Wähle deine Mutter oder mich
Das Telefon läutete um halb elf abends, als Johanna schon im Bett lag, ein Buch in den Händen. Markus saß im Arbeitszimmer nebenan vor seinem Laptop, drüben murmelte leise eine Stimme von einem Wirtschaftssender.
Die Nummer, die erschien, trug die Vorwahl ihrer alten Heimat, Bad Nesselheim.
Hallo? sagte Johanna, und schon beim Gruß spürte sie ein Drücken unter den Rippen.
Hier spricht Frau Bergmann, Ihre Nachbarin von gegenüber. Wir haben uns wohl nie kennengelernt. Es ist etwas passiert Ihre Mutter, Hannelore, ist heute Früh gestürzt. Ich bin heute Abend vorbeigekommen, da lag sie auf dem Boden, konnte kaum sprechen, eine Gesichtshälfte
Johanna stand schon auf, suchte mit dem Fuß nach ihren Pantoffeln.
Liegt sie im Krankenhaus?
Sie wurde vor einer Stunde abgeholt. Der Notarzt meinte, vermutlich Schlaganfall. Ich habe Ihre Nummer in ihrem Handy gefunden hat ein bisschen gedauert.
Danke, Frau Bergmann. Vielen Dank.
Sie legte auf, stand sekundenlang einfach in der Mitte des Zimmers, das Handy mit beiden Händen festhaltend. Dann ging sie zu Markus.
Er saß im Lieblingssessel, gehüllt in teuren Hausanzug, ein Glas Mineralwasser auf der Armlehne. Sechsundfünfzig war er inzwischen, gepflegtes Gesicht, die Schläfen akurat frisiert. Ein erfolgreicher Mann in seiner erfolgreichen Wohnung.
Markus, Mama gehts schlecht. Schlaganfall. Sie haben sie ins Nesselheimer Krankenhaus gebracht.
Er drehte sich zu ihr, stellte den Sender leiser.
Wann?
Heute. Die Nachbarin hat sie am Boden gefunden. Sie war den ganzen Tag allein
Markus stellte das Glas auf den Couchtisch.
Und was jetzt?
Johanna schaute ihn an.
Ich muss fahren. Morgen früh.
Dann fahr. Ich halt dich nicht auf.
Markus, wir müssen wirklich reden. Mama ist achtundsiebzig. Wenn das wirklich ein schwerer Schlaganfall war, kann sie nie mehr allein im Haus bleiben. Wir müssen überlegen, wies weitergeht.
Markus griff die Fernbedienung, drehte ein Stück lauter, als wolle er betonen, dass ihn das Gespräch kaum betraf.
Johanna, wir haben das schon durchgekaut. Mehrmals.
Aber immer nur theoretisch. Jetzt ist es passiert.
Und was hat sich geändert? Ich habe dir meine Meinung gesagt. Wir holen sie nicht hierher. Wir haben keine Möglichkeiten.
Johanna setzte sich langsam auf das Sofa gegenüber.
Markus. Unsere Wohnung hat vier Zimmer.
Vier Zimmer, von denen ich zwei endlich renovieren will. Du wolltest doch auch eine Ankleide Wohin soll ich sie legen, in den Flur?
Ein Zimmer könnte für Mama sein. Renovieren wir halt später.
Nichts wird verschoben. Seine Stimme war ruhig, fast sachlich, das war schlimmer als ein Wutanfall. Ich habe die Handwerker im März bestellt, Anzahlung gemacht. Weißt du doch.
Markus, es geht hier um einen kranken Menschen. Um meine Mutter.
Johanna. Jetzt blickte er sie ernst an. Ich hab Mitgefühl, ehrlich. Aber überleg mal praktisch. Eine fremde alte Frau hier, pflegebedürftig, mit Windeln vielleicht, Sprachverlust. Ich bin dazu nicht bereit. Darf ich das ehrlich sagen?
Sie ist nicht fremd. Sie ist meine Mutter.
Für mich aber ist sie das beinahe. Wir haben sie in zehn Jahren viermal gesehen. Kontakt hat sie nie gesucht.
Weil du selbst
Hör auf. Such jetzt keinen Schuldigen. Ich rede von Fakten. Ich arbeite, habe große Projekte. Ich brauch Ruhe zuhause, kein Krankenzimmer. Die Wohnung gehört auch mir.
Johanna schwieg. Draußen summte die anonyme Geräuschkulisse der Nacht vertraut, gleichgültig.
Was, wenn wir jemanden einstellen? sagte sie leise. In Nesselheim, eine gute Pflegekraft. Können wir uns leisten.
Klar. Dann mach das.
Ich werde oft fahren müssen. Sehr oft.
So oft du willst. Fahr nur.
Markus, verstehst du? Ich muss dann ständig dort sein. Drei Stunden mit dem Auto.
Hab ich verstanden, hab ich doch gesagt. Niemand hält dich hier fest.
Das Niemand hält dich hier fest klang so beiläufig und bekannt, dass in Johanna irgendetwas verrutschte. Nicht wie ein Schock, sondern langsam, wie Erde, die sich plötzlich als weich erweist.
Sie stand auf, kehrte ins Schlafzimmer zurück, starrte bis zwei Uhr an die Decke.
Am Morgen fuhr sie allein nach Bad Nesselheim.
Das Kreiskrankenhaus empfing sie mit Chlorgeruch und dem matten Grün der Anstriche. Hannelore lag im Sechsbettzimmer, am Fenster. Die rechte Gesichtshälfte schlaff, die rechte Hand auf der Decke regungslos. Sie blickte schweigend zu ihrer Tochter, nur der linke Mundwinkel zuckte.
Mama. Johanna nahm die dünne, kalte Hand, leicht wie Papier. Ich bin da. Alles wird gut.
Die Mutter versuchte zu sprechen, aber die Worte verschwammen, bruchstückhaft.
Nicht reden, Mama. Ich gehe nicht weg.
Die Ärztin, eine abgekämpfte Frau Ende fünfzig, erklärte alles knapp. Schwerer ischämischer Schlaganfall. Rechtsseitige Lähmung, Sprachstörung. Vorsichtige Prognose. Teils Genesung möglich, niemand weiß wie viel Zeit, niemand weiß, wie viel zurückkommt. Mindestens ein halbes Jahr Pflege, Übungen, Logopädie, ständige Kontrolle.
Sie kann nicht allein bleiben, das ist sicher, sagte die Ärztin. Sie sind die einzige Tochter?
Ja.
Der Blick der Ärztin war der von Menschen, die viele Familien schon so gesehen hatten. Kein Mitleid, kein Urteil. Nur Erfahrung.
Johanna blieb den Tag dort. Fütterte ihre Mutter mit dünnem Getreidebrei, den sie mühsam schluckte. Sie unterhielt sie, oder besser gesagt, redete auf sie ein, erzählte Banalitäten; die Mutter hörte zu, mit klarem, verstehenden Blick, aber fast ohne Antwort.
Abends ging Johanna hinaus und rief Markus an.
Wie siehts aus? fragte er.
Schlecht. Rechte Seite gelähmt, Sprache gestört. Sie kann nicht allein bleiben.
Eine knappe Pause.
Verstehe.
Markus, ich bleibe hier.
Wie lange?
Keine Ahnung. Solange es nötig ist. Ich kann nicht weg.
Seine Stimme spannte sich leicht an.
Johanna, du hast doch deine Arbeit. Dein Leben hier.
Ich kläre das. Mach teilweise Homeoffice oder so. Mama kann nicht allein.
Du sprachst von einer Pflegekraft.
Die ersetzt keine Tochter. Das weißt du.
Er schwieg.
Ist dir klar, wie lange das dauern kann?
Ja.
Und du willst wirklich dort bleiben?
Ja.
Wieder eine Pause, länger.
Gut, kam schließlich. In diesem Gut lag keine Zuneigung, kein Widerspruch, nur Feststellung. Melde dich, falls du was brauchst.
Sie steckte das Handy weg, betrachtete die sich verdunkelnde Kleinstadtstraße. Die Laternen leuchteten nur jede zweite. Eine alte Frau schleppte einen karierten Beutel über den Bürgersteig. Aus irgendeinem Garten wehte der Duft von Kaminholz.
Das Haus der Mutter stand am Ende der Lindenstraße, im letzten Stichweg. Ein altes Fachwerkhaus, das Holz geschwärzt, das kleine Fenster auf den Garten blickend. Johanna öffnete die Tür mit dem Schlüssel, den sie nie abgab, kaum benutzte, aber immer dabeihatte.
Drinnen war es klamm und kühl. Seit zwei Tagen keine Heizung. Johanna fand Holz, setzte die kleine Ofenklappe schräg, schichtete sorgfältig wie als Kind; erst wollte es nicht, aber irgendwann brannte es. Die Hände taten es automatisch, als hätten sie das nie verlernt.
Sie ging durchs Haus. Kleine Küche mit rissigen Fliesen, schmaler Flur, zwei Zimmer. Im einen das Bett der Mutter, im anderen die alte Couch, ihr Kinderbett gewesen. Die Räume sauber, aber karg, arm, wie aus einer vergangenen Zeit. Auf den Wänden Fotografien: sie selbst als Jugendliche, der verstorbene Vater, zwei vergilbte Bilder längst verstorbener Verwandter. Und überall eine diese ländliche Ordnung, bei der alles seinen Platz hat, weil es nur so wenige Dinge geben kann.
Sie tippte Markus: Ich bleibe hier. Weiß nicht, wie lange. Werde ab und zu Sachen holen.
Antwort nach zwanzig Minuten: Verstanden. Wie du willst.
Das war wohl das ganze Gespräch. Vielleicht die ganze Ehe zusammengefasst.
Die ersten Tage wurden zu einem einzigen endlosen, schweren Tag. Johanna ging morgens ins Krankenhaus, blieb bis abends. Sie lernte, wie man einen Menschen wendet, um Druckstellen zu vermeiden, wie man die schlaffe Hand nach Anleitung der Krankenschwester bewegt, wie man langsam füttert, ruhig spricht, keine Müdigkeit zeigt. Ihre Mutter lernte erneut zu sprechen; es war schmerzhaft das zu sehen, wie eine einst kluge Frau, Mathematiklehrerin von Beruf, mühsam nach Wörtern suchte und sie trotzdem nicht fand.
Johanna, sagte die Mutter eines Morgens, ungewohnt deutlich. Bereits in der zweiten Woche. Johanna. Geh nach Hause.
Bin zu Hause, Mama.
Nein. Die linke Hand machte eine schwache Geste. Zu Markus.
Nicht jetzt, Mama.
Markus Sie suchte Worte. Er ist nicht froh?
Johanna zog das Bettzeug gerade.
Alles gut, Mama. Denk nicht daran.
Die Mutter schaute sie lange an, forschend. Im Blick lag etwas, das Johanna zwingen ließ, sich zum Fenster umzudrehen.
Nach dreieinhalb Wochen kam die Entlassung: nach Hause, mit Rezepten, Übungsanleitung, Überweisung zur Logopädin. Johanna bestellte einen Wagen, ein junger Nachbar half, die Mutter ins Bett zu bringen, einzuheizen, Suppe zu kochen.
Ein anderes Leben begann.
Pflege ist kein Thema für Gespräche auf Festen. Es ist: alle zwei Stunden wenden, Nachttopf, Laken wechseln, morgens Übungen mit Hand und Bein, die kaum gehorchen. Dreimal täglich langsam füttern, aufpassen, dass nichts verschluckt wird. Tabletten nach Uhrzeit, sieben Sorten am Morgen, fünf abends. Die Logopädin, Frau Schuster, kam dreimal pro Woche, forderte die Mutter freundlich-forsch, und Hannelore machte mit, verbiss den Kiefer, Aufgeben lag ihr fremd.
Johanna arbeitete aus der Ferne als Buchhalterin bei einer kleinen Firma. Der Chef hatte Nachsicht, reduzierte ihre Stunden. Weniger Geld. Markus überwies hin und wieder einen Betrag, wortlos, einfach als Nachricht von der Sparkasse. Sie fragte nicht nach.
Sie telefonierten kaum.
Im November, an einem grauen Nieselmorgen, während Johanna am maroden Treppenabsatz im Hof werkelte Mutter sollte bald mit Gehhilfe rauskommen, brauchte festen Grund, kam der Mann vom Nachbarhaus.
Sie hatte ihn ab und zu gesehen, breitschultrig, wettergegerbt, Arbeitshose, ein ruhiges, offenes Gesicht, ungefähr in ihrem Alter.
Falsch gehalten, sagte er und griff zum Hammer. Muss schräg rein, sonst hebelt sich’s raus.
Sie blickte ihn an.
Ich bin Friedrich, drüben das Haus. Sind Sie Hannelores Tochter?
Ja, Johanna.
Und, wie gehts?
Besser, langsam.
Er nickte, nahm ihr den Hammer ab, hockte sich, war in fünf Minuten fertig, was sie eine halbe Stunde probiert hatte.
Meld dich, wenn du was brauchst, sagte er, stand auf.
Danke, aber ich will nicht zur Last fallen.
Quatsch, zuckte er die Schultern, ohne großes Theater. Hannelore hat meiner Mutter früher geholfen, vor vielen Jahren. Vergessen tu ich das nicht.
Er ging.
Johanna schaute ihm nach und merkte, dass sie das Wort lästig jetzt immer weniger fürchtete. Das Unangenehme war woanders: nicht hier zu leben, sondern in der großen Stadtwohnung zu sein, während die Mutter daheim allein blieb.
Der November wurde kalt. Einmal zog der Rauch nicht ab, es roch scharf überall. Johanna lüftete alles, hustete, war ratlos wegen des Ofens, wusste nicht was tun.
Sie klopfte, abends halb neun, zu Friedrich, sagte Entschuldigung, peinlich war es ihr.
Er kam sofort, ruhig, als wäre es selbstverständlich. Steigte auf das Dach, prüfte den Zug, beseitigte die Verstopfung, erklärte, was im Herbst zu tun ist. Lehnte das Geld ab, so eindeutig, dass sie nicht weiter insistierte.
Möchten Sie eine Tasse Tee? fragte sie.
Gerne, wenn ich nicht störe.
Sie saßen in der Küche, tranken Tee mit Maria-Keks. Die Mutter schlief nebenan; man hörte draußen den Wind an den Apfelbaumästen.
Leben Sie Ihr ganzes Leben hier? fragte Johanna.
Immer schon. Fünf Jahre war ich weg, in der Stadt, in der Fabrik. Dann zurück.
Warum?
Er zögerte.
Hier bist du jemand, da bist du niemand. Mag sein, dass das manchen gefällt. Mir nicht.
Johanna schloss ihre Hände um die Tasse; jetzt war in der Küche warm durch den Ofen.
Ich hab zwanzig Jahre in der Stadt gelebt. Dachte, ich würde es da lieben. Jetzt, wo ich wieder hier bin, frage ich mich, warum ich nicht öfter da war. Wie konnte das überhaupt passieren
Friedrich antwortete nicht mit Trost. Nur:
Hauptsache, du bist jetzt da.
Im Dezember konnte die Mutter sich wieder aufsetzen. Ein kleines Wunder. Logopädin Frau Schuster, eine energische, freundliche Frau, freute sich ehrlich darüber, lobte sie so aufrichtig, dass Hannelore mit dem linken Mundwinkel, dem gesunden, strahlte.
Die Sprache kam zäh zurück, nie ganz, aber genug für kleine Sätze.
Du hast abgenommen, sagte sie eines Tages.
Nein, Mama.
Doch. Die Mutter sah sie an. Ruft Markus an?
Manchmal.
Kommt er mal?
Weiß nicht, Mama.
Lange Pause.
Er wird nicht kommen, sagte die Mutter. Ohne Bitterkeit. Als jemand, der sein Leben kennt und Wahrheit von Hoffnung unterscheidet.
Markus kam nicht. Rief einmal die Woche an, fragte Und, wie gehts?, hörte sich die knappe Antwort an, sagte Na, halt die Ohren steif. Einmal erwähnte er, der Umbau laufe nach Plan. Einmal sprach er von einem Firmenessen im neuen Restaurant. Johanna hörte zu, spürte, dass zwischen ihnen etwas wuchs nicht Hass, sondern Entfernung. Zwei Leute, lange schon in ihren je eigenen Welten, die gemeinsam tun, als seien sie in einer.
Im Januar kam Sabine, Johannas beste Freundin, extra aus der Stadt. Mit Kuchen, mit Hilfsbereitschaft. Sabine war immer eine Gute gewesen, Johanna freute sich aber das Gespräch stockte schon nach den ersten Sätzen.
Johanna, meinst du nicht, das ist zu viel? sagte Sabine am Küchentisch. Ein, zwei Monate, gut. Aber wie lange noch? Du bist doch am Ende irgendwann.
Und was sollte ich tun?
Eine professionelle Pflege, Heim, heute gibts so gute. Was machst du dir kaputt?
Mama hatte immer Angst vor dem Heim.
Was macht das? Sie versteht doch nicht, was du leistest
Aber wie. Johanna sprach leise. Sie begreift alles. Ihr Kopf ist klar.
Sabine schwieg.
Markus kommt nicht?
Nein.
Wie gehts dann weiter mit euch?
Weiß nicht.
Johanna, du bist doch vernünftig. Wegen sowas verlässt man doch keinen Mann. Er verdient, ihr habt Wohnung, Ansehen
Johanna sah ihre Freundin an.
Sabine, meine Mutter lag den ganzen Tag auf dem Boden, sie ist achtundsiebzig.
Ich versteh schon
Nein. Du willst es nicht verstehen. Bitte, verschon mich mit dem Thema Versorger.
Am selben Abend fuhr Sabine verletzt ab über den Chat versöhnten sie sich später, aber etwas war verschoben.
Die alten Nachbarinnen begegneten Johanna nun mit stiller, respektvoller Sachlichkeit nicht Mitleid, sondern eine Art Anerkennung. Frau Bergmann brachte ab und zu ein Glas eingelegte Gurken, Kuchen, stellte ohne Worte an die Tür. Die Bäuerin Frau Weber, siebzig, blieb mal zwei Stunden bei Hannelore, damit Johanna zur Apotheke gehen konnte. Wir sind ja fast gleich alt, können reden, sagte sie knapp.
Frauen in Johannas Alter, ehemalige Mitschülerinnen, begegneten ihr anders. Eine fragte im Supermarkt ausführlich nach Markus, wie er sich habe, warum er nicht käme. In ihren Fragen lag ein Hauch von Schadenfreude.
Alles in Ordnung, sagte Johanna knapp und erzählte nichts weiter.
Friedrich half. So, dass es zur Routine wurde. Reparierte einen Schneeschaden am Zaun, brachte im Winter Holz auf dem Nachbartraktor, stapelte es ordentlich. Als Johanna sich eine Grippe holte und zwei Tage im Bett lag, stand er da, brachte Suppe, machte Feuer, half mit dem Wechseln der Wäsche, still, unspektakulär, wie jemand, dem es nichts ausmacht, zu helfen.
Friedrich, wie kann ich das wiedergutmachen? sagte Johanna, als sie wieder fit war.
Lass stecken, winkte er ab. Wir sind Nachbarn.
Nicht alle Nachbarn sind so.
Stimmt, meinte er schlicht. Nicht alle.
Sie schwiegen. Die Mutter dämmerte im Sessel. Draußen war es Februar, grauer Himmel, Restschnee.
Haben Sie Familie? fragte Johanna.
Hatte eine. Frau starb vor acht Jahren. Tochter wohnt in Berlin, meldet sich kaum, ohne Klage, nur als Information. Leb ich halt allein. Gewohnheitssache.
Ist das nicht einsam?
Manchmal. Mit Arbeit weniger. Leerlauf ist die schlimmste Einsamkeit.
Johanna dachte an Markus: große Wohnung, neues Mobiliar, Ledersofa, Fernseher, Wirtschaftskanal am Abend. Ob ihm auch manchmal langweilig war?
Sie rief ihn an.
Markus, wir müssen sprechen.
Was ist passiert?
Nichts. Nur wir haben ewig nicht richtig geredet.
Pause.
Na, dann leg los.
Wie geht es dir?
Gut. Umbau läuft aus. Ein interessantes Projekt steht an. Kurze Pause. Wann kommst du zurück?
Markus, ich glaube ich komme nicht zurück.
Lange Pause.
Nie?
Nein.
Er wurde nicht laut, nicht vorwurfsvoll. Sagte nur:
Wegen der Mutter oder wegen mir?
Johanna dachte drei Sekunden.
Wegen mir selbst vielleicht.
Er atmete leise ins Telefon.
Verstanden, sagte er. Willst du die Scheidung?
Ja.
Gut. Dann Scheidung.
Das Dann Scheidung, mit gleichem ruhigem Ton, wie wenn er ein Bauprojekt abnickte, machte alles klarer als jedes andere Wort.
Im Frühling lernte die Mutter laufen. Erst im Zimmer, dann bis in die Küche, später bis zum Gartenzaun. Es war schwer, langsam, mit Rückschlägen, Frust, manchmal Tränen. Doch sie schaffte es.
Frau Schuster jubelte ehrlich: Die Motivation ist entscheidend, erklärte sie Johanna. Es gibt jemanden, für den sie kämpft. Das ist die halbe Miete.
Ob das wirklich an ihr lag oder einfach am Charakter der Mutter, wusste Johanna nicht. Aber der Gedanke gefiel ihr.
Ende Mai, an einem lauen Abend, saßen sie und Friedrich auf der Bank vorm Haus. Die Mutter durfte sich selbst fertig machen, Johanna hatte zum ersten Mal abends eine Stunde für sich.
Wollen Sie nicht wieder wegziehen? fragte Friedrich.
Nein, sie zögerte, dann deutlich. Hab darüber nachgedacht. Aber ich will hierbleiben. Verrückt, oder? Zwanzig Jahre Stadt, immer Träume von anderem Leben. Und nun will ich gar nicht mehr weg.
Nicht verrückt, sagte Friedrich. Man geht manchmal lang, bis man am richtigen Ort ankommt.
Es ist nicht immer schön hier. Manchmal ist es einfach schwer.
Das eine ist nicht das andere. Er sah in den Sonnenuntergang, hinter die roten Dächer. Schön ist nicht gleich einfach. Schön ist oft nur: Es stimmt.
Johanna betrachtete ihn im Profil. Ein schlichter Mensch. Schwielige Hände, Falten um die Augen, wenig Worte, aber sie wirkten nach.
Friedrich, sagte sie. Sie wissen, dass ich mich scheiden lasse?
Weiß man im Dorf.
Verurteilen Sie mich?
Er blickte sie an.
Wofür?
Weil ich die Familie verlasse. Gehe.
Familie, wiegte er das Wort. Familie ist, wenn man wirklich gemeinsam lebt. Nicht bloß zusammenwohnt.
Sie schwieg. Sie musste nichts sagen.
Die Scheidung lief über eine Anwältin, ohne Drama. Markus war auch dabei geschäftsmäßig. Die Wohnung blieb bei ihm, bot Johanna eine finanzielle Abfindung an sie nahm sie anstandslos. Es brauchte Geld für das Haus; der Boden morsch, das Dach undicht, die Elektrik antik.
Im Sommer half Friedrich beim Umbau. Holte zwei Handwerker, zusammen schafften sie an drei Wochenenden neue Dielen, flickten das Dach. Geld wollten sie nur für das Material.
Warum? fragte Johanna offen.
Nachbarschaft, sagte Friedrich.
Nicht nur.
Er schwieg kurz.
Nein, nicht nur.
Die Mutter saß inzwischen jeden Abend auf der Bank vorm Haus, mit Stock, beobachtete still. Ihr Gesicht blieb schief, die Sprache kam zu siebzig Prozent zurück. Die Augen jedoch funkelten klar.
Eines Tages sagte sie zu Johanna:
Ein guter Mann.
Ja, Mama.
Siehst du das eigentlich?
Ich sehe.
Die Mutter nickte, schwieg fortan dazu.
Im Juli rief Markus erstmals nach zwei Monaten an, nach der Scheidung.
Und, wie läufts? fragte er. Er klang anders, weniger sachlich, vielleicht wirklich menschlicher.
Gut. Mama läuft schon wieder, Haus renoviert.
Das freut mich. Pause. Ich hab oft nachgedacht Damals im Herbst, war nicht richtig von mir.
Johanna wollte nicht sagen Schon gut oder Schwamm drüber. Das stimmte nicht.
Vermutlich, sagte sie.
Bist du böse?
Nein. Nicht mehr.
Und bist du glücklich dort?
Sie blickte zum Fenster hinaus. Die Mutter saß auf dem von Friedrich reparierten Stuhl, las oder hielt das Buch, sah in den Garten. Späte Apfelblüte, grüne Fruchtkugeln am Baum. Ein Star sang auf dem Zaun.
Ich weiß nicht, ob Glück das richtige Wort ist aber ich bin zufrieden.
Verstehe, sagte Markus. Und diesmal klang es ehrlich, als hätte er wirklich etwas begriffen, was vorher unvorstellbar war.
Sie verabschiedeten sich.
Johanna stellte den Wasserkocher auf den alten, etwas eckigen Herd. Geranien standen seit dreißig Jahren auf der Fensterbank, die Mutter pflegte sie nach Tradition. Es roch nach Sommer, nach gemähtem Gras, ein Hauch Kiefernharz stieg von den aufgeheizten Brettern der Veranda auf.
Um halb sechs klopfte Friedrich.
Guten Abend, Hannelore. Hab erste Himbeeren gebracht.
Danke, Friedrich. Komm rein.
Johanna hörte im Flur die Stimmen, die flüchtigen Worte, und hielt kurz inne, die Tassen in der Hand. Weil etwas ganz Einfaches und Entscheidendes in dieser kleinen Küche war, in den Stimmen, im Teegeruch und in den Geranien und weil irgendwo, in einer großen, neuen Stadtwohnung einer auf einem Designer-Sofa saß, richtige Möbel gewählt und das falsche Leben.
Sie hingegen hatte das richtige Leben gewählt.
Oder wählte es immer noch, Tag für Tag ein bisschen mehr.
Sie ging mit den Tassen in die Küche.
Friedrich, möchten Sie auch Tee?
Gerne.
Die Mutter blickte zur Tochter. Und der linke Mundwinkel hob sich. Es war ein Lächeln, schief, aber echt.
Setzt euch, sagte Hannelore. Beide.
Sie setzten sich.
Die Sonne stand tief, warf lange Schatten über den Hof, der Star sang sein Lied, die Himbeeren rochen nach warmem Sommer.
Und mehr war eigentlich nicht zu sagen.





