu.
Ein Jahr verging.
Die Stadt wirkte unverändert. Die alten Linden in der Allee, jetzt voll belaubt, sattgrün. Immer noch die alten Geschäfte, die Apotheke an der Ecke. Die alte Frau führte gelegentlich ihren kleinen Hund aus. Kleinstadttempo Freya erkannte: Es ist keineswegs schlimm, wie sie früher dachte.
Sie mietete eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung am anderen Ende. Dritter Stock, Fenster zum Innenhof, wo die ältere Vermieterin Erdbeeren und Phlox pflanzte. Im Sommer liebte sie den Duft der Phloxen, öffnete morgens das Fenster und atmete.
Dann wagte sie sich langsam ans eigene Geschäft: eine kleine Werkstatt. Nicht sofort, erst kam das Gefühl der Ziellosigkeit, Zeiten mit der Mutter, Gespräche mit Ida, Termine beim Anwalt. Im Oktober schließlich, als das Äußere geregelt war, wurde es innen leiser. Plötzlich dachte sie an die Papiertulpen zurück.
Sie hatte immer gerne gebastelt: gestrickt, genäht, getöpfert, einmal sogar Korbflechten probiert. Immer nur als Zeitvertreib. Aber jetzt warum nicht ernsthaft?
Sie rief Ida an.
Ida, ich will eine Werkstatt aufmachen.
Was denn für eine?
Deko, Handwerkliches fürs Haus. Ich kann so vieles. Klein anfangen, allein, kein großes Risiko.
Du weißt aber, das ist teuer? Miete, Material?
Ich spare schon Jahre. Ich brauche kaum Startkapital, es wird klein.
Meinst du das ernst?
Ja, wirklich.
Pause.
Weißt du, sagte Ida schließlich, es wundert mich nicht einmal.
Ein Raum im Altbau, bezahlbar, wurde gefunden. Freya strich die Wände weiß, montierte Regale, kaufte einen großen Arbeitstisch, gutes Licht. Sie nannte ihn schlicht: Freyas Werkstatt.
Erst kamen Bekannte, Nachbarinnen, Freundinnen der Mutter. Sie kauften Kränze aus Trockenblumen, Filzuntersetzer, handgegossene Kerzen, gehäkelte Kleinigkeiten. Dann postete jemand im Kiez-Forum, dann noch jemand. Sie eröffnete eine kleine Webseite, zeigte Fotos. Die Aufträge waren nicht übermäßig, aber stetig. Die Miete war schnell bezahlt. Sie spürte: Das reicht. Sie musste sich keine Sorgen machen.
Das Wichtigste war aber etwas anderes.
Jeden Morgen wachte sie auf und wusste: Der Tag gehörte ihr. Ihr allein. Sie entschied, was sie tun würde, wann sie öffnete, womit sie anfangen wollte. Das Gefühl, so schlicht wie ungeheuer: Mein eigener Morgen. Mein Kaffee. Mein Plan.
Martin kam ihr selten in den Sinn. Manchmal erinnerte sie ein Mantelschnitt im Schaufenster, der Duft eines Tabaks. Dann ließ sie Sekunden lang dieses Gefühl durch, aber lief weiter. Kein Zorn. Fast keine Bitterkeit. Nur eine leise Trauer um das, was hätte sein können um das Kind, das sie nicht bekam. Um die Wartezeit.
Aber diese Traurigkeit war leise, und man kann mit ihr leben.
Im letzten April, auf den Tag genau ein Jahr später, kam sie abends aus der Werkstatt. Es roch nach Topolinblättern und Regen. Sie trug einen Beutel mit Material, dachte an einen neuen Auftrag: Eine junge Mutter wollte ein Mobile für das Kinderzimmer. Aus Holz und bunten Filzbommeln. Freya stellte sich vor, wie es im Luftzug über dem Bettchen schweben wird.
Vor einem kleinen Café am Nachhauseweg stand ein Mann, etwas älter als sie, graue Schläfen, ordentliche Jacke. Er musterte sie.
Freya? sagte er Bist du das?
Sie hielt inne. Schaute genau.
Thomas?
Mensch, ist das lange her! Mindestens zwanzig Jahre?
Thomas Berger. Sie hatten früher einmal im Amt zusammengearbeitet. Damals war er der Sprücheklopfer, der Optimist. Später verloren sie sich aus den Augen.
Ja, etwa zwanzig, lächelte sie. Wie geht’s?
Kann nicht klagen. Lebe seit drei Jahren wieder hier, Großstadt hat mich ausgelaugt. Und du bist du lange schon hier?
Ich bin nie weg gewesen.
Stimmt, du warst schon immer bodenständig. Sag mal, hast du Zeit? Ein Kaffee ginge doch?
Sie zögerte einen Moment. Materialbeutel in der Hand, zu Hause wartet Arbeit. Aber
Warum nicht, sagte sie.
Sie saßen am Fenster. Sie nahm Cappuccino, er schwarzen Kaffee. Thomas erzählte: Arbeit in Hamburg, Ehe, Scheidung, nochmal geheiratet, wieder auseinander. Er lachte über sich ohne Bitterkeit.
Und du? Du warst doch verheiratet, oder?
War ich. Jetzt nicht mehr.
Lange schon?
Ein Jahr.
Schwer?
Sie hielt die warme Tasse in den Händen, betrachtete das Blattmuster darauf.
Schwer, sagte sie ehrlich. Aber es gibt Dinge, die schmerzlich sind, nach denen man aber erkennt: Es ist gut, dass sie passiert sind. Nicht weil das alte Leben schlecht war. Sondern weil es jetzt besser ist.
Du bist eine andere geworden?
Sie überlegte.
Vielleicht nicht anders, aber ich bin mehr bei mir selbst, als früher.
Thomas nickte anerkennend.
Was machst du jetzt?
Ich habe eine Werkstatt. Deko, Handarbeiten, kleine Kunst fürs Haus. Mein eigenes.
Echt? Das passt zu dir. Deine Kreationen standen früher immer auf dem Schreibtisch.
Erinnerst du dich?
Klar. Diese kleine Glasvase, du hattest farbige Steine bemalt
Das war ein Parfümfläschchen! Sie lachte. Ich habs mit Glasfarbe bemalt.
Alle waren neidisch, weiß ich noch.
Sie schwiegen. Ein gutes Schweigen.
Bist du glücklich? fragte Thomas direkt.
Freya blickte aus dem Fenster. Es dämmerte, alles wirkte wärmer. Straßenlaternen gingen an, Menschen mit Taschen, Kinder an der Hand.
Glücklich ist nicht das richtige Wort, sagte sie leise. Glücklich klingt so klein. Wie wenn ein Mittagessen gelungen ist oder Schuhe passen. Was ich jetzt habe, ist etwas anderes. Schwierig zu erklären
Versuchs.
Sie dachte kurz nach.
Ich steh morgens auf und gehe in meine Werkstatt. Manchmal arbeite ich für Kunden, manchmal nur für mich. Und dann sitze ich am Tisch, etwas Neues entsteht aus meinen Händen. Da war nichts, jetzt gibt es etwas. Es gehört mir. Niemand hat es mir gegeben, niemand nimmt es weg. Dieses Gefühl das ist Leben.
Thomas lächelte sacht.
Ja, sagte er. Genau das dürfte es sein.
Draußen leuchteten die Laternen gelb, im Café lief sanfte, alte Musik. Der Kaffee war fast leer und kalt.
Du, Thomas, ich muss los. Morgen ist viel zu tun.
Natürlich. Er reichte ihr den Materialbeutel. Schön, dass wir uns wiedergetroffen haben.
Ja, sagte sie.
Wie heißt die Werkstatt?
Freyas Werkstatt.
Simpel, lachte er sanft.
Ganz wie ich.
Find ich nicht.
Sie verabschiedeten sich an der Tür. Keine Blicke zurück.
Zu Hause war alles still. Die Phloxen draußen schlossen nachts die Blüten, kein Duft mehr aber Freya öffnete trotzdem das Fenster. Frische, klare April-Luft.
Sie stellte den Wasserkocher an, sortierte das neue Material: Pastellrosa, Beige, Mintgrün. Holzstäbe, Garn. Sie legte sich die Farben zurecht, stellte sich das Mobile vor, Bommeln, die sich im Luftzug über dem Kinderbett wiegen, zart und weich.
Das Wasser kochte.
Freya machte Tee, nahm die Tasse, trat ans Fenster. Sie blickte in den nächtlichen Innenhof, auf die Schatten der Bäume, ein gelbes Fenster gegenüber, jemand war noch wach. Weit weg fuhr noch ein Auto.
Sie dachte daran, dass das Leben nach der Scheidung nicht Zusammenbruch oder Niederlage war. Kein großes Drama. Zweiundfünfzig Jahre, ein neuer Anfang jenseits der fünfzig, kleine Werkstatt, kleine Wohnung, kleine Stadt ihr Ort. Für viele schien das vielleicht wenig, zu bescheiden, zu klein.
Für sie war es ihrs.
Jeder Morgenkaffee gehört ihr. Jeder Tag, ihre Entscheidung, mit wem sie sprach oder nicht. Jeder Pompon aus mintgrünem Garn.
Draußen raschelten die Bäume, weich, Frühlingswind in den frischen Blättern. Fern irgendwo begann Regen.
Freya hielt die warme Tasse in beiden Händen, schaute ins Dunkel und dachte: Morgen muss ich mehr beiges Garn kaufen. Es wird knapp, die Aufträge häufen sich.
Beiges Garn, und vielleicht ein neues Küchentuch. Das alte ist endgültig ausgebleicht.





